AMTS: Der Zug fährt ab

14. Oktober 2014
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Medikationsmanagement, Arzneimitteltherapiesicherheit oder pharmazeutische Betreuung: Heilberufler und Politiker sprechen derzeit viel über neue Strategien. Während Apotheker noch grübeln, welche Fortbildung sie benötigen, springen Internisten auf den fahrenden Zug. Sie sehen pharmazeutische Leistungen im ärztlichen Bereich.

Ältere, multimorbide Patienten erhalten oft Verordnungen diverser Fachärzte und Allgemeinmediziner. OTCs und Nahrungsergänzungsmittel kommen mit hinzu. Doch viel hilft bekanntlich nicht viel: Interaktionen oder Anwendungsfehler haben fatale Folgen. Untersuchungen zufolge lassen sich 30 Prozent aller Krankenhausbehandlungen bei Patienten über 75 auf unerwünschte Arzneimittelereignisse zurückführen. Um hier gegenzusteuern, wären Medikationspläne wichtig – heute eher die Ausnahme als die Regel.

Pilotprojekt gestartet

Ein Beispiel: Kollegen des Aktionsbündnisses „Sichere Arzneimittelanwendung Rhein-Neckar-Kreis / Heidelberg“ befragten 5.340 Bürger nach entsprechenden Dokumentationen. Nur jeder zweite Patient hatte tatsächlich einen Medikationsplan. „Das wollen wir deutlich verbessern“, sagt Professor Dr. Haefeli, Ärztlicher Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie an der Universität Heidelberg. „Unser Ziel ist, durch eine breit angelegte Kampagne und gezielte Aktionen möglichst alle Arzneimittelanwenderinnen und -anwender zu motivieren, einen Medikamentenplan zu nutzen.“ Neben Kliniken ist das Gesundheitsamt Rhein-Neckar-Kreis/Heidelberg mit von der Partie. Trotz aller Euphorie für regionale Projekte fehlen bis heute flächendeckende Lösungen. Politiker sind nicht mehr bereit, länger zuzusehen. „Das Problem der unerwünschten Arzneimittelwirkungen ist ohne eine funktionierende elektronische Gesundheitskarte nicht zu lösen“, weiß Karl-Josef Laumann (CDU), Patientenbeauftragter der Bundesregierung.

Bashing aus Berlin

Bei Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) ist die Botschaft längst angekommen. Anlässlich des Deutschen Apothekertags 2014 hatte er mangelnde Fortschritte bei der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) kritisiert. Vor mehr als zehn Jahren wurden mit Paragraph 291a wichtige Eckpunkte im V. Sozialgesetzbuch verankert – inklusive elektronischer Rezepte. Seither hat sich wenig getan. Deshalb macht Gröhe jetzt Nägel mit Köpfen. Er will noch in diesem Jahr ein E-Health-Gesetz auf den Weg bringen – als Beitrag zur Arzneimitteltherapiesicherheit. Zwar nennt das Bundesministerium für Gesundheit noch keine Einzelheiten. Einige Eckpunkte stehen dennoch fest. Beispielsweise sollen Patienten, die mindestens fünf Präparate anwenden, einen laienverständlichen Medikationsplan erhalten. Auf Wunsch können OTCs ebenfalls mit aufgenommen werden. Um Ärzten und Apothekern einfache Zugriffsmöglichkeiten zu geben, plant Gröhe, Daten über die eGK bereitzustellen. Für Versicherte ist dieser Service freiwillig. Auch hier bleiben Fragen offen, etwa hinsichtlich der beliebten Ärztemuster oder hinsichtlich von Privatverordnungen.

