Wundheilung: Made in Germany

27. März 2012
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In Deutschland leiden mehr als 3 Millionen Menschen an chronischen Wunden. Es etablieren sich zunehmend Wundsprechstunden und speziell geschulte Pflegekräfte. Traditionell und doch noch modern ist die Behandlung mit Maden.

Das Ulcus cruris ist mit 57-80 Prozent die häufigste Ursache der nicht spontan abheilenden Wunden. Auf Platz 2 der „Wunden-Hitliste“ steht der Diabetische Fuß. Ein Viertel aller Diabetiker, etwa 1 Mio. Betroffene, leiden darunter. Der Decubitus ist gerade in Alten- und Pflegeheimen ein großes Problem. Bis zu 14 Prozent aller stationär aufgenommenen Patienten und bis zu 40 Prozent der Menschen in häuslicher Pflege leiden an Dekubitalulzerationen.

Lernen von den Mayas

Eine Kollegin der besonderen Art ist dabei Lucilia. Lucilia sericata ist weiß, halbtransparent, hat einen schwarzen Mund ohne Zähne und gehört zur Familie der Nekrophagen. Lucilia ist eine Made. Die Wundbehandlung mit Maden ist nicht neu. Bereits die Maya-Indianer und die Aborigines setzen die Larven zur Wundbehandlung ein. Die Maya-Indianer sollen in Tierblut getränkte Tücher der Sonne ausgesetzt haben, damit Fliegen ihre Eier darauf ablegen. Vor der Einführung der Sulfonamide hatten Maden in Deutschland einen großen Stellenwert. Die modernen Antibiotika verdrängten die tierischen Heilmittel aus dem Arsenal der Wundbehandlungsmittel. Zu unrecht. Maden können mehr als Penicillin & Co. Antibiotika töten lebende Bakterien, Maden fressen auch totes Gewebe und geben so dem Wundbereich eine Chance zur Regeneration.

Ursprünglich wurden die Maden „freilaufend” in die Wunde gesetzt. Die Wunde wurde mit Netzgewebe abgedeckt, um eine Flucht der kleinen Heiler zu verhindern. Es gibt gewisse Dinge, die sind bei vielen Menschen einfach mit dem Gefühl „Ekel“ besetzt. Maden gehören sicherlich dazu. Ein „Madenbeutel“ lindert den Ekel des Patienten (und des Pflegepersonals) deutlich. Der Biobag® besteht aus einer dünnen Polyvinylalkohol-Schaum-Schicht, die für Madensekrete und Wundflüssigkeit durchlässig ist. Die Maden werden vom Patienten nicht mehr direkt wahrgenommen. Da sie die Wunde nicht direkt berühren, ist die Therapie absolut schmerzfrei. Dem Patienten sollte vermittelt werden, dass Maden keine Zähne haben, sie setzen lediglich verdauende Sekrete frei. Bei einer Therapiedauer von 3 bis 6 Tagen sollten etwa 10 Maden pro cm2 zur Anwendung kommen

Multifaktorielle Wirkung

Indikationen für die Madentherapie sind die Behandlung von Infektionen in der Traumatologie wie Frühinfektionen nach Osteosynthesen, Spätinfektionen wie (chronische) Osteomyelitis, und Weichteilinfektionen in der Allgemeinchirurgie einschließlich Fasciitis necroticans. Auch in der Gynäkologie haben sie sich bewährt.
Debridement, antimikrobielle Aktivität und Granulationsförderung sind nach neuesten Erkenntnissen die wichtigsten Wirkmechanismen der Therapie mit Fliegenmaden. Die Maden verteilen ihr Sekret auf der Wundoberfläche. Es enthält zahlreiche proteolytische Enzyme, die die Nekrose verflüssigen. Diese Form des Debrimentes ist wesentlich schonender als das Skalpell.

Tierisch wirksam

Innerhalb von drei Tagen verzehnfachen die Maden ihre Körperlänge. 20 Maden verdauen in dieser Zeit etwa 10 g nekrotisches Gewebe. Das gesunde Gewebe wird nicht angetastet. Das Lucilia-Sekret wirkt außerdem antibiotisch. Es scheint sogar gegen methicillinresistente Keime wirksam zu sein. Neben einer pH-Verschiebung in den alkalischen Bereich sind auch die im Darmsekret von Maden nachgewiesenen Substanzen Phenylacetat und Phenacetaldehyd für die keimtötenden Eigenschaften verantwortlich. Aufgenommene Bakterien werden im Magen der Maden lysiert und inaktiviert.

Das Madensekret stimuliert das Wachstum von humanen Fibroblasten und fördert somit die Granulation. Dieser Effekt wird durch eine gesteigerte Aktivität der Wachstumsfaktoren Interleukin-6 (IL-6) sowie IGF („insulin-like growth factor”) verstärkt. Maden brauchen bei ihrer Arbeit Luft und Feuchtigkeit. Wenn die Wunde sehr stark nässt, sollen die Sekrete beispielsweise mit einem PVA-Schwamm abgeleitet werden, damit die Maden nicht ertrinken.

