Mediziner-Zeitreise: Zwischen Bürokratie und Idealen

5. November 2014
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Wie bewerten Ärzte ihr Studium rückblickend? Was versüßt ihnen den Alltag und vor welchen Herausforderungen stehen sie? In unserer neuen Serie fühlen wir gestandenen Ärzten auf den Zahn. Den Anfang macht Dr. Günter Steinebach, Mediziner aus Garmisch-Partenkirchen.

Zusammen mit seinem jüngeren Kollegen Dr. Bernhard Popp betreibt der 68-Jährige eine Praxisgemeinschaft. Nebenbei kümmert sich Dr. Steinebach auch als Lehrbeauftragter der Hochschule für Gesundheit und Sport um den medizinischen Unterricht der Studenten. Wir haben ihn zu seinem Leben als Allgemeinarzt und seinen Ansichten zum heutigen Studium befragt.

DocCheck: Lieber Herr Dr. Steinebach, beschreiben Sie bitte kurz Ihren studentischen Werdegang. An welche Höhepunkte erinnern Sie sich?

Dr. Günter Steinebach: Ich begann zunächst in München Jura zu studieren. Allerdings stellte ich nach einiger Zeit fest, dass mir die Materie viel zu trocken war und ich lieber den Umgang mit Menschen wollte, als die ganze Zeit vor staubigen Büchern zu sitzen und Gesetzestexte zu wälzen. Ich wechselte also zur Medizin; die Vorklinik absolvierte ich in Freiburg. Das war eine sehr schöne Zeit, die ich mit meinen damaligen Studienkollegen verbrachte. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch meine Frau schwanger und wir begannen mit der Familiengründung. Zum klinischen Studienabschnitt wechselte ich dann nach München. Ich hatte eine schwere Zeit damals, bedingt durch den Tod meiner Eltern zu Studienbeginn und da ich mir das Studium und meine 5-köpfige Familie selbst durch Nebenjobs finanzieren musste. Zum Glück erhielt ich damals zur Unterstützung ein Stipendium. Da dieses allerdings permanent gute Noten erforderte und das den Stress noch weiter erhöhte, war ich froh, als das Studium endlich geschafft war.

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Dr. Günter Steinebach © mcn, Thomas Neff

DocCheck: Warum haben Sie sich damals für das Medizinstudium entschieden? Gab es einen entscheidenden Moment mit dem feststand „Jetzt weiß ich es: Ich studiere Medizin“?

Dr. Günter Steinebach: Ich wollte eigentlich schon als Kind Arzt werden. Der Umgang mit Menschen und das Wissen über den menschlichen Körper faszinierten mich. Insbesondere nach meinem Jurastudium-Versuch wurde mir klar, dass es mir viel mehr Spaß macht, mit Patienten zu kommunizieren und ihnen zu „helfen“ (und sei es nur mit ihnen zu reden) als mit Klienten. Und auch, dass mich die Medizin als Wissenschaft auch viel mehr interessiert als die Juristerei.

DocCheck: Was haben Sie an dem Tag gemacht, als Sie die letzte Prüfung des Medizinstudiums geschrieben und es somit abgeschlossen haben?

Dr. Günter Steinebach: Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen und wir haben als Prüfungsgruppe zusammen gefeiert. Dann war mir klar: jetzt bist du in jeder gesundheitlich kritischen Situation anderer immer Arzt und im Einsatz.

DocCheck: Was hat sich Ihrer Meinung nach im heutigen Medizinstudium zum Positiven/Negativen geändert?

Dr. Günter Steinebach: Ich habe nicht so viel Erfahrung mit dem Studium heute, glaube und hoffe aber, dass es praxisnäher ist. Damals gab es noch nicht so viel Einblick in den klinischen Krankenhaus- oder Praxisalltag, was ich sehr schade fand, denn man lernt die ärztliche Betreuung der Patienten nur durch den persönlichen Kontakt mit ihnen. Als „negativ“ betrachte ich die harte Selektion bei der Studienplatzvergabe, nach der heute vorgegangen wird. Zu meiner Zeit konnte man auch mit einem 2-Komma-Schnitt locker einen Platz bekommen und es haben sich letztlich diejenigen für Medizin entschieden, die das wirklich machen wollten, unabhängig von der Note. Heute kommen nur die Abiturbesten oder Leute mit langer Wartezeit zum Medizinstudium und viele Schüler mit sehr guten Noten fühlen sich fast schon dazu gedrängt, Medizin zu studieren, weil sie es aufgrund ihrer guten Abiturergebnisse machen können.

DocCheck: Inwiefern sehen Sie im Berufsleben Ihre Ideale zu Studienzeiten verwirklicht oder auch nicht?

