Die krieg ich, die mach ich.

ASS: Ausflug in die Onkologie

13. April 2012

Acetylsalicylsäure (ASS) hat vor allem in der Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen seinen Platz. Britische Wissenschaftler belegen in drei Studien nun eine hohe Wirksamkeit gegen Krebs und Metastasen. Also täglich etwas ASS für alle?

Die tägliche Low-Dose-ASS-Therapie hemmt die Plättchenaggregation und ist deshalb wesentlicher Bestandteil der Behandlung kardiovaskulärer Patienten. Eine krebsprotektive Wirksamkeit wurde ASS bereits mehrfach attestiert. Drei neue Untersuchungen von Forschern um Peter Rothwell der Universität Oxford ergaben noch mehr: Eine mehrjährige ASS-Therapie beugt nicht nur Krebs und den damit verbundenen Todesfällen vor, sie schützt auch vor der Bildung von Metastasen. Dabei sinkt das Risiko der häufig vorkommenden Blutungen unter der Behandlung nach drei Jahren (Lancet Oncology 2012).

Weniger Blutungen, weniger Krebs nach drei Jahren

In ihrer ersten Studie, einer Metaanalyse von 51 Studien, belegen die Forscher bei einer täglichen Low-Dose-Therapie in der Primärprävention von Herzkreislauferkrankungen eine um 15 Prozent reduzierte Krebssterblichkeit bei Frauen und Männern gegenüber Patienten, die kein ASS erhalten. Ab einer dreijährigen Einnahme sinkt das Sterberisiko um 25 Prozent, ab fünf Jahren sogar um 37 Prozent. Auch nichtkardiovaskuläre Todesfälle waren reduziert. Zwar war die mit ASS erreichte Reduktion der kardiovaskulären Ereignisse initial von einem erhöhten Blutungsrisiko überschattet, das aber mit der Zeit abnahm. Im Ergebnis bleibt ab einer dreijährigen Behandlung der Vorteil der sinkenden Krebssterblichkeit.

Besonders bei Adenokarzinomen seltener Metastasen

Eine zweite Untersuchung der Wissenschaftler mit der Analyse von Daten aus fünf Studien ergab, dass mindestens 75 mg ASS pro Tag auch die Bildung von Metastasen bei einer Krebserkrankung im Verlauf von 6,5 Jahren beeinflusst. Das Risiko einer Krebserkrankung mit Fernmetastasen war um 36 Prozent reduziert, das der Entwicklung eines Adenokarzinoms sogar um 46 Prozent. Patienten mit einem Adenokarzinom, die initial noch keine Metastasen entwickelt hatten, profitierten von ASS und ihr Risiko für Tochtergeschwülste sank um über 70 Prozent.

Die dritte Studie verglich Ergebnisse von Beobachtungsstudien und randomisierten Studien, um den Zusammenhang zwischen ASS und dem Auftreten auch seltenerer Krebsarten auf die Spur zu kommen, die in randomsierten Studien in nur geringer Anzahl vertreten sind. Langzeitbeobachtungen sind hier vielversprechender. Es zeigte sich, dass die tägliche ASS-Therapie auch das Langzeitrisiko seltenerer Krebsarten und die Bildung von Metastasen senkt.

ASS – Medizin deines Lebens?

Andrew Chan und Nancy Cook der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts benennen die Grenzen der Untersuchung: Die größten verfügbaren randomisierten Studien zur Primärprävention, die Women’s Health Study mit fast 40.000 Teilnehmerinnen, die zehn Jahre lang alle zwei Tage ASS erhielten, und die Physicians Health Study mit rund 22.000 teilnehmenden Männern und einer ebenfalls alternierenden ASS-Behandlung über fünf Jahre bleiben in der Analyse aufgrund des nicht täglichen Verabreichungsmodus unberücksichtigt. Diese Studien hatten allerdings kein geringeres Risiko für Darmkrebs oder andere Krebsarten und für die Krebssterblichkeit ergeben. Grenzen der Analyse ergeben sich auch aus der Anzahl der verwendeten randomisierten Studien zur Häufigkeit des Auftretens von Krebserkrankungen. Es waren nur sechs Studien. Zudem waren Studien darauf angelegt kardiovaskuläre Endpunkte zu untersuchen und beinhalteten keine Screening-Untersuchungen auf Krebs.

Für neue Leitlinien scheint es deshalb zu früh. Denn es gilt immer individuelle Vor- und Nachteile der ASS-Therapie abzuwägen. Für Menschen ohne erhöhtes Krebsrisiko eignet sich eine prophylaktische Einnahme derzeit nicht. Unklar ist auch, welche Dosierung eine Protektion bietet. Vor einer Selbstmedikation warnen Experten.

