CED: Löscheinsatz im Darm

3. November 2014
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Inflammatorische Prozesse oder mukosale Barrierestörungen: zwei Angriffspunkte bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Dank zielgerichteter Therapien gelingt es immer häufiger, Patienten erfolgreich zu behandeln, meist ohne schwerwiegende Nebenwirkungen.

Über lange Jahre hinweg führten Wissenschaftler chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn auf Störungen der adaptiven Immunität zurück. Ganz so einfach ist die Sache nicht – mittlerweile konnten Humangenetiker im Erbgut mehr als 200 Anomalien nachweisen. Auffällige DNA-Abschnitte steuern nicht nur die erworbene Immunität, sondern auch zahlreiche Funktionen von Epithelzellen. An diesen beiden Achillesfersen setzen Wissenschaftler heute an. Ihre Ziele: Entzündungen bekämpfen und die Barrierefunktion optimieren.

Gut abdichten

Bei Colitis ulcerosa vermuten Wissenschaftler schon lange, dass niedrige Phosphatidylcholin-Spiegel der Darmschleimhaut Krankheitsprozesse fördern. Das bestätigt eine placebokontrollierte, multizentrische Phase IIb-Studie mit 156 Patienten. Alle Teilnehmer litten an einer refraktären Colitis ulcerosa. Sie erhielten 0,8, 1,6 oder 3,2 Gramm retardiertes Phosphatidylcholin („LT-02“). Als Begleitmedikation waren 5-Aminosalicylsäure, Kortikosteroide und/oder Purinanaloga möglich. Bei hohen Dosierungen an LT-02 verringerte sich die Krankheitsaktivität signifikant im Vergleich zu Placebo. Auf dem Simple Clinical Colitis Activity Index (SCCAI) sanken entsprechende Werte von 8,5 auf 4,1 Punkte (minus 51 Prozent). Zum Vergleich: Bei Placebo verringerte sich der SCCAI-Score von 9,0 auf 6,0 (minus 33 Prozent). Jetzt läuft eine industriegesponserte Phase-III-Studie, bei der 3,2 Gramm LT-02 pro Tag verabreicht werden.

Kampf gegen Entzündungen

Damit nicht genug: Um inflammatorische Prozesse bei CED einzudämmen, steht mittlerweile ein ganzes Arsenal an Therapien zur Verfügung. Je nach Schweregrad setzen Ärzte auf verschiedene Wirkstoffe. Leiden Patienten an einer schwachen, räumlich begrenzten Entzündung, verschreiben sie zunächst 5-Aminosalicylsäure-Derivate zur rektalen Applikation. Bleibt der Erfolg aus, sollte ein Versuch mit topischen oder systemischen Steroiden gewagt werden. Kritisch wird die Sache bei blutigen Durchfällen, Fieber oder Tachykardie. Dann ist es an der Zeit, zusätzlich Ciclosporin oder Tacrolimus einzusetzen.

Biologisch zum Verfolg

Als letzte Möglichkeit bleiben noch Biologicals wie Adalimumab, Golimumab oder Infliximab. Sie richten sich gegen den Tumornekrosefaktor (TNF) α. Dass Erkrankte auch langfristig von dieser Therapie profitieren, zeigten Wissenschaftler um Jean-Frederic Colombel, New York. Patienten mit CED konnten nach Ende der zwölfmonatigen Adalimumab-Zulassungsstudie für eine Langzeitstudie bewerben. Sie erhielten das Biological über insgesamt vier Jahre hinweg. Nach diesem Zeitraum befanden sich 80 Prozent aller Patienten, die bereits früh auf die Behandlung angesprochen hatten, weiter in Remission.

Dänische Ärzte wollten wissen, ob TNF-α-Inhibitoren zu einem höheren Krebsrisiko führen. Zusammen mit Kollegen hat Nynne Nyboe Andersen, Kopenhagen, Daten von 56.146 CED-Patienten analysiert. Insgesamt erhielten 4.553 Personen Adalimumab, Certolizumab oder Infliximab – und 81 (1,8 Prozent) erkrankten tatsächlich an Krebs. In der Gruppe ohne TNF-α-Inhibitoren waren es 6,7 Prozent. Adjustierten Wissenschaftler weitere Risikofaktoren wie Alter oder Dosierung, ließ sich trotzdem kein Gefährdungspotenzial erkennen. Bleibt als Problem, dass es schwankende Raten an Non-Respondern gibt. Raja Atreya, Erlangen, entwickelte deshalb eine Möglichkeit, um Erfolge vorherzusagen. Er koppelte therapeutische Antikörper mit Fluoreszenzfarbstoffen und sprayte sein Konjugat auf die Darmschleimhaut. Färbten sich Bereiche an, kam es laut Atreya zur Expression von TNF-α, und Patienten profitierten von entsprechenden Inhibitoren.

