PJ in der KJP: Ein hyperaktives Tertial

28. März 2012
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Viele von euch stellen sich wohl die Frage, wo sie ihr Praktisches Jahr verbringen. Unsere Autorin Stella war in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und berichtet euch, was sie gerade an diesem Betätigungsfeld gereizt und welche Erfahrungen sie während ihres PJ gemacht hat.

„Mein Wahltertial im PJ? Kinder- und Jugendpsychiatrie.“ Wenn ich das sage, kommt daraufhin oft entweder die Frage „Häh, das kann man als Wahlfach machen? Wusste gar nicht, dass das überhaupt ein eigenes Fach ist“ oder die Reaktion „Jaja, Psychiatrie hat mich auch irgendwie schon immer interessiert“. Dazu kann man folgendes festhalten: Ja, die Kinder- und Jugendpsychiatrie – kurz „KJP“ – ist ein eigenständiges Fach, mit eigenständiger Facharztausbildung und Nein, sie hat nicht besonders viel mit der Erwachsenenpsychiatrie zu tun, da sie aufgrund der jungen Klientel ein ganz eigenes weites Spektrum an Krankheitsbildern und Therapieansätzen bietet. Meine Zeit in dieser spannenden Disziplin, von der ich nun berichten möchte, hat mehr als gehalten, was ich mir davon versprach und mich in der Verfolgung meines Weges in diese Richtung bestärkt.

Mein Praktisches Jahr begann ich mit meinem Wahlfach Kinder- und Jugendpsychiatrie in einer großen Einrichtung, die sowohl stationäre als auch ambulante Patienten betreut. Da ich bereits im fünften Semester für eine Woche in die KJP reinschnuppern durfte und mich schon dieser kurze Einblick begeisterte, wollte ich mir diesen Bereich nun genauer ansehen. Viele können sich unter KJP nicht viel vorstellen, da man im Studium leider kaum damit in Kontakt kommt. Auch ist es nicht an allen Unis im Wahlfachkatalog für das Praktische Jahr enthalten. Es lohnt sich aber, wenn man sich für diesen Bereich interessiert, sich dahingehend beim Prüfungsamt zu informieren oder auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. vorbeizuschauen.

Ganzheitliche Betrachtung und gute Zusammenarbeit

Die Weiterbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie umfasst eine vierjährige Ausbildungszeit in diesem Feld sowie ein Wahljahr in einer benachbarten Disziplin wie Pädiatrie, Psychiatrie, Psychosomatik oder Neurologie. Die Tätigkeit mit Kindern und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten und Störungen erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Psychiatrie, Psychotherapie, Pädiatrie, Neuropädiatrie, Sozialpädiatrie, Entwicklungspädiatrie, Pädagogik, Logopädie, Physiotherapie und anderen Bereichen.

Besonders diese ganzheitliche Betrachtung und gute Zusammenarbeit der Experten aus verschiedenen Fachbereichen hat mir in meinem Tertial ausgesprochen gut gefallen. Man muss immer sehr aufmerksam sein und arbeitet nicht rein medizinisch sondern ebenfalls psychologisch, pädagogisch und manchmal auch als Berater bei Sorgerechts- und Umgangsregelungen, bei Fragen zur Fremdunterbringung und bei gerichtlichen Problemstellungen. Es wird, wenn möglich, immer zunächst versucht, einen Weg ohne pharmakologische Behandlung zu finden und diese eher unterstützend eingesetzt.

Das Berufsbild des Kinder- und Jugendpsychiaters schließt die Arbeit in Zentren und Kliniken sowie in Praxen ein, kodiert werden Krankheitsbilder ebenfalls nach ICD-10. Klassische Störungsbilder umfassen unter anderem Teilleistungsstörungen, Sprachentwicklungsstörungen, Motorische Defizite, neurologische Entwicklungsauffälligkeiten, Epilepsien, emotionale Störungen, psychosomatische Störungen, Störungen des Sozialverhaltens, geistige Behinderungen, Störungen der sexuellen Entwicklung, Autismusspektrums-Störungen sowie, vorrangig bei den jugendlichen Patienten auftretende, Psychosen, Suchtprobleme und Essstörungen.

Aufmerksamkeit und Zuwendung wichtiger als Gesundung

Mit letztgenannten Krankheitsbildern hatte ich unter anderem während meiner Zeit in der KJP viel zu tun. Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-eating-Störungen (DocCheck berichtete kürzlich über neue Erkenntnisse auf diesem Gebiet) – um die drei großen Teilbereiche der Essstörungen zu nennen – von denen bekanntermaßen vor allem Mädchen betroffen sind. Zumeist wird die „Magersucht“ mit den heute gängigen Schönheitsidealen, den Trends in der Modeindustrie und Vorbildern aus Film und Fernsehen in Verbindung gebracht. Auch wenn dieser Zusammenhang nicht ganz von der Hand zu weisen ist, ist dieses Krankheitsbild enorm vielschichtig und nicht selten kommen mehrere Diagnosen aus der Psychopathologie zusammen. Dann heißt es abwägen, filtern und ein für jeden Patienten passendes, individuelles Therapieprogramm zu entwerfen.

Vor allem konnte ich hier feststellen, dass es eine große Herausforderung ist, die Mädchen (und selten auch Jungen) „bei der Stange zu halten“, da für viele der sogenannte „sekundäre Krankheitsgewinn“ – nämlich Aufmerksamkeit und Zuwendung von Familie und Freunden aufgrund ihrer Krankheit – so hoch ist, dass sie schlichtweg das Interesse an der Therapie verlieren, wenn sie merken, dass sie langsam „gesund“ werden. Das sind dann natürlich schwierige Momente: Wenn man ein Mädchen, das gerade mal 39 kg wiegt, aus der Klinik marschieren sieht, weil sie der Meinung ist, sie habe diese Therapie nicht nötig. Man muss in diesem Feld – vor allem anfangs – oft sehr darauf achten, dass man die Kinder und Jugendlichen nicht zu sehr ins Herz schließt und viele Probleme mit nach Hause nimmt. Aber auch das sah ich als persönliche Herausforderung.