Dr. Günter Steinebach: Während des Studiums denkt man, dass viele Wege zu medizinischem Arbeiten offen stehen und man hat idealistische und teils abstrakte Vorstellungen von manchen ärztlichen Tätigkeiten, die in der täglichen Realität oft anders sind, als man sie sich als junger Student vorstellt.

DocCheck: Wie sieht Ihre Motivation, als Arzt tätig zu sein, heute aus? Hat sie sich seit dem Studium verändert?

Dr. Günter Steinebach: Ich bin immer noch gerne Arzt und arbeite gerne am Menschen, aber die überbordende Bürokratie verleidet einem manchmal den Beruf. Als Student ist man noch ein wenig naiv und glaubt das Arzt-Sein bestehe hauptsächlich aus Patientenuntersuchungen und Kommunikation. Allerdings verbringen die meisten Ärzte mehr als die Hälfte ihrer Zeit mit bürokratischen Arbeiten. Dennoch macht mir der Beruf sehr viel Spaß und meine Motivation, Menschen zu helfen, hat eher zu- als abgenommen.

DocCheck: Wie sieht der Alltag als Allgemeinarzt für Sie heutzutage aus?

Dr. Günter Steinebach: Es ist vieles Routine, aber als hausärztlich tätiger Internist und Sportmediziner mit Ausbildung für Naturheilverfahren, Akupunktur und Traditioneller chinesischer Medizin (TCM) habe ich ein breites Spektrum an Tätigkeiten und Möglichkeiten. Ich betreibe ganzheitliche Medizin und das ist die Faszination an dieser Arbeit, die mir immer noch sehr viel Spaß macht. Viele Studenten stellen sich das Leben als Hausarzt immer langweilig vor. Niemand möchte mehr aufs Land, der Ärztemangel unter den Allgemeinmedizinern steigt. Dabei ist die Allgemeinmedizin ein so breit gefächertes Gebiet. Man kann sich abseits der normalen Tätigkeiten viele Zusatzweiterbildungen aneignen und hat dadurch einen großen Rahmen an Behandlungsmöglichkeiten. Ich bin beispielsweise nebenbei noch als Mannschaftsarzt des Eishockeyvereins „SC Riessersee“ in Garmisch tätig, was mir großen Spaß macht. Die Tätigkeit als Hausarzt bietet einfach unglaublich viel Abwechslung. Es ist ein Fachbereich, der sehr stark auf die Patienten fokussiert ist, was man natürlich mögen muss. Dafür sieht man aber auch oft unmittelbar Behandlungserfolge und betreut Patienten über einen längeren Zeitraum hinweg, wodurch man eine enge Bindung aufbauen und diese zu therapeutischen Zwecken nutzen kann.

DocCheck: Was macht Ihnen am meisten Spaß?

Dr. Günter Steinebach: Die Kombination aus Schulmedizin und Naturheilverfahren finde ich sehr spannend. Wenn möglich bevorzuge ich die Naturheilverfahren, wie z. B. die Stärkung der Selbstheilungskräfte durch geeignete Maßnahmen anstatt alleinig durch rein medikamentöse Therapie. Die Erfolge bei meinen Patienten zu sehen ist für mich das Schönste an meinem Beruf.

DocCheck: Was am wenigsten?

Dr. Günter Steinebach: Die Bürokratie macht am wenigsten Spaß, da sie aufhält und Zeit für die Patienten stiehlt, auch wenn sie notwendig ist.

DocCheck: Wenn Sie erneut wählen könnten, würden Sie sich nochmal für die Medizin entscheiden?

Dr. Günter Steinebach: Ja. Medizin ist einer der schönsten Studiengänge, die es gibt und sehr breit gefächert. Man hat so viele Möglichkeiten, später zu arbeiten; es ist ein Grundstudium, das einem dem Weg zu vielen unterschiedlichen Karrierewegen offen lässt. Ich habe es nicht bereut, diesen Weg gegangen zu sein und kann ihn jedem medizinisch Interessierten absolut empfehlen.

DocCheck: Welche Tipps würden Sie Studenten, die jetzt vor der Entscheidung stehen, Medizin zu studieren, mit auf den Weg geben?

Dr. Günter Steinebach: Arzt-Sein ist ein wundervoller Beruf, aber nur wenn man bereit und Willens ist, das mühevolle Studium und die meist anstrengende Tätigkeit durchstehen zu wollen. Und: Das Bewusstsein muss vorhanden sein, dass das Arzt-Sein ein Dienstleistungsberuf ist. Das übersehen meiner Ansicht nach manche jungen Kollegen. Man sollte erst nach etlichen Praktika den entscheidenden Beschluss fassen, dann kann auch nichts mehr schiefgehen.

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