Ortho-VIPs: Müller-Wohlfahrt für alle

3. April 2012
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In den Vereinigten Staaten ist es schon üblich, aber auch bei uns sorgen die Medien für wachsenden Zulauf bei bekannten Praxen. In der Sportmedizin werben immer mehr „Promi-Orthopäden“ mit den „fabelhaften“ Erfolgen schneller Heilungen berühmter Sportler.

Es gibt viele Beispiele wunderbarer medizinischer Heilkunst: Der Fussballer, der nach einer vermeintlich schweren Verletzung schon einige Wochen später wieder auf dem Platz steht und den Skirennläufer, der nach dem Bänderriss in der darauf folgenden Saison Weltmeister wird. Allein der „VIP-Effekt“ mancher Mediziner scheint vielen Normalbürgern ausreichend, sich auf „revolutionäre“ Methoden zu verlassen, die nicht immer durch rigorose Studien geprüft sind.

Schlange stehen für den Termin

Kaum zu glauben, dass das nur am Training und dem dadurch gestärkten Muskelapparat liegen soll. Und es ist nur zu verständlich, dass der Freizeitsportler fest davon überzeugt ist: „Was gute Ärzte bei Prominenten reparieren und optimieren können, sollten sie auch bei mir hinkriegen.“

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist einer der bekanntesten Sportärzte Deutschlands. Sein neues Behandlungszentrum – 1600 Quadratmeter groß – steht im Zentrum Münchens und selbst bekannte Sportler bekommen dem Vernehmen nach dort nicht immer sofort einen Termin. Seine Therapien sind zuweilen umstritten, und dennoch weiß der aufmerksame Nachrichtenleser, dass schon viele berühmte Spitzensportler seine Hilfe gesucht haben.

Nachhaltiger OP-Effekt?

Kann Prominenz dort nachhelfen, wo aufwändige Studien für Wirkstoffe und Behandlungsmethoden fehlen oder nicht eindeutige Ergebnisse erbracht haben? Vor einigen Monaten hat sich auch die „New York Times“ des Themas angenommen und die Diskussion um neuartige Therapieformen mit zwei Beispielen angeregt. Fall eins: Knochenglättung per Arthroskopie beim Femoroacetabularen Impingement. Die Operation ist einer der häufigsten Eingriffe der Sportmedizin und wird doch noch immer heiß diskutiert. Besonders dann, wenn sie prophylaktisch vor einer Coxarthrose schützen soll. Die Reibung des Oberschenkelkopfes sorgt ebenso wie die Leistenzerrung häufig für Schmerzen in der Sportlerhüfte. Der Eingriff beseitigt Unebenheiten, sodass danach alles wieder „wie geschmiert“ läuft.

Meist kombiniert der Arzt mehrere Methoden, um den Sportler wieder fit für den Wettkampf zu machen. Ob es wirklich die Operation war, die eine beginnende Arthrose zumindest verzögert, darüber gibt es nur wenige Studien. Erst nach Jahren kontinuierlicher Beobachtung sind die Daten dazu wirklich stichhaltig. Die ,Times‘ zitiert Harry Rubash von der Harvard Medical School: „Niemand weiß wirklich sicher, dass die Operation für sich wirklich dem Patienten hilft.“

Impingement führt nicht automatisch zur Arthrose

Einer der berühmtesten Vertreter seines Fachs ist Marc Philippon, Hüftspezialist an der renommierten Steadman Klinik im amerikanischen Vail. Wer sich seine Internet-Seite ansieht, registriert die vielen Namen amerikanischer Sportler und Stars, mit denen sich der Arzt schmückt. Aber auch europäische Sportler fliegen gerne einmal nach Colorado, um, mit ihren Bedürfnissen, von der dortigen Erfahrung zu profitieren.

George Hartofilakidis aus Athen hat dagegen eine Studie mit knapp 100 Patienten veröffentlicht, die alle an einem Hüft-Impingement litten und nicht operiert wurden. Wie er im Journal of Bone & Joint Surgery schreibt, entwickelten nur 20 Prozent der Untersuchten 18 Jahre später eine Arthrose. Das ist nicht sehr viel mehr, als auch für den Durchschnitts-Probanden im Alter von knapp 70 Jahren zu erwarten wäre. Dementsprechend fördert das Impingement wohl nicht die stärkere Abnutzung des Gelenks. Als Prophylaxe scheint die Operation somit fraglich. „Wir haben keine Ahnung, ob der Knochen nach einer OP nicht nachwächst“, zitiert die New York Times John Callaghan von der Universität Iowa.

Plättchen machen Tempo

PRP steht für „plättchenreiches Plasma“. Auch hier boomt die neue Methode der PRP-Injektion bei Sportverletzungen dank Prominentenwerbung. John Bergfeld von der Cleveland Clinic formuliert das Erfolgsrezept so: „Berühmter Athlet, berühmter Doktor und ungeprüfte Therapie“. Die Wachstumsfaktoren der Thrombozyten sollen das verletzte Gewebe anspornen, Schäden schneller zu beheben. Nach einer Knieoperation wandte sich der Golfer Tiger Woods an den kanadischen Arzt Anthony Galea, der ihn auf wundersame Weise mit PRP schnell wieder auf die Beine brachte – und vor einigen Monaten wegen des unerlaubten Handels mit Dopingmitteln verurteilt wurde.