152 Wertungen (4.56 ø)
Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

15 Kommentare:

Dr. med.dent Steffen Balz
Dr. med.dent Steffen Balz

zu 15 : Sehr gehrte Frau Schuster,
Vielen Dank , dass Sie als einzige meine Anregung aufgenommen haben . Dazu nur eine anekdotische Beobachtung : ich habe einige Brustkrebs-Patientinnen in Behandlung. Keine von ihnen hat ein entzündungsfreies Gebiss – entweder Parodontitis chronisch oder die berühmten “toten Zähne” . Festhalten! Diese auch noch auf dem passenden Akupunktur-Meridian. Nachdem ich mich nun der Lächerlichkeit preisgegeben habe , wünshe ich allen Lesern und Mitdiskutanten frohes Schaffen.

Ärztin

Leider sind im recherchierten Artikel nicht ausreichend Informationen vorhanden um systematische Fehler bei der Auswertung von onkologischen Fragestellungen bei Studien mit ursprünglich kardiovasculärer Fragestellung auszuschließen.
Ich möche gerne glauben, dass ASS krebshemmend wirkt, würde für so eine sagenhafte Aussage aber schon einige prospektive Studien mit gleichem Ergebnis fordern. Die von Herrn Balz (@4)aufgeworfene Idee, antiinflammatorische Eigenschaften von ASS zur Hemmung von auf chronisch inflammatorischen Prozessen beruhenden Krebsarten zu verwenden, stellt in diesem Sinne eine zu untersuchende Arbeitshypothese dar.Mehr gibt der Artikel meines Erachtens aber nicht her.

Dr. med.dent Stefan Troendle
Dr. med.dent Stefan Troendle

Zu 10)
Natürlich hat Kollege Wilhelm mit seinem Beitrag mit jedem Wort Recht.
Ich für mein Teil gelobe Besserung.
Das Leben ist aber ernst genug und ab und zu ein “Spässle” lockert auf und ist nicht unwürdig (solange die Form gewahrt bleibt).

Medizinphysiker

zu 10, Dr. Wilhelm: Vielen Dank, Sie bringen es auf den Punkt! In aller Regel bleibt das Niveau der “Kommentare” – manchmal sind es pure Gehässigkeiten – weit unter dem der Artikel. Es lohnt selten, die Kommentare zu lesen – ganz im Gegensatz zu den “DocCheck News”, die oft von allgemeinem Interesse sind und die ich als erste orientierende Informationen oder knapp gehaltene Übersichten sehr schätze.

Medizinphysiker

@6 und 8: es heißt wohl Tüpflischisser und nicht Düpflischisser, nix für ungut!

Schade, daß die Diskussionen immer wieder auf solch ein unwürdig es Niveau ab rutschen, sowohl bezüglich grammatikalischer Spitzfindigkeiten als auch der daraufhin erfolgten Kommentare! Dies wird leider immer häufiger hier auf DochCheck :’( Ich wünsche mir sachliche Beiträge zum Thema, denn oft sind diese sehr wichtige Ergänzungen zu den Artikeln von Leuten mit sehr guten Argumenten und Wissen. Durch solch missgeleitete Diskussionen werden diese Leute wohl eher abgeschreckt, da dieses Niveau diesem Forum nicht würdig ist. So sinkt der Standard dieser Plattform zunehmend in Richtung Boulevard-Presse und daran sind NICHT die Beiträge der hier veröffentlichenden Medizin-Journalisten schuld! Für mich wird hier kurz und prägnant zusammengefasst, was in den letzten Monaten dazu durch die Presse geisterte. Zudem wird auch am Ende alles entsprechend relativiert, so dass eben KEIN Wundermeikament gelobt wird.
Auch das musste mal gesagt werden.

Ärztegemeinschaft  Amedis
Ärztegemeinschaft Amedis

Hallo Frau Krenberger,
von einer Apothekerin erwartet man eben auch, dass sie auf die Details achtet. Kompliment.
:-)
Schönen Sonntag
Ernst Heissler

Dr. med.dent Stefan Troendle
Dr. med.dent Stefan Troendle

Grammatikalisch haben Sie ja Recht.
Trotzdem kann nur eine militante Feministin so ein Einlassung machen.
Bei uns sagt man zu diesen Menschen
“Düpflischisser” .
Nix für ungut, das musste ich loswerden.
(zu1)

@ Nr. 1: Liebe Frau Kollegin, es heißt doch auch DIE Base. Also kämpft DIE Säure gegen DIE Base. Klarer Fall von Stutenbissigkeit.

