Plastische Chirurgie: Schnibbeln macht happy

19. April 2013
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Gelangweilte Millionärsgattinen oder Menschen mit gestörtem Selbstwertgefühl: In der Öffentlichkeit repräsentieren sie das typische Klientel für Schönheitsoperationen. Dass die Realität ganz anders aussieht, konnte eine aktuelle Studie zeigen.

Schönheitsoperationen boomen. Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Ästethische Plastische Chirurgie legten sich im Jahr 2011 weltweit etwa 8,5 Millionen Menschen für die Schönheit unters Messer, 200.000 davon in Deutschland. Der Wunsch nach einem besseren Aussehen aus ästhetischen Gründen tritt meist bei jüngeren Menschen mit einem leicht überdurchschnittlichen Einkommen auf. Schön zu sein, ist für Frauen offenbar immer noch wichtiger als für Männer, denn die optische Aufbesserung von Frauen machte 87 % aller Schönheitsoperationen im Jahr 2011 aus. Doch macht der Gang unters Messer wirklich glücklicher?

Erste große Studie zur Zufriedenheit nach Schönheits-OPs

Wer sich mit einer schiefen Nase, abstehenden Ohren oder zu kleinen Brüsten arrangiert und darauf hofft, dass sowieso nur die inneren Werte zählen, könnte glücklicher leben, wenn er sich von Schönheitschirurgen etwas aufhübschen ließe. Das hat Prof. Dr. Jürgen Margraf, Alexander von Humboldt-Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum in Kooperation mit Kollegen von der Universität Basel bei der Befragung von rund 550 Patienten herausgefunden. “Die große Anzahl der befragten Patienten gibt uns erstmalig ein umfassendes Bild zur Zufriedenheit der Patienten nach verschiedenen Schönheitsoperationen“, erklärt Prof. Margraf, wie sich seine Studie von den bisher durchgeführten abhebt.

Wichtiges Qualitätsmerkmal: Eine Kontrollgruppe

Prof. Margraf und seine Kollegen untersuchten, ob sich Patienten, die sich einer Schönheitsoperation unterziehen, systematisch von anderen Menschen unterscheiden, welche Ziele sie sich vor der OP setzen und ob sie diese danach erreichen. Die Wissenschaftler verglichen 544 erstmals operierte Patienten im Alter von 18 bis 65 Jahren mit zwei weiteren Gruppen: einerseits mit 264 Personen, die sich früher eine Schönheitsoperation gewünscht hatten und sich dann doch dagegen entschieden; andererseits mit rund 1000 Menschen aus der Allgemeinbevölkerung, die sich nie für eine solche Operation interessierten. “Nur durch eine Kontrollgruppe können wir die Erkenntnisse, die wir in der Patientengruppe gewonnen haben, auch absichern”, erklärt Prof. Margraf.

Doch diese aufzustellen war nicht ganz so einfach wie bei anderen Studien. “Da wir bei Schönheitsoperationen keine Zufallszuweisungen machen können, wie sie bei vielen anderen Studien beispielsweise mit Placebos möglich sind, haben wir Menschen ausgewählt, die sich für eine Schönheitsoperation interessieren, sich aber noch nicht dafür entschieden haben”, so Margraf weiter. Die Kontaktdaten erhielten die Studienautoren aus der Adressdatei eines Klinikträgers für plastische Schönheitschirurgie. Außerdem wollten Prof. Margraf und sein Team herausfinden, ob sich Menschen, die sich für Schönheitsoperationen interessieren oder sich dafür entscheiden, von der durchschnittlichen Allgemeinbevölkerung unterscheiden. “Als klinischer Psychologe hatte ich bisher eher den Eindruck, dass viele Menschen, die ihre Schönheit operativ verbessern lassen, unter psychischen Problemen leiden”, so Prof. Margraf.

Bei ihren Befragungen kamen die Psychologen zu ihrem ersten überraschenden Ergebnis: Psychische Probleme spielen bei Schönheitsoperationen offenbar keine Rolle, denn insgesamt gab es zwischen den drei untersuchten Gruppen keine nennenswerten Unterschiede in psychologischen und gesundheitlichen Variablen wie etwa psychischer Gesundheit, Lebenszufriedenheit oder Depressivität.

