Dispensierrecht: Ärzte mit Grenzen

10. Oktober 2014
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Aus pharmakologischen und ökonomischen Gründen hat sich die apothekerliche Dispensierung bewährt. Trotzdem liebäugeln Ärzte mit der Abgabe von Medikamenten. Triftige Gründe gibt es Studien zufolge kaum. Bleibt noch, mit weitergehenden Rechten zu drohen, um Apotheker in ihre Schranken zu weisen.

Altbekanntes aus der Geschichtsstunde: Friedrich II. (1194 bis 1250) veröffentlichte 1231 verschiedene Gesetzestexte zur Regelung des öffentlichen Lebens. Ab sofort durften Ärzte keine Apotheke mehr besitzen oder daran beteiligt sein, und Arzneimittelpreise wurden vom Staat reguliert. Dieses irreführend als „Edikt von Salerno“ bezeichnete Dokument hat für Heilberufler wenig von seiner damaligen Aktualität verloren. Nur in Ausnahmefällen dürfen Deutschlands Mediziner Präparate abgeben.

Nicht mustergültig

Dazu gehören Ärztemuster. Ein Blick in das Arzneimittelgesetz (AMG), Paragraph 47: „Pharmazeutische Unternehmer dürfen Muster eines Fertigarzneimittels an Personen nach Absatz 3 Satz 1 nur auf jeweilige schriftliche Anforderung, in der kleinsten Packungsgröße und in einem Jahr von einem Fertigarzneimittel nicht mehr als zwei Muster abgeben oder abgeben lassen.“ Ziel sei „insbesondere die Information des Arztes über den Gegenstand des Arzneimittels.“ Mittlerweile hat die Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA) eine Selbstverpflichtung entwickelt. Ärzte erhalten Präparate künftig nur noch bis zu zwei Jahre nach deren Markteinführung. Ende 2013 informierte die Ärztekammer Sachsen-Anhalt über weitere Probleme. „Immer wieder berichten Patienten, dass sie einzelne Tabletten oder Blister vom behandelnden Arzt erhalten haben“, so Kathleen Hoffmann in den „Kammermitteilungen“. Laut AMG dürfen Heilberufler grundsätzlich nur vollständige Packungen inklusive Beipackzettel abgeben – kostenlos, wohlgemerkt. Ein Verkauf zieht berufsrechtliche Folgen nach sich und kann als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Nach Ablauf des Verfallsdatums sind Medikamente vom Praxisteam zu entsorgen.

Schaltet den Schmerz ab

Beim Dispensierrecht existieren noch weitere Ausnahmen. „Zur Deckung des nicht aufschiebbaren Betäubungsmittelbedarfs eines ambulant versorgten Palliativpatienten darf der Arzt diesem die hierfür erforderlichen, in Anlage III bezeichneten Betäubungsmittel in Form von Fertigarzneimitteln nur dann überlassen, soweit und solange der Bedarf des Patienten durch eine Verschreibung nicht rechtzeitig gedeckt werden kann“, heißt es im Betäubungsmittelgesetz (BtMG). „Die Höchstüberlassungsmenge darf den Dreitagesbedarf nicht überschreiten.“ Entsprechende Änderungen sind auf eine Petition der Deutschen PalliativStiftung (DPS) zurückzuführen. „Palliativ tätige Ärzte haben nun eine größere Rechtssicherheit für ihre Arbeit“, sagt deren Vorstandsvorsitzender Thomas Sitte. Pharmazeuten wäre lieber gewesen, die Bevorratung in Apotheken zu verbessern. Ob Schmerzpatienten von den Neuerungen tatsächlich profitieren, lässt sich derzeit nicht abschätzen.

Stumpfe Waffen

Jenseits mehr oder minder sinnvoller Änderungen beim BtMG zücken Ärzte das Dispensierrecht als Waffe gegen die Apothekerschaft. Mitte 2012 diskutierten Heilberufler kontrovers über das ABDA-KBV-Modell. Sowohl der Deutsche Hausärzteverband als auch die Freie Allianz der Länder-KVen waren gegen pharmazeutische Befugnisse beim Medikationsmanagement – und forderten selbst erweiterte Rechte. In einer gemeinsamen Erklärung der Vorstände heißt es: „Die Versorgung der Patienten im Notdienst gerade auf dem Land wird sich durch eine entsprechende Änderung deutlich verbessern. Besonders bei der Versorgung geriatrischer Patienten erwarten wir Fortschritte, wenn Medikamente aus einem zum Beispiel durch die Kassenärztlichen Vereinigungen vorgehaltenen Bestand unmittelbar vom behandelnden Arzt abgegeben werden können.“ In Ländern wie der Schweiz und in Japan könnten Arzneimittel grundsätzlich von Ärzten abgegeben werden, und die Erfahrungen dort seien sehr positiv.