Internisten wollen mehr

Soweit zu Planungen des Bundesministeriums für Gesundheit. Jetzt sorgen Internisten für Schlagzeilen. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) hat jetzt eine spezielle Arbeitsgruppe „Arzneimitteltherapie-Management & AMTS“ eingerichtet. In der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ begründen Professor Dr. Kai Daniel Grandt und Professor Dr. Ulrich R. Fölsch ihre Planungen: Multimorbide Patienten würden von fünf oder mehr Ärzten behandelt. Studien hätten gezeigt, dass die Kommunikation zwischen Spezialisten und Hausärzten, aber auch zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor ein Problem sei. „Verlockend klingen vermeintlich einfache Rezepte wie ‚nicht mehr als fünf Tabletten‘ oder ‚Überprüfung der Arzneimitteltherapie durch den Apotheker‘; aber sind dies Erfolg versprechende Lösungsansätze?“, schreiben Grandt und Fölsch. „Da eine detaillierte Kenntnis des Verlaufes und der Beeinflussbarkeit von Erkrankungen durch Medikamente die Voraussetzung für zielführende und adäquate arzneitherapeutische Abwägungen ist, kann der Beitrag der Internisten hier nicht durch andere geleistet werden.“ Sie räumen zwar ein, Hausärzte, weitere Fachärzte und Apotheker könnten ebenfalls ihren Beitrag leisten. Dieser bestehe aber nicht darin, die Verantwortung für internistische Arzneimitteltherapien zu übernehmen, diese zu optimieren oder zu verändern.

Der Rubel rollt

Grandts und Fölschs Einschätzung ist nicht ohne Brisanz. Während Internisten überzeugt sind, ohne zusätzliche Schulungen Aufgaben rund um Arzneimitteltherapiesicherheit beziehungsweise Medikationsmanagement zu übernehmen, sprechen sie anderen Professionen die Qualifikation teilweise ab. Apotheker ihrerseits sind verunsichert: Welche Fortbildungen müssen sie belegen, um hier erfolgreich tätig zu werden? Offizielle Standards fehlen bis heute. In diesem Vakuum werden sich schnell selbsternannte Berater oder Kursanbieter breit machen und Leistungen für teures Geld zu Markte tragen. Selbst etablierte, kostengünstige Module der Apothekerkammern wie ATHINA („Arzneimitteltherapiesicherheit in Apotheken“) führen zu hohen zeitlichen Belastungen. Alle 36 Monate ist eine Rezertifizierung erforderlich. Darüber scheinen sich Internisten keine Gedanken zu machen.

33 Wertungen (4.61 ø)

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10 Kommentare:

Apotheker

Wie ich es hasse, dieses ständige Gegeneinander von Ärzten und Apothekern (“Abstecken von Claims”, “Wildern in fremden Revieren”, Drohungen mit Retourkutschen etc.), statt zum Wohle der Patienten ein vernünftiges Miteinander zu pflegen, wie es zumindest lokal ja durchaus gelingt! Warum tun sich Krankenkassen- und Ärzteverbände so schwer damit, die Fachkompetenz von Apothekern und die Sinnhaftigkeit der Zusammenarbeit auf Augenhöhe anzuerkennen? Es wird höchste Zeit, dass sich da mal was bewegt in gewissen Köpfen!

#10 |
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Apotheker

AMTS ist nur durch eine multidisziplinäre Zusammenarbeit zu gewährleisten. Leider scheint das sehr sehr schwer zu sein! Ein Apotheker hat nicht die Befugnis medikamentöse Therapien im RX bereich zu verändern, Ein Arzt wenig bis gar keinen Überblick darüber, was sich der Patient an OTC-Ware “einschmeisst”. Fachliche Kompetenz bzgl. Interaktionen und Nebenwirkung liegen sicher beim Apotheker, die Kompetenzen über individuelle Therapie (-anpassung)sicher beim behandelnden Arzt.
Nur durch eine funktionierende Kommunikation zwischen Apotheke und Praxis, mit dem Wohl des Patienten im Mittelpunkt, lässt sich eine AMTS realisieren.

#9 |
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Nichtmedizinische Berufe

Liebe Leser,

vielen Dank für Ihre Kommentare. Bitte bedenken Sie jedoch die Netiquette.

