Die krieg ich, die mach ich.

Nosokomiale Infektionen: Neues aus dem Labor

23. April 2013

Wenn Patienten im Krankenhaus erst krank werden und Antibiotika nicht mehr wirken, kann es lebensgefährlich und teuer werden. Forscher und Mediziner versuchen mit verschiedenen Ansätzen, den Krankenhausinfektionen Herr zu werden.

Nosokomiale Infektionen sind ein Problem. Ein großes Problem. Jährlich treten etwa 400.000 bis 600.000 solcher Infektionen und etwa 7.500 bis 15.000 damit assoziierte Todesfälle auf. Eine Gefahr in diesem Zusammenhang ist die Entwicklung von multiresistenten Keimen, die besonders für immungeschwächte Patienten oder Intensivpatienten lebensbedrohlich werden können. Zwar sieht die Resistenzsituation bei multiresistenten Gram-positiven Bakterien (Staphylococcus aureus (MRSA), Vancomycin-resistenter Enterococcus (VRE)) dank der Einführung neuer Antibiotika heute besser aus als vor 10 Jahren, aber über kurz oder lang werden erneut Resistenzen auftreten. Darum sind Forscher nicht nur auf der Suche nach neuen Antibiotika, sondern denken auch in andere Richtungen.

Spezifische Impfstoffe in wenigen Tagen einsatzbereit

Ein Beispiel ist das Projekt von Dr. Andreas Wieser und Prof. Sören Schubert, beide vom Max von Pettenkofer-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie haben eine Methode entwickelt, um innerhalb von weniger als zwei Wochen spezifische Impfstoffe gegen isolierte Erreger herzustellen. Den Erkrankten werden Bakterien entnommen und diese dann gentechnisch verändert, vermehrt und anschließend über ein säulenbasiertes Verfahren aufgereinigt und stabilisiert. Kleinste Partikel der Bakterien bilden die Grundlage für den Impfstoff. So eine Formulierung eignet sich vor allem für Patienten, die noch nicht mit dem Erreger infiziert sind, die aber wegen eine langwierigen oder schwierigen Behandlung längere Zeit im Krankenhaus sein müssen oder dort zusätzlich immunsupprimiert werden.

Inwieweit die Impfung bei bereits infizierten Patienten wirksam ist, ist noch nicht ausreichend geklärt. “Es ist sicherlich damit keine ‘Wunderwaffe’ gefunden, aber vielleicht eine weitere Möglichkeit, manche Patienten zu schützen”, erklärt Dr. Wieser. In Tierversuchen zeigte die Impfung sowohl als Nasenspray, als auch als Injektion Wirksamkeit.

“Die neuartige Methode, die wir zum Patent angemeldet haben, bietet sowohl in der Tiermedizin als auch der Humanmedizin eine interessante Perspektive. Vor allem durch die präventive Möglichkeit gegen zunehmend resistente Erreger ohne den Einsatz chemischer Antibiotika vorzugehen. Das könnte die Resistenzentwicklung der Erreger bremsen und unnötige Todesfälle vermeiden. Alles ist natürlich von der Geschwindigkeit der Erstellung abhängig und diese kann letztlich erst nach den Zulassungsstudien und Einschränkungen durch die Regulierungsbehörden abschließend abgeschätzt werden”, betont Wieser.

Die Schwachstelle der Mikroorganismen nutzen

Einen weiteren Forschungsansatz in der Therapie multiresistenter Erreger verfolgt Privatdozent Dr. Günter Fritz vom Universitätsklinikum Freiburg. Zusammen mit Wissenschaftlern in den USA konnten sie zeigen, dass unser Immunsystem eigentlich ein wirksames Gegenmittel gegen MRSA bereithält. Das Protein Calprotectin, auch unter S100A8/A9 bekannt, kann das Wachstum der Erreger hemmen, in dem es am Ort der Infektion von Immunzellen abgegeben wird und dort die Metalle Zink und Mangan bindet. Mangan wird von vielen Mikroorganismen für die Herstellung einer funktionalen Superoxiddismutase benötigt. “Mit diesem Enzym verteidigen sich die Mikroorganismen gegen die reaktiven Sauerstoffmoleküle, welche Immunzellen am Ort einer Infektion abgeben, um die Eindringlinge zu schädigen. Das Spurenelement Mangan ist daher für MRSA-Bakterien überlebenswichtig“, erklärt PD Dr. Fritz.

