Compliance: Keine alte Schachtel

30. März 2012
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Was bringt das beste Arzneimittel, wenn es Patienten falsch oder gar nicht einnehmen? Um die Therapietreue zu erhöhen, sind aber nicht nur pharmazeutische Maßnahmen gefragt. Umverpackung, Kennzeichnung und  Packungsbeilage leisten ebenfalls einen nicht zu unterschätzenden Beitrag.

Gemeinsame Betreuung durch Arzt und Apotheker im Zuge des „ABDA/KBV-Modells“ oder innovative Galenik: Maßnahmen zur Verbesserung der Compliance sind immer wieder Gegenstand fachlicher Diskussionen. Oftmals führen schon vergleichsweise einfache Mittel zum Erfolg.

Verwechslung ausgeschlossen

Das beginnt bei der Packung: Momentan stehen Präparatenamen im Mittelpunkt des mehr oder minder attraktiven Layouts. Macht das in Zeiten wechselnder Rabattverträge, Lieferschwierigkeiten und Substitutionen genau genommen noch Sinn? Während chronisch Kranke früher wussten, dass jeden Morgen eine Tablette aus der lila bedruckten Schachtel zu nehmen ist, können derartige Merkhilfen heute schnell zum Desaster führen. Das US-amerikanische Unternehmen Help® verspricht jetzt eine originelle Lösung dieses Problems: „Jedes Produkt wird mit den spezifischen Symptomen beschriftet, statt eines Markennamens, so dass Menschen verstehen, was sie wogegen einnehmen“, sagt der Hersteller. Und so gibt es etwa „Hilfe, ich kann nicht schlafen“ (Diphenhydramin), „Hilfe, ich habe Allergien“ (Loratadin), „Hilfe, ich habe Kopfschmerzen“ (Paracetamol) und andere. Neben dem klaren Text ist jede Indikation auch farblich gekennzeichnet. Andererseits erfordert die Entnahme von Tabletten aus den hübschen Döschen weitaus weniger Kraft, als wenn diese erst aus Blistern gedrückt werden müssten – trotz hygienischer Einwände haben amerikanische Pharmazeuten mit Bulkware gute Erfahrungen gemacht.

Seniorensicherung serienmäßig?

Schwindende Kräfte und Sinne machen Senioren aber noch ganz andere Probleme: Sie scheitern an Gebinden mit Kindersicherung oder Erstöffnungsschutz. Auch macht das Teilen von Tabletten trotz Bruchkerbe oft Probleme. In der Offizin hilft nur eines: fest zupacken und jenseits des Beratungsgesprächs praktische Hilfe anbieten. Technologische Systeme sind ebenfalls bekannt für ihre Fehlerquellen. Das beginnt bereits bei der Entnahme von Augentropfen aus Behältnissen für Einzeldosen. Je nach Geometrie der Miniatur-Plastikgefäße ist eine unterschiedlich große, für ältere Menschen teils zu hohe Kraft erforderlich, um die Flüssigkeit herauszupressen. Auch braucht es Muskeln, um die Feder eines Inhalers zu spannen. Bei Insulinpens wiederum sind geräteabhängig oft hohe Drehmomente aufzubringen, um die richtige Dosierung einzustellen, und manche Klickgeräusche, bei korrekter Einstellung zu hören, erweisen sich als untauglich für ältere Ohren. Da es auf dem Markt mittlerweile zahlreiche Alternativen gibt, reicht oft ein anderes Modell sowie etwas Übung: Arzt und Apotheker müssen sich gemeinsam des Problems annehmen und mit Patienten den korrekten Gebrauch mehrfach durchspielen – Hersteller halten dafür eigens wirkstofffreie Systeme bereit.

Compliance to go

Von durchdachten Verpackungen profitieren aber auch jüngere Patienten: Viele Präparate sind mehrmals täglich einzunehmen. Gerade für unterwegs sind diskrete, Varianten gefragt, gut einzustecken und mitzunehmen, etwa als kleine Briefchen („PocketPacks“) statt als Faltschachtel mit Blistern. Bei komplizierteren Einnahmeschemata erhöhen kombinierte Verpackungen die Chance auf eine korrekte Anwendung. Beispielsweise hat sich zur Behandlung von Helicobacter pylori-Infektionen im Rahmen einer Triple-Therapie (Amoxicillin plus Clarithromycin als Antibiotika plus Pantoprazol als Protonenpumpenhemmer) eine spezielle Packung bewährt: Beim ZacPac® enthält jedes Blister die einzunehmenden Tabletten nebeneinander – deutlich vorteilhafter und sicherer, als mit drei verschiedenen Faltschachteln zu hantieren. Und nicht zu vergessen: der Beipackzettel.

