Demenz: Wenn Omi den Schmerz verlegt

10. November 2014
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Wer sich nicht mehr daran erinnern kann, wie sich Schmerzen anfühlen, kann auch nicht äußern, dass er welche hat. Viele Demenzpatienten stecken in genau diesem Dilemma: ihre Schmerzen werden nicht erkannt – und nicht behandelt.

Viele Betreuer von demenzkranken Menschen kennen es: Der Patient lehnt das Essen, vielleicht auch das Trinken ab. Vielleicht dauert dieser Zustand auch längere Zeit an. Was könnte der Grund für dieses Verhalten sein? Oftmals herrscht Ratlosigkeit. Eine mögliche Ursache für dieses Verhalten sind körperliche Schmerzen. Dabei hatte der Patient auf die Frage, ob er Schmerzen habe, mehrfach verneint. „Auf ein solches „nein“ kann man sich nicht verlassen“, erklärt Petra Mayer, Trainerin für Palliative Care und Autorin des Buches „Der vergessene Schmerz“. „Denn Menschen mit einer dementiellen Erkrankung verstehen oftmals kognitiv nicht mehr, was Schmerzen sind, obwohl sie welche empfinden“.

Mindestens 59 Prozent leiden Schmerzen

Dass ein Mensch, der Zahnschmerzen hat, nicht essen möchte, leuchtet ein. Bei sehr vielen dementen Menschen werden die Schmerzen schlicht nicht erkannt. Dabei müsste bei typischen Erkrankungen älterer Menschen, wie beispielsweise Arthrose, Osteoporose oder neuropathischen Krankheitsbildern, unbedingt daran gedacht werden, dass diese Krankheiten oftmals mit (starkem) chronischen Schmerzgeschehen einhergehen. Doch obwohl man das weiß, bekommen Patienten ohne kognitive Einschränkungen dreimal mehr Analgetika als Demenzpatienten (McLachlan et al., 2011; Horgas and Tsai, 1998, Cohen-Mansfield, 2002). Wissenschaftler vom Institut für medizinische Soziologie der Charité-Universitätsmedizin in Berlin untersuchten im Jahr 2010 im Rahmen des Forschungsprojektes PAiN (Pain and Autonomy in the Nursing Home) die Schmerzsituation in Pflegeheimen in Berlin und Brandenburg. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass 59 Prozent der Menschen mit dementen Erkrankungen unter nicht erkannten und damit unbehandelten Schmerzen leiden.

Die meisten Demenzpatienten werden allerdings über lange Zeit zu Hause betreut und von Angehörigen gepflegt. Da im häuslichen Umfeld bei der Pflege durch Angehörige noch weniger Fachwissen zum Schmerzgeschehen bei Demenz vorausgesetzt werden kann, sind die Zahlen hier wahrscheinlich deutlich höher als im stationären Bereich. Das liegt mitunter auch daran, dass die Diagnosen unvollständig sind und die Betreuenden gar nichts von bestehenden Erkrankungen, und damit von möglichen Schmerzen, wissen.

Warum ist die Schmerzerkennung so schwierig?

Das Thema Schmerzmanagement und Schmerztherapie bei Demenzpatienten ist ein relativ junges Feld. Daher ist das Bewusstsein für das Problem und die missliche Lage der Patienten in der Gesellschaft und der Pflege noch relativ gering. Dazu kommt, dass Menschen mit dementiellen Erkrankungen ihren Schmerz oft anders äußern, als man das von ihnen erwartet und auch anders, als sie das vor ihrer Erkrankung getan haben. Das Verhalten wird als herausforderndes Verhalten oder als Abwehrverhalten interpretiert und als Symptom der Demenzerkrankung angesehen. Dabei wird ungewollt verkannt, dass Verhaltensweisen wie Aggression, Umherlaufen, häufige Toilettengänge, grimassieren und viele weitere auch auf ein Schmerzgeschehen hindeuten können – besonders in der Gesamtheit der Hinweise betrachtet. Aber anstatt einer Schmerztherapie erhalten die Patienten, die scheinbar unangebrachtes Verhalten zeigen, Psychopharmaka.