Ihre fünf wichtigsten persönlichen Erwartungen und Wünsche konnten die Probanden vor der OP frei formulieren. “Das verfälscht die Ergebnisse weniger, als wenn wir vorformulierte Antworten zum Ankreuzen angeboten hätten”, erklärt Margraf. Die Patienten äußerten Wünsche wie “sich wohler fühlen”, “Schönheitsfehler beseitigen” und “mehr Selbstbewusstsein entwickeln”. Auf einer Skala von 0 bis 100 % verdeutlichten die Studienteilnehmer, in welchem Maße diese durch die Schönheitsoperation umgesetzt bzw. erfüllt wurden. Außerdem beantworteten die Probanden Fragen zu ihrem Wohlbefinden, ihrer Lebenseinstellung und ihrer Lebensqualität. Weitere Fragen gaben den Forschern Auskunft über Ängste, Depressionen und soziale Phobien ihrer Studienteilnehmer. Insgesamt wurden alle Probanden vor der OP, sowie 3, 6, und 12 Monate danach befragt.

“Wir haben alle Studienteilnehmer gefragt, wie schön sie sich im Vergleich zu anderen Menschen fühlen”, so Margraf. Ihre Attraktivität sollten die Probanden anhand einer Skala einschätzen. Der Zahlenwert 100 entsprach in der Befragung einem schönen, der Wert 0 einem hässlichen Menschen. Dabei stießen die Wissenschaftler auf einen zweiten bemerkenswerten Umstand: “Unsere Repräsentativumfrage zeigte, dass sich die Mehrheit der Deutschen im Vergleich zu anderen als überdurchschnittlich attraktiv einschätzt”, berichtet der klinische Psychologe. Ein Umstand, der schon rein mathematisch nicht der Realität entsprechen kann. “Das Phänomen der Selbstüberschätzung kennen wir auch aus anderen Bereichen der Psychologie, wo Menschen zum Beispiel ihre Gesundheit und ihr Einkommen überschätzen”, so Margraf weiter. Diese Art von Selbstbetrug könnte uns helfen, besser durch den Tag zu kommen, vermuten Psychologen.

Bei den Probanden, die sich einer Schönheitsoperation unterziehen wollen, war das insgesamt nahezu genauso, nur den zu verschönernden Körperteil schätzten sie als unterdurchschnittlich attraktiv ein. “Nach der OP lag dieser Wert aber wieder auf der Höhe der gewöhnlichen Überschätzung, also bei etwa 75 %”, erläutert Prof. Margraf. Die selbst eingeschätzte Gesamtattraktivität der Patienten veränderte sich durch die Schönheitsoperation nur unwesentlich. “Patienten, die sich einer Schönheits-OP unterziehen, sehen sich insgesamt also als genauso attraktiv an wie der Rest der Bevölkerung. Lediglich der beseitigte Makel in einem begrenzten Bereich wirkt sich auf ihre Lebensfreude, ihre Selbstsicherheit und ihre Zufriedenheit aus”, fasst Prof. Margraf zusammen.

Offenbar dauerhaftes Glück

Und jetzt kommt die dritte bemerkenswerte Entdeckung der Studie: Die Psychologen hatten die Patienten vor der Operation sowie drei, sechs und zwölf Monate danach auf ihr Befinden hin getestet. Die deutlich verbesserte Zufriedenheit der operierten Patienten blieb über den gesamten Nachuntersuchungszeitraum von 12 Monaten nach der OP stabil erhalten. “Das ist ungewöhnlich”, so Prof. Margarf, “da wir uns sonst eigentlich immer an alles gewöhnen.” Die Gewöhnung, von der Prof. Margarf spricht, wird auch als hedonistische Tretmühle oder hedonistische Adaption bezeichnet. Man versteht darunter die Tendenz des Menschen, nach einem stark positivem oder negativem Lebensereignis relativ schnell zu einem relativ stabilen Level von Glück bzw. Glücklichsein zurückzukehren. “Aus finanziellen Gründen mussten wir die Studie leider nach 12 Monaten beenden”, bedauert Prof. Margarf, dass er diesen Umstand darüber hinaus nicht länger verfolgen konnte.

Realistische Erwartungen und hoher Leidensdruck

Um zu verstehen, warum das Glück, das die Patienten im Zusammenhang mit ihrer operativen Veränderung auch nach einem Jahr noch genauso intensiv empfunden wurde wie gleich nach der OP, führten die Psychologen um Prof. Margraf Einzelgespräche mit den Patienten. “Für einen sehr köperbewussten Friseur beispielsweise waren seine Schlupflieder, von denen ich bis dato noch nicht einmal gehört hatte, ein großes Schönheitsmanko. Er empfand auch lange nach der OP noch eine große Zufriedenheit bei jedem Blick in den Spiegel“, berichtet Margraf.

