Kamasutra für KHK-Patienten

12. April 2012
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Wer herzkrank ist, muss nicht auf Sex verzichten. Beachten Herzpatienten ein paar Vorkehrungen, sind ihren sexuellen Aktiväten (fast) keine Grenzen gesetzt. Die American Heart Association hat jetzt sogar einen wissenschaftlichen Leitfaden verfasst.

Bei Herzpatienten mit erhöhtem oder unbekanntem kardiovaskulärem Risiko sollte vor der Wiederaufnahme sexueller Aktivität ein Belastungstest erfolgen. Erreichen die Patienten dabei ohne Beschwerden und ohne auffällige EKG-Veränderungen eine Belastung von über drei bis fünf metabolischen Äquivalenten (MET), ist Sex ungefährlich, heißt es in dem Papier. Empfehlungen zur Einschätzung der Sextauglichkeit werden hier für unterschiedliche Gruppen von Herzpatienten gegeben. Die körperliche Belastung durch sexuelle Aktivität wird als moderat eingestuft.

Die Belastung, der das Herz-Kreislaufsystem ausgesetzt ist, sei vergleichbar mit der beim Treppen steigen über zwei Etagen oder einem Spaziergang im raschen Tempo. Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen, die bei diesen körperlichen Aktivitäten nicht aus der Puste geraten, hätten demnach auch beim Koitus nur ein geringes Risiko für Sauerstoffmangel. Ein systolischer Blutdruck über 170 mmHg oder ein Puls über 130/Minute werden jedoch nur selten überschritten – zumindest nicht bei ansonsten normotensiven Männern, die Sex mit der eigenen Ehefrau haben. Generell liegt die Belastung bei sexueller Aktivität im Bereich von drei bis fünf metabolischen Äquivalenten (MWT), je nach Alter, Fitness und gesundheitlichem Gesamtzustand. Am stärksten steigen Blutdruck und Herzfrequenz in den 10 bis 15 Sekunden während des Orgasmus und geringfügig beim Vorspiel.

Erwartungsgemäß besteht beim Koitus ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen. Die absolute Ereignisrate ist jedoch winzig, so die AHA, vor allem weil die Belastung in der Regel nur wenige Sekunden währt. Selbst ein bereits überstandener Herzinfarkt ist demnach keine Kontraindikation für die körperliche Liebe. Eine Stunde Sex pro Woche erhöhe das Risiko dieser Patienten für einen erneuten Myokardinfarkt oder Tod vorübergehend von 10 in einer Million auf 20 bis 30 in einer Million Fälle. So ereignen sich weniger als ein Prozent der Herzinfarkte und aller Fälle von plötzlichem Herztod beim Geschlechtsakt. Die „Angina d´Amour“ während des Koitus oder in den nachfolgenden Stunden macht weniger als fünf Prozent aller Angina-pectoris-Anfälle aus. Aber wie sieht es für den einzelnen, kardiovaskulär erkrankten Patienten aus?

Die konkreten Sex-Empfehlungen

Bei der Beantwortung dieser Fragen hilft die aktuelle AHA-Publikation. Experten verschiedener Disziplinen haben dabei die publizierten Studiendaten und die Leitlinien großer Fachgesellschaften zusammengetragen und daraus folgende Empfehlungen abgeleitet:

  • Bevor Patienten mit neu festgestellter CVD wieder sexuell aktiv werden, sollte eine sorgfältige Medikamenten-Amnese und körperliche Untersuchung stattfinden. Wenn sich dabei ein niedriges Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen ergibt, spricht nichts gegen Sex.
  • Wenn das kardiovaskuläre Risiko nicht niedrig oder nicht bekannt ist, wird ein Belastungstest empfohlen. Sexuelle Aktivitäten sind unproblematisch, wenn die Patienten im Belastungstest mindestens 3-5 MET schaffen, ohne dass Angina, exzessive Dyspnoe, ischämische ST-Veränderungen, Zyanose, Hypotonie oder Arrhythmien auftreten.
  • Das Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen beim Sex kann durch kardiale Rehabilitationsmaßnahmen und Sport gesenkt werden.
  • Patienten mit instabiler, dekompensierter und/oder CVD sollten so lange auf sexuelle Aktivitäten verzichten, bis sie stabilisiert und optimal behandelt sind. Dasselbe gilt für Patienten, bei denen kardiovaskuläre Beschwerden durch den Geschlechtsakt ausgelöst wurden.
  • Bedenken wegen möglicher nachteiliger Auswirkungen auf die Sexualität dürfen kein Grund sein, auf die Verordnung symptomatisch und/oder prognostisch wirksamer Herz-Kreislaufmedikamente zu verzichten.
  • Medikamente zur Behandlung der erektilen Dysfunktion (PDE-5-Hemmer) werden bei stabiler kardiovaskulärer Erkrankung als sicher erachtet. PDE-5-Hemmer sind jedoch verboten, wenn die Patienten Nitrate einnehmen. Umgekehrt sollten Patienten, die einen PDE-5-Hemmer einnehmen, danach (je nach Substanz) 24-48 Stunden kein Nitrat anwenden.
  • Prämenopausale Frauen mit CVD sollten bezüglich der Sicherheit von Kontrazeptiva und Schwangerschaft beraten werden.
  • Postmenopausale Frauen mit CVD sollten zur Behandlung einer Dyspareunie kein systemisches Östrogen erhalten.
  • Nach einem kardinalen Ereignis, bei einer neu diagnostizierten CVD und nach der Implantation eines Defibrillators sollte im Rahmen der ärztlichen Konsultation auch das Thema „Sex“ angesprochen werden.

Ein ausgefülltes Sexualleben ist ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität von Patienten und partnerschaftlichen Beziehungen und für die meisten Patienten, die an CVD leiden ist es sinnvoll, ein aktives Sexualleben zu führen. Allerdings ist es für CVD-Patienten empfehlenswert, vorab eine umfassende Anamnese durchführen zu lassen und sich körperlich untersuchen zu lassen. Bei Patienten mit stabilen Symptomen und einer guten nachhaltigen Leistungsfähigkeit spricht nichts gegen sexuelle Aktivitäten. Patienten mit unstabilen oder ernsten Symptomen sollten zuerst behandelt und stabilisiert werden, ehe sie sich sexuellen Aktivitäten widmen.

123 Wertungen (4.46 ø)
Kardiologie, Medizin
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12 Kommentare:

Dr. Martin Laser
Dr. Martin Laser

1 MET entspricht etwa 15 W auf dem Ergometer, nachzulesen in den Pocketguidelines der DGK, Seite 17: http://leitlinien.dgk.org/images/pdf/leitlinien_pocket/2007_pll_8_herz-kreislauferkrankungen.pdf
Eine ältere Empfehlung, auch zur Verordnungsfähigkeit von PDE-5 Hemmern bei KHK-Patienten, fordert eine Belastbarkeit von mindestens 75 W (5 MET) auf dem Ergometer.

#12 |
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Dr. med. Peter Rudolph
Dr. med. Peter Rudolph

Die Angabe von MET/s als Maß für die körperliche Belastung scheint mir im ärztlichen Alltag zu kompliziert und wird m.E.auch nicht benützt.Ich habe noch keinen kardiologischen Brief mit Belastungs-EKG gesehen mit MET Angaben.Wie kann man praktikabel eine Watt-Belastung bei der Fahrradergometrie mit O2 Pulsoximetrie in METs umrechnen?

#11 |
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Hans Hein-Becker
Hans Hein-Becker

Entzündungen, Einengung,Emphysem, ist für die Atemnot ein Problem bei Sex. Es muss nicht immer das Herz sein. Meist glauben Betroffene, dass es im Alter ganz normal ist, schneller aus der Puste zu kmmen. Und auch Ärzte irren gelegenlich bei dieser Symtomatik-wenn sie bei der Ursachensuche nur nach dem Herzen schauen ! Dabei ist Luftnot ein klassisches Symtom der COPD, der unbekannten Volkskrankheit.