Schmerzintensität bei Demenzpatienten ist immer eine Fremdeinschätzung

Um Schmerzen auch bei Patienten mit Demenz zu erkennen, muss man aufmerksam mit den Patienten umgehen. Es gibt 91 indirekte Schmerzzeichen, die Hinweise geben; verschiedenste physiologische Zeichen, die Mimik und Gestik, lautsprachliche Äußerungen und das Verhalten. In Kombination mit bestehenden Diagnosen und speziellen Assessment-Instrumenten (z. B. die BESD-Skala und der BISAD-Bogen) erhält man Hinweise darauf, ob eine Schmerzsymptomatik vorliegen könnte. „Dann sollten wir eine Schmerztherapie einleiten und beobachten, ob sich das Verhalten ändert“, erklärt Petra Mayer. Sehr häufig funktioniert dieses Vorgehen und die Patienten werden ruhiger und das Abwehrverhalten wird weniger.

Gibt es „demenzbedingtes Verhalten“?

Demenzerkrankungen geben uns noch immer in vielerlei Hinsicht Rätsel auf. Dazu gehört auch die Beobachtung, dass Menschen mit dementiellen Erkrankungen plötzlich ganz ungewohnte Verhaltensweisen zeigen. Manche ziehen sich komplett zurück, manche wandern ruhelos umher, andere zeigen aggressives Verhalten. Warum ein Mensch mit Demenz sich anders verhält, als er es vor seiner Erkrankung tat, kann häufig nicht eindeutig erklärt werden. Doch Petra Mayer ist der Meinung, dass es kein demenzbedingtes Verhalten gibt. Vielmehr hätte auch bei Demenzpatienten jedes Verhalten einen Grund. Und oftmals seien das eben nicht erkannte körperliche, psychosoziale oder seelische Schmerzen.

Damit Betreuer von Demenzpatienten zukünftig besser in der Lage sind, Schmerzen zu erkennen und eine angemessene Therapie zu fordern, muss an verschiedenen Stellen gearbeitet werden. Petra Mayer hat zusammen mit ihrer Kollegin Rosmarie Maier eine Weiterbildung zum Demenz-Care Praxisbegleiter entwickelt, die Pflegekräfte in Heimen vor Ort und am Beispiel der eigenen Patienten in der Erkennung von Schmerzen und anderen für Demenzerkrankungen typische Auswirkungen schult. Neben einem anderen Blick auf das Verhalten der Patienten durch professionelle Pflegekräfte, muss aber auch bei betreuenden Ärzten das Bewusstsein für das Thema Schmerzen bei Demenz erhöht werden. Zudem muss, wie Rebecca Chandler und Benjamin Bruneau von der University of Greenwich in London in einem aktuellen Review in der Zeitschrift Nursing Times erläutern, auch die Angst vor der Gabe von Schmerzmedikamenten, besonders aus der Klasse der Opiate, abgebaut werden. Und auch pflegende Angehörige sollten durch den betreuenden Arzt dafür sensibilisiert werden, auf mögliche Äußerungen oder sich änderndes Verhalten zu achten, an Schmerzgeschehen zu denken und auch immer wieder danach zu fragen. Denn wenngleich ein „nein“ nicht bedeutet, dass der Patient keine Schmerzen hat, so sollte ein „ja“ immer ernst genommen werden.

141 Wertungen (4.7 ø)

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16 Kommentare:

Gast
Gast

Meine Mama hat mit 66 demenz und ist im Heim und isoliert sich total. will nur allein im zimmer essen und geht nur mit mir raus.soll man immer wieder versuchen das sie teil nehmen soll oder lieber nicht?

#16 |
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Dr.med Helen Hekmat
Dr.med Helen Hekmat

Vielen Dank fuer diesen wichtigen und guten Artikel.Mein Vater leidet seit Jahren an Alzheimer und ich beschtaetige dieses Problem bei ihm vollkommen.Die zahl der Patienten ,die an Demenz leiden steigt Jahr fuer Jahr auch im Iran.Aerzte und Angehoerige muessen dieses Problem unbedingt kennen und darauf achten.Dr.med.Hekmat

#15 |
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Dipl.-Med. Kurt Hertel
Dipl.-Med. Kurt Hertel

Vielen Dank für den guten Beitrag. Von diesen Problemen zu hören , sich darüber Gedanken zu machen und sensibler mit demenzkranken Menschen umzugehen, dass ist doch wichtig.
Wenn ein Patient bei der täglichen Pflege das Gesicht verzieht, dann hat er Beschwerden!
An der Überschrift kann ich nichts respektloses finden, sie ist eher liebevoll in meinen Augen.

#14 |
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Gast
Gast

@Paul Musiol in dem von Ihnen zitierten ÄBl. habe ich leider einen solchen Beitrag nicht gefunden!
In der aktuellen Diskussion über “Sterbehilfe” hört man von ihnen das Gegenteil.

