Geruchssinn: Der Tod stinkt nicht

21. November 2014
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Wer im Alter schlecht riecht, soll ein höheres Risiko haben, innerhalb der nächsten fünf Jahre zu versterben, als Menschen, die gut riechen. Das jedenfalls will eine Studie an rund 3.000 US-Amerikanern zwischen 57 und 85 Jahren nachgewiesen haben.

Beim Einatmen gelangen verschiedene Moleküle von Duftstoffen in die obere Nasenhöhle. Sie lagern sich an Rezeptoren, die sich auf den Zellen im Riechepithel befinden, an und aktivieren eine Signalkaskade. Dies löst ein Aktionspotential aus, das zum Riechkolben im Gehirn, dem Bulbus olfactorius, weitergeleitet wird. Zum Speichern wird der Reiz von hier aus zum Hippocampus, dem Lern- und Gedächtniszentrum des Gehirns, übermittelt. Im Thalamus und orbitofrontalen Cortex wird der Duftstoff identifiziert und im basalen Vorderhirn und orbitofrontalen Cortex werden Emotionen ausgelöst. Neben den zahlreichen Aufgaben und Funktionen, die der Geruchssinn hierdurch erfüllt, soll nun laut amerikanischen Wissenschaftlern noch eine dazu kommen: Die Riechwahrnehmung älterer Menschen soll ein Indikator für die noch zu erwartende Lebenszeit sein.

Vom Geruchssinn zum Sterberisiko

Für diese Erkenntnis werteten Pinto und seine Arbeitsgruppe das National Social Life, Health and Aging Projekt (NSHAP) aus. Diese Studie erfasste die Daten von etwa 3.000 US-Amerikanern zwischen 57 und 85 Jahren. Für diese Altersgruppe war die Auswahl der Beteiligten repräsentativ. In den Jahren 2005/06 mussten die Teilnehmer die Gerüche von Pfefferminz, Fisch, Orange, Rose und Leder erkennen und wurden anschließend – je nach Anzahl der Treffer – in drei Gruppen eingeteilt. Dabei erkannten 78 Prozent vier oder fünf Gerüche. Dies entspricht einer normalen Riechleistung. Nur 3,5 Prozent konnten keinen oder nur einen der Duftstoffe richtig zuordnen.

Unklar bleibt, ob die Leute mit einem schlechten Geruchssinn nichts rochen oder ob sie die Düfte nur nicht richtig identifizierten. Fünf Jahre später waren 430 Studienteilnehmer gestorben, was 12,5 Prozent aller Beteiligten entspricht. Auffallend ist, dass viele der Verstorbenen in dem Riechtest versagt hatten. Denn in der kleinen Gruppe, die höchstens einen Duftstoff erkannt hatten, waren 39 Prozent verschieden und damit viermal so viele als bei den „Normal-Riechern“. Berücksichtigt man jedoch das Alter, zeigt es sich, dass normalriechende Studienteilnehmer zwischen 75 und 85 Jahren ein etwa doppelt so hohes Risiko hatten, innerhalb der nächsten Jahre zu sterben, als 20 Jahre jüngere Beteiligte mit normaler Riechleistung. Für die Leute mit schlechtem Geruchssinn war die Sterbewahrscheinlichkeit dagegen in allen drei Altersgruppen ähnlich. Betrachtet man nun nur das Ergebnis der 75 bis 85 jährigen Teilnehmer, so waren in der Gruppe, die höchstens einen Duftstoff erkannt hatten, verglichen mit gleichaltrigen „Normal-Riechern“ nach fünf Jahren nur doppelt so viele verstorben. Laut den Forschern soll eine schlechte Riechwahrnehmung den nahen Tod besser anzeigen als Krankheiten wie Krebs, Herzinsuffizienz oder eine Lungenerkrankung.

Der Kanarienvogel für die Gesundheit?

Laut Jayant Pinto hat der Geruchssinn ähnliche Aufgaben für die menschliche Gesundheit wie der Kanarienvogel in der Kohlenmine, der bekanntlich sehr empfindlich auf Kohlenmonoxid reagierte und so Bergarbeiter auf das gefährliche Gas aufmerksam machte. Auch eine schlechte Riechwahrnehmung soll nur vor einer bevorstehenden Gefahr warnen, diese jedoch nicht selber verursachen. Der Mechanismus allerdings ist unklar und wurde von den Forschern auch nicht untersucht. Sie vermuten jedoch, dass Luftschadstoffe der Grund sein könnten. Denn der Geruchsnerv sei der einzige Gehirnnerv, der direkt der Umwelt ausgesetzt ist. Über diesen könnten Pathogene, Toxine sowie Feinstaubpartikel in das zentrale Nervensystem gelangen und Körperfunktionen schädigen. Eine schlechte Leistungsfähigkeit der Nase würde auch auf eine verringerte Regenerationsfähigkeit des Körpers hindeuten, so die Wissenschaftler. Denn die Geruchsfunktion in der Nase muss ständig durch Stammzellen erneuert werden. Sterben diese und andere adulte Stammzellen innerhalb des Körpers ab, könnte das die Ursache für das erhöhte Sterberisiko sein.