Neues Molekül – neues Glück

Jetzt sorgt ein weiteres Biological für Furore: Vedolizumab blockiert ein Integrin namens alpha4beta7. Ohne dieses Protein gelingt es Gedächtnis-T-Zellen nicht, an Endothelzellen zu binden und Blutgefäße zu verlassen. Patienten mit Colitis ulcerosa und Morbus Crohn, bei denen konventionelle Therapien versagt hatten, erhielten den monoklonalen Antikörper. Ihre Ansprechrate lag bei 47 beziehungsweise 31 Prozent, unter Placebo waren es 26 Prozent. Anfang 2013 beantragte Takeda die Zulassung bei mittelschweren bis schweren Formen chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen. Seither sprachen sich sowohl das US-amerikanische FDA Advisory Committee als auch das Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) der European Medicines Agency (EMA) für Zulassungen aus. Behörden sind jedoch vorsichtig geworden. Ein Pharmakovigilanz-Plan soll sicherstellen, dass keine schweren Komplikationen übersehen werden, wie vor längerer Zeit bei Natalizumab. Diesen Integrin-Inhibitor erhalten Patienten mit Multipler Sklerose. Vereinzelt kam es zu progressiven multifokalen Leukenzephalopathien (PML).

Gut versorgt

Doch zurück zu CED: Leitliniengerechte Therapien und experimentelle Studien machen deutlich, dass die Versorgung von Patienten mit CED auch heute noch ein komplexes Thema ist. Grund genug für den Berufsverband Niedergelassener Gastroenterologen Deutschlands, CED-Schwerpunktpraxen zu zertifizieren. Um das Prädikat zu erhalten, müssen Ärzte mindestens 100 Patienten pro Jahr versorgen. Fortbildungen, spezielle CED-Sprechstunden und kollegiale Netzwerke kommen hinzu.

72 Wertungen (4.07 ø)

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13 Kommentare:

Heilpraktiker

Sehr interessant! Wäre einen Versuch wert!!

#13 |
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Ein wichtiger, aber immer noch vernachlässigter Punkt ist die Ernährung.

Gluten schädigt den Darm und verändert die Darmflora, so daß kurzfristig erstmal Verdauungsprobleme, ggf. Haut-, Augen- oder Lungenprobleme sowie eine Vielzahl von Nahrungsmittelunverträglichkeiten auftreten und langfristig Candida, Zöliakie, Leaky Gut, Divertikel, Polypen und Darmkrebs – neben vielen anderen Erkrankungen, die ausgelöst/getriggert werden durch ein schwaches Immunsystem. Auch Zucker (alle Zuckerarten und Zuckerersatzstoffe!) Kaffee, Nikotin, Alkohol und alle Milchprodukte (Kuh, Schaf, Ziege, Pferd) sollten strikt gemieden werden. Alle Konservierungsstoffe, Farbstoffe, Geschmacksverstärker, etc. (alle E-Nummern) natürlich auch ;-).

Wichtig wären Untersuchungen auf Schwermetalle, Toxine, Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten.

Einfache Mittel zur Darmmilieusanierung sind u.a. Heilerde (Luvos, Bullrich, etc.), Zeolithe (Toxaprevent, Panaceo, etc.), Chlorella, Medizinalkohle. Nach der Sanierung können Probiotika, Mineralien, Vitamine, etc. häufig wieder optimal aufgenommen werden. Leber- und Niere müssen besonders gestärkt werden, wenn deren Funktion eingeschränkt ist.

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß nach ca. 9-14 Tagen Ernährungsumstellung UND einem Mittel zur Darmsanierung/Entgiftung eine deutliche Besserung eintritt. Schmerzen gehen häufig zurück und die Klienten fühlen sich deutlich gesünder, belastbarer und energiereicher als vorher.

Back to Basics!

Meine Empfehlung: Dr. Tom O’Bryan und Dr. Daniel Amen googln.
Auf Dr. Tom O’Bryan’s Webseite gibt es neueste Studien zu Gluten.

