Lichen sclerosus: Porzellan im Schoß

29. März 2012
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Lichen sclerosus, eine Entzündung des Bindegewebes, gilt als seltenes Leiden von Frauen jenseits der Menopause. Untersuchungen zeigen aber, dass Jungen häufiger betroffen sind als bisher angenommen. Auslöser für die inflammatorischen Vorgänge haben Forscher bis heute nicht gefunden, doch es gibt mehrere Verdachtsmomente.

Anfangs oft unentdeckt: Viele Leidensgeschichten beginnen mit einem unspezifischen Juckreiz und einem Erythem – Symptome, die eher auf eine Pilzerkrankung hindeuten und von Patientinnen meist in Eigenregie behandelt werden. Dahinter kann sich ein Lichen sclerosus (LS) verbergen.

Zufallsbefund

Begeben sich die Betroffenen zum Dermatologen oder zum Gynäkologen, fallen bei der Untersuchung vor allem weiße, porzellanartige Vernarbungen an der Vagina auf. Unbehandelt schrumpfen Schamlippen und Klitoris langfristig durch diese Atrophie. Engen sich dann noch Körperöffnungen ein, sind Schmerzen beim Stuhlgang, Wasserlassen oder beim Geschlechtsverkehr vorprogrammiert. LS ist jedoch nicht so selten wie angenommen: Möglicherweise erkrankt bis zu einem Prozent aller Frauen jeden Alters, etliche Patientinnen bleiben jedoch anfangs beschwerdefrei, so dass ihr Leiden zufällig bei Vorsorgeuntersuchungen entdeckt wird. Andere wiederum suchen aus falsch verstandener Scham den Weg in die Praxis viel zu spät. Eltern wiederum sollten auch bei ihrem Nachwuchs auf Anzeichen der LS achten.

Kinder, Kinder…

Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Relevanz des Leidens vor allem bei Jungen völlig unterschätzt wurde – LS kann zu einer Phimose führen. Deshalb sollte jede erworbene Vorhautverengung auch unter diesem Aspekt gesehen werden. Momentan operieren Kollegen meist, ohne eine histologische Untersuchung durchzuführen. Wird nicht hinreichend viel Gewebe entfernt, kann es zu Rezidiven sowie zum Befall der Harnröhre kommen.

Bei jungen Mädchen ist die Sache noch in anderer Hinsicht kritisch: Vom Erscheinungsbild her gleicht LS den Folgen eines Missbrauchs. Andererseits kann sexuelle Gewalt über den sogenannten isomorphen Effekt nach Stunden oder Tagen zu einem ähnlichen Bild führen – für Kollegen bedeutet das, mit Fingerspitzengefühl vorzugehen. LS verläuft im Gegensatz zu sonstigen Hautirritationen schubweise, was für eine Autoimmunerkrankung spricht, mit Hinweisen im Blutbild.

Kampf im Körper

Bereits früh häuften sich Anhaltspunkte auf eine Beteiligung des Immunsystems: Forscher wiesen bei 64 von 86 LS-Patienten im Blut eine Reaktivität gegen das extrazelluläre Matrixprotein (ECM1) nach, in der Kontrollgruppe waren lediglich sechs von 85 Proben positiv. Auf der Suche nach auslösenden Faktoren tappen Dermatologen nach wie vor im Dunkeln, konnten aber zumindest eine Komorbidität mit anderen Autoimmunerkrankungen nachweisen: Im Rahmen einer retrospektiven Analyse werteten Kollegen die Krankenakten von 82 Patienten aus, bei allen ließ sich LS durch Biopsien nachweisen. Fünfzehn Patienten hatten Schilddrüsenerkrankungen (vor allem eine Hashimoto-Thyreoiditis), sechs Diabetes mellitus Typ 1, fünf Asthma, und fünf litten unter anderen Autoimmunerkrankungen. Dazu gehören etwa Lupus erythematodes, Vitiligo, die Autoimmungastritis sowie der kreisrunde Haarausfall. In den Hautschichten fand man aber noch ganz andere Pathogene.

Die üblichen Verdächtigen

Infektionen mit dem humanen Papillomavirus (HPV) stehen im Mittelpunkt des Interesses. Entsprechend kontrovers wird die Frage diskutiert, ob LS an sich oder HPV in seltenen Fällen Plattenepithelkarzinome auslöst. Die interdisziplinäre Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Vulvakarzinoms bewertet LS als nicht infektionsassoziierten Risikofaktor. Mehrere Arbeiten schätzen die Wahrscheinlichkeit der Krebsentstehung bei Frauen auf unter fünf Prozent der Fälle ein, Männer sind sogar noch seltener betroffen. Die nächste Spur: Österreichische Dermatologen fanden in 38 von 60 LS-Biopsien Borrelien, vor allem während entzündlicher Krankheitsphasen. Sollten sich diese Befunde bekräftigen, wären alle LS-Therapien neu zu überdenken: Anstelle von antiviralen oder antibakteriellen Maßnahmen steht heute ausschließlich die Kontrolle der Entzündung im Fokus.

