Antibiotika: Verordnung mit West-Ost-Gefälle

9. Oktober 2014
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Eine aktuelle Untersuchung zeigt nun, dass in Deutschland die niedergelassenen Ärzte zunehmend zurückhaltender Antibiotika verordnen. Vorreiter sind dabei die Kinderärzte. Die Verordnungszahlen sinken jedoch regional unterschiedlich und es gibt altersabhängige Unterschiede.

In Deutschland wird auf gesetzlicher Grundlage der Einsatz von Antibiotika in Kliniken überwacht. Im ambulanten Versorgungsbereich existiert ein derart systematisches gesetzlich geregeltes Monitoring indes nicht. Insbesondere fehlen statistische Auswertungen, die eine Beurteilung des Trends über mehrere Jahre hinweg erlauben. Eine Studie der Wissenschaftler vom Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung (Zi) analysierte nun den Antibiotikaverbrauch auf der Basis der verordneten Packungen und definierten Tagesdosen sowie auf dem Anteil der Patienten mit mindestens einer Antibiotika-Verordnung.

Rückläufiger Trend

„Unsere Analysen belegen statistisch signifikante rückläufige Trends bei der Verordnung von Antibiotika, die allerdings bei verschiedenen Altersgruppen und in verschiedenen Regionen unterschiedlich ausfallen“, erklärt Ramona Hering, eine der Studienautoren. Besonders deutlich ist dieser Trend bei Kindern: Die Ärzte verordnen Antibiotika in geringeren Dosierungen und seltener. Darüber hinaus sank im Beobachtungszeitraum auch der Anteil jener Kinder, die überhaupt antibiotisch behandelt werden, auf deutlich unter 40 Prozent, nachdem er in 2009 darüber gelegen hatte. „Angesichts der Resistenzproblematik ist diese Entwicklung äußerst positiv“, betont  Mitautorin Dr. Mandy Schulz.

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Antibiotika im Kindesalter in allen Bundesländern rückläufig: Antibiotikaverordnungen bei Kindern bis 14 Jahre im ambulanten Bereich in den Jahren 2008 und 2012. DDD = Definierte Tagesdosis. © Versorgungsatlas

Spielraum nach unten

Bei erwachsenen Patienten ist das Verordnungsverhalten der Ärzte hingegen stabil. In der großen Altersgruppe der 15-69-Jährigen bestehe, so die Wissenschaftler, noch Spielraum nach unten, wenn leitliniengerechter behandelt würde. Der ebenfalls statistisch signifikante rückläufige Einsatz von Antibiotika bei älteren Menschen jenseits des 70. Lebensjahres könnte auch damit zu tun haben, dass diese Patienten bei Infektionen verstärkt in Kliniken eingewiesen und dort antibiotisch behandelt werden.

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Kaum Bewegung: Antibiotikaverordnungen bei Erwachsenen zwischen 15 und 69 Jahren im ambulanten Bereich in den Jahren 2008 und 2012. DDD = Definierte Tagesdosis. © Versorgungsatlas

West-Ost-Gefälle

Generell gibt es auch regionale Unterschiede. Es existiert ein West-Ost-Gefälle: Spitzenreiter bei den Verordnungen sind Rheinland-Pfalz und das Saarland, in den neuen Bundesländern verordnen die Ärzte hingegen weniger Antibiotika. Aber auch in Schleswig-Holstein und Bayern sind die Verordnungszahlen vergleichsweise niedrig.

Problemfall Reserveantibiotika

Die Wissenschaftler vom Versorgungsatlas haben auch untersucht, welche Antibiotika verordnet wurden. Sorgen bereitet ihnen dabei der absolute und relative Zuwachs bei der Verordnung sogenannter Cephalosporine. Dies ist auch bei der Behandlung von Kindern unter 14 Jahren der Fall. Zwar scheint der Anstieg bei der Verordnung der Cephalosporine inzwischen zum Stillstand gekommen zu sein, doch Handlungsbedarf sehen die Wissenschaftler gleichwohl. Eine europäische Untersuchung aus dem Jahr 2010 zeigt, dass in Norwegen, Schweden, Dänemark und Holland Cephalosporine in der ambulanten Therapie kaum eingesetzt werden. „Wenn dies dort klappt, sollte das auch bei uns funktionieren“, mahnt Bätzing-Feigenbaum.

Ebenfalls warnen die Forscher vor dem Einsatz von Fluorchinolonen bei älteren Patienten. Diese werden in der Gruppe der über 70-Jährigen am häufigsten verordnet, gelten aber als Hauptverursacher von schweren Infektionen mit dem Bakterium Clostridium difficile, die mit einer hohen Sterblichkeitsrate verbunden sind. Auch hier sehen die Experten noch Handlungsbedarf für die ärztliche Fortbildung.

17 Wertungen (4.88 ø)

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2 Kommentare:

Dr. med. Walter Müller
Dr. med. Walter Müller

Die einzelnen KV en haben wohl einen Überblick über das Verordnungsverhalten der niedergelassenen Ärzte. Auf dieser Grundlage werden ja auch Regresse erteilt bei Überschreitung des Budgets.
Vieleicht haben inzwischen viele Kollegen gemerkt, dass Patienten auch ohne Antibiotika gesund werden können und möglicherweise fordern auch weniger Patienten ein Antibiotikum ein, weil auch in derLaienpresse vor Resistenzen gewarnt wird. Als Kinderärzte kennen wir die Diskussion mit den Eltern über Anti- biotika und Kortison. Nicht jeder Halsschmerz ist ein Scharlach, wenn nach 2-3 Tagen die Symptomatik nicht besser sondern schlimmer geworden ist, droht noch keine Sepsis und das Antibiotikum macht dann Sinn und wird auch über den notwendigen Zeitraum eingenommen. Viele Patienten, die im Notdienst antibiotisch behandelt wurden , haben nach 1-3 Tagen das Antibiotikum abgesetzt, weil sie beschwerdefrei waren. Sie hätten keines gebraucht, da i.d.Regel die Antibiose erst nach 2-3 tagen wirkt.
Zum Gastkommentar: Antibiotika wirken nicht auf die Krankheitsrate sondern nur auf die Dauer bei bakteriellen Infektionen.

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Gast
Gast

na hoffentlich steigt jetzt nicht die Krankheitsrate!

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