Opioide: Schmerzgrenzen der Sucht

29. Oktober 2014
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Die Langzeitanwendung von opioidhaltigen Analgetika bei chronischen, nichttumorbedingten Schmerzen wird weltweit kritisch diskutiert. Neu ist die Erkenntnis, dass Opioide fallweise zu lange und in der falschen Galenik verschrieben werden. Neue Leitlinien sollen helfen.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Opiatverordnungen sprunghaft angestiegen und die Kritiker von einst melden sich wieder zu Wort. Nach neueren Studien scheint erwiesen, dass Opiate auch Schmerzpatienten abhängig machen können. „Während eine Abhängigkeit von Opioiden eine Ausnahme darstellt, ist Abhängigkeit von Benzodiazepinen in der Literatur vielfach belegt“, so die namhaften Schmerztherapeuten Strumpf und Zenz im Jahre 1998. „Starke Opioide sind keinesfalls nur beim Krebspatienten im terminalen Stadium angezeigt, sondern immer dann, wenn es die Stärke des Schmerzes erfordert. Die Studie von Porter und Jick belegt eine Abhängigkeitsrate von 0,03 %. Grundlage für ein so niedriges Verhältnis ist eine konsequente Therapie nach Zeitschema, bei der Schmerzspitzen und somit der Wunsch nach Schmerzfreiheit oder der nächsten Tablettengabe nicht mehr auftreten.“ Prof. Zenz und sein Mitstreiter Prof. Dr. Michael Strumpf haben sich sehr engagiert dafür eingesetzt, Schmerzpatienten mehr Lebensqualität zu ermöglichen, und appellierten an die Ärzteschaft, endlich mehr Opiate zu verordnen. Dafür gebührt ihnen, auch aus heutiger Sicht, viel Respekt und zustimmende Anerkennung.

Meinungsumkehr mit Retardeffekt

Jetzt sind viele Schmerzforscher von dieser Meinung teilweise abgerückt. „Die klinische Erfahrung zeigt jedoch, dass aufgrund iatrogener Fehlanwendungen von Opioiden mittlerweile zunehmend Opioidentzüge notwendig werden. Für die sichere Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nichttumorbedingten Schmerzen ist eine differenziertere Betrachtungsweise erforderlich. Die Patientenauswahl muss sorgfältig erfolgen“, erklärte der mittlerweile verstorbene Prof. Dr. Strumpf in einer Publikation der Deutschen Medizinischen Wochenschrift. Auch andere Schmerztherapeuten machen eine Rolle rückwärts. „Anders als bisher angenommen sind Missbrauch und Abhängigkeit realistische Risiken einer lang andauernden Opioidtherapie nichttumorbedingter Schmerzen. Die Ursachen hierfür sind nicht eindeutig geklärt“, so der Mainzer Arzt Dr. J. Jage.

Den Meinungsbildnern ist durchaus bewusst, dass sie damit ihre einstigen Aussagen deutlich relativieren. „Vor einigen Jahren wäre man mit einem solchen Thema auf einem Kongress ausgelacht worden“, gab Dr. Johannes Lutz, Zentralklinik Bad Berka, auf einem Symposium zu.

Der Grund für die Meinungsumkehr begründet sich durch aktuelle Studien. Veränderungen in der Tumorbehandlung und -prognose und Veränderungen in der Opioidverschreibung haben zum Problem der nicht adäquaten Anwendung beigetragen. 50 bis 65 Prozent der Tumorpatienten überlebten heute einen Zeitraum von zwei Jahren nach Diagnosestellung. Berechnungen von Fishbain et al. ergaben für die Inzidenz des Opioidmissbrauchs und der Abhängigkeit unter einer Langzeittherapie bei Patienten mit chronisch nichttumorbedingten Schmerz einen Wert von 3,27 Prozent. Das ist im Vergleich zu der Angabe von 0,03 Prozent eine deutliche Steigerung.