Wie die Made in der Klinik

Die Wundreinigung mithilfe von Fliegenmaden gehört eindeutig zum Repertoire der Schulmedizin“, mit dieser Ansicht zitiert die Deutsche Apothekerzeitung (DAZ) Joachim Dissemond von der Hautklinik des Universitätsklinikums Essen. Für den Dermatologen ist die Madentherapie beispielsweise das Mittel der Wahl, wenn eine Wunde nicht chirurgisch gereinigt werden kann, weil der Patient eine Narkose nicht verträgt. Ihre Vergütung erfolgt nach vorangehender Beantragung beim jeweiligen Kostenträger über eine „Einzelfallentscheidung“.

Am Endpunkt vorbeigeschrammt

Auch wenn die Madentherapie bereits sehr lange angewendet wird und galenische Fortschritte die Therapie verbessert haben, gibt es auch Maden-Gegner. „Die Applikation von Fliegenlarven fördert bei einem Ulcus cruris zwar das Débridement, die Wundheilung verlief jedoch nicht schneller als unter einer konventionellen Wundauflage aus Hydrogel.“ Das zumindest ist das Ergebnis einer im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2009; 338: b773) publizierten randomisierten Studie. 267 Patienten mit einem venösen oder gemischt venös-arteriell bedingten Ulcus cruris mit nekrotischen Anteilen wurden in die VenUS II-Studie eingeschlossen.

In der ersten Gruppe wurden die Larven frei auf der Wundoberfläche ausgesetzt, in der zweiten Gruppe wurden sie in ein Gazenetz verpackt, in der dritten Gruppe erfolgte die Wundbehandlung madenfrei mit einem Hydrogel. Primärer Endpunkt war die Dauer bis zur Abheilung des größten Ulcus. Das Ulcus unter der Madentherapie war im Mittelwert nach 236 Tagen verheilt, gegenüber 245 Tagen unter der Wundbehandlung mit dem Hydrogel. Das Ergebnis war nicht signifikant. Dabei hatten sich die Maden am Anfang soviel Mühe gegeben und sich tierisch auf die nekrotischen Areale gestürzt. Die freien Larven hatten die Arbeit nach 14 Tagen, die verpackten nach 28 Tagen erledigt.

Unter der Hydrogelwundauflage vergingen lange 72 Tage, bis die Wunde frei von abgestorbenen Geweberesten war. Warum sich dieses gute Ergebnis nicht auf die Wundheilung als Endpunkt auswirkte ist unklar. Einige Patienten klagten bei der Madentherapie über „Kribbeln“ und Schmerzen. Die Kosten für eine Madenbehandlung liegen etwa auf dem Niveau eines Debridements mit Wundauflagen. Wegen der unklaren Erstattungssituation der Kostenträger wird die Therapie meist in der Klinik durchgeführt obwohl mit der Wundbehandlung häufig niedergelassene Ärzte betraut sind. Auch wenn die höchste Stufe der Evidenz noch fehlt, sind die kleinen, weißen tierischen „Chirurgen“ eine spannende Alternative.

130 Wertungen (4.44 ø)
Medizin

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11 Kommentare:

Dies Therapie ist bvereits bei Kriegsverletzungen aus den Weltkriegen bekannt.

#11 |
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Den Autor wundert, dass trotz guter Wundentwicklung die Wunde nicht schneller abheilt als mittels Vergleichswund-
behandlung. Zu berücksichtigen ist immer die Ursache der
chronischen Wunde. Beim Ulkus chruris ist die Ursache eine
Venenstauung. Die eigentlich wirksame Therapie ist eine Ent-
stauungstherapie, wie sie Herr Springborn unter 9. teil-
weise beschreibt. Wirksam neben Kompressionstherapie ist
die Entstauungstherapie mit manueller Lymphdrainage und möglichst Hochlagerung des Beines (Venendruckminderung).

#10 |
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Dipl.Ing. Christian  Varchmin
Dipl.Ing. Christian Varchmin

Für Interessenten:
Der Stammzellenforscher Herr Univ.-Prof. Dr. med.
Augustinus Bader hat eine Methode entwickelt, mit
der Wundheilungsstörungen von Herrn Dr. med. Hollmann
aus 31275 Lehrte-Immensen bei einem ersten Patienten in 2010 erfolgreich behandelt worden sind. Der NDR hat
am 05.10.2010 darüber berichtet. Der nachfolgende Link ist leider nicht mehr aktiv.
http://www.ndr.de/mediathek/index.html?media=ndsmag7123

#9 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

In meiner Tätigkeit in der häuslichen Pflege betreue ich nun seit 2 Jahren einen Patienten, der einen großflächigen Gamaschenulcus cruris am re.US hat.
Im letzten Sommer, als der Patient im Garten saß, waren 2 Tagen später Fliegenmaden auf der Wunde- trotz Wund- und Kompressionsverband!
Durch Ekel der Angehörigen und des Patienten entfernte ich diese “nett anzusehende” Besiedlung auf der Wunde.. leider: denn sie taten wirklich gute Arbeit: die Wundfläche war deutlich sauberer!
Unser Problem in der häuslichen Pflege besteht – trotz gutem Einvernehmen mit dem ärztlichen Dienst – in einer konsequenten und fortdauernden Wundversorgung. Die Aussagen: “Das bekommst Du eh´nicht zu” spornen mich zwar an zu einem guten Ergebnis zu kommen.. aber es ist sehr zeitaufwendig!! Meinen Patienten versorge ich nun mit 2 x täglichem Kompressionsverbänden und Octenisept-Spray. Ab und zu kann ich dem Hausarzt mal “Uro-Silver” herausleiern..

