Disstress: Arztfeind Nr. 1

15. Oktober 2014
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Große Verantwortung, steigende Belastung und überbordende Verwaltungsaufgaben – die Stressoren sind in vielen Praxen zu finden. Wer die Arbeit besser organisiert und störende Einflüsse beseitigt, hat bessere Karten. Viele Ärzte schaffen das nicht, wie Untersuchungen zeigen.

Niedergelassene Onkologen klagen nicht gerade über leere Wartezimmer. Laut WHO-Weltkrebsbericht 2014 litten 2012 weltweit 14 Millionen Menschen an Krebs. Besonders häufig diagnostizierten Ärzte Lungenkrebs (13 Prozent aller Fälle), gefolgt von Brustkrebs (11,9 Prozent) und Darmkrebs (9,7 Prozent). In den nächsten beiden Jahrzehnten soll es bis zu 21,6 Millionen neue Krebsfälle pro Jahr geben. Um die steigende Zahl an Patienten zu bewältigen, braucht es ausreichend viele Fachärzte.

Steigender Druck

Dazu ein Blick auf Details: Zwar hat sich die Zahl qualifizierter Kollegen von 1996 bis 2011 mehr als verdreifacht. Trotzdem betreut jede Praxis pro Jahr sechs Prozent mehr Erkrankte als im Vergleichszeitraum; 2011 waren es durchschnittlich 1.200 Patienten. Diese Belastung hat ihren Preis – laut Ärztemonitor 2014 arbeiten Fachärzte im Schnitt 52,5 Sunden pro Woche.

Jetzt haben Wissenschaftler am Beispiel der Onkologie untersucht, wie groß die Belastung tatsächlich ist. Im Rahmen der WIN ON-Studie (Working Conditions in Oncology) schrieben sie 566 niedergelassene Hämatologen beziehungsweise Onkologen an und erhielten Feedback von 152 Kollegen. Leitfadengestützte Interviews ergänzten die Fragebögen. Zum Ergebnis: An der Spitze störender Einflüsse stehen administrative Pflichten und Verwaltungsaufgaben, gefolgt vom Patientenaufkommen. Interviewte gaben an, sich kaum Pausen zu gönnen – nicht mal bei eigenen Erkrankungen. Sie hatten täglich Kontakt zu 39 Patienten. „Die Ergebnisse zeigen, dass Zeitdruck und ein hoher Durchlauf an Patienten den beruflichen Stress von Onkologen erhöhen“, sagt Sophie Groß vom Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR). „Um dem entgegenzuwirken, ist ein gutes Zeitmanagement wichtig.“

Strategien gegen Stress

Wer Strategien entwickelt, um Stress zu verringern, verliert die Freude am Job viel seltener. Insgesamt bereuen 86 Prozent ihre Berufswahl nicht – vor allem, da Patienten und Angehörige ihre Arbeit wertschätzen. Die Autoren um Sophie Groß raten zu flexiblen Zeitplänen mit Pufferzonen für Notfälle. Um wirklich Erfolg zu haben, sollte das gesamte Praxisteam miteinbezogen werden.

Ein weiterer Kernpunkt: Zeitfenster, um wichtige Unterlagen ohne Störung zu bearbeiten. Bei schwierigen Fällen ist auch der Rat von Kollegen wertvoll. Und nicht zuletzt helfen Supervisionen beziehungsweise Programme zum richtigen Umgang mit belastenden Situationen.

Lärm: Bis zu 100 dB im OP

Manche Stressfaktoren fallen Ärzten jedoch nicht auf, weil sie sich daran gewöhnt haben. Dr. Carsten Engelmann von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) untersuchte, welchen Einfluss Lärm auf die Arbeitsfähigkeit von Operateuren hat. Telefone, medizinische Geräte oder Instrumente, die in metallene Schalen geworfen werden – all das kann bis zu 63 Dezibel verursachen. Ähnliche Werte erreicht ein Rasenmäher mit Benzinmotor in zehn Metern Entfernung. Extrema im OP kommen sogar an die 100-Dezibel-Marke heran.

Mit der Geräuschkulisse steigt auch der Stresspegel. Engelmann entwickelte jetzt Programme für mehr Ruhe im OP. Dazu gehörten einerseits technische Maßnahmen, um die Lautstärke medizinischer Geräte zu minimieren. Andererseits überlegte sich das Team Verhaltensregeln; Telefone oder Privatgespräche waren plötzlich tabu. Mit Erfolg: Gemessene Werte sanken von 60 auf 50 Dezibel – aufgrund der logarithmischen Skala entspricht das einer Verringerung um 50 Prozent. Vom Erfolg seiner Maßnahmen war Engelmann selbst überrascht: „Die Komplikationsrate hat sich um die Hälfte reduziert. Es gab beispielsweise weniger Nachblutungen, Infektionen und Nahtinsuffizienzen.“

70 Wertungen (4.37 ø)

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10 Kommentare:

Gast
Gast

Arztfeind Nr. 1 sind die Nichtmediziner, die über ihn bestimmen wollen, ohne selbst Verantwortung zu übernehmen.
p.s.
Hier scheinen einige einen Chefarztkomplex zu haben :-)

#10 |
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Zum Thema Bürokratie: Einfach auch mal Anfragen, Anträge, Stellungnahme-Aufforderungen liegen lassen, sozusagen einfach “sedimentieren” lassen. Viele Dinge erledigen sich dann von selbst (z.B. Pat. ist wieder arbeitsfähig, hat einen neuen Job, hat zwischendurch bereits einen Rentenantrag gestellt, will gar nicht mehr zur REHA, sondern …vielleicht…erst im nächsten Jahr…;-)
Wenn es wirklich wichtig oder dringend ist, kommt sowieso die erste, zweite, dritte Erinnerung, so lassen sich viele Dinge zeitlich strecken und man muss natürlich mithilfe einer guten Ablage (1. Absolut schnell erledigen,2. kann noch warten, 3. überhaupt erst einmal abwarten, 4. nur noch im Bedarfsfall bearbeiten) den Überblick behalten. Wichtig dabei: Nicht immer gleich obrigkeitstreu zusammenzucken, wenn auf der 2. Erinnerung “Letzte Ermahnung” oder “Bitte um sofortige Erledigung” steht! Immer auch bedenken, was man eigentlich dafür bekommt, wenn man seine wertvolle Arbeits- und Lebenszeit in die Beantwortung solcher “Anfragen” steckt, die häufig nur dem Zweck dienen, den Arzt/die Ärztin zu kontrollieren oder unter einen permanenten Druck zu setzen! (Beispiel: Aufforderungen der Krankenkassen zum Verordnungsverhalten..). Immer schön ruhig bleiben, nach dem Behandeln der kranken Menschen (!) und Aufräumen der Praxis einfach mal rechtzeitig nach Hause fahren, ohne schlechtes Gefühl oder Gewissen. Gelassenheit und eine Triage, was wirklich wichtig, weniger wichtig und völlig unnötig ist, sind absolut überlebenswichtig !!!
Sein “Helfersyndrom” kann man genug an seinen Patientien/-innen abarbeiten, aber nicht am Papierkram…..;-)) !!!
Leider wurden wir alle im Laufe unseres Studiums und Arzt-Werdung kritiklos diszipliniert und zu Super-Strebern deformiert!! Das kann sich später bitter rächen, wenn man nicht lernt zu reflektieren….

#9 |
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Dr. med Herbert Hagen
Dr. med Herbert Hagen

Ad7. Dann ist das ein juristisch relevanter Fall der Körperverletzung. Entsprechende Einzelfälle hat wohl jeder schon mal gehört. Klassiker der Chefarzt der während einer OP vom Verwaltungsleiter zu einem Gespräch genötigt wird. Schwere Verfehlungen aber zum Glück Einzelfälle. Darum geht es im Artikel aber nicht sondern um den Alltagsstress. Den kann man sehr wohl beeinflussen. Eine gute Praxisorganisation ist kein Hexenwerk sondern gut umsetzbar als Praxisinhaber. Man ist ja weisungsberechtigt. Nur muss man dazu aber erst mal selbst organisiert sein. Durchaus nicht selbstverständlich und nicht Teil des Berufsbildes Arzt. Patienten kann man durchaus erziehen indem man offen und ehrlich mit ihnen spricht. Man muss nicht auf jeden Versuch eines Patienten einen auszunutzen eingehen. Da gibt es noch feine Unterschiede im Arzt/ Patienten- Verhältnis zu einem Dienstleister der einem etwas verkaufen will. Die Grenze ist inzwischen leider fließend. Schwierig wird es wenn man von anderen abhängig ist z.B. in einen fremdorganisierten OP oder Diagnostikeinrichtung. Es ist zum Teil unverschämt wie dort mit einem umgegangen wird, irgendwo zwischen gedankenlos und ignorant. Telefonieren und Privatleben organisieren während einer laufenden OP seitens des Anästhesiepersonal, Patienten die im Arztzimmer telefonieren, überforderte Mütter die zur Behandlung völlig durchgeknallte Kleinkinder mitbringen mangels Betreuung und natürlich Verspannung der Nackenstrecker haben ( woher wohl?) sind nur einige bewusst provokante Beispiele. Das muss man sich nicht gefallen lassen! Höflich aber deutlich NEIN sagen ist die Beste Lösung und ggf. die Situation abbrechen. Das darf man wenn man von der Partnerseite nicht respektiert wird! Das gilt auch für die Überfrachtung mit Bürokratie durch Patienten. Man ist nicht das Privatsekretariat zur Stellung für Sozialanträge oder Austragen von Ärger der Patienten mit ihren Versicherungen. Das gilt ausdrücklich auch für Privatpatienten! Nur so kann man gewährleisten das man eine pünktliche Sprechstunde organisiert. Und das schätzen dann 95% der Patienten. Liebe Kollegen versucht es einfach! Euer Personal und die Patienten werden es such danken.