Ein Problem ohne Namen

In der Literatur herrscht keine Einigkeit, wie man das Problem nennen soll. Fehlgebrauch, Gewöhnung, Abhängigkeit oder gar Sucht? International spricht man in Verbindung mit einer Opioidtherapie von addiction, abuse, misuse oder „aberrant drug-related behaviour“. Die British Pain Society nennt das Problem „Pseudoaddiction“. Gemäß ICD 10 wird zwischen schädlichem Gebrauch/Missbrauch und Abhängigkeit unterschieden. Eine ICD-Klassifizierung für einen „iatrogen gestützten Opioidfehlgebrauch“ sucht man vergebens. Egal wie man das Problem nennt, es ist keine „Sucht“ im klassischen Sinn. Sucht kommt von „sichen“, von dahinvegetieren. Mit dieser stigmatisierenden Nomenklatur wird man weder dem Arzt noch dem Patienten gerecht.

Sucht ist dosisabhängig

Nach früherer Meinung ist der Schmerz ein starker Antagonist zur Sucht. Lange wurde die Meinung vertreten, ein Schmerzpatient wird deshalb nicht abhängig oder gar süchtig. Auch weil die Motivation des Opiatgebrauchs eine gänzlich andere ist als beim i.v.-Konsum von Opiaten im Sinne einer Rauschdroge. Die Motivation des Drogenkonsumenten ist eine Euphorie, ein Kick und später die Linderung der Entzugssymptomatik. Ein Schmerzpatient will „nur“ schmerzfrei sein. So die Meinungen bis jetzt. Weil aber viele Patienten mit chronischen Schmerzen nicht schmerzfrei waren, haben sie sich höhere Dosen erschlichen, teilweise durch Ärztehopping. Ein anderer Aspekt ist die Eigentherapie von Komorbiditäten wie Depressionen oder Schlafstörungen. Der Patient kann meist nicht zwischen seiner Schmerzerkrankung und Entzugssymptomatik differenzieren. Unruhe, Zittern, Schwitzen, Tachykardie und Schmerzen finden sich bei beiden Phänomenen.

Grundsätzlich können alle Opiate auch beim Schmerzpatienten zu einem missbräuchlichen Konsum führen. Die Gefahr ist jedoch höher, wenn die Opiate nicht retardiert sind und sie in einer galenischen Form verabreicht werden, die ein rasches Anfluten ermöglicht. Außerdem gehen einige Opioide „fremd“ und besetzen auch andere Rezeptoren. So wirkt Tramadol beispielsweise als Serotonin- und Noradrenalinreuptakehemmer und besitzt so eine stimmungsaufhellende und antidepressive Wirkung. Besonders Frauen schätzen diese antidepressiven Effekte. Auch Tilidin besitzt ein hohes psychisches Abhängigkeitspotenzial. Seine euphorisierenden Effekte treten bereits bei 25 bis 50 mg auf und die Anwender schätzen die antriebsteigernden und anxiolytischen Effekte.

Stufenschema nur für Karzinompatienten

Die WHO hat klar definiert, wie Opiate bei chronischen Schmerzen verabreicht werden müssen. Nach einem Stufenschema, oral und zeitkontingent. Dieses Schema wurde für den Karzinompatienten entwickelt und ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Dennoch lassen sich auch heute noch gewisse Grundlagen ableiten. Rasch anflutende Opiate gelangen schnell ins Gehirn und erzeugen so auch rascher eine Abhängigkeit, mitunter gar einen „Kick“. So wird Fentanyl, das 100-mal so potent wie Morphin ist, nicht nur als Transdermales Therapeutisches System (TTS) eingesetzt, sondern auch als buccale Arzneiform und als Nasenspray. Für den Durchbruchschmerz ist das optimal und unverzichtbar. Im Rahmen eines Off-Label-Use wird aber buccales und nasales Fentanyl in der Dauertherapie eingesetzt.