#13 |
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Paul Musiol
Paul Musiol

Paul Musiol Die Zufuhr von Nahrung und Flüssigkeit gehört zur medizinischen Basisversorgung. Nahrung und Flüssigkeit sind dem Patienten in jeder Situation anzubieten. Diese medizinische Basisversorgung wird von der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer (Deutsches Ärzteblatt | Jg. 110 | Heft 33–34 | 19. August 2013) Demenzkranken verweigert. Mit dieser Indikationsentscheidung machen sich die Ärzte die Finger nicht schmutzig und nehmen dem Patienten doch das Leben . . . Haben die Ärzte aus der Zeit des Deutschen Reiches von 1933 bis 1945 nichts gelernt? Eine nebenwirkungsarme, wirksame, medikamentöse Therapie bei Demenzkranken, die zum Teil an massiver Unterernährung und Dehydration leiden, ist nicht möglich.
Meine Wertvorstellungen im Umgang mit dem alterskranken Menschen, der keine Nahrung essen und keine ausreichende Flüssigkeitsmenge trinken kann finden Sie hier: http://www.meddok.info/images/Patientenverfuegung-Beiblatt.pdf Lassen wir doch dem Patienten mit seiner Patientenverfügung selbst bestimmen, wie er seinen letzten Lebensabschnitt leben / erleben will. Schöne Grüße vom Bodensee – Paul Musiol

#12 |
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Elisabeth Ramsperger-Frech
Elisabeth Ramsperger-Frech

Dieser Artikel passt mehr den je. Mein Vater an Demenz erkrankt, hat nichts mehr gegessen. Vermutung es lönnten Zahnschmerzen dein haben sich bestätigt. Ein Zahnarzt machte ein Hausbesuch und stellte fest das Zahnwurzeln das Problem sind. Nun soll er in die Zahnklinik zur Op. Wir haben alle Angst davor, evtl. Falsch zu handeln und er selbst kann sich nicht äußern.

#11 |
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Sehr guter und wichtiger Artikel! Vielen Dank

#10 |
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Gast
Gast

Interessante Artikel Sicht der Lage, die mit Sicherheit in Zukunft noch viel Gehör finden wird.

#9 |
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Ingrid Kreutz
Ingrid Kreutz

Danke für diesen wichtigen Artikel zur Analgesie bei demenziell erkrankten Patienten. Entsetzt hat mich allerdings der respektlose Titel.

#8 |
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Gast
Gast

erinnert mich lebhaft an die “larvierte Depression”,
auch so eine Gemeinheit,
man ist absolut nicht deprimiert, aber der Sychiater behauptet doch!
Wem soll ich nun glauben,
mir oder dem Sychiater?

#7 |
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Christa Dirmeier
Christa Dirmeier

Mein Vater ist vor wenigen Monaten verstorben. Er litt u. a. auch an schwerer Demenz. In den letzten 5 Monaten vor seinem Tod wurde er mehrfach im Krankenhaus wegen rezidivierender Harnwegsinfekte sowie einer Infektion mit ESBL behandelt. Mein Vater antwortete, soweit er dazu noch in der Lage war, auf die Frage ob er Schmerzen habe, in den allermeisten Fällen mit NEIN. Wenn man ihn beobachtete konnte man allerdings oft ein schmerzverzerrtes Gesicht und das Reiben des Bauches feststellen. Bis auf eine junge Ärztin während des letzten KH-Aufenthaltes waren die Ärzte leider alle der Überzeugung, er habe keine Schmerzen, schließlich verneine er diese Frage ja stets. Erst auf die Hinweise von uns Angehörigen war man bereit die Möglichkeit von Schmerzen in Erwägung zu ziehen.
Ich kann mich daher Frau Poensgen-Heinrich nur anschließen.

#6 |
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Astrid Poensgen-Heinrich
Astrid Poensgen-Heinrich

Ich glaube, dass Pflegepersonal und Betreuungskräfte in Pflegeheimen im Allgemeinen in der Lage sind, eine evtl. Schmerzäußerung von einem “Aua-Aua” bei der Pflege zu unterscheiden. Sie sind die Personen, die am nächsten “dran” sind an den dementiell veränderten Menschen, nicht der Hausartz oder der Neurologe. Hier wären Zwiegespräche zwischen den betreuenden Kräften und manchmal auch Angehörigen zwingend notwendig. Genau daran hapert es aber. Insofern finde ich den Artikel sehr wichtig, und wenn er “nur” die Aufmerksamkeit er Betreungs- und Pflegekräfte erhöht. Abgesehen finde auch ich die Überschrift völlig daneben.

