Abwasser mit Risiken und Nebenwirkungen

28. März 2012
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Medikamente landen oft im Klo - wegen ordnungswidriger Entsorgung und auch im Urin. Im Wasserkreislauf richten sie Schäden an. Das Projekt „Sauber+“ entwickelt Konzepte und Technologien für saubere Abwässer aus Krankenhäusern.

Auch Medikamente gehen den Gang alles Irdischen: Sie werden eingenommen, teilweise verstoffwechselt und gelangen dann als Konjugate und Metabolite über den Urin wieder aus dem Körper. Besonders in Einrichtungen des Gesundheitssystems wie Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Seniorenresidenzen, Hospizen und Ärztehäusern finden sich in den Abwasserströmen hohe Mengen an Medikamentenrückständen. Da die pharmazeutischen Wirkstoffe in konventionellen Kläranlagen oft nur teilweise oder gar nicht eliminiert werden (können), verbleiben sie im Wasserkreislauf, verunreinigen Flüsse und führen dort zu messbaren Veränderungen. So ist seit einigen Jahren bekannt, dass Rückstände von Ethylenestradiol, wie sie aufgrund der Einnahme der Pille ausgeschieden werden, zur Verweiblichung, Zwitterbildung und Unfruchtbarkeit von Fischen führen.

Die Tiere nehmen das Hormon über die dünne Haut der Kiemen auf. Einmal im Körper beeinflusst es das Hormongleichgewicht. Forellen und Lachse reagieren besonders empfindlich auf Hormone im Wasser. Neben Medikamentenrückständen finden sich im Abwasser aus Einrichtungen des Gesundheitswesens auch Krankheitserreger. In welchen Konzentrationen und auf welche Weise die Wirkstoffe in ihrer Kombination auf Mensch und Umwelt wirken ist noch offen. Ebenfalls unklar ist bislang, ob die im Abwasser enthaltenen Erreger mit den Medikamentenrückständen zur Bildung von multiresistenten Keimen beitragen können.

Sauber+ nimmt Abwässer unter die Lupe

Um diese Fragen zu klären, wurde unter der Leitung des Instituts für Siedlungswasserwirtschaft der RWTH Aachen das Projekt „Sauber+“ ins Leben gerufen. Es hat zum Ziel, innerhalb der dreijährigen Laufzeit neue Konzepte und Technologien für die separate Behandlung von Abwasser aus Einrichtungen des Gesundheitswesens zu entwickeln. Dazu soll zunächst das durch die Abwasserströme entstehende Risiko charakterisiert werden. Zur Eliminierung von Medikamenten und Keimen aus dem Abwasser werden verschiedene Methoden, wie eine Reinigung über Aktivkohle, eine Behandlung mit UV-Strahlen oder Ozonung gegeneinander getestet. Neben den praktischen Untersuchungen wird auch die Entwicklung innovativer Kommunikations- und Bildungsmaßnahmen im Fokus stehen, um die neuen Erkenntnisse zu vermitteln und bei allen beteiligten Akteuren (Ärzte, Apotheker, Pflegekräfte, Patienten, Angehörige, etc.) eine Sensibilisierung für das Thema zu erreichen.

Mit Ozonung und Aktivkohle 90% der Rückstände eliminieren

Aus verschiedenen, an dem Projekt beteiligten, Einrichtungen in Deutschland werden Abwasserproben genommen und auf Medikamentenrückstände, Resistenzkeime und die Gentoxizität des „Cocktails“ untersucht. In einem vorgeschalteten abgeschlossenen Pilotprojekt am Kreiskrankenhaus Waldbröl wurde genau diese Art der Untersuchung bereits durchgeführt. Aus diesem Projekt ist bekannt, dass Krankenhausabwasser eine bedeutende Punktquelle für eine Reihe an untersuchten Pharmaka und Röntgenkontrastmitteln darstellen. Für einzelne Antibiotika konnte gezeigt werden, dass der aus dem Krankenhaus stammende Anteil im kommunalen Abwasser des Gesamteinzugsgebietes bei etwa 30% liegt. Das unbehandelte Krankenhausabwasser zeigte eine deutlich höhere Toxizität für aquatische Organismen als rein kommunales Abwasser.

Darüber hinaus zeigten sich im Krankenhausabwasser deutliche gentoxische und mutagene Effekte. In einem Versuch im Rahmen einer Studie des Bayerischen Landesamtes für Wasserwirtschaft wurde festgestellt, dass eine 28-tägige Exposition von Regenbogenforellen in 5µg Diclofenac/l zu schwerwiegenden pathologischen Veränderungen im Bereich von Niere und Kiemen führten. Im Zulauf kommunaler Kläranlagen belief sich die Konzentration an Diclofenac auf 1,6µg/l; in Abwässern von Einrichtungen des Gesundheitswesens dürfte dieser Wert höher liegen. Die Datenlage im Hinblick auf Langzeitwirkungen von Arzneimittelwirkstoffen auf aquatische Organismen ist noch sehr dünn. Zudem fehlt es auch an Untersuchungen zu Kombinationswirkungen bei mehreren, gleichzeitig in die Umwelt eingetragenen Arzneimittelwirkstoffen.