Auch Fentanyl-TTS sind nicht risikolos. Im deutschen Spontanmeldesystem liegen Berichte zu Überdosierungen durch Fentanylpflaster mit zum Teil schwerwiegenden Folgen vor. Darüber hinaus wurden unerwünschte Reaktionen gemeldet, die auf eine Überdosierung hindeuten könnten, wie Bewusstseinsstörungen, Somnolenz oder Atemdepression. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) hat mehrfach Hinweise für eine sichere Anwendung zur Verfügung gestellt und sieht eine Indikation für Fentanylpflaster vor allem bei Patienten mit Dauerschmerzen und stabilem und gleichmäßigem Opioidbedarf. Spätestens seit Dr. House weiß man aber auch, dass orales Oxycodon abhängig machen kann. Auch wenn substanzspezifische Unterschiede eine Rolle spielen, scheint die Abhängigkeit eine Gruppennebenwirkung der Opioide zu sein.

Rezeptoren auf Tauchstation

Toleranzentwicklung und Hyperalgesie tragen zu einer Abhängigkeit bei. Opioidtoleranz und opioidinduzierte Hyperalgesie (OiH) sind zwei völlig unterschiedliche Phänomene. In beiden Fällen kommt es zu einem Wirkverlust der eingesetzten Analgetika, jedoch aufgrund unterschiedlicher Mechanismen.

Opioidtoleranz:

  • Bei Opioidtoleranz tritt der Wirkungsverlust schleichend ein.
  • Die Schmerzschwelle ohne Therapie ändert sich nicht.
  • Weder die Qualität der Schmerzen noch deren Lokalisation verändert sich.
  • Eine Erhöhung der Opioiddosis ist die Strategie der Wahl.

Bei der Opiattoleranz adaptieren Opiatrezeptoren oder „tauchen ab“. Je stärker ein Vollagonist am Rezeptor bindet, desto rascher erfolgt das Abtauchen des Rezeptors in die Zelle (Internalisierung). Unter langfristiger Opioidgabe weisen die hierfür relevanten Rezeptoren Adaptationsmechanismen auf, die sowohl in eine Desensibilisierung als auch in eine Internalisierung münden.

Opioidinduzierte Hyperalgesie:

  • Der Wirkungsverlust setzt abrupt ein.
  • Die Schmerzschwelle sinkt ab.
  • Die Grenzen des ursprünglichen Schmerzareals werden oft überschritten und die Schmerzqualität wird mehr diffus empfunden.
  • Eine Steigerung der Opiatdosis ist meist nicht zielführend.

Es werden vermehrt fehlerhaft Informationen an das Nervensystem gesendet und als Schmerz empfunden. Dies wird auch als neuronale Plastizität bezeichnet. Für die OiH werden verschiedene Faktoren verantwortlich gemacht. Über das Opiatsystem werden NMDA-Rezeptoren aktiviert. Es werden zusätzlich erregende Transmitter freigesetzt.

Der Nozizeptorenschmerz wird durch die Freisetzung von Prostaglandinen und Neuropeptiden ausgelöst. Bei einer Chronifizierung werden die Nozizeptoren sensibler, und die Verarbeitung in Rückenmark und Gehirn wird gefördert, der Schmerz wird intensiver wahrgenommen. Die OiH wird überwiegend über den μ-Rezeptor vermittelt, weshalb besonders Vollagonisten diese Nebenwirkung auslösen. Dies gilt besonders für Fentanyl und Morphin, weniger oder nicht für Buprenorphin.

Deutliche Hinweise auf Opioidabhängigkeit sind:

  • Patient meldet sich häufig zu früh, um neue BTM-Verschreibungen zu erhalten,
  • nimmt häufig Dosiserhöhungen ohne ärztliche Rücksprache/trotz ärztlicher Vorbehalte oder Warnungen vor,
  • berichtet mehrfach über Rezeptverlust oder -diebstahl.
  • Rezeptfälschungen
  • Patient versucht Opioide/andere psychotrope Pharmaka von mehreren Ärzten zu erhalten,
  • verwendet Opioide zu nichtanalgetischen Zwecken (z. B. Stressminderung, Sedierung, Beruhigung),
  • ändert den oralen/transdermalen in einen parenteralen Verabreichungsweg.