#5 |
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Gast
Gast

“Dann sollten wir eine Schmerztherapie einleiten und beobachten, ob sich das Verhalten ändert“, erklärt Petra Mayer. Sehr häufig funktioniert dieses Vorgehen und die Patienten werden ruhiger und das Abwehrverhalten wird weniger.”
Vielleicht deshalb, weil das “Neben”Wirkungen von Opiaten sind? Also “Ruhigstellen” mit Opiaten? Mir kommt eine Schmerztherapie nur aufgrund von indirekten Zeichen sehr fragwürdig vor, auch aufgrund der potentiellen Nebenwirkungen gerade bei älteren Menschen. Ich schließe mich da meinem Vorredner an.

#4 |
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Christian Beyer
Christian Beyer

Gibt den doch Cannabis Produkte, mehr Hunger, mehr Durst weniger Schmerzen = besseres Leben.

Ach ja, ist ja nicht legal in D und Dranabional kann sich kaum einer leisten. Deutschland ist halt 3.Welt in Sachen Schmerztherapie

#3 |
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“Angst” vor Opiaten haben wir nicht. Aber “Respekt” davor schon: Die Sturzgefahr ist höher und auch Nebenwirkungen wie Übelkeit und im Alter sehr oft schwere Obstipationen sind auch nicht ohne! Andere Schmerzmittel, wie NSAR sind kritisch wegen gi–Blutungen, Nieren-NW, Apoplex und Infarktgefahr! Die Veränderungen, welche im Alter oft zu schmerzen führen sind meistens dauerhaft, degenerativ bzw. chronisch. Eine einmal eingesetzte Schmerztherapie (mit all ihren Nebenwirkungen) wird so oft zum “Dauerbrenner”. Sehr oft kommt von Heim der Anruf: “Verzerrt das Gesicht bei der Pflege immer so, hat schon Novaminsulfon, was tun”. Ich überlege dann manchmal, ob man wirklich eine dauerhafte Opiattherapie auf solchen indirekten Zeichen aufbauen kann. Es ist unangenehm, von anderen Menschen “angepackt” zu werden. Auch die Pflege des Intimbereiches ist hier unangenehm. Und selbst, wenn es Schmerzen und nicht nur unangenehme Gefühle sein sollten, die zu solchen indirekten Zeichen führen, bleibt die Frage, ob man mit einer Schmerzmedikation diesen punktuellen und zeitlich sehr begrenzten “Schmerz bei der Pflege” wirklich behandeln sollte, oder ob die Nebenwirkungen der Schmerzmittel nicht schlimmer sind. Ich finde es sehr schwer mit solchen Artikeln umzugehen: Heute werden wir ermahnt mehr auf Depressionen bei Demenz zu achten und morgen wird uns gesagt, dass gerade Antidepressiva bei Demenz sehr oft zu (meist kardialen) NW führt und fast alle immer kontraind. sind. Heute wird uns gesagt, dass wir bei dementen Patienten zu wenig Schmerzmittel verschreiben und die “Angst” vor Opiaten abbauen sollen, morgen wird geschrieben, dass Schmerzmittel gerade bei alten Menschen mit den vielen o.g. NW verbunden sind, die Sturzgefahr erhöhen und nur sehr kritisch verordnet werden sollen. Ich persönlich mache mir mein eigenes Bild von diesen Patienten und komme oft zu der Überzeugung, dass in manchen Fällen ein kurzes “Aua, aua” bei der Pflege oder etwas Gegenwehr oder auch mal ein Grimmasieren besser ist, wie die o.g. Nachteile einer medik. Schmerztherapie über Novaminsulfon hinaus. Wichtig ist für mich dabei die Eischätzung, dass dieses Schmerzempfinden nur zeitlich auf wenige Minuten am Tag während der Pflege beschränkt ist und dass der weit größte Tagesanteil eher ein gewisses “Wohlbefinden” vermittelt

#2 |
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Bernd Westbomke
Bernd Westbomke

Ein wichtiger Artikel, der den betroffenen dementiell-erkrankten Menschen und deren Begleiterinnen und Begleitern hoffentlich weiter helfen wird!
Schade nur, dass die Überschrift wenig respektvoll ist!

#1 |
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