Insulinregulierung: Sitzen Lipide am Ruder?

23. Oktober 2014
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Max-Planck-Forscher untersuchten Lipidmoleküle, die in Fruchtfliegen wichtige Informationen über die Zusammensetzung der aufgenommenen Nahrung an das Gehirn senden. Das Resultat: Die Fette regulieren auf diese Weise den Insulinhaushalt. Der Kaloriengehalt spielt keine Rolle.

Fruchtfliegen im Labor von Suzanne Eaton leben im 5-Sterne-Hotel: ideale Temperaturen, keine Schwankungen, keine Fressfeinde und immer genügend zu fressen. Das Futter hat die Forscher nun besonders interessiert: Wie wirkt es sich auf die Produktion und Ausschüttung von Insulin aus?

Für die Laborfliegen hieß es: Futtern für die Forschung – sie bekamen verschiedene Futtermischungen vorgesetzt, die kalorisch absolut identisch, aber von unterschiedlicher Herkunft waren und unterschiedliche Fette enthielten. Der erste Futtertyp basierte auf Hefe und enthielt kurzkettige, gesättigte Fettsäuren. Er bewirkte, dass die Insulinproduktion der Fliegen deutlich hochgefahren wurde.

Bekamen die Tiere hingegen den zweiten Futtertyp zu fressen, eine rein pflanzliche Nahrung ohne Hefe, so hatte das den umgekehrten Effekt: Der Blutzucker-senkende Stoff wurde weniger produziert und ausgeschüttet. Die Blut-Hirn-Schranke, so zeigen die Studien der Dresdner Forscher, ist dabei hauptsächlich der Sensor, der an der Grenze zwischen Blutkreislauf und dem Nervensystem Informationen zur Nahrungszusammensetzung aufnimmt und an spezielle Nervenzellen weiterleitet, die dann im nächsten Schritt den Insulinspiegel hoch- oder herunterfahren.

Richtige Kost erhöhte durchschnittliche Lebensdauer

Bei den Fruchtfliegen im Labor hat die richtige Kost sogar die durchschnittliche Lebensdauer erhöht, obwohl das Futter durchaus kalorienreich war. Auch das untermauert die These, dass bei der Insulinregulierung nicht Kalorien entscheidend sind, sondern eher bestimmte Signalelemente, die richtige Zusammensetzung von Fetten. „Wenn man den gleichen Effekt wie mit einer sehr strengen Diät mit extrem reduzierter Kalorienzufuhr erzielen könnten, indem man einfach in der Nahrung die Signalmoleküle unter Kontrolle bekommt – das wäre natürlich fantastisch“, so Suzanne Eaton. Auf den Menschen lassen sich die Ergebnisse von den Fruchtfliegen allerdings nicht so einfach übertragen.

Insulinsignalwege in Mäusen und Menschen

Studien anderer Labore haben die Insulinsignalwege in Mäusen und Menschen verglichen: Die Ergebnisse geben Anlass zur Hoffnung, dass hier ein wichtiger Ansatz für zukünftige Therapien für Diabetes-Typ-2 liegen könnte. Eines Tages könnten auch die Erkenntnisse der Dresdner Forscher in der Medizin und vor allem in der Prävention hilfreich sein.

Denkbar ist, dass ein besseres Verständnis und eine klare Identifizierung der verschiedenen Lipidklassen in unterschiedlichen Nahrungsmitteln ein guter Weg wären, um sorgenfreien Genuss zu ermöglichen: Beispielsweise müssten Diabetes-Patienten dann nicht mehr auf eine extrem kalorienarme Kost achten, sondern könnten Nahrung mit den richtigen Signalelementen ganz ohne Gefahr konsumieren: „Wenn es die richtigen Fette enthält, wäre dann auch ein fettes Schnitzel kein Problem“, so Marko Brankatschk vom Dresdner Max-Planck-Institut.