Die medizinische Kommission des IOC kommt bei PRP zu folgendem Schluss: „Eine sichere Empfehlung für PRP in der Klinik zur Unterstützung des Heilungsprozesses bei Muskel-, Sehnen-, Bänder- und Bindegewebsverletzungen können wir nicht geben.“ Mangels aussagekräftiger Studien raten die Olympier zur Vorsicht bei der Anwendung.

Run auf die Sportmedizin

Der neueste Trend in der Sportmedizin ist schließlich die Behandlung mit Stammzellen (DocCheck berichtete darüber). Neben Bänderrissen sollen auch Schulter und Ellenbogen mit den Alleskönner-Zellen schneller heilen. Besonders dann, wenn PRP nicht so wie gehofft wirkt. Dann sind Stammzellen die Empfänger für die PRP-Wachtumsfaktoren und fördern, so angespornt, die Reparatur. Zumindest in der Theorie.

Rund zehn Millionen Deutsche leiden unter Schäden an ihren Gelenken und Arthrose. Der Bedarf an wirksamen Strategien für die gewünschte Beweglichkeit ist groß. Ebenso groß wie auch der Berufswunsch von Ärzten, sich dem Fach „Sportmedizin“ zu widmen. Denn mit berühmten Aushängeschildern sollten sich die Wartezimmer fast von allein füllen. Ob jedoch die Goldmedaille eines Rekonvaleszenten die große randomisierte Studie ersetzt?

100 Wertungen (4.27 ø)

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19 Kommentare:

Nach einem Skiunfall, bei dem ich mir die HWS schwer beschgädigt hatte, so dass ich mit 55 Jahren meine Praxis und alle körperlichen Aktivitäten aufgeben musste, wurde ich insgesamt von 1o Orthopäden, darunter 3 Chefs von Unikliniken., sowie 5 Kollegen anderer Sparten, wie Neurochirurgie, NEurologie und Schmerzmedizin ohne jeden Effekt behandelt. Es wurde immer schlimmer und schliesslich trug ich 3 JaHRE eine Halskrawatte und nahm täglich starke Schmerzmittel. Schliesslich landete ich bei Prof. Klümper,wohin ich nur mittels Schlafwagen gelangen konnte.Nach 3 jähriger Behandlung bei ihm fing ich an, qwieder wie ein normaler MEnsch zu leben, nach ca 6 Jahren war ich fähig, die 5ookm von meinem Wohnort nach Freiburg mit dem Auto beschwerdefrei zurück zu leegen.Und das ist bis heute so geblieben,23 Jajhre nach dem Beginn der Behandlung durch Prof. K. undca. 33 Jahjre nach dem Unfall.Ich halte es nicht für richtig, einen Arzt wie Prof. Klümper von vornherein ohne seine Behandlungsmethoden wirklich zu kennen, in Bausch und Bogen zu verteufeln.

#19 |
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Eine erfolgreiche Therapie sollte für sich werben.

#18 |
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Prof. Dr. Dieter Böning
Prof. Dr. Dieter Böning

Früher in den achziger Jahren saß der Wunderheiler in Freiburg: Viele Sportler glaubten an Prof. Klümper. Er war u. a. einer von den behandelnden Ärzten der Sportlerin Birgit Dressel, die an Medikamentenüberdosierung starb.

#17 |
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die Qualität eines Arztes steigt mit dem Quadrat der Entfernung

#16 |
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PD Dr. med. Hans-Peter Schlake
PD Dr. med. Hans-Peter Schlake

Ich hatte einen Reha-Privatpatienten, welcher unter unklaren chronischen Schmerzen in einem Fuß gelittenn hat und bei besagtem DMW duertlich über 1.000 Euro für eine “Spezialbehandlung” mit irgendwelchen Infiltrationen gelassen hat, wobei sich der Erflg der Behandlung allerdings nur bei Herrn DMW einstellte.
In unserer “Hilfsmittelsprechstunde” anlässlich einer Bandscheiben-Reha fiel auf, dass die Einlagen des Patienten völlig “ausgelatscht” waren. Durch eine angepasste Erneuerung der Einlagen für etwas über 50 Euro konnten wir die Beschwerden des Patienten ebenso unspektakulär wie dauerhaft beheben. Kein weiterer Kommentar!

#15 |
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Bekanntheit schütz leider auch nicht vor schlechter Medizinischer Versorgung, siehe Michael Jackson, Ivan Klasnic, Sexy Cora usw.

#14 |
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Paul Weihe
Paul Weihe

Wer sucht den solche sogenannten “VIP-Ärzte” auf? Patienten die sportlich, jung und vermögend sind. In puncto körperlicher Grundvoraussetzungen und Compliance sind diese Patienten kaum mit dem alltäglichen Praxisklientel einer orthopädischen Praxis vergleichbar. Echte Beweise für bessere Erfolge der “VIP-Ärzte” stehen somit aus.