Schlecht informiert, schlechte Überlebenschance

Dieses Druckwerk ist nicht ohne: Wie Kollegen kürzlich mit einer im BMJ (British Medical Journal) veröffentlichte Studie nachweisen konnten, hat ein Drittel aller älteren Menschen Schwierigkeiten, schriftlichen Informationen wie Beipackzettel zu lesen und vor allem auch zu verstehen. Mit fatalen Folgen: Entsprechende Patienten starben signifikant häufiger. Im Experiment mussten dazu 7857 Erwachsene im Alter von mindestens 52 Jahren Fragen zu einem ASS-Präparat beantworten, etwa zur Einnahmedauer oder zur Indikation. Ihnen standen Beipackzettel und Etikett zur Verfügung. Anhand der Antworten stuften Interviewer die Gesundheitskompetenz als hoch (67,2 Prozent der Studienteilnehmer), mittel (20,3 Prozent) oder gering (12,5 Prozent) ein. Während der Follow-ups traten innerhalb von 66 Monaten schließlich 621 Todesfälle auf: 321 (6,1 Prozent) bei hoher Gesundheitskompetenz, 143 (9,0 Prozent) in der mittleren Kategorie und 157 (16,0 Prozent) bei niedrigem Kenntnisstand. Selbst nach Bereinigung möglicher Fehlerquellen blieb das Risiko für Patienten niedriger sozialer Kompetenz statistisch signifikant. Die Studie schlägt Wellen, mittlerweile nahm sich sogar Formate wie das „ARD-Morgenmagazin“ des Themas an, und Lutz Engelen, Vizepräsident der Bundesapothekerkammer, versuchte, Patienten die Lektüre von Beipackzetteln ans Herz zu legen.

Überarbeitung scheibchenweise

Mit frommen Worten allein wird es nicht getan sein – manche Beipackzettel scheinen weniger zu informieren, sondern eher der rechtlichen Absicherung pharmazeutischer Hersteller zu dienen, indem alle erdenklichen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen in winziger Schrift auf hauchdünnem Papier abgedruckt werden. Entsprechende Daten haben zweifelsohne ihre Berechtigung, bringen Patienten aber nicht weiter. Zwar legt das Arzneimittelgesetz Pflichtangaben fest, Empfehlungen zur Verständlichkeit des Inhalts und zur patientenfreundlichen Gestaltung sucht man aber vergebens. Mitte 2011 hat die europäische Arzneimittelagentur EMA deshalb inhaltliche und graphische Empfehlungen formuliert, verpflichtend sind diese aber nur im Rahmen der Zulassung neuer Präparate. Für Arzneimittel, die sich bereits auf dem Markt befinden, greift die Leitlinie erst bei der inhaltlichen Aktualisierung.

Apotheken hoch im Kurs

Ob sich die Compliance durch bessere Beipackzettel langfristig verbessert, wird sich zeigen. Wie jetzt eine Studie des IFAK-Institutes und der Hochschule für Technik und Wirtschaft Aalen ergeben hat, nutzen nämlich 57 Prozent der Patienten vor allem Arzt und Apotheker bei Fragen rund um ihre Arzneimitteltherapie. Studenten hatten dazu rund 600 Bürger nach ihrer Informationsquellen interviewt. Obwohl unter den Befragten die vermeintlich online-affine Zielgruppe unter 40 Jahren stark vertreten war, gaben nur 19 Prozent an, bei Unklarheiten rund um Medikamente das Internet zu nutzen – und lediglich 13 Prozent lasen den Beipackzettel. In puncto Arzneimittelinformation haben beide Medien offensichtlich noch Defizite.

25 Wertungen (4.52 ø)
Medizin, Pharmazie

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2 Kommentare:

Angestellte Apotheker

Ich dachte, die Untersuchungen zur Compliance, die vielen teuren Studien in den 80er/90er Jahren zu diesem Thema, seien durch die Entwicklungen des AMNOGs völlig irrelevant geworden. Wen interessiert die Compliance, Hauptsache das Arzneimittel ist billig?

#2 |
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Pharmazie-Praktikantin

Interessanter Beitrag!

#1 |
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