Mit ihren Daten können die Psychologen um Prof. Margraf den Effekt der dauerhaften Zufriedenheit nicht schlüssig erklären, sie können lediglich Vermutungen anstellen: “Die Menschen, die sich einer Schönheitsoperation unterziehen, haben einen klar eingegrenzten, subjektiv empfundenen Mangel. Ist dieser behoben, fühlen sie sich deutlich besser. Unrealistische Erwartungen an die OP-Ergebnisse sind selten. Nur 12 Prozent der Befragten gaben bei der Befragung realitätsferne Standardziele wie ‘Alle meine Probleme werden gelöst’ und ‘Ich werde ein völlig neuer Mensch’ an”. “Ein Grund für die langfristige Zufriedenheit könnte also darin liegen, dass die Menschen genau das bekommen, was sie sich von einer Schönheits-OP erhoffen. Zudem tragen sie ihre subjektiv empfundenen Makel meist schon sehr lange mit sich herum, bevor sie sich für eine OP entscheiden, was die Erleichterung nach der OP enorm vergrößert”, so Margraf.

Die Studie untersuchte allerdings nur Menschen, die sich zum ersten Mal einer Schönheitsoperation unterzogen. “Bei Menschen, die das mehrmals tun, sähe das Ergebnis vermutlich anders aus“, so Prof. Margraf. Er betont außerdem, dass Menschen mit einer Dysmorphophobie, also einer Wahrnehmungsstörung des eigenen Körpers, von der Studie ausgeschlossen waren. Negative Effekte einer Schönheitsoperation stellten die Forscher nicht fest. Also nichts wie ab auf den OP-Tisch für größere Brüste, schmalere Hüften oder eine geradere Nase? Zahlreiche Studien belegen zwar, dass schöne Menschen leichter durchs Leben gehen. Menschen mit weniger symmetrischen Gesichtern scheinen jedoch großzügiger als ihre hübscheren, symmetrischeren Artgenossen zu sein, wie eine Studie aus dem Jahr 2010 zeigte. Und Geben macht ja bekanntlich auch glücklich.

99 Wertungen (4.23 ø)
Chirurgie, Medizin

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11 Kommentare:

Dr. med. Ludger JM Meyer
Dr. med. Ludger JM Meyer

Eine wie ich finde sehr interessante Studie, zu der ich den Verantwortlichen meinen Respekt zolle!
Gerade angesichts der auch hier geäußerten vielfältigen Kommentare stellt die Studie nämlich DAS EINZIGE für die Beurteilung eines solchen Entschlusses erhebliche Kriterium in den Vordergrund: die Subjektivität des/der Betroffenen! Auch in den Kommentaren hier ist doch viel zu oft zu lesen, dass “man” sich mit schiefen Nasen oder ungleichen Brüsten doch prächtig arrangieren könne. So. Aha. Und wer bewertet das denn? Der Partner für die Partnerin? Die beste Freundin (“ach, brauchst du doch gar nicht”), von der wir aus anderen Studien sowieso wissen, dass sie ihrer “besten Freundin” in 40% das hässlichere Kleid empfehlen würde… Warum wohl?
Sehen nicht eigentlich wir alle jeweils alle anderen viel zu sehr durch unsere eigene sehr subjektive Brille? Da ist eine solche Erhebung, die sich endlich mal für die Überzeugungnen derer interessiert, die es schließlich angeht, ein Fotschritt in der Erkenntnis in diesem doch zumeist viel zu vorurteilsbehaftet diskutierten Bereich!

#11 |
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Sissi Gaub
Sissi Gaub

Unsere Patienten haben sehr wohl Probleme und wünschen sich eine gewisse Schönheit, was oft auch mit Gesundheit einhergeht.
Das reicht von:
– Trichterbrust und deformierten Brüsten mit Wunsch nach Brustvergrößerung (schöne, harmonische Ergebnisse)
– Fettabsaugung bei Lipödem, damit wenigstens wieder “Hosen von der Stange” passen
– Fettabsaugung an den Innenschenkel: Damit wieder Sport möglich ist, ohne sich eine “Wolf” zu laufen!
– Hymenrekonstruktion: um standesmäßig nicht verstoßen, brüskiert zu werden oder gar: Thema Ehrenmord..
– Frauen, die nach dem Stillen nichts mehr = nur noch “Schläuche” haben und wiederhergestellt werden möchten um privat! oder in der Sauna, Dusche Tennisplatz, am Strand etc. fraulich zu sein
– Transsexuelle, welche nach erfolgter Hormonbehandlung Brustvergrößerung wünschen, um ihrem Ideal “Frau” noch näher zu kommen.

Ergo:
Es sind ganz normale Menschen wie “du und ich”.. die verantwortungsvoll sind, Wünsche, Vorstellungen haben. Das Geld oft über Jahre ansparen um sich endlich den Wunsch zu erfüllen.

