Zyklus-App mit fötalen Folgen

14. Oktober 2014
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Als „vatikanisches Roulette“ war die Verhütungsmethode nach dem Kalender einst verschrien. Nun erlebt sie mit den Zyklus-Apps eine Renaissance – mit möglicherweise fatalen Folgen für Frauen, die „Periodentracker“, „Menstruationskalender-App“ und Co. nutzen.

Was Frauen früher mit unscheinbaren Kreuzchen von Hand im Kalender markierten, übernimmt heute die Zyklus-App. Die „Periodentracker“ oder „Menstruationskalender-Apps“ gibt es von verschiedenen Anbietern. Alle Apps basieren auf einem Kalender, in den Frau den ersten Tag ihrer Monatsblutung einträgt. Auch Detailinformationen wie Schmerzen, Stimmungen, Blutungsdauer und der Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs lassen sich, wenn gewünscht, ergänzen. Bereits nach der ersten Eingabe des Periodenbeginns trägt die App im Kalender die fruchtbaren Tage im laufenden Zyklus ein.

Als Tagebuch unproblematisch

„Als Zyklustagebuch, mit dem Frauen ihre Periode beobachten oder den nächsten Arzttermin planen, sind diese Anwendungen völlig unproblematisch“, sagt Dr. Elisabeth Raith-Paula. Eine weitere Funktion bereitet der Ärztin allerdings Bauchschmerzen: Die Anzeige der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im Zyklus der Frau. „Diese Funktion ist höchst problematisch und gefährlich! Sie basiert auf einem völlig veralteten Wissen, das noch aus der Zeit der Vor-Pillen-Ära der 50er Jahre stammt und damals unter dem Stichwort „Knaus-Ogino“ bekannt war“, so Raith-Paula.

Denn grundsätzlich lasse sich die fruchtbare Zeit einer Frau im aktuellen Zyklus nicht bestimmen, sondern immer nur berechnen. „Das geschieht entweder nach der starren, simplen, aber falschen Rechenregel: Der Zyklus hat 28 Tage und der Eisprung ist am 14. Zyklustag. Oder die Berechnung bezieht alle bisher eingetragenen Zyklen mit ein und wird je nach Anwendungsdauer ein wenig genauer“, sagt Raith-Paula. Unabhängig davon, wie viele Monatszyklen einer solchen Berechnung zugrunde lägen, sie bezögen sich dennoch ausnahmslos auf vergangene Zyklen, mahnt die Ärztin. Für den aktuellen Zyklus könnten mit der Kalendermethode in keinem Fall verlässliche Aussagen getroffen werden.

Jede Frau hat Zyklusschwankungen

Denn der Zyklus der Frau ist natürlichen Schwankungen unterworfen. Das belegen Zahlen aus Europas größter Datenbank zur Zyklusforschung. Dort wurden seit den späten Achtzigerjahren mehr als 33.000 Selbstbeobachtungszyklen von gesunden Frauen im Alter von 19 bis 45 Jahren erfasst und nach verschiedensten Fragestellungen ausgewertet. Die Erkenntnis daraus: Keine Frau hat eine starre, individuelle Zykluslänge. „Bei 60 % aller Frauen schwankt die Zykluslänge innerhalb eines Jahres um mehr als eine Woche. Von diesen 60 % erlebt fast jede zweite sogar im Laufe eines Jahres Schwankungen von mehr als zwei Wochen. Bei knapp 30 % aller gesunden Frauen pendelt die Zykluslänge also zum Beispiel zwischen 24 und 38 Tagen oder zwischen 28 und 42 Tagen“, hat Dr. Raith-Paula in ihrem Buch „Natürliche Familienplanung heute: Modernes Zykluswissen für Beratung und Anwendung“ zusammengefasst.

Bei mehr als der Hälfte aller Frauen findet der Eisprung nach dem 14. Zyklustag statt. „Da sich bei jungen Mädchen der Eisprung signifikant später ereignet, sind die Angaben der Zyklus-App gerade für diese Altersgruppe besonders bedenklich“, so Raith-Paula.

Auch der umgekehrte Fall ist plausibel: In 20 % der Zyklen findet der Eisprung schon vor dem 14. Zyklustag statt. Dr. Raith-Paula rechnet vor: „Damit beginnt die fruchtbare Zeit in all diesen Fällen bereits zu einer Zeit, die von diesen Apps noch als unfruchtbar definiert wurde.