Frühere Studienergebnisse

Die von Jayant Pinto und seiner Arbeitsgruppe veröffentlichte Studie ist nicht die erste, die sich mit dem Thema, ob ein schlechter Geruchssinn einen nahen Tod anzeigen kann, beschäftigt. Bereits 2011 publizierte Robert Wilson ähnliche Ergebnisse. Er wertete Daten aus einer Studie mit über 1.100 Beteiligten, die durchschnittlich knapp 80 Jahre alt waren, aus. Die Teilnehmerauswahl war jedoch nicht repräsentativ. Die Probanden hatten in einem Riechtest zwölf verschiedene Duftstoffe erkennen müssen. Das Ergebnis: Das Sterberisiko verringerte sich jeweils um sechs Prozent für jeden richtig zugeordneten Geruch. Da jedoch eine schlechte Riechwahrnehmung häufig mit neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson zusammenhängt, deutet, so Robert Wilson, ein schlechtes Abschneiden im Test nur auf eine eventuell noch nicht erkannte Erkrankung hin.

Auch Bamini Gopinath beschäftigte sich ein Jahr später, im Jahr 2012, mit diesem Thema. Er hatte Daten von über 1.500 Beteiligten über 60 Jahre, die in einem Riechtest acht Duftstoffe zuordnen mussten, ausgewertet. Es zeigte sich, dass Leute mit einem schlechten Geruchssinn eine 67 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit hatten, innerhalb der nächsten fünf Jahre zu versterben. Berücksichtigten die Wissenschaftler jedoch die Cholesterinwerte oder kognitive Beeinträchtigungen, bestanden die Assoziationen nicht mehr. „Die Leute mit einem schlechten Geruchssinn waren im Allgemeinen älter, männlich und hatten Seh- und Gedächtnisstörungen, Diabetes, Angina pectoris, einen Schlaganfall, einen niedrigen BMI, einen schlechten Gesundheitszustand oder hohe Cholesterinwerte“, so Bamini Gopinath in seiner Veröffentlichung.

Nutzen der Beobachtungsstudie

Aus früheren Studien ist bereits bekannt, dass Riechstörungen auf neurodegenerative Erkrankungen hinweisen können. Diese Krankheiten erhöhen das Sterberisiko. Es gibt aber auch andere Gründe für einen schlechten Geruchssinn. Neben dem altersabhängigen Nachlassen kann eine schlechte Riechwahrnehmung genetisch bedingt sein oder durch chronische Rhinitis, Schädel-Hirn-Traumen sowie Infektionen der oberen Atemwege beeinträchtigt werden. Die Ursachen, warum die Leute im Riechtest schlecht abschnitten, und ob das erhöhte Sterberisiko der „Schlecht-Riecher“ auf bereits bestehende Erkrankungen zurückzuführen ist, wurden von Jayant Pinto nicht angegeben. Der vorgeschlagene Mechanismus ist lediglich eine Vermutung. Bevor es daher so weit ist, dass Menschen mit einem schlechten Geruchssinn das möglichst baldige Verfassen eines Testaments empfohlen werden sollte, müssen noch zahlreiche Untersuchungen die nötige Klarheit bringen.

101 Wertungen (3.85 ø)

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15 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

@Holger Wittig #14

Ihr Hinweis ist von größter Bedeutung. In der Hektik des Alltags könnte es ja durchaus mal vorkommen, dass man tote Angehörige zu lang im überheizten Wohnzimmer liegen lässt. Nun wissen zumindest die Leser dieser Site, dass das unangenehme Folgen haben kann.

#15 |
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Mag sein, dass der Tod nicht stinkt (siehe Überschrift). Aber das, was nach dem Tod von uns zurückbleibt, kann nach mehreren Tagen postmortaler Liegezeit im überheizten Wohnzimmer olfaktorisch schon ziemlich penetrant werden (milde gesagt).

