Opioide: Tod auf Rezept

10. Oktober 2014
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US-Fachgesellschaften warnen vor zu freizügigem Opioideinsatz jenseits der Onkologie. In einem Positionspapier berichten sie von Todesfällen und Abhängigkeiten durch die Wirkstoffklasse. Patienten sollten gründlicher untersucht und gegebenenfalls an Experten überwiesen werden.

Die American Academy of Neurology (AAN) befasste sich mit einem unangenehmen Thema: In den USA – und sicher nicht nur dort – erhalten viele Patienten Opioide, um Kopfschmerzen, Rückenschmerzen sowie Schmerzen bei Fibromyalgie in den Griff zu bekommen. Besonders fatal: Laut Rishi Desai vom Brigham and Women’s Hospital in Boston erhält jede fünfte Schwangere bis zur Niederkunft mindestens eine Opioidverordnung. Als möglichen Grund gibt der Forscher Rückenschmerzen an.

Mehr Tote als durch Schussverletzungen und Autounfälle

Die Folgen: „Mehr als 100.000 Menschen sind durch verordnete Opioide verstorben, seit Richtlinien in den späten 1990er-Jahren liberalisiert worden sind“, kritisiert Gary M. Franklin von der University of Washington School of Public Health in Seattle. „Es gab mehr Todesfälle aufgrund von verschreibungspflichtigen Opioiden in der am stärksten gefährdeten Gruppe mittleren Alters als durch Schusswaffen und Autounfälle.“

Sucht auf Rezept

Hinzu kommt, dass Menschen häufig auf legalem Wege in die Abhängigkeit rutschen. Laut AAN würden 50 Prozent aller Patienten, die Opioide für mindestens drei Monate einnehmen, fünf Jahre später immer noch entsprechende Präparate benötigen. „Während Opioide Schmerzen kurzfristig erheblich lindern, gibt es keine handfesten Beweise für die Aufrechterhaltung der Schmerzlinderung über lange Zeit ohne ernsthafte Gefahr einer Überdosierung, Abhängigkeit oder Sucht“, kritisieren Neurologen der Fachgesellschaft in einer Stellungnahme.

Vielfältige Maßnahmen

Jetzt präsentieren AAN-Experten ein Positionspapier. Ihre Forderungen: Ärzte sollten bereits in der Vorgeschichte ihrer Patienten nach Hinweisen auf eine Abhängigkeit oder Depression fahnden. Falls mehr als 80 bis 120 Milligramm Morphinäquivalente pro Tag verschrieben werden, macht eine Überweisung zum Schmerzspezialisten Sinn – auch bei längerer Anwendung, um die Effektivität kritisch zu hinterfragen. Kombinationen von Opioiden mit Sedativa lehnt die AAN aus pharmazeutischen Gesichtspunkten ab. Nicht zuletzt raten Experten allen Medizinern, einen Behandlungsvertrag mit Patienten zu paraphieren. Leider verkaufen Erkrankte ihre Medikation gelegentlich auf dem Schwarzmarkt weiter, und Regresse drohen.

11 Wertungen (4.18 ø)

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2 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

“….. gibt es keine handfesten Beweise für die Aufrechterhaltung der Schmerzlinderung über lange Zeit ohne ernsthafte Gefahr einer Überdosierung, Abhängigkeit oder Sucht“, kritisieren Neurologen der Fachgesellschaft in einer Stellungnahme.”

Jeder, der sich ernsthaft damit befasst, weis dass dieser Satz falsch ist.
Das was “Suchtpotential” auslöst, ist immer der akut anflutende Effekt.
Dieser wird ganz bewusst bei der ärztlich eingesetzten Schmerztherapie VERMIEDEN, zugunsten eines “Plateaus” z.B. mit langwirkenden oralen Präparaten.
Diese Patienten werden nach meiner Erfahrung und all dem was mir darüber bekannt ist, NICHT süchtig. Die langsame Dosissteigerung ist unbestritten.
Es gab den viel zitierten Londoner Doppelbusfahrer, der mit 600 mg Morfin optimal und fahrtüchtig eingestellt war. An leichte Abführmittel muss man denken.

Das amerikanische Drogenproblem ist
eine völlig andere Hausnr.

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Gast
Gast

Noch haben wir keine amerikanischen Verhältnisse.

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