Originalpublikation:

Delivery of circulating lipoproteins to specific neurons in the Drosophila brain regulates systemic Insulin signaling
Marko Brankatschk, et al.; eLife, doi: 10.7554/eLife.02862; 2014

14 Wertungen (4 ø)

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8 Kommentare:

Ich habs ja schon immer gewußt. Ein paar Fruchtfliegen zum Nachtisch und du kannst die Kalorien vergessen.
Nur, wenn das alle machen? Dann sterben die Fruchtfliegen womöglich aus? Daher ist es sehr lobenswert, daß in der Forschungsarbeit auch an eine lebensverlängernde Fütterung der Fruchtfliegen gedacht wurde und die Gehirnschranke beachtet wurde. Diese Beschrankung kommt in der Arbeit besonders gut zum Ausdruck.
Ruhig, Max! Du bist kein Erdbohrer, du bist tot!

#8 |
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Gast
Gast

Zur Erinnerung:
Typ I ist eine Autoimmunerkrankung, die zur irreparablen Mangelproduktion von Insulin führt,
Typ II beginnt mit nahrungsbedingtem Überangebot von Zucker, was zur Insulinresistenz der peripheren Zelle führt, die so viel Zucker nicht verkraften kann, selbst wenn der größte Teil in Körperfett verwandelt wird. Dadurch muss theoretisch die Insulinproduktion sekundär stärker gesteigert werden, als möglich = Diabetes, zu hoher Blutzuckerspiegel. Früher nannte man das “Altersdiabetes”, weil junge Menschen sich mehr bewegt haben und weniger übergewichtig waren. Heute fängt Insulinresistenz schon beim Kinderarzt an.

#7 |
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Dipl. Sozialökonom Olaf Steinke
Dipl. Sozialökonom Olaf Steinke

…. grundsätzlich sehr interessant. Was kann das für Tpy I Diabetiker bedeuten? z.B. Lipide und Insulinwirksamkeit?

#6 |
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Arzt
Arzt

Im Studium kann man lernen, dass Insulin durch erhöhten Blutzucker ausgeschüttet wird.

#5 |
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hebamme Birgit Gerber
hebamme Birgit Gerber

Es ist unglaublich, dass nicht übertragbare Versuche finanziert werden UND, dass andere Lebewesen leiden müssen (hier sind selbstverständlich nicht die Fruchtfliegen sondern die Säugetiere gemeint) damit Menschen sich mehr oder weniger der Völlerei hingeben können. Ein wenig Verzicht und Vernunft bei der Ernährung würde viele Krankheiten erst gar nicht entstehen lassen und käme den knappen Nahrungsressourcen entgegen.

#4 |
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…was bringt es denn, wenn sich die Menschen zwar Diabetes-konform hinsichtlich des Lipidmixes ernähren (ich bezweifle dass der eines “fetten Schnitzels” dies ist), aber sich foran um die Höhe ihrer Kalorienaufnahme keine Gedanken machen. Dann werden/bleiben sie übergewichtig/adipös mit allen bekannten Folgen und sterben irgendwann an einer Herz-Kreislauferkrankung – immerhin ohne Diabetes – na toll! (Sorry für den Sarkasmus).

#3 |
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“Studien anderer Labore haben die Insulinsignalwege in Mäusen und Menschen verglichen: Die Ergebnisse geben Anlass zur Hoffnung, dass hier ein wichtiger Ansatz für zukünftige Therapien für Diabetes-Typ-2 liegen könnte” – ziemlich vage Aussage!
Bei all den noch bestehenden Unsicherheiten scheint mir die “Hoffnung auf sorgenfreien Genuss” mit “fettem Schnitzel” und ohne auf Kalorien zu achten ein wenig in die falsche Richtung zu laufen.

#2 |
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An der Blut-Hirn-Schranke zeigt sich der Weg zum oder vom Diabetes. Mit der traditionellen chinesischen Medizin konnte ebenfalls Diabetes 2 beeinflußt werden. Bislang wußten wir nicht wie, hier wäre ein Schlüssel für die Erklärung.

#1 |
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