#14 |
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Gast
Gast

Zweifellos ist die cerebrale “Geruchstopographie” eine interessante Region
und ein Hinweis, dass beim Gehirn nicht nur Quantität “zählt”.
Angeblich hatten die Neandertaler, so paradox das klingen mag eine kleiner Richhirnregion als der Nachfolger (Cromagnon), obwohl sie auch ein sehr großes Gehirnvolumen gehabt haben sollen.

#13 |
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@ Gast
das Zitat entstammt auch der Studie um Bamini Gopinath (doi: 10.1093/gerona/glr165).
Hier heißt es “Persons with olfactory loss were more likely to be older and male and to have visual impairment, cognitive impairment, diabetes, angina, stroke, lower BMI, and poor self-rated health but higher serum total cholesterol.”

Die Krankheit Alzheimer wird hier nicht erwähnt, sondern in der Studie von Robert Wilson, die also dritten Studie in diesem Artikel (doi:10.1093/chemse/bjq098).

Die drei Studien beschäftigen sich zwar mit dem gleichen Thema, hängen ansonsten aber nicht zusammen.

#12 |
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Medizinjournalist

Hübscher Fehler: wer schlecht riecht, stinkt.
Wer nicht gut riechen kann, dem schwinden die Sinne. Die Aussage ist etwas so intelligent wie: “Liegt der Bauer tot im Zimmer, lebt er nimmer.” Dass die Sinne allmählich schwinden ist wohl keine Neuigkeit. Eine ähnlich kluge Feststellung ist auch die, dass man sich dem Ende des Lebens nähert, wenn man sich dem Ende des Lebens nähert.

#11 |
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Ich glaube, hier muss wirklich zwischen Koinzidenz und Kausalität unterschieden werden. Denn ob die Minderung des Geruchssinns ursächlich für ein früheres Ableben ist, kann diese statistische Studie m. E. nicht erklären.
Zudem finde ich es problematisch, solche Studien der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Gerade ältere Menschen könnten doch sehr verunsichert werden und sich Riechverluste einbilden, die ihr Wohlbefinden erheblich belasten. Und selbst in Fällen wirklicher Riechdefizite – welche therapeutischen Konsequenzen hätte dies? Die Betroffenen hätten die Vision, früher zu sterben – gepaart mit dem Wissen, dagegen nichts tun zu können. Keine schönen Aussichten.
@Prof. Winrich Breipohl: Stimme Ihnen zu, finde die Überschrift auch unpassend und unsensibel.

#10 |
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Prof. Winrich Breipohl
Prof. Winrich Breipohl

Bis auf die gewählte Überschrift ein hübsch und interessant geschriebener Artikel

#9 |
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Gast
Gast

Liebe Silke Kerscher-Hack,
von “männlich” steht allerdings nichts in der Originalarbeit von Jayant M. Pinto.
Die Häufung von Alzheimer spricht eher dagegen.

#8 |
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Ich habe Schnupfen,
weil ich rieche schlecht.

Turi Werkner, Lexikon der Einsiedelwörter

#7 |
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Prof. Dr. Reinhard Breit
Prof. Dr. Reinhard Breit

Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass der Verlust des Geruchssinn dafür spricht, dass bereits viele kleine Insulte abgelaufen sind. Das könnte die ganzen Unterschiede erklären. Kennt jemand den Fundort dieer Studie?

#6 |
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Stefanie Roché
Stefanie Roché

“Die Leute mit einem schlechten Geruchssinn waren im Allgemeinen älter, männlich und hatten Seh- und Gedächtnisstörungen”

Sprich, sie konnten sich weder erinnern, wann das Essen in den Kühlschrank gewandert war, noch sehen oder riechen, ob es verdorben war.
Bakterium vs Mensch 1:0

#5 |
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Dr. med. Alexander Keicher
Dr. med. Alexander Keicher

Die Einleitung ist irreführend. Es scheint um gut riechende und stinkende Menschen zu gehen. Besser hieße es: wer schlecht riechen KANN… Obwohl ersteres wohl auch zu gleichen Studienergebnissen geführt hätte?

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

Sehr geehrter Gast,

die Originalpublikation finden Sie hier:

http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0107541

Ihre DocCheck News Redaktion

#3 |
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Gast
Gast

Bitte Zitat der Studie beifügen.

#2 |
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Chirurg
Chirurg

wenn das stimmt, werd ich ja noch länger leben als meine viel jüngere Frau???
Dabei bin ich schon verdammt alt.

#1 |
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