Das Projekt „Sauber+“ möchte hier verlässliche Daten liefern und Wege zur Verbesserung der Situation aufzeigen. Das Pilotprojekt in Waldbröl zeigte, dass sowohl mit Ozonung, also auch mittels Aktivkohlefiltration fast alle untersuchten Substanzen zu 90% eliminiert wurden. Besonders vor dem Hintergrund des demographischen Wandels wird die Menge an Arzneimittelrückständen zukünftig noch zunehmen. Daher ist es dringend nötig, dieses Problem aktiv anzugehen. Denn wenn Wirkstoffe nicht mehr nur gezielt eingenommen, sondern mit dem Trinkwasser unkontrolliert aufgenommen werden, sind Wechselwirkungen und Nebenwirkungen nicht mehr auszuschließen. Dann kann auch der Arzt oder Apotheker nicht mehr helfen.

101 Wertungen (4.53 ø)
Medizin

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7 Kommentare:

…Bezugnehmend auf den Beitrag von Frau Kügler.

Bis vor einigen Jahren gab es ein kostenloses Rücknahmesystem durch die Firma “Remedica” bezahlt von der Pharmaindustrie.

Die Medikamente wurden von den Apotheken abgeholt und in einer Müllverbrennungsanlage verbrannt. Da die meisten Medikamente Kohlenwasserstoffverbindungen sind, war dies auch kein Problem.

Eines Tages kam die Pharmaindustrie auf die Idee, dass System aus Kostengründen einzustellen. Dicke rechtliche Fachbücher wurden gewälzt und man kam darauf, das weder Apotheken noch Pharmaindustrie dazu rechtlich verpflichtet sind. (Ebenso wenig wie Bauern wohl verpflichtet sind, das Kartoffelnetz zurückzunehmen, in welchem man seine Erdäpfel kauft.)

Seit diesem Tag ist die Rücknahme von Altmedikamenten ominöser-Weise freiwillig. Es gibt seriöse Firmen die fachgerechte Entsorgung anbieten. Aber das kostet die Apotheke etwas.

Wir zum Beispiel haben uns trotzdem dazu entschlossen, einen solchen Vertrag zu unterschreiben. Aus vielerlei Gründen: Zum Einen soll unser Wasser sauber bleiben. Und es macht mir immer Bauchschmerzen, wenn ich solche Artikel wie den hier oben lese und gleichzeitig daran denke, welche Medikamente darin landen. Zum Anderen wird ein dicht verschlossener Behälter abgeholt. Ich muss mich also nicht darum sorgen, wer alles noch in diesem Müll wühlt.

#7 |
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Hans Hein-Becker
Hans Hein-Becker

Wasser ist eines der wichtigsten Ernährungsgrundlagen die es gild zu scxhützen und größtmöglicher Aufmerksamkeit auf zu bringen um
den Gesundheitstand und Vorsoge für die gesamte Bevölkerung zu schützen und bewahren. Die mit dem täglichen Verunreinigung des Wasser
auch hier in unserem Lande umgehen, wissen ,was es bedeutet und
auch welche Gefahren voprhanden sind

#6 |
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Ein wichtiges Thema und ein guter Artikel, ich stimme zu. Nur leider spiegelt sich auch hier Trend wieder, “end-of-pipe”-seitig (also am untersten Punkt, der Kläranlage) das wieder gut zu machen, was weiter oben verbockt wurde.

In der Umwelttechnik (ich befasse mich seit mehr als 20 Jahren speziell mit Adsorptionstechnik, zu der auch Aktivkohleverfahren gerechnet werden) gilt der Grundsatz, dass Primärmaßnahmen immer vorzuziehen sind, weil sie mit geringeren Kosten für Budget und Umwelt einen gleich guten Effekt erzielen. In der Lackiererei würde das bedeuten, die verwendete Lösungsmittelmenge zu reduzieren (Primärmaßnahme) anstatt eine noch mächtigere Abluftreinigungsanlage (Sekundärmaßnahme) hinzustellen, die letztlich auch Energie verschlingt und CO2 erzeugt.

