Infektionen: Notfallmechanismus für Blutbildung

15. April 2013
Teilen

Nun wurde ein Notfallmechanismus entdeckt, der den Körper bei einer Infektion rasch mit neuen weißen Blutzellen des Immunsystems versorgt. Die blutbildenden Stammzellen reagieren sofort und produzieren Zellen, die vor Infektionen schützen.

Blutzellen haben nur eine bestimmte Lebensdauer, wobei die verschiedenen Blutzelltypen unterschiedlich lang leben. Der Körper muss deshalb immer wieder rechtzeitig für Nachschub sorgen. Dafür sind die blutbildenden (hämatopoetischen) Stammzellen zuständig. Aus ihnen gehen alle Blutzellen hervor, sowohl die weißen Blutzellen des Immunsystems, als auch die roten Blutzellen, die den Sauerstoffbedarf des Organismus sicherstellen. “Bisher hat die Forschung angenommen, dass der Blutbildungsprozess nach dem Zufallsprinzip erfolgt und die Stammzellen dabei kaum auf ihre Umgebung reagieren. Das scheint bei Notfallsituationen aber anders zu sein”, erläutert der Stammzellforscher und Immunologe Dr. Sieweke.

Blutbildung künstlich beschleunigen

Bei Blutverlust benötigt der Körper rasch rote Blutzellen, bei einer Infektion oder Entzündung bestimmte weiße Immunzellen. Dr. Noushine Mossadegh-Keller und Dr. Sandrine Sarrazin aus der Forschungsgruppe von Dr. Michael Sieweke haben entdeckt, dass der Signalstoff M-CSF (engl. Macrophage colony-stimulating factor), der während einer Infektion oder Entzündung freigesetzt wird, direkt auf die Stammzellen einwirkt und dort den Hauptschalter (PU.1) für einen ganz bestimmten Entwicklungsweg spezieller Blutzellen anschaltet. Damit kann der Körper direkt auf einen akuten Bedarf reagieren und schneller genau die weißen Blutzellen produzieren, die vor Infektionen schützen.

“Da wir jetzt den Botenstoff kennen, der das Startsignal für die Bildung der weißen Blutzellen, sprich der Makrophagen, gibt, ist es in Zukunft vielleicht möglich, die Blutbildung und damit den Aufbau des Immunsystems künstlich zu beschleunigen, etwa bei Patienten, die eine Knochenmark– oder Blutstammzelltransplantation erhalten. Denn diese Patienten sind, solange ihr Immunsystem noch nicht wieder aufgebaut ist, besonders gefährdet, eine Infektion zu bekommen. Dabei können ansonsten eher harmlose Erreger tödlich sein”, erläuterte Dr. Sieweke.

Unter der Einwirkung des Signalstoff M-CSF (engl. Macrophage colony-stimulating factor) werden Stammzellen grün und entwickeln sich zu Makrophagen, Zellen des Immunsystems, die Erreger bekämpfen und zerstören.
(Videobild/ Copyright: Labor Michael Sieweke, CIML)

Vor Infektionen schützen

Dr. Sieweke weist auf Angaben des Worldwide Network for Blood & Marrow Transplantation (WBMT), (Januar 2013) hin, wonach weltweit jedes Jahr 50 000 Patienten eine Knochenmarktransplantation erhalten. “Dank des Signalstoffs M-CSF könnte es möglich sein, sie vor Infektionen zu schützen, während sich ihr Immunsystem neu aufbaut.

Besonders hoffnungsvoll stimmt uns, dass der entdeckte Mechanismus nur die Bildung der Immunzellen anregt, die vor Infektionen schützen, nicht aber derjenigen, die auch ungewollt den Körper des Patienten angreifen können”, sagte Dr. Sieweke.

Originalpublikation:
M-CSF instructs myeloid lineage fate in single haematopoietic stem cells.
M. H. Sieweke et al.; Nature; doi:10.1038/nature12026; 2013

20 Wertungen (4.4 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: