Listeriose: Stäbchen in der Prothese

3. April 2012
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Eine Listeriose endet für viele Patienten tödlich. Nicht ganz so gefährlich ist es, wenn sich die Bakterien ihr Habitat in Knochen und Gelenken suchen. Besonders bei Prothesenträgern scheinen sich Listerien wohl zu fühlen. Meistens hilft nur eins: Das Kunstgelenk muss raus.

Das Geschäft mit den beweglichen Ersatzteilen für den Körper blüht. Rund 200.000 Hüftgelenke und 80.000 Kniegelenke tauschen Chirurgen im Jahr gegen die entsprechenden Teile aus der Fabrik aus. Meist in der zweiten Lebenshälfte wird die mechanische Belastung für das natürliche Bauelement zu groß. Die Prothese verspricht im Idealfall mehrere Jahrzehnte an Beweglichkeit ohne Schmerzen, wenn alles klappt und sich Kunstknie- oder -hüfte und die vorhandene Struktur gut vertragen.

Listerien: Stark bei schwachem Immunsystem

Neben den Komplikationen, die beim Zusammenbau auftreten können, haben französische Wissenschaftler vom Pariser Institut Pasteur jetzt eine weitere Gefahr aufgedeckt, die auf Prothesenträger zukommt und einen Austausch erforderlich macht. Caroline Charlier und ihre Kollegen scheinen die künstlichen Gelenke als Reservoir für eine latente Bakterieninfektion ausgemacht zu haben. In „Clinical Infectious Diseases“ publizierten sie im November letzten Jahres eine Untersuchung von Listeriosen, die vor allem Knochen und Gelenke betraf.

Der Befall mit Listerien ist ein eher seltenes Ereignis. Die Statistik zählt in Europa wie in den USA etwa 5 Fälle pro einer Million Einwohner. Der Keim kommt überall in der Natur vor und überlebt auch längere Perioden bei 0 oder 45 Grad. Vor allem Listeria monocytogenes macht den Gesundheitsbehörden Ärger, wenn es hin und wieder zu Epidemien, meist durch verdorbene Lebensmittel, kommt. Durch frühen Kontakt hat das Immunsystem Listerien bereits kennen gelernt und reagiert effektiv auf jeden Invasionsversuch der Bakterien. Das opportunistische gram-positive Stäbchen macht sich daher vor allem Immundefekte zunutze, wie sie bei älteren Patienten oder solchen mit immunsuppressiver Therapie, aber auch bei Neugeborenen vorkommen.

Risikofaktoren: Alter, Prothesen, Rheuma

Charlier suchte sich aus den Listeriose-Meldungen in Frankreich alle Fälle zwischen 1992 und 2010 heraus, in denen Osteomyelitis, Arthritis oder Protheseninfektion erwähnt waren oder die mit Knochen oder Synovialflüssigkeit zu tun hatten. Alle 43 gefundenen Fälle waren nicht Teil einer Epidemie, sondern Einzelereignisse. Die Bakterien überlebten bei den Betroffenen in den Knochen und Gelenken. Mit durchschnittlich 72 Jahren war das Alter (über 60) der Hauptrisikofaktor für eine solche Infektion. Auffällig: Rund 80 Prozent der Patienten trugen Prothesen an Hüfte oder Knie. Anscheinend bieten sie damit den Listerien besonders günstige Bedingungen zum Überleben.

Auch eine rheumatoide Arthritis steigert das Infektionsrisiko um etwa das Zehnfache. Immerhin war jeder sechste untersuchte Listeriose-Fall auch eine Rheuma-Erkrankung. Einige Patienten erhielten TNFα-Blocker, die wohl die Wachsamkeit des Immunsystems gegenüber Listerien herabsetzten. Versteckt im Kunstgelenk Listeria monocytogenes führt bei akuten Infektionen zu einer Bakteriämie, manchmal dringt der Keim auch über die Blut-Hirn-Schranke ins zentrale Nervensystem ein. Auch eine Übertragung von der Mutter auf den Fötus während der Schwangerschaft ist einer der klassischen Infektionswege. Der Befall von Knochen und Gelenken ist eher untypisch, ist aber in den letzten Jahren immer häufiger geworden. Dennoch ergaben PCR-Analysen der Proben, dass sich die jeweiligen Isolate nicht von jenen bei Epidemien und in anderen Geweben unterscheiden. Vielmehr konnten die Forscher – erstmalig bei Listerieninfektionen -aus einem Klon drei verschiedene Subtypen isolieren. In keinem der Fälle führte die Infektion zum Tod. Wahrscheinlich, so meinen die Autoren des Berichts daher, sind die Listerien schon vor der Transplantation eingewandert und haben dann im eingesetzten Kunstgelenk eine Nische gefunden, in der sie sich vor den Angriffen der Körperabwehr verstecken konnten.

Sichere Therapie: Explantation

Um aber den ungebetenen Gast wieder loszuwerden, helfen nur radikale Massnahmen: Antibiotika und ein Austausch der Prothese. Bei fünf Patienten versagte die Therapie mit Amoxicillin und Aminoglycosiden. Bei ihnen (und acht weiteren Patienten) hatten sich die Ärzte nicht für eine Operation entscheiden können. Eine spätere Explantation verhalf jedoch drei von ihnen zu einer dauerhaften Erholung.

Immer wieder werden Fälle von mangelnder Hygiene bei der Produktion von Lebensmitteln bekannt. Trotzdem, so meinen Experten, ist bei der Herstellung nicht der Grund für die zunehmende Anzahl von Listerieninfektionen zu suchen. Eher liegen die Gründe in der unsachgemäßen und langen Lagerung etwa von Käse im heimischen Kühlschrank und an der Morbidität bei älteren Patienten. Die eingeschränkte Immunabwehr gibt den Bakterien im Körper eine gute Überlebenschance. Anders als bei den beschriebenen Fällen, bei denen der Keim im Knochen und Gelenk überlebt, ist dabei die Todesrate gerade bei Epidemien nicht zu unterschätzen. Sie liegt im zweistelligen Bereich.

Zwischen dem Einsetzen des Kunstgelenks und der meist subakuten Infektion vergehen im Durchschnitt neun Jahre. Trotz dieser langen Zeitspanne sollten sich Patient und Arzt darüber klar sein, dass das Fremdmaterial im Körper nicht nur der eigenen Beweglichkeit hilft, sondern auch kleinen schädlichen Fremdlingen eine Heimat bietet.

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