Feldstudie bei den Eidgenossen

Darüber lässt sich bei näherer Betrachtung trefflich streiten, wie eine Studie zeigt. Aufgrund ihrer heterogenen Struktur, nur in manchen Kantonen dispensieren Ärzte, eignet sich die Schweiz hervorragend, um direkte Vergleiche anzustellen. Boris Kaiser und Christian Schmid, Bern, haben jetzt Resultate einer Untersuchung veröffentlicht. Sie verglichen Verordnungen von 1.416 dispensierenden sowie 1.908 nicht dispensierenden Ärzten. Gaben Mediziner selbst Pharmaka ab, zahlten Leistungsträger für Medikamente 30 Prozent und für sonstige Kosten 20 Prozent mehr als bei der Vergleichsgruppe. Laut Kaiser und Schmid führen finanzielle Anreize zu hochpreisigen oder vermehrten Verordnungen. Kein Einzelfall: Bereits vor mehr als zehn Jahren zeigte Yiing-Jenq Chou, dass die Abschaffung des ärztlichen Dispensierrechts in Taiwan sinkende Medikationskosten nach sich zog.

Rot-weiß-rote Sorgen

Gesundheitspolitiker aus Österreich wissen davon auch ein Lied zu singen. Fehlen in einer Gemeinde öffentliche Apotheken und ist die ärztliche Praxis mehr als sechs Straßenkilometer von der nächsten Apotheke entfernt, dürfen Allgemeinmediziner dispensieren. Sie betreuen aber nur eigene Patienten und halten wenige, oft hochpreisige Arzneimittel vor. Zuletzt hatten Vertreter der österreichischen Ärzteschaft gefordert, entsprechende Regelungen zu liberalisieren, um mehr Landärzte zu gewinnen. Manche Praxen führen bis zu 60 Prozent ihres Umsatzes auf Pharmaka zurück. „Eine ärztliche Hausapotheke hat nur dann ihre Berechtigung, wenn die Versorgung mit Medikamenten nicht durch die öffentliche Apotheke gewährleistet werden kann“, sagt Mag. pharm. Max Wellan, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer. Sie sei „nicht als fixer Gehaltsbestandteil einer Ordination zu sehen“. Im März machten Ärzte mit einem Konzeptpapier Schlagzeilen. Sie wollen es Praxen ermöglichen, 20 bis 40 verschiedene Medikamente abzugeben. „Die Patienten brauchen partnerschaftliche Lösungen bei der Arzneimittelversorgung und keinen Streit zwischen Ärzten und Apothekern. Ich rufe die Ärztekammerfunktionäre auf, weniger Populismus und mehr Sachverstand einzusetzen“, so Dr. Martin Hochstöger, Präsident der Apothekerkammer Tirol. Arzt oder Apotheker – auf in die nächste Runde!

39 Wertungen (4.69 ø)

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9 Kommentare:

Apothekerin

Dr. Böck, Apothekerin

Gerade in Zeiten des Umbruchs und des Umdenkens bei vielen Patienten sollte sich die Ärzteschaft Ihrer Aufgaben widmen, derer sie sich durch ihre Ausbildung zugewandt haben. Wir sind im Gesundheitswesen nicht in eine “One-Man-Show”, sondern sollten ein gesundes Miteinander fördern. In Deutschland sind wir immer noch in einer sehr komfortablen Situation, was die medizinische Versorgung der Menschen angeht. Warum sollen Ärzte also alles alleine machen? Übernehmen sie dann künftig auch die Notdienste in den Nächten und an Feiertagen um ein einfaches Medikament abzugeben? Die Apothekerschaft sollte sich nicht so klein machen lassen. Wir wissen ebenfalls viel und können Menschen helfen, ebenso wie engagierte Ärzte! Wer dies anders sieht, dem ist wahrscheinlich auch therapeutisch nicht zu helfen und gehört hoffentlich zu einer kleinen Randgruppe mit uneigennützigen Interessen, natürlich nur zum Wohle des Patienten.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

#9 |
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Gast
Gast

zu #7, anonym schämen ist schon richtig, wenn Apothekerinnen so unhöflich sind.

#8 |
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Sich schämender Gast
Sich schämender Gast

es wundert nicht, dass Sie anonym schreiben.
Es ist mehr als peinlich, was Sie von sich geben.
Ganz oben steht natürlich der Arzt und unten hat der Apotheker zu knien. Zum Glück gehören Sie zu einer aussterbenden Art.

