Traumaversorgung: Alles Tele!

2. April 2012
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Mit der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie nutzt erstmals eine medizinische Fachgesellschaft einen größeren Geldbetrag, um eine telemedizinische Infrastruktur zu finanzieren. Es entsteht ein bundesweites Telekooperationsnetz, das Nachahmer finden könnte.

Ohne bisher viel öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, haben sich die vor fünf Jahren von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) ins Leben gerufenen Traumanetzwerke mittlerweile bundesweit etabliert und erfreuen sich bei den beteiligten Kliniken einer relativ guten Akzeptanz. Die Traumanetzwerke sind regionale Zusammenschlüsse von Krankenhäusern, die an der Schwerverletztenversorgung beteiligt sind. Das betrifft etwa 800 bis 900 Häuser in Deutschland.

Meist gruppieren sich die Netzwerke um ein spezialisiertes Zentrum. Die Idee ist, die Patienten optimal zu verteilen, also jene Patienten, die eine Maximalversorgung brauchen, möglichst rasch in Kliniken zu bringen, die das leisten können. Wer auch in kleineren Einrichtungen versorgt werden kann, soll möglichst dort bleiben. Unnötige Hubschraubertransporte sollen vermieden werden. Dazu ist zwangsläufig ein relativ intensiver Austausch nicht nur aber vor allem von radiologischen Bildern nötig, der bisher in den meisten Traumanetzwerken noch per Kurier erfolgt. Einige Netzwerke haben in Eigenregie teleradiologische Konsultationsinfrastrukturen aufgebaut.

DICOM-E-Mail statt Taxi-Standard

Jetzt soll das alles ganz anders werden. Im vergangenen Jahr hat die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie in Kooperation mit der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) ein bundesweites digitales Telekooperationsnetz ausgeschrieben. Der Zuschlag für das Projekt TeleKooperation TNW® ging an die Unternehmen Chili und Pegasus. Sofort ging es an die Arbeit: Im Grenzgebiet zwischen dem Saarland und der Pfalz sowie in Schleswig-Holstein wurden zwei Pilotprojekte gestartet, die sehr erfolgreich verlaufen sind. Derzeit läuft der bundesweite Rollout. 15 Kliniken sind bereits an die Infrastruktur angeschlossen. Die DGU ist zuversichtlich, dass die Zahl der Teilnehmer in den nächsten Monaten stark zunimmt. „Das wird deswegen funktionieren, weil die Kollegen, die wir vernetzen, sich auch vorher schon etwas zu sagen hatten“, betont DGU-Vizepräsident Professor Tim Pohlemann.

Das konkrete Angebot umfasst eine Teleradiologieplattform, die von teilnehmenden Kliniken genutzt werden kann, um radiologische Bilddaten von Traumapatienten zu übermitteln. Anhand dieser Bilder kann dann entschieden werden, ob ein Patient beispielsweise verlegt werden sollte. Zusätzlich wird die Möglichkeit von Videokonferenzschaltungen geschaffen, sodass die Traumatologen auch direkt miteinander in Kontakt treten können. Telekooperation, nicht reine Teleradiologie, lautete die Vision. Primär geht es dabei um die regionale Kooperation. Die Plattform erlaubt aber grundsätzlich auch einen bundesweiten Austausch. „Die technische Vorgabe war, dass beliebige Datensätze innerhalb von einer Viertelstunde übermittelt werden können“, so Pohlemann. Außerdem sollte die Sache nicht zu aufwändig sein. Entsprechend setzt das Projekt auf Internetprotokolle auf. Nötig ist lediglich ein Internetzugang, möglichst DSL oder schneller. „Wer nur ISDN hat, wird aber auch nicht ausgewiesen“, so Pohlemann.