Dr. med.dent Stefan Troendle
Dr. med.dent Stefan Troendle

Zu 1
Vom grammatikalischen Standpunkt aus haben Sie ja Recht !
Aber das ist eine feministische kleinkarierte Einlassung.
In unserer Gegend sagt man zu solchen Menschen: ” Düpflischisser”
Nix für ungut, aber dss musste ich loswerden.

Dr. Christina Krisch-Zehl
Dr. Christina Krisch-Zehl

Bevor es nicht weitere gesicherte Studien bezügl. der Blutungsgefahr unter Einnahme auch geringster Dosen ASS gibt, sollten diese Ergenisse nicht so laut herum posaunt werden. Wie meine Beobachtung ergeben hat, steht das, was bei DocCheck zu finden ist, nach 1 bis 2 Tagen auf “Wissen” in der SZ, dann in der AZ und schließlich und endlich in der gesamten Boulevardpresse und ist somit einem breiten Publikum, – häufig medizinisch völlig unbedarft- zugänglich. Ich sehe schon die Massen die Apotheken stürmen, um sich mit der Wunderdroge zu versorgen. Diese Prophylaxe könnte in der breiten Bevölkerungsschicht sogar dazu verführen, der einfachen und billigen Selbstmedikation mit ASS einer gesunden Lebensweise den Vorzug zu geben. Und da häufig die Meinung vorherrscht, viel hilft viel, werden sich nicht nur die Blutungskomplikationen, sondern alle Erkrankungen die mit Schleimhautschäden im engeren Sinne zu tun haben, häufen.
Wie schaut es denn in diesen 3 Jahren erhöhter Blutungsneigung aus mit zusätzlichen Ass bedingten Krankheitsfällen aus? Wieviel Schäden, ev. auch Todesfälle stehen dem späteren Nutzen einer prophylaktischen Einnahme gegenüber? Skepsis ist neben einem verantwortungsvollem Umgang mit der eigenen Gesundheit in der Prophylaxe oft wichtiger als neue medikamentelle Ergebnisse!

Dr. med.dent Steffen Balz
Dr. med.dent Steffen Balz

Krebsvorbeugung mit Tabletten. Wie gut, dass wir doch gegen Alles eine Pille zur Hand haben! Warum wohl könnte ASS krebsprophylaktisch wirken? M.E. wegen der seit einiger Zeit bekannten Beziehung zwischen der chronischen Entzündung und Entstehung der Krebserkrankung. Und wo finden sich die meisten klinisch stummen chronischen Entzündungen? Im Zahn- und Kieferbereich. M.E. betrachten leider noch zu viele Zahnärzte ihren Fachbereich rein technisch und haben nur wenig allgemeinmedizinische Kenntnisse. M.E. betrachten leider noch zu viele Ärzte die Zahnmediziner als Schmalspur-Doktores mit denen nicht allzuviel anzufangen ist. Meine Forderung an die Mediziner: Fordert uns Zahnis. Verlangt von uns eine genaue Diagnostik bzgl. versteckter Entzündungen. Ich denke, die meisten würden sich herausgefordert sehen. Wenn es nicht klappen sollte, sucht Euch einen aus den Verbänden BNZ oder GZM. Die wissen etwas damit anzufangen weil sie es gelernt haben.

Tina  Wagner
Tina Wagner

@ Frau Krenberger – ich weiß nicht, warum Ihre Korrektur einigen Herrschaften nicht gefällt, aber Sie haben natürlich vollkommen Recht.
d(*-*)b

Weitere medizinische Berufe

Prophylaxe gegen Krebs gefunden ?

Das wäre ja eine hervorragende Sache.
Sollte man Phenprocoumol auch austauschen und dafür gegen Pradaxa oder Xarelto plus ASS eintauschen ?

Die Gerinnungshemmer könnten dann ja niedrig dosiert werden.

DIE Acetylsalicylsäure ist weiblich !!!
“Acetylsalicylsäure (ASS) hat vor allem in der Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen seinen Platz.”
Sie hat also IHREN Platz.

Nix für ungut, aber das musste ich berichtigen :)

Die neusten Kommentare

Interessanter Artikel. Ich habe mich einmal ansatzweise durch die Originalpublikation gearbeitet. Mir erschließt sich nur nicht ganz, dass mehr...
Naja, noch ist das nicht wirklich was Neues. So eine tragbare Kamera, und ein Telefon: das geht weitaus professioneller und zuverlässiger mehr...
Gedächtnisbildung: nicht nur lesen (Optik), sondern auch laut lesen (Akustik), dann nochmal schreiben (Motorik), und am mehr...
Copyright © 2014 DocCheck Medical Services GmbH