#7 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Also dann vielleicht lieber Kooperation als Konfrontation :-)

#6 |
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Arzt
Arzt

ich habe auch schon schlechter Erfahrungen mit Apothekerinnen gemacht,
einmal in einer fremden Großstadt blieb ich ein paar Tage länger als geplant und dafür reichten meine mitgenommenen wichtigen Tabletten nicht. In einer Apotheke wurde ich fast rausgeschmissen von einer Apothekerin, weil ich “nur” meinen Personalausweis (mit “Dr.med.”) dabei hatte, nicht den speziellen Ärztekammer-Ausweis,
obwohl es ein Notfall war!!!
In der nächsten Apotheke war ein Mann, der hat einfach meinen Ausweis kopiert, sich sogar dafür entschuldigt uns mir sofort das Medikament gegeben.
In anderen Berufen sind Frauen eher angenehme Menschen,
vielleicht außer in Behörden.

#5 |
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Gast
Gast

aber Frau @Dr. Beatrice Arker-Maertin, Sie sind ja noch schlimmer als Frau
Karin Ziegler! Das ist zwar ein bekannter Arztbashing-Bolg, aber es ist immer schlecht wenn man über die meckert, von denen man lebt (Rezepte).

#4 |
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Sehr geehrter anonym schreibender Gast,

grundsätzlich lohnt sich der Dialog mit dem Patienten, um die eigenen ärtzlichen Fähigkeiten beurteilen zu können. Sie wären überrascht.

Wartezeiten von Wochen bis Monaten auf einen Termin, trotz Termin 2 Stunden warten in einem überfülltem Wartezimmer und dann 2 Minuten vom Arzt abserviert werden, lässt ärtzliche Tätigkeiten im Auge des Patienten nicht sehr positiv erscheinen (die abreitsumstände der Ärzte natürlich nicht berücksichtigt, ein naiver Blick des Patienten also. Aber deren “Wahrheit”).
Ein Grund von vielen, warum alternativ arbeitende Heilkundler auf dem Vormarsch sind.
Jeder Rückenschmerz-Patient sinkt Ihnen ein Hoch auf die Leitlinien und kompetente Physios.

Ich frage mich auch, ob Sie den Artikel überhaupt gelesen oder vielleicht nicht verstanden haben? “Der einzige Grund den Ärzten das zu verbieten ist, dass sie an dem was sie rezeptieren nicht verdienen dürfen” Nein, ist es nicht. Wieso? Lesen Sie oben mal ganz genau nach. Hinweis: Es steht nicht zwischen den Zeilen, sondern ist der zentrale Inhalt des Artikels.

Und wenn Sie noch der Meinung sind, dass Ärzte Schubladen genauso gut ziehen können wie Apotheker, zeig ich Ihnen den Stapel an Rezepten, die absolute KI´s nicht beachten, falsche Dosierungen wählen, Wechselwirkungen nicht berücksichtigen…
Ein Vier-Augenprinzip ist bei dem besonderen Gut Arzneimittel überaus sinnvoll, die Apotheker stehen brav in der 2. Reihe und warten darauf, dass die Ärzte die Zahl an Patienten nicht mehr stemmen können. Der demographische Wandel lässt grüßen!

Um immer dran denken: “Immer sich selbst nicht aus dem Blick verlieren…”

#3 |
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Gast
Gast

Aber aber Frau Karin, bitte die contenance bewahren.
Der einzige Grund den Ärzten das zu verbieten ist, dass sie an dem was sie rezeptieren nicht verdienen dürfen, na ja, von wegen Interessekonflikt, ist ja noch nachvollziehbar, wobei Apotheken (früher) immer als Goldgruben gehandelt wurden.
Darüber hinaus gibt es eigentlich nur Vorteile für den Patienten.

Die Kehrseite ist doch, dass eigentliche ärztliche Tätigkeit zunehmend von Nicht-Ärzten kanibalisiert wird, die Apotheker vorneweg, und dann das ganze Heer der gut bezahlten Pseudomedizin,
wozu selbstverständlich physikalische Medizin (Masseuren und Krankengymnasten) NICHT gehört.
Wer also hier als hier als Apotheker über Ärzte meckert, sollte zuerst seine eigene “ärztliche” Tätigkeit kritisch überprüfen.

#2 |
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Karin Ziegler
Karin Ziegler

Wenn ich das so höre können Ärzte nur abgeben und Geldverdienen. Doch was ist mit Rabattverträgen, ständige Lagerkontrollen, Rückrufe, Rezepturen, Abgabe im Notdienst. Die Ärzte können wirklich etwas ganz besonders gut und das nennt sich Rosinenpicken und das nicht nur als Zukunftsvision für Apotheker sondern schon lange bei anderen Berufsgruppen wie z.B. Masseuren und Krankengymnasten.

#1 |
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