Persönlichkeit: Veränderungen kennen kein Alter

29. September 2014
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Eine großangelegte Studie zur menschlichen Persönlichkeit kommt nun zu dem Ergebnis, dass sich der Mensch im hohen Alter noch einmal ähnlich stark verändert wie im jungen Erwachsenenalter.

Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer Studie auf Basis der Langzeitstudien „Sozio-oekonomisches Panel“ (SOEP) und „Household Income and Labour Dynamics in Australia“ Survey (HILDA Survey). „Unsere Studie widerlegt die unter Psychologen vorherrschende Ansicht, dass sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens immer stärker stabilisiert“, sagt die Psychologin Jule Specht von der Freien Universität Berlin, beteiligte Autorin.

Für ihre Untersuchung hatten Jule Specht von der Freien Universität Berlin und Maike Luhmann von der Universität zu Köln sowie Christian Geiser von der US-amerikanischen Utah State University die Angaben von insgesamt mehr als 23.000 Menschen analysiert, die von 2005 bis 2009 befragt worden waren. Die bevölkerungsrepräsentativen Daten zeigen den Wissenschaftlern zufolge, dass sich im jungen Erwachsenenalter bis zum Alter von 30 Jahren ebenso wie im Alter ab etwa 70 Jahren die Persönlichkeit der Menschen so stark ändert wie in keiner anderen Lebensphase.

Im jungen Erwachsenenalter verändern sich demnach vor allem Menschen, die dem sogenannten unterkontrollierten Persönlichkeitstyp zugeordnet werden können. Diese zeichnen sich durch eine geringe Verträglichkeit und eine geringe Gewissenhaftigkeit aus. „Etwa 40 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland haben eine unterkontrollierte Persönlichkeit“, sagt Jule Specht. „Ab einem Alter von etwa 30 Jahren reifen aber viele dieser jungen Rebellen zu resilienten Persönlichkeiten heran.“ Solche resilienten Menschen seien leistungsfähig, hätten ein hohes Selbstwertgefühl und litten nur selten unter psychischen Problemen, betont die Wissenschaftlerin. „Ihre Persönlichkeit ist im Allgemeinen stabiler als die von unter- oder überkontrollierten Männern und Frauen.“

Große Bandbreite von Persönlichkeitsveränderungen

Im Alter von 30 Jahren zählen der Studie zufolge nur noch etwa 20 Prozent der Menschen in Deutschland zu dem unterkontrollierten Persönlichkeitstyp, etwa 50 Prozent gehören dann zum resilienten Persönlichkeitstyp, das heißt, sie sind Herausforderungen des Lebens gegenüber widerstandsfähig.

Überrascht hat die Forscher, dass sich die Persönlichkeit im hohen Alter noch einmal stark verändert: Bis zu 25 Prozent der Menschen eines Persönlichkeitstyps ändern sich nach einem Alter von 70 Jahren noch einmal beträchtlich. „Anders als bei den jungen Erwachsenen folgen die Persönlichkeitsveränderungen bei den Senioren jedoch keinem typischen Reifungsmuster“, sagt Jule Specht. Vielmehr beobachteten die Psychologen im Untersuchungszeitraum von vier Jahren eine große Bandbreite von Persönlichkeitsveränderungen.

Weitere Untersuchungen im Gange

Warum sich bei alten Menschen die Persönlichkeit so stark und divers entwickelt, darüber können die Forscher bisher nur mutmaßen. Einige der möglichen Erklärungen dafür können sie jedoch bereits ausschließen. „Gesundheitsveränderungen, Großelternschaft und Renteneintritt scheinen eine überraschend kleine Rolle dabei zu spielen“, konstatiert Jule Specht. Derzeit untersucht sie, ob Veränderungen im Alltag der Senioren oder ob eine veränderte Einstellung zum Leben die Persönlichkeitsveränderungen auslösen.

Originalpublikation:

On the consistency of personality types across adulthood: Latent profile analyses in two large-scale panel studies
Jule Specht et al.; Journal of Personality and Social Psychology, doi: 10.1037/a0036863; 2014

41 Wertungen (4.05 ø)

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3 Kommentare:

Interessant wäre zu erfahren, welcher Art die vielfältigen Persönlichkeitsveränderungen der über 70 jährigen sind und welche Ursache sie haben. Liegen den Persönlichkeitsveränderungen krankheitsbedingte Ursachen zugrunde? In welchem Ausmaß sind sie körperlichen und/ oder mentalen Einschränkungen geschuldet? Welche sozialen Faktoren sind beteiligt? Eintritt in den Ruhestand, Tod oder Pflegebedürftigkeit des Partners?
Persönlichkeitsentwicklung und -verfall unter der Kategorie der Veränderung zu subsumieren erbringt keinen Erkenntnisgewinn.

#3 |
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Gast
Gast

Es ist schon ein großer gesellschaftlicher Fortschritt,
wenn man dem “Alter” auch noch was zutraut, wobei ja nicht ganz klar wird, ob das nun positiv zu werten war.
Na klar, manche, auch Akademiker, sind schon ab 30 “sehr alt”, weil bei ihnen der “Antrieb” noch etwas lernen zu wollen, irgendwie erloschen ist.
Früher
und heute noch in anderen, nicht “westlichen” Kulturen war und ist “Alter” dagegen hoch geschätzt. Hohes Alter ist immer so etwas wie eine “Selektion”, sicher eine vorteilhafte.

mfG

#2 |
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Peter PArisius
Peter PArisius

Eine interessante Studie, leider etwas marktschreierisch-oberflächlich dargestellt, wie “Veränderungen kennen kein Alter”. Irreführend auch, wenn die Überschrift verkündet:”dass sich der Mensch im hohen Alter noch einmal ähnlich stark verändert”. Tatsächlich scheinen es aber nur “bis zu 25 Prozent” zu sein. Und wo bleiben 30% der 30jährigen, wenn 50% zum sog. “resilienten Persönlichkeitstyp” ( eine unübliche, etwas eindimensionale Charakterisierung)gehören, 20% zum unreifen Gegentyp, also zusammen nur 70%.
P.Parisius, Psychologe, 70jährig.

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