#12 |
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Arzt
Arzt

CED ist ein Dauerthema, da alles andere “gelöst” ist, vielen Dank für den Überblick.
Falk hat hier besondere Verdienste, gerade weil hier eher milde und auch natürliche Wirkprinzipien verfolgt werden. Phosphatidylcholin (kann man oben anklicken #9) ist natürlicher Nahrungsbestandteil wie z.B. Omega3-Fett wie auch das entzündungshemmende Vit.D. Aus naheliegenden Gründen wird für nicht patentierbare “natürliche” Mittel leider immer weniger notwendiger Studienaufwand getrieben. “Substitution” (auch Vit.B12) ist bei Crohn deshalb nicht unwichtig, weil das besonders geschädigte terminale Ileum physiologischerweise exklusive Resorptionsaufgaben hat und natürlich bei Blutverlust (Colitis).
Schließlich ist die Chirurgie auch nicht ganz zu vergessen und für stark Betroffene oft die einzige Erlösung.
Abschottung durch Zertifizierung halte ich für schädlich. “Wissenschaft” ist kein Geheimclub.

#11 |
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Gast
Gast

Das ist ganz übles product placement. Pair for by FA. Falk/Lipid Therapeutics and FA. Takeda (vedolizumab).

HG

#10 |
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Dr. Ulrich Vierl
Dr. Ulrich Vierl

Sehr geehrter Herr van den Heuvel,

könnten Sie bitte die Originalpublikation der genannten Klinikstudie mit Phosphatidylcholin angeben? Danke!

#9 |
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Heilpraktiker

Einen einfachen und natürlichen Therapien verdient niemand. Der obigen Artikel liest sich, als ob CED eine Medikamenten – Mangelerkrankung wäre.
Die Empfehlungen, wie sie in den Kommentaren stehen, sind durchaus wirkungsvoll. dazu darf gerade auch bei CED nicht die Psyche außer acht gelassen werden.
Es sollte auch genaustens nach Lebensmittelunverträglichkeiten und Histaminintoleranz gefahndet werden. Dazu dann Präparate wie Mutaflor und Darmflora plus Select von Dr. Wolz bringen erstaunliche Ergebnisse. Es gibt genug positive Studienergebnisse zur Situation der Darmflora und der Darmschleimhaut und deren Beeinflussbarkeit durch obige Medikamente und Maßnahmen.

#8 |
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Gast
Gast

Mag ja sein, dass individuelle Faelle von alternativen Methoden und/oder Ernaehrungsumstellung profitieren, aber bitte keine falschen Hoffnungen machen. Gaebe es anaehernd Evidenz dafuer, wuerde Ihr Gastroenterologe statt Tausender Euros fuer Biologicals ausgeben zu muessen, Ihnen gleich das Leinsamenoel einfloessen.

#7 |
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Heilpraktikerin Brigitte Gotter
Heilpraktikerin Brigitte Gotter

CED’s kann man auch ohne die üblichen Medikationen in den Griff bekommen und die Entzündung so weit senken, dass sie den Personen keine Probleme bereitet. Jeder Fall ist allerdings in der Therapie “etwas” anders gelagert.
Es gibt aus der Natur so viele Stoffe die dem Mikrobiom, Mucosa und dem GALT helfen können wieder ins Lot zu kommen – man muss es nur wissen was ….
Außerdem benötigt die Mucosa bestimmte Vitamine, Spurenelemente, Aminosäuren und vor allem Omega-3-Fettsäuren um sich zu regenerieren.

#6 |
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Gast
Gast

zu #3 ein Löffel Rizinus-Öl hat den gleichen Effekt

#5 |
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Kai Ulrich Bösch
Kai Ulrich Bösch

N’abend
meines Erachtens ist die Zufuhr von Lactobazillen, Bifidos und E-Coli Keimen gaaanz wichtig. Braucht man auch nur 1-2 x Tag einnehmen.

#4 |
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Gast
Gast

In diesen Fällen empfehle ich : 5-6x tägl. in entspr. zeitl. Abstand 2 Teelöffel Blüten-pollen zu lutschen, außerdem würde ich 3-4x tägl. 2 Esslöffel Leinöl nehmen, kann
man mit Kartoffeln oder mit Quark mischen, schmeckt leicht bitter. Ich würde
außerdem 4-5x tägl. 1 Teelöffel Silicea-Gel nehmen und Katzenkrallentee trinken.
Fleisch würde ich weglassen, stattdessen Seefisch essen.

#3 |
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Gast
Gast

ich habe M. Crohn und ernähre mich seit anderthalb Jahren stärkearm und getreidefrei, stattdessen viel Naturjogurt, Öle und tierisches Eiweiß. Auch damit lässt sich das Mikrobiom beeinflussen. Ich habe dadurch dem Vorhaben meines Gastroenterologen (“Azathioprin oder Infliximab”) eine Absage erteilen können :)

#2 |
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Carola D’Mexis
Carola D’Mexis

Bitte informieren Sie sich über Stuhltransplantation. Über 90% Rezidive sind auf der Mikrobiom Tagung in Berchtesgaden genannte worden. Mehrer UNI’s in Deutschland und Österreich forschen und haben beste Ergebnisse.

#1 |
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