Er konnte nun die molekulare Wirkungsweise von Calprotectin bei der Bindung von Mangan und Zink aufdecken und somit auf eine Schwachstelle der Mikroorganismen hinweisen. Diese Erkenntnisse sollen nun genutzt werden, um neuartige Substanzen zu entwickeln, die Mangan binden und dadurch bakteriostatisch wirken, oder um Wege zu finden, welche das Immunsystem so stimulieren, dass es selbst mit den Erregern fertig wird.

Aber wenn es den Mechanismus im Körper bereits gibt, warum braucht es dann Medikamente, die das gleiche machen? Dazu erklärt Dr. Fritz: “Bei infizierten Patienten haben die Erreger einfach schon überhandgenommen. Das heißt, das Immunsystem konnte sich nicht rechtzeitig und genügend gegen die pathogenen Eindringlinge zur Wehr setzen. Die Komplexierung von Mangan- und Zinkionen durch S100A8/A9 ist einer der Mechanismen mit dem unser Körper versucht, die Eindringlinge an Ort und Stelle der Infektion festzusetzen, bis weitere Mechanismen unserer Immunabwehr greifen, wie z.B. die Produktion spezifischer Antikörper”. Da S100A8/A9 gegen viele pathogene Mikroorganismen wirkt, sieht Dr. Fritz die Möglichkeit, dass ein entsprechender Wirkstoff breit angewendet werden könnte.

Vorrangiges Ziel: Übertragung vermeiden

Besonders wichtig ist im Zusammenhang mit nosokomialen Infektionen aber, die Übertragung von potentiell gefährlichen Keimen von Patient zu Patient oder von Personal zu Patient (und umgekehrt) zu verhindern. Studien auf der Intensivstation zeigen, dass bis zu 38 Prozent der Krankenhauskeime von anderen Patienten oder Pflegepersonal stammen, also äußere Ursache haben. “In diesen Fällen können wir durch systematische Identifikation von Infektionsproblemen mindestens 20 bis 30 Prozent der Infektionen, in manchen Einrichtungen sogar bis zu 40 Prozent, verhindern”, erläutert Professor Dr. med. Frank Brunkhorst vom Universitätsklinikum Jena im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). “Das bedeutet konkret: Bis zu 180.000 jährliche Infektionen in Deutschland – davon 4.500 Todesfälle – sind vermeidbar.”

Das sind eindrucksvolle Zahlen. Neben teils schweren gesundheitlichen Folgen für betroffene Patienten bedeuten nosokomiale Infektionen auch Belastungen für das Personal, das sich um diese Patienten intensiver kümmern muss, und steigende Kosten für das Gesundheitssystem aufgrund verlängerter Krankenhausaufenthalte.

ALERTS-Studie testet Maßnahmen zur Infektionsprävention

Zur Verringerung der Krankenhausinfektionen ist ein gezieltes Infektionspräventionsmanagement nötig. Und das kostet ebenfalls Geld. Geld, das viele Häuser aufgrund steigenden Kostendrucks im Gesundheitssystem oft nicht aufbringen können. Prof. Dr. Brunkhorst koordiniert als Leiter der Paul-Martini Forschergruppe für klinische Sepsisforschung des Universitätsklinikums Jena die erste krankenhausweite Präventionsstudie (ALERTS), die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert wird. Sie soll zeigen, wie Präventionsprogramme die Infektionsraten dauerhaft senken. Nach einer ersten Phase finden nun Schulungen für das Personal statt. Wichtigster Punkt ist die Händedesinfektion, aber auch Maßnahmen wie regelmäßige antiseptische Mundspülungen zur Vermeidung von Beatmungspneumonien, adäquate Haarentfernung mit Langhaarschneidern vor Operationen, um Hautverletzungen und resultierende Infektionen zu verhindern und viele weitere evidenzbasierte Methoden werden in der Folge angewendet. Wie das Kosten-Nutzen-Verhältnis für eine Klinik am Ende aussieht, wird sich erst nach dem Ende der Studie und der Auswertung 2014 zeigen.

Doch Dr. Stefan Hagel, Leiter der ALERTS-Studie am Uniklinikum Jena gibt zu bedenken: “Es gibt Untersuchungen, dass eine Beatmungspneumonie Zusatzkosten von 17.000€ und einen neun Tage verlängerten Klinikaufenthalt zur Folge haben”. Sicherlich würde es helfen, wenn auch die Patienten darauf drängen, dass eine Klink ein gutes Infektionspräventionsprogramm hat. Wenn die Rate an vermeidbaren Krankenhausinfektionen ein Kriterium für die Auswahl der Klinik wird, könnten die Krankenhäuser ein entsprechendes Programm schneller umsetzen.