LONTS: Opioide nur für drei Monate

Wie relevant das Thema ist, belegt auch die im September dieses Jahres aktualisierte LONTS-Leitlinie (Langzeitanwendung von Opioiden bei nichttumorbedingten Schmerzen) der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes und gibt klare Empfehlungen. Die S-3-Leitlinie regelt die Langzeitanwendung von Opioiden über die Dauer von 3 Monaten hinaus und stellt fest, dass keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz über einen Zeitraum von mehr als Monaten besteht. Es sollen Opioide mit retardierter Galenik oder langer Wirkdauer nach festem Zeitschema eingesetzt werden.

Nach einer im Deutschen Ärzteblatt von Koppert im Jahr 2013 veröffentlichten Studie wurden 76,6 Prozent aller Opioide in Deutschland für Nichttumorpatienten verordnet. Deutschland steht damit an 3. Stelle der Opioidverordnungen weltweit. „Opioide werden überwiegend bei Nichttumorschmerz verordnet. Deshalb kann aus der Zunahme der Opioidverordnungen nicht auf eine bessere Versorgung der Tumorpatienten geschlossen werden“, so die Autoren der Leitlinie mahnend.

Wesentliche Kernaussagen der Leitlinie sind folgende Empfehlungen:

  • Durch Studien gesicherte mögliche Indikationen für eine 1- bis 3-monatige Therapie mit opioidhaltigen Schmerzmitteln sind chronische Schmerzen bei diabetischer Nervenschädigung, nach Gürtelrose und Arthrose sowie chronische Rückenschmerzen.
  • Bei anderen nicht tumorbedingten Schmerzen kann eine Therapie mit opioidhaltigen Schmerzmitteln als individueller Therapieversuch durchgeführt werden.
  • Migräne– und Spannungskopfschmerzen, Schmerzen bei seelischen Störungen und funktionellen Störungen wie Reizdarm und Fibromyalgie sollen nicht mit opioidhaltigen Schmerzmitteln behandelt werden.
  • Eine Therapie > 3 Monate soll nur bei individuellem Ansprechen (Erreichen individueller Therapieziele, gute Verträglichkeit) durchgeführt werden.
  • Eine alleinige Therapie mit opioidhaltigen Analgetika soll bei chronischen Schmerzsyndromen nicht durchgeführt werden.
  • Eine Dosis von > 120 mg/d orales Morphinäquivalent soll nur in Ausnahmefällen überschritten werden.
  • Eine antiemetische Behandlung kann bereits zu Beginn der Therapie erfolgen. Nach etwa 2-4 Wochen soll die Indikation für ein Absetzen der antiemetischen Therapie überprüft werden.
  • Nach 6 Monaten soll mit Patienten mit einem guten Ansprechen der Therapie die Möglichkeit einer Dosisreduktion und/oder eines Auslassversuches besprochen werden. Dies dient der Überprüfung der Indikation zur Fortführung der Behandlung und des Ansprechens auf parallel eingeleitete nicht medikamentöse Therapiemaßnahmen (z. B. multimodale Therapie).

Auch bei Rückenschmerzen keine Daueropiate

Beim chronischen Rückenschmerz sind opioidhaltige Analgetika um zwei Stufen abgewertet worden. Grund hierfür ist die eingeschränkte Relevanz einiger Effektstärken und das günstigere Nutzen-Risiko-Verhältnis von nicht- medikamentösen Verfahren. Die Nationale Versorgungsleitlinie Rückenschmerz gibt keine eindeutige Empfehlung zur längerfristigen Therapie mit opioidhaltigen Analgetika. Sie empfiehlt eine Reevaluation der opioidhaltigen Analgetika bei akutem nichtspezifischem Kreuzschmerz nach spätestens 4 Wochen, bei chronischem nichtspezifischem Kreuzschmerz nach spätestens 3 Monaten. Tritt die gewünschte Schmerzlinderung/Funktionsverbesserung nicht ein, ist die Fortsetzung der Therapie mit opioidhaltigen Analgetika kontraindiziert.