Ihre DocCheck News Redaktion

#8 |
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Irmchen
Irmchen

Herzallerliebster Arzt, wenn’s mit Argumenten dünn wird, greift der Einfältige gern zur Verunglimpfung. Wenn’s mit der Praxis mal nicht so läuft, sollten Sie den Gang in die Politik anstreben. Da werden solche Leute gebraucht.

Beste Grüße!

#7 |
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Arzt
Arzt

Liebes @Irmchen wer einen Dialog mit “Geifer vor dem Mund” versucht, kann nur eine bedauernswerte Zicke sein, genau das, was sich Gesundheitspolitiker wünschen, damit sie die Daumenschrauben weiter anziehen können.

#6 |
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Gast
Gast

Also ich als Pharmazeut kann mich nicht errinern einen Humangenetikkurs in der Uni belegt zu haben, der den Namen auch verdient. Pharmakogenetik ging auch nicht tiefer ins Detail als in jedem normalen Pharmakologielehrbuch.

Als Zweitstudent der Medizin kann ich allerdings sagen, dass wir einen Humangenetikkurs haben, der recht stark ins Detail / die Materie geht. Und Pharmakogenetik ist auch nicht wirklich weniger.

… Ich rate – wie immer – die Pharmazie muss sich hier und da auch mal an die eigene Nase fassen (in diesem Fall veraltetest Studium) …

#5 |
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Irmchen
Irmchen

Lieber (hier stimmt die Endung) Arzt, viel Spass damit!! Wenn Sie glauben, das sei in der heutigen Zeit ein Zuckerschlecken, dann haben Sie, wie viele Ihrer Kollegen auch, das Thema “Rabattverträge” NICHT verstanden… Viel Spass auch bei der Umsetzung der Importquote, und vielleicht belegen Sie dann auch endlich einen Kurs in “wie fülle ich ein Rezept ABRECHNUNGSSICHER und BELIEFERBAR und v.a. für den Patienten ungefährlich (!) aus”… und bei all dem Spass, vergessen Sie bitte nicht Ihre Kommune, die will dann richtig Geld von Ihnen… der Fiskus klopft Sie dann auch mal soo richtig durch – die arbeiten mit Steuersätzen von vor 10 (oder noch länger!) Jahren. Da wird die digitale Betriebsprüfung zum Heidenspass – selbst wenn Sie dann irgendwann doch noch alles belegen können. Vielleicht schaffen Sie, lieber Arzt, es dann endlich auch einen geeigneten Softwareanbieter zu finden, der zumindest 14tägig Ihre Daten aktualisiert?! Dann gehören Sprüche wie, “meine Daten sind doch superaktuell – die werden jedes halbes Jahr gepflegt” der Vergangenheit an.

So, und wenn Sie jetzt einmal den Geifer vor dem Mund abwischen – lassen Sie uns vernünftig diskutieren – es gibt mehr als genug Baustellen und bislang ist der Patient immer der Dumme zwischen all den Stühlen und er sollte eigentlich im Mittelpunkt stehen.

#4 |
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Arzt
Arzt

Lieber Apotheker, Ärzte könnten dafür Medikamente verkaufen :-)

#3 |
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Apotheker

Eventuell sollten Apotheker auch einfach mal “machen” und nicht immer bis zur 8ten Nachkommastelle die Details ausdiskutieren.
Übers diskutieren und Leitbild etc. erstellen sichern sich andere Heilberufler eventuell schon die besten “Claims” am “Yukon”.
Man denke nur an das Gendiagnostikgesetz: Wer macht die Beratung? Ärzte (deren Ausbildung wird meines Wissens nach erst ab 2016 “scharf geschaltet” – Pflichtstunden etc.).
Wer hört Genetik und Pharmakogenomik an der Uni? Pharmazeuten … UNd obwohl die ABDA damals “bis zur Selbstaufgabe gekämpft hat” wurden die Apotheker im Gendiagnostikgesetz nicht berücksichtigt!

#2 |
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Dr. Marcel Goubeaud
Dr. Marcel Goubeaud

Der Zug wird, wie immer, die Apotheken überrollen……

#1 |
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