Bei Kinderwunsch enttäuschend, zur Verhütung fatal

Für Frauen mit Kinderwunsch, sei das weniger problematisch, höchstens enttäuschend, so die Frauenärztin. Wird die App allerdings zur Verhütung benutzt und die Frau verlässt sich auf die Angaben zu fruchtbaren und unfruchtbaren Tagen, kann ein Sexualkontakt in dieser Zeit zu einer ungewollten Schwangerschaft führen. Denn zu den ungenauen Berechnungen addiere sich noch das Risiko, dass Spermien im Körper der Frau bis zu fünf Tage überleben können.

Viele App-Anbieter wissen, dass sich ihre kleinen Smartphone-Programme nicht zur Verhütung eignen. Installiert man die App auf dem Smartphone, erscheint daher auch ein diesbezüglicher, allerdings einmaliger Hinweis darauf. „Wenn die App einmal auf dem Handy geladen ist und verwendet wird, haben einmalige Warnungen in der Beschreibung vor dem Download kein Gewicht mehr, werden vergessen oder von vornherein nicht wahrgenommen“, so Raith-Paula.

„Wir machen die Erfahrung, dass viele junge Mädchen diese Apps benützen und halten das für extrem problematisch“, sagt die Ärztin. Bereits seit 14 Jahren engagiert sich Dr. Raith-Paula als Gründerin des MFM (My Fertility Matters) Deutschland e.V. für ein sexualpädagogisches Präventionsprogramm, das Mädchen, Jungen und deren Eltern in die Pubertät begleitet. Ihr Fazit: „Wir dürfen es nicht zulassen, dass aus diesem Unfug ungeplante Schwangerschaften bzw. Abtreibungen resultieren!“ Die Hersteller sollten entweder gezwungen werden, die „Fruchtbarkeits-Funktion“ gänzlich zu eliminieren oder mit einem regelmäßigen Warnhinweis zu versehen: „Darf nicht zur Empfängnisverhütung angewandt werden!“

112 Wertungen (4.2 ø)
Gynäkologie, Medizin

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17 Kommentare:

docmum
docmum

Was für ein wenig fundierter Artikel! Da hat sich die Autorin wohl kaum wirklich mit den apps und der dahinter liegenden Thematik beschäftigt. Erstens gibt es super apps die bei weitem nicht nur knaus-ogino heranziehen, sondern alle wissenschaftlich Fundierten Methoden mit ein eziehen. So genau könnt ich das auf Papier kaum.
Zweitens wäre ich im Teenie Alter echt froh gewesen, wenn mich eine APP ein paar Tage vor Perioden Beginn informiert hätte! Ind ich bin mir sicher, dass die appd genau so von einigen Mädels benutzt werden. Drittens ist es immer noch besser, die Teenies beschäftigen sich so mit ihrem Körper als überhaupt nicht. Ansonsten: Gibt es Studien, welche Maßnahmen Teenie Schwangerschaften effektiv reduzieren? Das wär mal viel interessanter.

#17 |
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Jürg Rückert
Jürg Rückert

Warum wird Knaus-Ogino zitiert und nicht die Rötzer-Methode?

#16 |
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Elvira Baumann
Elvira Baumann

@Anne Symann, Elvira Baumann will uns damit sagen, dass die Geburtenrate deutscher Frauen unter 1 liegt, is doch schön, oder?

#15 |
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Physiotherapeutin

Na wunderbar!!
Ich finde es mehr als enttäuschend, solche Beiträge zu lesen und eine natürliche Verhütungsmethode als “altertümlich” zu bezeichnen :-(
Würden die Frauen genau über ihren Zyklus informiert (Zervixschleim, Position des Gebärmuttermundes, Temperaturerhöhung NACH dem Eisprung, Eisprungschmerz, Stimmungsschwankungen), so hätte wohl die Pharmaindustrie nicht mehr genügend Absatz mit der “Pille”.
Ich erlebe immer mehr junge Mädchen, die überhaupt nicht mehr wissen, wie ihr Körper überhaupt funktioniert.
Mit solchen allgemeinen Statements wird den Frauen die Motivation genommen, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen.
Es muss differenziert werden!
Dass die reine Kalendermethode zur Verhütung mehr als ungeeignet ist, darüber sind wir uns einig.
Aber anstatt der allgemeinen Ratschläge von wegen “Zyklus-Apps sind vatikanisches Roulette” – wie sie leider auch in FA-Praxen gegeben werden, sollte doch mehr Aufklärung erfolgen.
In diesem Artikel hier vermisse ich z.B. die klaren Vorzüge (incl. Pearl-Index) von NFP. Wenn schon Kritik, dann bitte mit Pro und Contra.
Ich verhüte schon seit 11 Jahren mit NFP – und seit 2 Jahren nutze ich die App auf meinem Smartphone – und bin mehr als begeistert davon!
Und nein, ich war noch nie ungewollt schwanger – trotz ausgefülltem Liebesleben ;-)