Wie kann man vernünftige, erfolgreiche und somit eine befriedigende Arbeit machen, wenn die verordneten Ärzte resignieren oder Angst vor Regress seitens der KV haben???

#8 |
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Dirk Reske
Dirk Reske

Wie im Artikel erwähnt ist die Behandlung als
” Einzelfallentscheidung” abzurechnen, dazu hat der Durschnittsmediziner selbst bei wohlwollender Betrachtung der Therapie keine Zeit. Ergo: Es lebe die zertifizierte Wundbehandlung und ihre in den letzten Jahren aus den Boden gestampften Berater, Manager, und Therapeuten. Bei den provisionsabhängigen Wundberatern glaubt doch wohl niemand das die verwendeten Produkte immer gut für einen sind?

#7 |
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Unternehmensberater

Medizingeschichte aus Frankreich :

¿ Ambroise Pare (1509 -1590) Chefarzt unter Karl IX und Heinrich III , stellte den häufigen Befall von Larven auf eiternden Wunden in der Schlacht von St. Quentin (1557) fest.
¿ Baron Dominique Larrey, Napoleons Chefarzt, berichtete, dass das Vorhandensein von Larven auf Verletzungen die Entwicklung der Infektion verhindert und eine Heilung beschleunigte. Er beschrieb auch die selektive Debridement, gesundes Gewebe wird nicht durch die Larven beeinträchtigt. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, aber es ist bekannt, dass Larrey bewusst Larven angewandt hat, um Wunden zu heilen.

#6 |
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Dr.med Tarek Othman
Dr.med Tarek Othman

Habe selbst jahrelang während meiner Tätigkeit am Deutschen Diabetes Zentrum Madentherapie angewendet. Sowohl als Freiläufer und im Biobag. Habe viele positive Erfahrungen gemacht. Die angegebene Behandlungsdauer von 6 Tagen ist aber eher optimistisch. Das Maximum wurde uE nach um den 4 Tag erreicht. Wichtig ist anzumerken, dass zu trockene Wunden ( trockene Nekrosen ) ungeeignet sind desweiteren kommt es teilweise zu dermaßen starken flüssigkeitsabsonderungen, dass die Maden regelrecht ertrinken , so dass regelmäßige verbandswechsel teilweise 2x am Tag notwendig sind. Last but Not least kommt es unter der Therapie immer wieder mal zu Überwucherungen mit Pseudononaden, die das alkalische Milieu des Madenaekretes mögen Othman /Neuss.

#5 |
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Markus Posth
Markus Posth

Der Artikel bestätigt meine erfahrung mit Madentherapie zur Wundheilung, aber es wird wohl immer chronische Pessimisten geben die eine “Gute Sache” anzweifeln wollen, weil Sie halt nicht von Ihnen ersonnen wurde.

#4 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Medizingeschichte !
Im Krieg 1870/71 regten sich deutsche Ärzte über die unsauberen Franzosen auf als sie in deren Lazaretten
slten gewechselte Verbände mit Maden fanden.
Ich meine es sei VIRCHOW*) gewesen, der zur Ehrenrettung der
französischen Kollegen beitrug, weil das die Wundheilung
schneller erfolgte,.*) Irrtum vorbehalten obs Virchow war.-
Wer weiss es genauer?

#3 |
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Dipl.-Med. Maik Ebert
Dipl.-Med. Maik Ebert

Dieser Artikel ist zweifellos sehr optimistisch. Sicher gibt es auch gute Indikationen zur Anwendung von Maden – aber wie immer in der Medizin, die unkritische Anwendung kompromittiert am Ende das Verfahren.

Ebenso unwissenschaftlich ist der auch hier wieder vorgenommene Vergleich gegen Hydrogel. Weder Maden noch Hydrogel sind das geeignete Wundbehandlungsinstrument bis zur Ausbehandlung einer Wunde. Die moderne Wundbehandlung bedient sich mehrerer, stadienangepasster Behandlungsmaterialien, um rasch und sicher zum gewünschten Ergebnis zu kommen.

Jede einfache Standardisierung (=Limitierung des Behandlungsschemas) zu Studienzwecken geht an der eigentlichen Realität vorbei. Das einzige wirklich konstant relevante Detail jeder Wundbehandlung ist die Erfahrung des Therapeuten.

Das gilt übrigens auch für die Unterdruckwundbehandlung.

#2 |
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Zur Zeit meiner chirurgischen Tätigkeit in den 70er Jahren in einem Distriktkrankenhaus in Benin (Afrika) war Wundbehandlung mit Maden eine gängige Therapie (ohne Biobeutel!)

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