Leitlinie im Kreuzfeuer

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie und die Deutsche Schmerzliga kritisieren die LONTS-Leitlinie, erkennen aber gleichfalls Defizite in der Evidenz der Opiattherapie bei Nichttumorpatienten: „Die verfügbare Evidenz fällt vielmehr auf den ersten Blick ein eher deprimierendes (um nicht zu sagen vernichtendes) Urteil darüber, wie dünn das Eis ist, auf dessen Grundlage tagtäglich landauf und landab schmerztherapeutische Entscheidungen großer Tragweite getroffen werden.“ PD Dr. Michael A. Überall aus Nürnberg äußerte sich dazu wie folgt in einem Supplement der Münchner Medizinischen Wochenschrift: „Dort, wo diese Leitlinie benutzt wird, um nachgewiesenermaßen sinnvolle – weil effiziente – multimodale Therapieregime mit einer Langzeitopiattherapie unkritisch infrage zu stellen, wird dem praktisch schmerztherapeutisch tätigen Arzt und somit auch dem chronisch schmerzkranken Patienten Schaden zugefügt.“

Opioidentzug auch für Schmerzpatienten

„Bei Patienten mit persistierenden starken Schmerzen und/oder Beeinträchtigungen unter langfristiger Einnahme von opioidhaltigen Analgetika kann ein Opioidentzug innerhalb eines multimodalen Therapieprogrammes als therapeutische Maßnahme erwogen werden.“ Dies bewertet die LONTS-Leitlinie mit starkem Konsens. Kohortenstudien aus deutschen Schmerzzentren belegen eine Reduktion von Schmerzen und Beeinträchtigungserleben durch einen Opioidentzug innerhalb eines multimodalen Therapieprogrammes.

Nicht selten führt die Dosisreduktion bzw. das Ausschleichen der Opioide zu einer Besserung der Schmerzsymptomatik. Dies kann durch den Rückgang der opiatbedingten Hyperalgesie erklärt werden. Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit von Buprenorphin als Partialagonist. Bei dieser Substanzgruppe ist die Gefahr einer Hyperalgesie geringer. Sogar eine Substitutionsbehandlung für Schmerzpatienten ist denkbar, das BtM-Gesetz schränkt dies nicht ein.

Auch wenn die LONTS-Leitlinien Fragen offen lassen, sind sie notwendig und sinnvoll. Sie sollten nicht so verstanden werden, einem Schmerzpatienten Opioidanalgetika vorzuenthalten. Lediglich beim nichttumorbedingten Schmerz sollte die Therapie nicht länger als drei Monate dauern und die Schmerzmittel aus ihrer Formulierung langsam freigesetzt werden.

118 Wertungen (4.35 ø)

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16 Kommentare:

Altenpfleger

Gute Gedanken und immer wieder richtig, die Indikationsüberprüfung, und sich im Therapieverlauf verändernde Gegebenheiten vergegenwärtigen.
Alternativen sind aber oft sehr dünn gesät.
Fallbeispiel: Patientin im Pflegeheim, vor 12 Jahren schwerer Apoplex, Hemiparese, Kontrakturen, zeitweise Dekubiti, schwere gerontopsychiatrische Problematik, kann sich dadurch nicht verlässlich mitteilen, es werden starke Schmerzen unterstellt, orale Schmerzmittelgabe nicht möglich. Bekommt Fentanyl … diese Lösung ist aber nicht zufriedenstellend.
Wie kommt man da ran? Bei den vielen Erkenntnissen die ich hier lese, und den Gegendarstellungen erkenne ich keinen Weg aus diesem dichten Nebel, der gangbar ist, um solchen Menschen helfen zu können.

#16 |
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Nichtmedizinische Berufe

Mit solch einem Artikel kann man gar nichts anfangen, schlimmer: sehr kontraproduktiv, keine Differenzierungen, keine Alternativen und Stigmatisierungen am laufenden Band. Die Abgrenzung Schmerz-Patient von Drogen-Mißbrauch sollte einfach gelingen. Im Gegenteil, einige Schmerzpatienten müssen überzeugt werden von einer regelmäßigen Einnahme, um eben die Spitzen zu vermeiden, da der Schmerzpatient -auch dank solcher Artikel- sich als identifizierter Drogenabhängiger schlecht fühlt und mögliche Sucht, bei belegten ganzen 3 %, natürlich über eine ausgeprägte Schmerzsymptomatik gestellt wird. So wie präfinale Tumorpatient noch vor 10 Jahren – und das ist ein urdeutsches Problem: den Patienten nicht ernst nehmen und kriminalisieren.