Enorm spannend fand ich auch die Arbeit mit Kindern mit Autismusspektrums-Störungen, die teils bereits in jungem Alter extrem differenzierte Persönlichkeiten aufweisen und erstaunliche Fähigkeiten an den Tag legen. Bekanntlich werden verschiedene Formen des Autismus unterschieden – ich hatte vor allem Kontakt zu sogenannten Asperger-Autisten. Dieses Krankheitsbild ist eine leichtere Form des Autismus. Die Kinder fallen meist erst später auf – manchmal sogar erst in der Pubertät – da sie Defizite im Sozialverhalten zeigen, die Ihnen zwar das Zusammenleben schwierig aber nicht unmöglich machen.

Tertial war ein voller Erfolg

Oft weisen sie dafür spezielle Begabungen – sogenannte „Inselbegabungen“ – auf, können besonders gut Zeichnen oder sind technisch hochbegabt. Für diese Kinder kann beispielsweise bereits „Soziales Kompetenztraining“, also das Üben alltäglicher zwischenmenschlicher Situationen, einen großen Unterschied machen. Es war schön, die Fortschritte der Patienten mitanzusehen.

Mein Tertial war für mich ein voller Erfolg. Ich durfte selbst viel Verantwortung übernehmen, nahm aktiv an Besprechungen und Fortbildungen teil und konnte in viele verschiedene Bereiche wie Logopädie, Musiktherapie, Ernährungsberatung hineinschnuppern. Ich lernte verschiedene diagnostische und therapeutische Werkzeuge des Kinder- und Jugendpsychiaters kennen und durfte eigenständig nach entsprechender Schulung (natürlich unter Aufsicht) Testungen durchführen. Bei Therapiesitzungen durfte ich – nach Rücksprache mit den Eltern – anwesend sein und konnte so auch verschiedene Stile kennenlernen.

Andererseits gab es auch Nachmittage, an denen ich mit den Kindern einfach hinaus auf den Spielplatz ging oder mit der Mädchen in den Zoo. Das waren wunderschöne Erlebnisse, bei denen man zwar wieder sehr auf die Trennung von persönlicher und professioneller Nähe achten musste – auf der anderen Seite aber die Möglichkeit hatte, die Patienten in einem ganz anderen Kontext kennenzulernen und so neue Möglichkeiten zu schaffen, Vertrauen aufzubauen.

In meinem Tertial konnte ich viele Erfahrungen machen. Und auch wenn einige davon sicherlich nicht ganz einfach zu verdauen waren, hatte ich doch den Eindruck, dass die Therapieerfolge überwiegen und vielen Kindern und Jugendlichen durch die Behandlung eine neue Perspektive gegeben werden kann. Ich hatte das Vergnügen, so viele – trotz des jungen Alters – interessante Persönlichkeiten zu entdecken und war immer wieder fasziniert von den Fortschritten der Patienten.

Vor- und Zurückspulen nach Belieben

Zuletzt möchte ich daher noch ein kurzes Beispiel eines kleinen Patienten mit Asperger-Autismus anführen. Er war auf einer anderen Station untergebracht und ich hatte ihn auf einem der Ausflüge kennengelernt. Er hatte mich scheinbar ins Herz geschlossen und kam immer wenn er mich sah, auf mich zu, um mir etwas zu erzählen. Er redete gern und viel – was oft für dieses Krankheitsbild charakteristisch ist. Er hatte gerade geübt, zu verstehen was „erlaubt“ und was „verboten“ ist – oft können die Kinder das sehr schlecht unterscheiden.

Eines Tages erlebte ich live die neue Erkenntnis des 9jährigen: Er kam auf mich zu und erzählte mir, dass seine Eltern zuhause einen Tresor hätten, in dem Wertsachen eingeschlossen seien. Er wisse ganz genau, wo der Schlüssel sei und habe sich diesen auch schon geholt um ein wenig „herumzustöbern“. Das gab natürlich – für ihn unverständlicherweise – immer Ärger. Um mir zu demonstrieren, wo der Schlüssel lag, gab er mir eine pantomimische Vorstellung.

Er lief im Raum umher – genau den Weg, den er zuhause zu besagtem Schlüssel machen würde, er stieg auf einen Stuhl, griff auf ein Regal, öffnete eine unsichtbare Kiste – alles sehr detailgetreu. Das Schauspiel dauerte ca. fünf Minuten. Dann sah er mich an und sagte „Aber ich darf natürlich gar nicht wissen wo der Schlüssel steckt, das dürfen nur die Erwachsenen.“ Woraufhin er sich umdrehte und – in exaktem Rücklauf, wie wenn ich bei einem Videorekorder die Rewind-Taste betätigen würde – seine Aktionen wieder rückwärts vollführte, auch rückwärts laufend und mit der entsprechenden Synchronisation.

Als er fertig war, stellte er sich zufrieden wieder vor mich, sah mich erleichtert an und sagte: „So, jetzt ist das, was ich nicht darf, auch gar nie passiert.“ Beeindruckend. Und ich dachte mir in diesem Moment, wie schön es wäre, wenn das im echten Leben auch manchmal so funktionieren würde… einfach mal „Rewind“ drücken.

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