Sofern die Wünsche im Ermessen unserer Ärzte liegen, setzen wir diese auch gerne um.
Wer zu verrückte Wünsche dalegt, wird auch aufgeklärt und der Arzt begründet, warum es genau diesen Eingriff ablehnt.

Ich liebe meine Arbeit, weil sie mir Menschen sehr nahe bringt.

#10 |
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Medizininformatiker

Schönheitschirurgie ist Selbstbetrug, denn der Körper zeigt uns wie es innen aussieht.
Man sollte sich so annehmen wie man ist, die OP macht man doch meistens für die anderen Menschen und man täuscht diesen etwas vor.

#9 |
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Dr.rer.pol. Dieter Korczak
Dr.rer.pol. Dieter Korczak

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass es keineswegs die erste Studie ist, die sich mit der Zufriedenheit nach Schönheitsoperationen befasst. (siehe D,Korczak, Schönheitsoperationen: Daten, Probleme, Rechtsfragen, 2007)

Die Aussagen der Margraf-Studie halte ich aus methodischen Gründen für sehr problematisch.Bei unserer Studie mit 620 Patienten/-innen haben wir sehr wohl niedriges Selbstwertgefühl, Unsicherheit, Scham und Körperdysmorphobien festgestellt.

#8 |
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Dr. med. Johannes Meyer-Dunker
Dr. med. Johannes Meyer-Dunker

Lieber Prof. Schmid

Wenn Defizite des Aussehens zu psychischen Erkrasnkungen führen zahlt die gesetzliche Krankenkasse niemals!
Sonst hätten wir auch nur psychisch Kranke.
Ich muß das wissen, ich arbeite beim MDK.

#7 |
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Ich nehme mit, dass die Erfüllung der kosmetischen Wünsche nachhaltig zufrieden stellen kann. Vermutlich, weil es sich um Wünsche handelt, denen sehr bedacht/ bei traumatischem Hintergrund und eben nicht spontan “kaufend” nachgegangen wird. Manchmal ist Handeln eine guter Abschluss?

#6 |
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Dr Christiane  Schnell
Dr Christiane Schnell

Interessant, aber für meine Geschmack ein bisschen unterkomplex. Ob eine Art “Fehler” wie ein Asymmetrie oder kleine Brüste oder Alterserscheinungen operiert werden, dürfte doch zumindest graduell Unterschiede machen. Bei Schlupfliedern bin ich überfragt, aber eine schiefe Nase ist doch eher auf der Skala normal – auffällig/abweichend einzuordnen. Die Größe der Brüste eine Frage des (veränderlichen) Schönheitsideals. Der Versuch Alterserscheinungen rückgängig zu machen, spiegelt wie die beiden erstgenannten auch gesellschaftliche Werte, aber noch viel mehr Leugnung des Alters angesichts einer Überidealisierung der Jugend. Als Soziologin würde ich die Frage: Korrektur der Natur versus Akzeptanz des eigenen Aussehens und ob das langfristig glücklich macht doch zumindest dahingehend differenzierter analysieren, welcher Grad an künstlicher Anpassung an die soziale Umwelt angestrebt wird.

#5 |
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Es ist ungewöhnlich, dass so eine Studie mittendrin abgebrochen wird. Wer hat denn bisher bezahlt und warum der Abbruch?
Dass die Selbsteinschätzung in der Regel positiver ausfällt als die Fremdeinschätzung ist seit langem bekannt. Der Begriff “Schönheitsoperation” ist ein sehr relativer. Beispiel Nase: Es gibt Menschen, die unter ihrer großen Nase leiden (wenn sie den psychischen Leidensdruck glaubhaft machen können, werden die Op.-Kosten sogar von der gesetzl. KK übernommen) und andere, die stolz sind auf ihre überdurchschnittlich große Nase.

#4 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

schnibbeln macht nur happy wenn man hinter dem Messer steht:))

#3 |
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Medizinjournalistin

Liebe Frau Fischer,

ich fürchte, für schiefe Nasen, Schupflieder, abstehende Ohren oder zu kleine/zu große Brüste gibt es auch keine self-doing Alternativen. Oder etwa doch?

Herzliche Grüße

Sonja Schmitzer

#2 |
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Medizinjournalistin

Meiner Meinung nach geht diese Untersuchung am Thema vorbei, weil nicht über Körper-Verschönerung und z.B. Facelift unterschieden wird. Am Körper kann man/frau sehr viel selbst tun, für Facelift gibt es keine selfdoing-Alternative.
Jemand, der weiß, wovon er schreibt…

#1 |
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