In dem oben beschriebenen Abwasserproblem muss man sich fragen, ob man nicht eher den Eintritt von Medikamenten ins Abwasser reduzieren kann, anstatt kostspielige und nicht gerade umweltfreundliche Verfahren zur Reinigung des Wassers aufzubauen, deren finanzielle und ökologische Kosten letztlich auf uns alle umgelegt werden. Dazu muss man sich schon bei der Entwicklung eines Medikamentes, aber auch beim Umgang damit fragen, was deren weiteres Schicksal *nach* der Einnahme – oder anstatt der Einnahme – sein wird:
– Sind alle verordneten Medikamente wirklich nötig? Könnten nicht vielleicht auch Teile von Packungen abgegeben werden? Es gibt erschreckende Statistiken darüber, welcher Teil aller gekauften Medikamente letztlich gar nicht eingenommen wird.
– Da offensichtlich auch Scham dabei ist, wenn die Leute ihre übriggebliebenen Medikamente nicht zur Apotheke zurücktragen (bei manchem kommt da ein Haufen zusammen, der einen fast schon wie einen Junkie aussehen lässt), warum gibt es keine Sammelbehälter wie für Batterien? Da wir Deutschen sowieso Weltmeister im Mülltrennen sind, sollte man das nutzen. Wenn der Sammelbehälter in Apotheken zu finden ist, gibt das auch kein Sicherheitsproblem.
– Bei Medikamenten, bei denen klar ist, dass sie auf lange Zeit, über Jahre gleichmäßig genommen werden müssen – sprich Hormone – könnte man vielleicht schon in der Entwicklung nach Darreichungsformen suchen, die mit geringeren Wirkstoffmengen auskommen. Das ist besser für den Organismus, und technisch ist es extrem schwer, diese pharmakologisch noch in winzigsten Mengen aktiven Substanzen aus dem Abwasser zu entfernen.

@2: In diesem Zusammenhang, Frau Brown, muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie mit der Kohlefilterung Ihr Trinkwasser nur verschlimmbessern. Die handelsüblichen kleinen Filterkartuschen mit ihren wenigen Zentimetern Bettiefe richten gegen Pharmaka im ppm- und ppb-Bereich gar nichts aus, Sie bekommen höchstens ein Hygieneproblem mit den Dingern, da die Aktivkohle eine gute Wachstumsgrundlage für Mikroorganismen bietet. Aktivkohlefilterung wäre sinnvoll, wenn Ihr eigenes Brunnenwasser von Huminsäuren braun gefärbt wäre, aber bei Trinkwasser, das schon aufbereitet wurde, erreichen Sie damit nichts.

#5 |
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Margit Langer-Zils
Margit Langer-Zils

Mein Trinkwasser habe ich mit einer Osmose-Filter-Anlage ausgerüstet. Auch ich bin froh über diesen Artikel, arbeite ich doch in eigener Praxis (in einem Altenheim) med.Fußpflege und Ernährungsberatung. Mein Osmose-Wasser bring ich mir immer mit, da der Mikro-Siemens-Wert in der Praxis bei 800 liegt, aber mein Trinkwasser einen Wert von 14 hat. Dieser Beitrag ist schon lange von mir herbeigesehnt. Vielen Dank

#4 |
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Dr. Markus Liebig
Dr. Markus Liebig

Sicherlich ist es wichtig, mehr über dieses Thema zu schreiben und die Allgemeinheit zu informieren, über welche Wege auch immer. Das Problem der Verunreinigung von Trinkwasser mit Arzneimittelrückständen ist aber schon sehr lange bekannt, spätestens seit Anfang der 90er, als Clofibrat im Berliner Trinkwasser nachgewiesen wurde. Seither gab es unzählige Studien, mit denen verschiedenste pharmakologische Wirkstoffe in Oberflächen-, Grund- und Trinkwässer nachgewiesen wurden. Daher wird es höchste Zeit, dass nicht immer weiter an den Grundlagen geforscht wird, sondern die bestehenden Erkenntnisse in der Praxis umgesetzt werden. Für die krankenhauseigenen Kläranlagen, sofern existent, ist es längst überfällig, dass sie mit dem heutigen Stand der Technik aufgerüstet werden, um gezielt die darin enthaltenen pharmakologischen Rückstände zu eliminieren oder zumindest zu reduzieren.

#3 |
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Podologin / Medizinische Fußpflegerin

Seit vielen Jahren reinige ich mein Trinkwasser mit Aktivkohle, Präventiv. Ich freue mich, dass ich jetzt einen so informativen Beitrag in der Hand habe. Denn Dokumentieren ist besser als Argumentieren. Herzlichen Dank Ihnen Frau Dr. rer. nat. Christine Hutter

#2 |
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Weitere medizinische Berufe

Dieser Artikel macht deutlich wie wichtig eine große Aufklärungskampagne in der Bevölkerung wäre. Die Menschen müssen dem Thema ¿Medikamenten Konsum¿ gegenüber sensibilisiert werden. Ganz klar, daß der Medikamentenverbrauch in Zukunft noch steigen wird aber ich denke jeder einzelne von uns kann seinen Beitrag dazu leisten, daß es nicht so schnell geschieht. Auch eine bessere und effektivere Wasserreinigung müsste im Fokus stehen. Diesen Aufsatz von Frau Dr. rer. nat. Christine Hutterer habe ich mir raus kopiert und zur Kenntnisnahme der Patienten (mit Quell angabe) in der Praxis gut sichtbar ausgehängt. Danke Frau Hutterer für diese wertvollen und denkwürdigen Überlegungen.

#1 |
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