75 Wertungen (4.21 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

15 Kommentare:

Dr. Hoyme
Dr. Hoyme

Wieso ” Gast ” – ich habe einen erhrlichen Namen…

Gast
Gast

Der Artikel bietet – wie bereits diskutiert -durchaus gute Ansatzpunkte . Auch ist schon angemerkt worden, daß reine Fixierung auf andere ( wieder immunbeinflussend ) Therapien Risiken bergen ! Ein kOmmentator , der anscheinend immer die Schuld anderer sieht und inflationäre – dem irren Medienjournalistenkrawall angepaßte – Hypothesen verficht , sollte sich eher zurückhalten … Wegleitend ist aber die Angabe , daß etwa 40 % der resistenten Keime von Patienten hereingebracht werden , nicht nur durch Hygienefehler ( die ich als ehemaliger Hygienebaauftragten auch bestätigen kann ) des Personals oder die ( richtigerweise als Mitursache bezeichnete ) kommerzielle Antiviotikaprophylaxe im Agrarbereich !
Ich filibustiere also wieder einmal : Führen wir endlich den Malus ( Verursacherprinzip ) ins Gesundheitswesen ein , dann wird die Selektion von den verursachenden Darmkeimen durch Metabolische Syndrome etc. deutlich abnehmen …..

Karl-Heinz Heinen
Karl-Heinz Heinen

Solange auf einer Intensivstation drei Pflegekräfte 9 Patienten versorgen müssen,
davon 4 Beatmungen und ein MRSA Fall, brauchen wir uns über Hygiene im Krankenhaus nicht unterhalten.

alfons Lewen
alfons Lewen

Ich habe eine Strafanzeige und Petiion gegen die Staaatsanwälte sowie den Generalstaatsanwalt in Frankfurt erstattet, weil diese nicht tätig wurden über Jahre bzgl. einer Strafanzeige % den ehemaligen Gesundheitsminister und Arzt Rößler, weil dieser “Jahrelang” nichts unternommen hat!
Dies ist Körperverletzung mit Todesfolge in Millionenfacher Ausführung!
Das Resultat war, das daß Justizministerium, basierend auf einer Auskunft des Gesundheitsministeriums geantwortet hat: Es gäbe weniger als 2% Infektionen in Deutschen Kliniken
Leider ist dies ein Politikum und eine freche LÜge:Immerhin sind fast alle Gesundheitsminister und Justizminister von der FDP und käuflich!
Sie edecken sich offensichtlich gegenseitig bei der Koruption!
Demzufolge gehören sie in den Knast aber nicht in die Regierung!?
Gerne bin ich bereit eine Bürgerinitiative zu unterstützen, die mir hilft diese gewissenlosen Menschen zur Rechenschaft zu ziehen.
Ich habe was über 39% Infektionsrate bei ca 80% Mortalität in Deutschland gelesen.
Dies wäre mehr als die Hälfte der Toten in Deutschland!

Selbst die Melde-Pflicht wird nicht ernst genommen, geschweige eine Untersuchung des Klinikpersonals noch der Patienten.
Es ist der größte Medizinskandal in der Deutschen Geschichte.
Vor allem hat sich das Verfüttern von Antibiotika an Masttiere in den letzten beiden Jahren mehr als verdoppelt!
Quelle 3 Sat Fernsehen!
man hat Antibiotika als Mastverstärker ausgemacht

Das Deutsche Fernsehen darf darüber nicht berichten!
Meine Email intermedv@yahoo.de
Alfons Lewen

Händedesinfektion ist das Geheimnis der Krankenhaushygiene. Das habe ich schon 1980 ¿gepredigt¿, als ich noch Hygienebeauftragter einer großen Klinik war. Stattdessen wurden damals wie heute die Fußböden desinfiziert. Dadurch wird die Auslese der Keime befördert, die zusammen mit dem Missbrauch der Antibiotika in der Nahrungskette sowie im Krankenhaus die Grundlage der Resistenzbildung schaffen.