#15 |
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Arzt
Arzt

Es muss hier ganz klar von einem unfairen Tiefschlag gegen professionelle Schmerztherapie gesprochen werden!
Das ist genau so, als würde man dem Chirurg das Messer wegnehmen, weil es zu gefährlich ist.
Grundsätzlich gibt es jedoch keinen qualitativen Unterschied von Schmerzen eines Tumorpatient und eines Nicht-Tumorpatient.
Liegen z.B. WS-Metastasen vor, die der Neurochirurg sich nicht mehr zutraut operativ zu beseitigen oder wesentlich zu lindern, so gibt es exakt die gleichen Scherzen bei degenerativen Veränderungen die gelegentlich schon zwei oder drei mal voroperiert sind, erfolglos, das ist wirklich keine Seltenheit.
Wer noch nicht erlebt hat, dass solche Patienten mit einer fachgerechten Opiatdauertherapie einfach vom Bett aufstehen, auf das sie vorher schon gefesselt waren und ein weitgehend unbehindertes Privatleben führen,
der hat einfach keine Ahnung von Schmerztherapie!
Drogenberater sind hier als Kommentatoren fehl am Platz.
#8 das Kind mit dem Bade ausschütten ist die richtige Beschreibung.

#14 |
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KHK Horst Franz Wimmer
KHK Horst Franz Wimmer

Mich wundern diese Ergebnisse nicht, habe ich doch aufgrund meiner Tätigkeit im Drogen- und Medikamentenbereich seit Jahren diese Entwicklung mitverfolgen müssen.
In meinem neue erscheinenden Buch “Medikamente & Drogen im Abreist- und Schulbereich” gebe ich die praktischen Erfahrungen als leitender Kriminalbeamter, Buchautor und Gesundheitsberater mit psychokinesiologischer Ausbildung und jahrelanger Hospitation im Praxisbereich weiter, um Führungskräften, Ausbildern und Sicherheitsfachkräften praktische Tipps zur Früherkennung von Missbrauch und Abhängigkeit und zum Erhalt der Arbeitssicherheit weiterzugeben und Lösungsansätze vorzustellen. F.H. Wimmer/Fürth

#13 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Ich denke dieser neue widersprüchliche Leitlinientrend kommt wie viele kulturelle “Segnungen” aus den USA, wo sich das illegale harte Drogenproblem angeblich in einem Jahr verdoppelt hat, längst nicht mehr nur in den Großstädten.

#12 |
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Olaf Ehrke
Olaf Ehrke

Bei einer schubförmig remittierenden MS ist die Anwendung von opioidhaltigen
Schmerzmittel unverzichtbar, wenn ein ausgeprägtes Schmerzsyndrom einhergeht. Wer da glaubt, stringend an “Leitlinien” festhalten zu müssen, sollte dann nochmal tief in sich gehen!
Es kann schließlich auch kein Ziel sein, Schmerzpatienten in die Illegalität zu treiben.
Das sog. “Ärztehopping” mag verbreitet sein, aber was soll ein Patient tun, der
seine Schmerzen konventionell nicht in den Griff bekommt?

#11 |
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Ärztin

@jan Schulze: Die frühere deutsche Unterscheidung von Opiaten als natürliche und Opioiden als synthetische Stoffe ist in im Sprachgebrauch unter Schmerztherapeuten völlig verlassen worden. Wie international üblich wird nur noch von Opioiden gesprochen.