Schmieren, schmieren, schmieren

Bei Frauen lassen sich inflammatorische Prozesse momentan nur in Schach halten, aber nicht heilen. Als Goldstandard gelten dabei topische Kortikosteroide – zu Beginn eine Stoßtherapie etwa mit Clobetasolpropionat, dann eine Umstellung auf mildere Vertreter wie Hydrocortison. Zusätzlich stabilisieren Wasser-in-Öl-Cremes als Basispflege die Hautbarriere. Mechanische Beanspruchungen führen ansonsten schnell zu Rissen und ideale Eintrittspforten für Mikroorganismen entstehen.

Als zweite Wahl kommen Immunsuppressiva wie Tacrolimus oder Pimecrolimus zum Einsatz. In einer doppelblinden, randomisierten, kontrollierten Studie verglichen Forscher jetzt den Effekt von Clobetasol und Pimecrolimus. An der Untersuchung nahmen 38 Patientinnen teil, bei denen ein LS via Biopsie nachgewiesen worden war. Nach zwölf Wochen dann erste Resultate: Clobetasol wirkte sich positiver auf entzündliche Vorgänge aus, in beiden Gruppen verbesserten sich jedoch Juckreiz, Brennen oder Schmerzen nahezu vergleichbar. Aus den Daten folgerten die Autoren, sowohl Clobetasol als auch Pimecrolimus seien wirksam und für die LS-Therapie gut geeignet. Sie raten jedoch, an erster Stelle das Kortikoid einzusetzen, da sich Langzeiteffekte von topischen Imunsuppressiva in der Erhaltungstherapie beziehungsweise Prophylaxe noch nicht abschätzen ließen. Pimecrolimus und Tacrolimus hätten möglicherweise sogar einen Vorteil: Im Gegensatz zu Kortikoiden passieren sie die Haut vor allem durch nicht mehr intakte Regionen. Mit zunehmendem Heilungsprozess könnte auch die Resorption sinken, wird vermutet.

Beschnitten und vergessen

Sind Männer zu behandeln, so hilft die Pharmakotherapie primär recht wenig, und Kollegen greifen zum Skalpell. Ihre Erkenntnis: Durch korrekt ausgeführte Beschneidungen lassen sich in über 90 Prozent der Fälle Läsionen beheben, alternativ berichten Hautärzte von guten Folgen mit der Kryochirurgie. Allerdings treten ohne topische Prophylaxe vor allem an der Eichel beziehungsweise an der Harnröhre in bis zu 45 Prozent der Fälle Rezidive auf. Ganz klar: Ohne evidenzbasierte Kriterien wird es langfristig nicht funktionieren.

Leitlinie überfällig

Allein die Unterschiede bei der Therapie von Frauen und Männern sind eine Herausforderung für Gynäkologen, Pädiater und Chirurgen. Kollegen fordern deshalb seit geraumer Zeit, eine interdisziplinäre Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der LS zusammenzustellen – in Großbritannien bereits Standard.

194 Wertungen (3.89 ø)

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9 Kommentare:

Es ist zu hoffen daß sich die Zusammenhänge klären lassen im Sinne einer effektiven Thrapie.

#9 |
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Dr. med. Grudrun Ströer
Dr. med. Grudrun Ströer

Lohnenswert ist auch hier die Analyse der Th1-Th2-Th3-Achse inkl. Mikronährstoffanalyse. Fangen wir doch einfach mal bei den basics unserer Körperressourcen und -bedarfe an! Wer macht mit? Sie werden sehen, das ist viel erfolgreicher als jede Leitlinienmedizin (außerhalb der Akutmedizin) …

#8 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Die Löschung meines Kommentars offenbart einen respeklosen Umgang und dogmatische Strukturen.

#7 |
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DR Daniela von Baumgarten
DR Daniela von Baumgarten

Es wäre hilfreich die Lokaltherapie mit Cortison noch näher zu spezifizieren: Länge der Behandlung, Intervaltherapie, Alternierender Einsatz von Östrogensalben, Fungiciden, Cortisoncreme) Nur die befallenen und juckenden Partien behandeln oder grössere Hautarreale? Wieviel Prozent entwickeln Lichen der Mundhaut?