#14 |
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Viola Heins
Viola Heins

Von Zwang und Vorschriften halte ich gar nichts. Man kann den Menschen ruhig auch mal selbstverantwortliches Handeln zutrauen. Ein Warnhinweis ist gut und wichtig und reicht. Eine Frau, die ihren Zyklus über einige Zeit beobachtet und das notiert, ob nun im papierenen oder digitalen Kalender, merkt sehr schnell, daß es nicht immer exakt 28 Tage sind. Also ist es logisch, das der Kalender nicht ausreicht, um einen Eisprung zu berechnen. Aber es ist doch ein kleiner Anhaltspunkt.
Die Information, daß es bei gesunden Frauen eine erhebliche Schwankungsbreite gibt, sollte man mal verbreiten; das würde auch viele falsche Sorgen und Ängste um die Gesundheit auf ein gesundes Maß zurechtstutzen.
Die Apps mit breitgefächerten Zusatzinfos auszustatten, kann gar nicht schaden. Ein stumpfes “Darf nicht …” ist dagegen recht bescheuert.
Mit Warnhinweisen kann man es auch übertreiben. Warum soll ich nicht einen Kalender zur Empfängnisverhütung verwenden? Wer soll mir das verbieten? Geht das ohne Kalender etwa besser?
“Sollte nicht als ausschließliches Hilfsmittel …” würde schon etwas sinnvoller sein. Muß aber nicht täglich wiederholt werden. Wir sind ja nicht alle Idioten.

#13 |
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Sie warnen zurecht vor Apps, die fruchtbare und unfruchtbare Tage nur anhand der Zykluslänge berechnen.
Leider ist ihnen aber ein Kapitalfehler unterlaufen: Grundsätzlich lässt sich die fruchtbare Zeit einer Frau im aktuellen Zyklus nicht BERECHNEN, sondern nur BESTIMMEN!! (Umgekehrt, so wie im 3. Absatz ihres Artikels, ist es grottenfalsch!)
Anhand der BEOBACHTUNG – aktuell! – des Zervixschleimes und der Auswertung der Temperatur lässt sich nämlich SEHR zuverlässig die fruchtbare und unfruchtbare Zeit voneinander unterscheiden! Niemand in Deutschland kann ihnen das besser erklären als Frau Dr. Raith-Paula.
Es ist sehr schade, dass Sie sie zwar zu Wort kommen lassen gegen die Rechen-Apps, aber die Chance verpasst haben, auf die absolut zuverlässige Bestimmung fruchtbarer und unfruchtbarer Tage durch korrekte ZyklusBEOBACHTUNG hinzuweisen, die dann natürlich auch zur Verhütung genützt werden kann. Denn die Methodensicherheit der symptothermalen Methode (u.a. bestimmt anhand der angesprochenen 33.000 Selbstbeobachtungszyklen, die Frau Dr. Raith-Paula anspricht) kann mit Pille und Co locker mithalten bzw. ist ihr überlegen. Und App-Fans müssen die Zyklusauswertung nicht selbst auf dem Papier machen, sondern können die dafür entworfene professionelle App verwenden.

Gynäkologin und NFP/NER-Fan

#12 |
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Apotheker

@2
Ebenfalls typisch (ein t reicht vollkommen): Die Verschwörungstheoretiker(innen) kommen aus den Löchern, und sehen wieder die Pharmalobby dahinter.
Dabei wurden nur vor der (ausschließlichen) Benutzung der Apps als nicht vollkommen zuverlässig gewarnt. Man kann ja auch “pharmafrei” verhüten, z.B. mit Kondomen.
Diese sind auch nicht 100%ig sicher, wie auch die Pille, Spirale, Pessar etc. nicht.

#11 |
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Ich finde (außer in # 3 und #4) irgendwie keinen Bezug zum Artikel.

Zu # 2 (Gabriele Wieland): Wo sehen Sie den Bezug zur “Pharmalobby”? Der obige Beitrag beschäftigt sich ausschließlich mit den Zyklus-Apps, so wie sie aktuell sind. Diese Zyklus-Apps zu verbessern, dürfte allein Aufgabe der diesbezüglichen Anbieter sein. Und ob die Orgasmen dann besser sind, wird sich so leicht nicht belegen lassen…

Und die Kinderzahl bei Migrantinnen sehe ich auch nicht im direkten Bezug zu den Zyklus-Apps. Oder habe ich da etwas überlesen?

#10 |
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Heilpraktikerin

Jedem seine eigene Meinung, nur was will Frau Baumann mit #6 uns sagen? Missverstehe ich diesen Hinweis, oder hat da jemand was gegen Kinder, wenn sie türkisch sind? Es ist doch schön, wenn es Familien gibt, in denen Kinder willkommen sind.