#10 |
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wenn man manche Empfehlung liest, die Paracetamol bei Rückenschmerzen empfiehlt fragt man sich, ob diese Ärzte jemals an Patienten gearbeit haben.
Der typische Schmerzpatient in meiner Praxis ist zwischen 70 und 90 Jahren, hat eine Herzinsuffizienz mit oder ohne KHK und teilweise einen Diabetes. Überwiegedn sind es deg. Veränderungen der LWS als Ursache der Beschwerden. Mit Paracetamol bekomt man die Schmerzen, auch vor allem wegen der Wirkdauer fast nie gelindert. NSAR scheiden aus wegen der Herinsuffizienz und wegen der häufig gleichzeitig vorliegenden Niereninsuffizienz. Vor Novaminsulfon wird wegen der z.T. gravierenden Nebenwirkungen gewarnt. Nicht selten gibt es darunter auch allergische Reaktionen. Also bleiben nur Opoide. Tramal muss dann zumeist so hoch dosiert werden, dass es wegen Übelkeit wieder abgestezt wird. Bleibt dann Tilidin und die Opiate. Und nun ? Die Schmerzen des Patienten sind nach 3 Moanten sicher nicht weg.

#9 |
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Gast
Gast

@Remedias Cortes, und #1 völlig richtig!
Hier wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
Auch bei “Antirheumatika” und anderen “Schmerzmitteln” (Phenacetin-Niere) oder Valium und Co. gibt es Missbrauch, warum sollte es bei Opiaten anders sein.
Umgekehrt, das kommt hier eindeutig zu kurz,
sind Opiate richtig angewendet, bis auf etwas Obstipation, völlig nebenwirkungsfrei!

#8 |
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Apotheker

“Weil aber viele Patienten mit chronischen Schmerzen nicht schmerzfrei waren, haben sie sich höhere Dosen erschlichen, teilweise durch Ärztehopping.”

Wenn man es durch inadäquate Schmerztherapie zur chronifizierung kommen lässt…? Wer kann es einem Leidenden verübeln, dass er seinen Schmerz loswerden will? Das ist nämlich, das Kernproblem “süchtiger” Schmerzpatienten. Aus Angst vor Sucht werden Opioide zu zaghaft Eingesetzt und die Patienten dosieren Eigenständig nach und die Folge sind unkontrollierte Dosissteigerungen…
Wie bereits mehrfach hier erwähnt: Opioide sind sehr gute Arzneimittel die bei bestimmungsgemäßer Anwendung auch sicher sind. Sollte jetzt vor deren Gebrauch zurückgeschreckt werden “züchtet” man sich nur noch mehr Schmerz-Chroniker und erkauft sich “Suchtfreiheit” mit sinkender Lebensqualität. Aus ökonomischen und v. a. ethischen Gründen nicht vertretbar…

“…deutschen Spontanmeldesystem liegen Berichte zu Überdosierungen durch Fentanylpflaster mit zum Teil schwerwiegenden Folgen vor…”

Überdosierungen? Aber wohl nur wegen unsachgemäßen Gebrauchs oder Verschreibung zu großer Freisetzungsraten. Der Release aus den Matrix-TTS ist, bei ordnungsgemäßer Anwednung, absolut konstant.

*Klugscheißermodus an* Btw.: Opiate und Opioide bitte nicht synonym verwenden… es handelt sich um Zweierlei.

#7 |
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Dr. med. Klaus GÜNTHER
Dr. med. Klaus GÜNTHER

Dass ret. Opiate, in Gegensatz zu den Beteuerungen der Meinungsmachern unserer Zunft auf Kongressen und in Veröffentlichungen, süchtig machen, war nicht nur mir ( ehemaliger Schmerztherapeut), sondern auch anderen Kollegen schon vor 20 Jahren bewusst.
Es war die Folge des Einflusses der Pharma -Lobby auf die damaligen Meinungsbildner, welche im vorauseilenden Eifer bewusst oder unbewusst dies so missionierten, dass ret. Opiate nicht süchtig machen würden.
Und die Masse der Lauschenden ( typisch im Medizinbetrieb ) haben dies kritiklos übernommen.
– Aber: Die Abwägung Schmerzen oder Sucht; das ist die ärztliche Entscheidung.
Nur stand diese Betrachtung damals nicht im Fokus.
Die „Autorität“ der Meinungsbildner war stärker als die eigene ärztliche Wahrnehmung.
Der vorliegende Artikel zeigt dies sehr schön mit der Aussage : „Vor einigen Jahren wäre man mit einem solchen Thema auf einem Kongress ausgelacht worden“, gab Dr. Johannes Lutz, Zentralklinik Bad Berka, auf einem Symposium zu…
In diesem Zusammenhang sollte man die Evidenzbasierte Medizin (EbM) , welche die heutigen Leitlinien bestimmt die wiederum von vermeintlichen „Autoritäten“ kreiert werden und in deren Folge die eigene ärztliche Erfahrung relativieren, auf den Prüfstand bringen.