Hans Hein-Becker
Medizin und Wissenschafdtjournalist

#10 |
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Man hört die Schmetterlinge im Bauch der KHK – Kranken geradezu schwirren !

#9 |
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#8 |
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Dr. med. Lucie Firkusny
Dr. med. Lucie Firkusny

Wie wird dann die bisherige Wattzahl bei ERGO in MET umgerechnet?

#7 |
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Medizinjournalist

Wikipedia definiert ein MET (metabolic equivalent of task) wie folgt: http://de.wikipedia.org/wiki/Metabolisches_%C3%84quivalent

Mit freundlichen Grüßen

Michael Strausz

#6 |
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Ricarda Markwardt
Ricarda Markwardt

Mit dem Maß des Metabol.Äquivalets(MET) kann man die Belastung verschiedener körperl. Aktivitäten messen.
1MET entspricht dem Verbrauch von 1kcal pro kg Körpergew. pro Stunde, das ist gleich dem Ruheumsatz des Körpers. Bei mittl. Belastung werden 3-6 METs verbraucht, ab 6MET liegt starke Belastung vor.
Labormäßige Bestimmung erfolgt über den Sauerstoff-Verbrauch /kg Körpergew./Min.,1MET sind ca.3,5ml beiMännern, bei Frauen ca.3ml
Gute Wünsche fürs bevorstehende Wochenende!

#5 |
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Der Artikel bringt im Wesentlichen nicht Neues was nicht breits bekannt wäre.

#4 |
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Dipl.-Med. Susanne Noack
Dipl.-Med. Susanne Noack

Metabolisches Äquivalent – Wikipedia

Das Metabolische Äquivalent (engl. metabolic equivalent of task; MET) wird verwendet, um den Energieverbrauch verschiedener Aktivitäten zu vergleichen. Es ist die Beschreibung des Stoffwechselumsatzes eines Menschen bezogen auf den Ruheumsatz im Verhältnis zu seinem Körpergewicht.

Das metabolische Äquivalent wurde von Ainsworth wie folgt definiert [1][2]: 1 MET entspricht dem Umsatz von 3,5 ml Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht pro Minute bei Männern, bei Frauen sind es 3,15 ml/kg/min. Eine andere Definition bezeichnet als 1 MET einen Kalorienverbrauch von 4,2 kJ (1 kcal) je Kilogramm Körpergewicht pro Stunde, beides entspricht in etwa dem Ruheumsatz des Körpers. Moderate körperliche Aktivität hat etwa einen Energieverbrauch von 3-6 METs, intensive Anstrengungen hingegen über 6 METs.[3]

Da der Energieumsatz individuell unterschiedlich ist, eignet sich der Vergleich von Aktivitäten mittels MET nur für den relativen Vergleich des Energieverbrauches einer Person. METs werden als Maß in der Ergometrie genutzt.

#3 |
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Friedrich Hoppmann
Friedrich Hoppmann

zum Begriff des metabolischen Äquivalents (MET). Es wird verwendet, um den Energieverbrauch verschiedener Aktivitäten zu vergleichen und beschreibt den Stoffwechselumsatz eines Menschen bezogen auf den Ruheumsatz im Verhältnis zu seinem Körpergewicht. Kurz gesagt: MET ist ein Energiemaß. 1 MET entspricht dem Kalorienverbrauch von 1 kcal je kg Körpergewicht pro Stunde = Ruheumsatz. Moderate körperliche Aktivitäten liegen bei 3-6 MET, intensive Anstrengungen über 6 METs. Ein Durchschnittslauf mit 9,6 km/h liegt schon bei 10 MET

#2 |
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Martin Glauert Martin Glauert
Martin Glauert Martin Glauert

Was ist ein Metabolisches Äquivalent?

#1 |
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