#6 |
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Dr. Elisabeth Pommé
Dr. Elisabeth Pommé

Muss man sich denn immer mukieren über Alternativmethoden? Hat nicht jeder Mensch das Recht, seinen eigenen (Heil)weg zu wählen? Das Grenzt ja an Meinungsfreiheitseinschränkung, im Rahmen der Medizin. Viele Wege führen nach Rom. Nachfrage bestimmt den Markt, viele Menschen wollen nach vieloen Jahren klassischer Medizin mit unerwünschten Nebenwirkungen andere Methoden ausprobieren, die häufig eine verbesserte Lebensqualität mit sich bringen. Ich verstehe diese häufig agressive Einstellung gegenüber Heilpraktiker oder Kollegen, die auch mal einen anderen Weg einschlagen, nicht. In keiner Dienstleistung werden Menschen, die sich bemühen,so häufig als Geldabzocker dargestellt, als in der Medizin und der Naturheilpraxis. Die Menschen, die kritisieren, sollten sich auch mal mit den Erfolgen und Zufriedenheit der Patienten auseinander setzen, die Alternativtherapien mit sich bringen. Warum kann man denn nicht Hand in Hand arbeiten, statt sich ewig und immer auf bissigste Art und Weise zu kritisieren!

#5 |
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Daß LS eine zu den Autoimmunkrankheiten gehört ist ja schon lange bekannt. Wenn man Daunderer liest, weiß man woher Autoimmunkrankheiten kommen und wie man sie behandeln kann (häufig mit sher guten Erfolgen). Lt. Prof. Ionescu gehört zur Entstehung einer Autoimmunerkrankung ein Toxin und ein Erreger. Warum nicht auch Borrelien in Kombination mit Umwelttoxinen? In Frage kommen auch Impfungen; hier sind Errger und Toxine in einer Ampulle gemischt. Man lese mal die Nebenwirkungen in der Roten Liste: überall sind Autoimmunerkrankungen beschrieben. Warum wird in dieser Richtung nicht gesucht?

#4 |
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Jutta Zacharias
Jutta Zacharias

Es ist ein bemerkenswertes Phänomen, dass bei jeder öffentlichen Erwähnung des Wortes “Lyme-Borreliose” sofort irgendwelche Esoterik-Gruppierungen und Paramedizin-Anhänger aktiv werden, um für ihre Verfahren zu werben. Diese Art von Trittbrettfahrerei ist zur Zeit bei vielen Krankheiten zu beoachten, deren Ursache und/oder Diagose und/oder Therapie unklar oder strittig sind. Ich halte es für überflüssig und sinnlos, überhaupt ernsthaft über solche Verfahren zu diskutieren.

#3 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Mrs. Y,
hochinteressant: Wolf-Dieter Storl: “Borreliose natürlich
heilen”, Ärzte in Ihrer Nähe erfragen: INK Freiburg,
weltweit führend in der B. therapie: der Deutsch-Aamerikaner
Dr. D. Klinghardt (Institut INK Freiburg)
Mit freundlichen Grüßen

#2 |
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Jutta Zacharias
Jutta Zacharias

Seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten wird kontrovers diskutiert, ob Morphea und Lichen Sclerosus auch teilweise durch Borrelia burgdorferi verursacht werden können. Eng verbunden ist diese Diskussion mit der Frage, wie ein zuverlässiger Nachweis über solche Zusammenhänge erbracht werdenn kann. Die in dem Artikel erwähnte Studiengruppe der Universität Innsbruck hat die Untersuchungen mit der Focus Floating Microscopy (FFM) durchgeführt. FFM ist im Prinzip eine wesentliche Verbesserung älterer immunhistochemischer Verfahren für den direkten Nachweis von Borrelien in Gewebebiopsaten. Das Verfahren ist nicht patentiert und könnte eigentlich von jedem Labor durchgeführt werden.

Auszüge aus einem Interview, das ich 2009 mit dem Studienleiter K. Einsendle durchgeführt habe:

“Eisendle: Von manchen Autoren wird der Lichen sclerosus als oberflächliche Morpheavariante angesehen. Wie bereits bemerkt war Elisabeth Aberer die Erste die bereits 1985 einen Zusammenhang von Borrelien-Infekten mit Morphea und später mit Lichen sclerosus (LS) herstellen konnte. Insgesamt wurden bisher, inklusive unserer Studie, 16 Artikel mit einem positiven Borreliennachweis bei Morphea und 9 Artikel mit positiven Borreliennachweis bei LS veröffentlicht.”

So weit ich das beurteilen kann, stellt sich auch jetzt erneut die Frage, ob die FFM ein geeignetes Verfahren ist, um die Zusammenhänge zu belegen – und falls ja, welche diagnostischen und therapeutischen Konsequenzen ergeben sich daraus in der Praxis.

Jutta Zacharias
http://www.zecken-borreliose.de

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