Motto: Machen statt quatschen

Das Besondere an diesem Projekt ist, dass hier nicht irgendwelche Fördermittel ausgegeben werden, um ein Projekt zu starten, das nach Abschluss der Förderphase eine ungewisse Zukunft hat. Anschubfinanziert wurde TeleKooperation TNW® tatsächlich ausschließlich mit Mitteln der mit der DGU assoziierten Akademie der Unfallchirurgie (AUC). „Wir sind dafür mit einem höheren sechsstelligen Betrag in Vorleistung getreten“, betont AUC-Geschäftsführer Professor Johannes Sturm. Keine andere medizinische Fachgesellschaft in Deutschland hat sich in Sachen Gesundheits-IT bisher auch nur annähernd so stark engagiert. Tragen sollen sich die Kosten der Infrastruktur durch Beiträge der beteiligten Krankenhäuser. Hier gibt es eine Staffelung, die unter anderem davon abhängt, wie tief die Plattform in die Klinik-IT integriert wird. Es geht los mit 1.200 Euro im Euro im Jahr und endet irgendwo zwischen 6.000 und 7.000 Euro für große Kliniken mit tiefer Integration.

Die AUC hat sich nicht nur um die Anschubfinanzierung gekümmert. Sie übernimmt auch die Nutzerverwaltung und damit einen für den Datenschutz zentralen Aufgabenbereich. Registrierte Nutzer erhalten Nutzername, Passwort und einen kleinen Nummerngenerator, der für jede Sitzung eine eigene TAN-Nummer erzeugt. Sofern man nicht bedingungsloser Anhänger chipkartenbasierter Infrastrukturen ist, ist diese doppelte Absicherung State-of-the-Art. Die Server für das Projekt stehen in Regensburg. Es handelt sich lediglich um eine temporäre Speicherung nach Art einer elektronischen Fallakte. Daten, auf die mehrere Wochen lang nicht zugegriffen wurde, werden automatisch gelöscht.

Die Deutsche Röntgengesellschaft, die im Zusammenhang mit der TeleKooperation TNW® unter anderem für den DICOM-E-Mail-Standard verantwortlich war, erhofft sich von dem Projekt Signalwirkung. „Wir können uns gut vorstellen, dass auch andere Fachrichtungen dieses Netzwerk für die teleradiologische Datenübertragung nutzen“, betont DRG-Präsident Professor Michael Forsting.

37 Wertungen (4.49 ø)
Allgemein

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4 Kommentare:

Wie in einem Nebensatz des Artikels erwähnt gibt es die Netzwerkstruktur vieler Orts für die Versorgung neurochirurgischer Patienten schon lange und sehr erfolgreich. Die Finanzierung blieb allerdings immer den einzelnen Kliniken überlassen. Trotzdem ist der Praxisnutzen unbestreitbar. Noch während der Patient in einem peripheren Haus im CT liegt und die Diagnostik noch läuft, kann als Reaktion auf das im CCT erkennbare SHT mit der versorgenden Neurochirugie Kontakt aufgenommen werden und im funktionierenden Netzwerk unmittelbar die Bilder betrachtet und die Entscheidung zur Übernahme gefällt werden. Vorläufer dieses Systems sind seit den frühen 90ern in vielen Neurochirurgien in Deutschland im Einsatz. Es ist sehr erfreulich wenn sich die DGU der Sache annimmt und damit einer breiten Masse verfügbar macht.

#4 |
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Student

Kleiner Wermutstropfen ist hier, dass mit einem Standard DICOM E-MAIL geworben wird, obwohl proprietäre Protokolle eingesetzt werden. Somit ist die Zukunft des Netzwerks eher ungewiss.

#3 |
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Rettungsassistent

Hoffentlich nicht nur im klinischen Alltag, sondern auch im Rettungswesen. Vor Ort der NAW und sofort alle Daten zur Klinikl. Ein lanh hehegter Traum von mir, den ich aber leider nicht mehr erleben werde ( z.Zt. 62 J.)

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Werner Bürgel
Werner Bürgel

Ich bin zwar kein Arzt, jedoch Vater von einem Tetraplegiker seit 1 1/2 Jahren. Was mich freute ist die Überschrift: Machen statt quatschen! Genau so ist Erfolg vorprogrammiert!
Werner Bürgel

#1 |
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