#9 |
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Anja Holl
Anja Holl

@Hr Lander und Hr Schulze, ungewollte Kinder sind auch als Erwachsene oft sehr unglücklich und benötigen psychotherapeutische Hilfe!

#8 |
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Heilpraktiker

Ich kann mich da Herrn Dr. Schulze nur anschließen. Es könnte nicht schaden die Geburtenrate zu erhöhen. xD

#7 |
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Elvira Baumann
Elvira Baumann

bei den 1,3 sind allerdings alle “Migrantinnen” (Türken) immer mitgerechnet,
das Ergebnis sieht man in Grundschulen.

#6 |
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Dr. Matthias Schulze
Dr. Matthias Schulze

Vielleicht ist das ja die Chance das Geburtentief von 1,3 (ja da steht ein Komma :-) )
zu überwinden.

#5 |
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Ann-Katrin Fritz
Ann-Katrin Fritz

Ich benutze so eine App und so tun es auch viele meiner weiblichen (ärztlichen) Kolleginnen. 1. werden die Daten nicht routinemäßig auf iCloud abgespeichert, es sei denn man wählt es spezifisch und 2. wen interessiert so was schon, falls man es wirklich auf der iCloud abspeichern sollte und jemand bescheuert genug ist, sich so was anzuschauen? Sind ja keine Nacktbilder.
Basaltemperaturmessung ist gut zum Verhüten, aber nicht so gut, wenn man schwanger werden will, da sich die Temperatur nur nach dem Eisprung ändert und man damit das fruchtbare Fenster in der Regel verpasst, da die höchste Fruchtbarkeit statistisch gesehen 1-2 Tage vor dem Eisprung ist. Zervixschleim ist sehr zuverlässig bei mir und alles (incl App) korreliert mit dem Eisprung, wenn man den LH anstieg mit-misst. Natürlich gibt es wie oben genannt auch Pitfalls und besonders jüngere Patienten haben ein erhöhtes Risiko, wenn sie einen Unregelmäßigen Zyklus haben und einer App blind vertrauen – meine App hat diese Warnung auch unter den Informationen in der App und rät davon ab, diese als Verhütungsmittel zu benutzen. Desweiteren können externe Lebensstilfaktoren wie Stress, Schlafmangel und andere Ernährung den Zyklus beeinflussen.
Da in Deutschland aber Patientinnen in der Regel jedes Jahr zum Gynäkologen gehen, wäre es sicherlich sinnvoll, wenn man während einer Routineuntersuchung das Thema (natürliche) Verhütung und “Apps” mit der jeweiligen Patientin bespricht. Dazu ist man ja als Arzt auch da.

#4 |
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Elvira Baumann
Elvira Baumann

Messen ist noch besser als Berechnen, ja wirklich uralt,
soviel Interesse sollt schon sein in so einer wichtigen Frage.
Stichwort BASALTEMPERATUR, täglich vor dem Aufstehen morgens.
Das Thermomether gabs in jeder Apotheke.
http://salerno.uni-muenster.de/data/bl/graphics/pics_big/basaltem0001_1.html

#3 |
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Gabriele Wieland
Gabriele Wieland

Thypisch – hier hat sich die Pharmalobby wieder mal Knechte unter den Journalisten gesucht. Anstatt die Zyklus-Apps mit profunden Zusatzinformationen über eindeutige Zeichen von Fruchtbarkeit zu ergänzen und damit die Handhabung abzusichern wird wieder Angst- und Panikmache betrieben.
Gern hätte ich auch gelesen, wie fortschrittlich es ist, dass die Tendenz wieder in Richtung natürliche Empfängnisregelung geht. Schließlich bekommen Frauen nicht nur wieder schönere Organsmen ohne Kontrazeptiva sondern weniger Krebs, weniger Thrombosen, weniger Depressionen, nicht mehr dauernd Blasenentzündungen oder Schilddrüsenerkrankungen wie Thyroiditis Haschimoto und am Ende vielleicht sogar noch auf natürlichen wegen die gewünschten Kinder! Ein echter wirtschaftlicher Verlust…

#2 |
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Dr. med. Stephanie Graf
Dr. med. Stephanie Graf

Wer benutzt denn solche App’s und “publiziert” auch noch die allerintimsten Daten in der iCloud und somit der gesamten Weltöffentlichkeit?

Da kann man nur mit dem Kopf schütteln über so viel Naivität und auch aus diesem Grund dringend vom Gebrauch solchen Unfugs abraten.

#1 |
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