#8 |
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Und wie ist das, wenn der Chef, wenn er von der besten Gattin der Welt im OP angerufen wird, dem Team das Weitermachen untersagt, solange er telefoniert?

#7 |
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Arzt
Arzt

Das mit “privaten Telefonaten” im Op von Chirurgen gibt es nicht!
Wenn andere “Mitarbeiter” sich sowas leisten, stimmt was mit der erforderlichen Kooperation nicht.

#6 |
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Studentin

Der steigende Druck ist etwas, das wir Ärzte uns oft selbst auferlegen.
Letztlich ist es der Anspruch an uns selbst, unsere Arbeit gut zu erledigen.
Aber manchmal fragt man sich, wo die Grenze ist. Stationäre Aufnahmen, OP-Aufklärungen zu leisten, so dass man auch sicher sein kann, dass der Patient verstanden hat, was da operiert wird. Dort Abstriche machen zu müssen, weil man die Zeit z.B. dafür braucht, um mit dem Patienten zu diskutieren, dass man bei Gelegenheit sich auch die CT der LWS von 2013 und dis MRT der BWS von 2011 ansehen kann, es aber eigentlich jetzt ja um die Vorbereitung für die Operation eines Dupuytren ansteht und solche “Nebenbefunde” eigentlich in die Sprechstunde gehören.
Ich glaube, dass die Menschen in Deutschland in puncto Medizin ziemlich verwöhnt sind und man als Arzt ihren Ansprüchen, so sehr man es auch möchte, einfach nicht gerecht werden kann. Es ist für Patienten völlig normal, dass der Arzt morgens um halb 8 bei ihnen Visite macht und man abends um halb 7 den Arzt noch eine Frage stellen kann, weil wir ja offensichtlich kein Zuhause haben. Zwischendurch gibt es sogar Patienten, die von meinen Schwestern erwarten, dass sie ihm aus dem Supermarkt eine Batterie für seine Armbanduhr besorgen. Aber das sind zum Glück nur Ausnahmen. Dennoch ist es oft eine Hin- und Hergerissenheit, die Arbeit gut erledigen zu wollen, zu wissen, dass man den Ansprüchen manchmal eben nicht gerecht werden kann, und dabei sich selbst auch nicht zu vergessen, dass die eigenen Myogelosen im Nacken auch behandelt werden müssen, nicht nur die der Patienten auf der Station.
Ich würde mir wünschen, dass in der Öffentlichkeit nicht so viel auf Ärzte geschimpft würde, dass die Patienten selbst nicht so oft passiv wären, sondern verstehen würden, dass sie selbst für ihren Körper verantwortlich sind und auch zur Genesung beitragen können, als ständig die Verantwortung an den Arzt abzugeben und sich alle zwei Jahr wieder neu operieren zu lassen, ich würde mir wünschen, dass man nicht jedes Wort, das mit einem Patienten gesprochen wurde, in der Kurve dokumentiert werden muss. Und alle diese Faktoren würden zu einem erheblichen Maß dazu beitragen, dass man sich selbst nicht so unter Druck setzt und letztlich davon krank wird.
Aber das ist wohl ein utopischer Wunsch.

Eine Chirurgin

#5 |
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Gast
Gast

“Vom Erfolg seiner Maßnahmen war Engelmann selbst überrascht: „Die Komplikationsrate hat sich um die Hälfte reduziert. Es gab beispielsweise weniger Nachblutungen, Infektionen und Nahtinsuffizienzen.“”
Das heißt im Umkehrschluss, letztendlich hatten die Patienten darunter zu leiden, dass im OP private Telefonate geführt wurden und das medizinische Personal wegen eines zumindest z.T. selbst verursachten Lärmpegels schlechter konzentrieren konnte?!

#4 |
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Gast
Gast

“Manche Stressfaktoren fallen Ärzten jedoch nicht auf, weil sie sich daran gewöhnt haben.”
Gewöhnung ist Scheinadaption. Tatsächlich nagen die Stressfaktoren weiter am Nervenkostüm. Darauf zu vertrauen, dass man sich an den Stress gewöhnt, hilft nicht wirklich weiter. Der Körper lässt sich nicht überlisten.

#3 |
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Thomas Krekel
Thomas Krekel

Praxisorganisation, wirkt Wunder. Leider hat Onkel Doc. keine Zeit für so was

#2 |
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Gast
Gast

Das Problem liegt eher in zu viel nicht-medizinischer Einflussnahme in ärztlicher Tätigkeit. Jeder will hier reinreden, natürlich möglichst kostensenkend.
Es ist daher nicht mehr an “Supervisionen ” sondern weniger zu fordern.
Also mehr Freiheit zur eigenen Entscheidungsmöglich und Abbau überbordender Bürokratie, die nicht wirklich hilfreich ist.

#1 |
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