#6 |
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Andrea Kockmann
Andrea Kockmann

Ich frage mich, wieviele Schmerzpatienten sich aus lauter Verzweiflung und mangelhafter unzureichender Schmerztherapie das Leben nehmen wollen. Endlich war es so, dass den Patienten langsam aber sicher eine bessere Therapie zu teil wurde. Jetzt will man wieder zurück. Klar ist Abhängigkeit ein nicht zu unterschätzendes Problem, aber steht nicht die Lebensqualität an erster Stelle? Leitlinien sind was tolles. Endlich kann man den Menschen vereinheitlichen und wie Maschinen behandeln. Leider lassen sich Leitlinien aber höchstens als grobe Handlugnskonzepte anwenden, da der Mensch keine Maschine ist, sondern individuell. Wenn es passt schön, aber wo bleibt der Raum für Alternativen, wenn es nicht passt?

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

ich bin Schmerzpatientin ( Neuropathische Schmerzen nach 4 Wirbelsäulen- OPs)
und bekomme Targin mit anderen Medikamenten ( Lyrica, Trimipramin) . Ich war durch NSAR schon am Rande des Nierenversagens ,und obwohl ich Novalgin bis zum Abwinken genommen habe, habe ich oft geheult vor Schmerzen. Dank der neuen Schmerzmittel- Kombi, die ich aber in einer Schmerzklinik bekommen habe, geht es mir ziemlich gut. Ich habe jetzt nach 3 Jahren immer noch kein Bedürfnis, die Dosen zu erhöhen . Und selbst – wenn ich süchtig sein sollte, das ist mir offen gesagt gleich. Lieber ein Suchti als solche Schmerzen!!!

#4 |
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Jens Schaefer
Jens Schaefer

Starke Schmerzmittel wie die Opioide sind ja nicht dafür da im Schrank zu stehen, sondern um Menschen mit Schmerzen Abhilfe zu verschaffen.

Bei chronischen Schmerzen (auch Rückenschmerzen) sind Opioide doch im Langzeitgebrauch sicher besser geeignet als die NSAR welche ja nun schon bei kurzzeitigem Gebrauch auf Nieren Magen und Leber ihre schlechten Auswirkungen zeigen.
Vorausgesetzt man geht vernünftig damit um. Dr. Jeffrey Junig aus Wisconsin lässt grade eine Studie laufen, dort wird untersucht wie sinnvoll die Gabe von einer Basis-Dosis des Opioid-Teilagonisten/Antagonisten Buprenorphin zusätzlich vor einem Opioid-Vollagonisten wie Oxycodon bei suchtgefährdeten Schmerzpatienten sein kann. Die Beobachtung bisher zeigt: der Patient entwickelt keine erhöhte Toleranz (außer gegen den die Buprenorphin-Dosis), ein “high” durch den Vollagonisten bleib genauso aus wie Dosissteigerungen, aber die analgetische Wirkung bleibt erhalten. Das klingt nach einem vielversprechenden Weg, um gewisse Opioide etwas zu “entschärfen” um auch Schmerzpatienten mit “Suchtgefahr” endlich eine menschenwürdige Versorgung anzubieten.

#3 |
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Arzt
Arzt

Es soll ja tatsächlich noch erfahrene Ärzte geben, die ganz, in Worten GANZ ohne Leitlinien sehr erfolgreich arbeiten.
Ihr Geheimnis scheint zu sein, dass sie nicht jeden Patient gleich behandeln;
kaum zu glauben.

#2 |
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Gast
Gast

ein Schritt vorwärts, 2 zurück,
nicht sehr überzeugend!

#1 |
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