#13 |
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Dirk Reske
Dirk Reske

Was bedeutet hier denn die ” Medizin”? nur Geld, scheffeln, stapeln, beiseite schaffen. Glaubt denn wirklich der erfahrene medizinisch Sachverständige an den Weihnachtsmann? In fünf Jahren weiß kaum noch einer wer Robben war, der Durschnittspatient aber muß mit seinen Beschwerden sein weiteres Leben managen damit er ein Auskommen hat.

#12 |
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Medizinjournalist

miente natürlich @8 !

#11 |
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Medizinjournalist

@9 Danke Frau Arnold, für Ihren Kommentar. Ich halte Ihren Einwand für sehr wichtig! Denn in meinem Artikel kam es mir gar nicht so sehr darauf an, ob nun “Promi-Doktoren” “Wunderheiler” oder einfach besser als der “Land-Orthopäde” (Entschuldigung, soll keine Abwertung sein!) sind, sondern mit welchen Mitteln sie versuchen, Patienten für sich zu gewinnen. Und da spielt sicher die schnelle (!) Heilung eine größere Rolle als der langfristige Horizont. Aber die Frage ist: Machen sie diese Präferenz auch gegenüber Nicht-Sportlern kar?

#10 |
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Wenn man diese “Schicki-Micki-Medizin” mit “Wunderheilung” bei prominenten (meint: medienpräsenten und vor allem zahlungskräftigen!)Patienten so betrachtet, kann ich als erfahrener Chirurg mit sportmedizinisch-orthopädischer Zusatzqualifikation nur folgendes dazu bemerken:
Lasst doch all die Sportler ihr “sauer verdientes” Geld wie die Lemminge in solche Behandlungszentren tragen! Gleichwohl bin ich sehr beruhigt darüber, daß die übergroße Mehrheit aller Patienten in solchen Zentren gar nicht erst einen Termin bekommen würde und somit weitgehend von Geldschneiderei verschont ist und sehr wohl eine gute, wenn nicht sogar eine bessere! Therapie bekommt!

#9 |
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komisch auch,daß der “Muskelbündelfaserriß” bei Arjen Robben (FC Bayern) damals nur von Dr. Müller-Wohlfahrt entdeckt wurde und sonst von niemanden!

#8 |
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Könnte nicht ein gravierender Unterschied zwischen der an Spitzensportlern und Normalbürgern geübten Medizin sein, dass bei Spitzensportlern (böse gesagt) die sportliche Restkarriere im Vordergrund steht, die es zu erhalten gilt, und nicht so sehr der Zustand des Sportlers mit 70? Ich bin kein Mediziner, denke mir aber, wenn der Zeithorizont bei 30 Jahren endet, kann man aggressiver vorgehen, damit der/die Verletzte eben schneller wieder auf den Beinen ist.

#7 |
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Na ja-wir lesen im Videotext die Diagnosen etc.-Ob das und in welcher Hinsicht stimmt, wissen wir sicher nicht.Bei Betrachtung der Einzelfälle und der Schweregrade der Verletzungen, ihren Verläufen-würden wir uns sicher oft wundern. Viel ist einfach mediales Blah-Blah.

#6 |
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Student der Humanmedizin

Super Artikel! Vielen Dank!

#5 |
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Student der Humanmedizin

So langsam kommt die Wahrheit an`s Licht!!! Danke

#4 |
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Akademische- / Evidenz-basierte Medizin ist eine Sache.
(Und dies sollte unsere Basis sein !!!)
Wunder- /Popularmedizin ist eine andere.
Ich habe dieses Forum ¿ bis jetzt ¿ immer für ein wissenschaftliches gehalten, aber wenn jetzt derartige Themen zur Sprache kommen, komme ich ins Zweifeln.

#3 |
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Prof. Dr. med. Dieter Moschinski
Prof. Dr. med. Dieter Moschinski

Klare Worte bezüglich der “Medizinpopulisten”. Wie müssen sich die gewiß nicht dummen Vereinsärzte fühlen, wenn
die Spitzensportler der von ihnen betreuten Mannschaft mit mehr oder weniger in der betreffenden Sportart typischen Ver-
letzungen in die Hände fernab praktizierender medienpräsenter Kollegen begeben. Geböte es nicht der Anstand, dass diese Form des Medzintourismus von solchen Ärzten unterbunden würde?

#2 |
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Dr. med. Klaus-Eitel Schwarz
Dr. med. Klaus-Eitel Schwarz

Dem kann ich nur zustimmen, auch im Fall Dr. Müller Wohlfahrt , der bei Herrn Klinsmann einen Muskelriss innerhalb von 3 Tagen heilte. Ein wahrer Wunderheiler. Das stimmt mich als Mediziner sehr nachdenklich. Ich glaube aber, die betroffenen Kollegen haben oft einfach die Bodenhaftung verloren.

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