Eberhard Krämer
Eberhard Krämer

Antibiotika + Mangelnde Hygiene + Impfungen + Studien = GELD
Solange mangelnde Hygiene im KH zu Lasten der Patienten geht wird sich nichts ändern. Der Patient trägt die Folgen und die Kosten und die Pharma sucht weiter nach Eruptio monetas…

Dr. Ezra Pierpaoli
Dr. Ezra Pierpaoli

Es wäre wirklich eine riesige Hilfe, vorbeugende Massnahmen gegen MRSA zB als Impfstoff zu haben. Ich hatte selber eine MRSA-Sepsis. Was die Hygiene betrifft, war diese zumindest in der Intensivstation, in der ich war, rigoros (Kantonsspital Aarau). In der REHA allerdings wurde die Isolation um einiges nachlässiger gehandhabt. In einigen Spitälern werden alle Eintritte auf MRSA gecheckt.

Samuel Schleich
Samuel Schleich

Das verstehe ich nicht, wo ist der Zusammenhang zwischen schlampigen Ärzten und der Pharmalobby?
Gäbe es keine schlampigen Mediziner und keine schlechte Pflege, (wie oben beschrieben) dann könnten die Pharmafirmen auch nichts verdienen.
Anstatt sich in der Medizin und in der Pflege tatsächlich ein Beispiel an Holland zu nehmen ist die “Vogel Straus Taktik” zusammen mit Lippenbekenntnissen natürlich viel einfacher.

Evelyn Winges
Evelyn Winges

Leider wird man auch noch angegriffen wenn man im KH auf Mängel ganz vorsichtig auf Hygiene Mängel hinweist,das fängt ja schon bei der Sauberkeit der Zimmer und den Wasch/-Duschgelegenheiten an,dann ist man gleich der schlechte Patient! Mein Narkosearzt desinfiziert die Einstichstelle gleich gar nicht,als ich fragte, meinte er,das würde er schon immer so machen?? Also habe ich da ich öfter Narkosen brauche immer alles mit,das kann es ja wohl auch nicht sein! Hoffentlich versickert dieser Ansatz nicht wieder!

Endlich wird auch mal an eine ganz wichtige Ursache des Problems beim Namen genannt und hoffentlich angegangen: Nämlich die Hygiene im Krankenhaus und den Arztpraxen,und nicht einfach ohne Sachkenntnisse alles auf die Veterinärmedizin und Landwirtschaft abgewälzt. Die ersten MRSA-Keime traten im Krankenhaus und NICHT in den Ställen auf. Wenn ich nur an meine letzte Blutentnahem, gerade diese Woche denke: Zuerst wird die Punktionsstelle mit Alkohol desinfiziert, dann testet die MFTA nochmalk den Venendruck- und die Lage mit dem bloßen Finger….. mit dem sie gerade den Türgriff geschlossen hat!
Damit will ich aber keinefalls eine Tierhaltung, die nur mit Antbiotikaroutineinsatz zurechtkommt in Schutz nehmen. Das ist ein anderes, unschönes Kapitel, aber nicht für alles was in der Medizin schiefläuft, verantwortlich.

Es muss daran erinnert werden, dass es Antibiotika erst seit 1946 in Deutschland gibt. Davor gab es seit Semmelweis und Lister keine nosokomialen Infektionen und natürlich auch keine resistenten Erreger. Es mag sein, dass wegen der leichten Behandelbarkeit die Expositionsprophylaxe vernachlässigt wurde, obwohl vor den Folgen unkritischer Antibiotikatherapie seit 1948 gewarnt wurde. Jetzt, da der Massenkonsum von Antibiotika die Entstehung resistenter Keime von epidemieartigem Ausmass zu Folge hatte, steht die Medizin mit leeren Händen da. Hier ist die Besinnung auf die Vorantibiotikaära nötig.

monika breu
monika breu

Wie viele der Pflegekräfte tragen diese Keime in sich und geben diese unbewusst weiter??

rolf müller
rolf müller

Anstatt sich ein Beispiel an dem erfolgreichen Umgang mit resistenten Klinikkeimen bei den Holländern zu holen … wird weiter atemberaubend geschlampt auf den Stationen …und der Gewinner ist wie immer die Pharmalobby

Die neusten Kommentare

Als Grundlagenerkenntnis natürlich wertvoll. Diagnostische Marker gibt es schon ausreichend. Aber Zitat: „Neue Medikamente könnten mehr...
viele glauben auch an einen (menschengemachten) sog. CO2-Treibhauseffekt. Damit sind nicht die holländischen Gewächshäuser mit den mehr...
Copyright © 2014 DocCheck Medical Services GmbH