Verordnungen: Und jährlich grüßt das Murmeltier

30. September 2014
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Der neue Arzneiverordnungs-Report liegt vor und sorgt für Kontroversen: Während Versorgungsforscher im AOK-Auftrag Kostensteigerungen kritisieren, sprechen Interessenverbände von mangelnder Nachhaltigkeit. Preis oder Pharmakotherapie – das ist die Frage.

Ein Jubiläum, bei dem nicht nur Freude aufkommt: Seit mittlerweile 30 Jahren erscheint der „Arzneiverordnungs-Report“. Forscher am Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) analysierten 819 Millionen kassenärztliche Verordnungen des letzten Jahres mit einem Gesamtvolumen von 32,1 Milliarden Euro. Das entspricht einer Ausgabensteigerung von 3,2 Prozent, gemessen an Zahlen des Jahres 2012. GKVen setzten bundesweit 16,2 Prozent ihres Budgets für Medikamente ein. Professor Dr. Ulrich Schwabe, Heidelberg, kritisiert als Herausgeber, eine nach wie vor überzogene Preispolitik der Arzneimittelindustrie belaste Patienten mit überhöhten Kosten. Das erhoffte Echo ließ nicht lange auf sich warten: „Kassen könnten Milliarden sparen“, berichtet die „Tagesschau“. Und „Spiegel online“ legt nach: „Medikamente sind in Deutschland zu teuer.“ Der Skandal scheint einmal mehr perfekt zu sein. Bei näherer Betrachtung relativieren sich einige Aussagen.

Wunderwaffe Rabattvertrag

Wie es zur Kostensteigerung kam, erklärte WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Ärzte verschrieben 1,8 Prozent mehr Arzneimittelpackungen. Zugleich stieg der durchschnittliche Wert je Rezept um plus 1,7 Prozent. „Allein von Verschiebungen hin zu teureren Wirkstärken, Darreichungsformen und Packungsgrößen eines Arzneimittels ging ein umsatzsteigernder Effekt von plus 1,3 Prozent aus“, sagt Klauber. „Aber auch die Listenpreise stiegen nach rückläufigen Entwicklungen in den Vorjahren trotz des geltenden Preisstopps wieder an (plus 0,3 Prozent), offensichtlich Ausdruck des zunächst erwarteten Auslaufens des Preismoratoriums zum Jahresende 2013.“ Rabattverträge, die im Wesentlichen mit Generikaanbietern geschlossen werden, führten jedoch zu gewaltigen Einsparungen. Allein für 2013 ist bei allen GKVen von knapp drei Milliarden Euro die Rede. Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika, äußerte sich kritisch zur Strategie, den Druck auf entsprechende Firmen zu verstärken: „Immer mehr Versorgung für immer weniger Geld ist kein geeignetes Motto für eine nachhaltige und vor allem sichere Arzneimittelversorgung.“ Seinen Zahlen zufolge decken Generikaunternehmen 75 Prozent des gesamten Arzneimittelbedarfs in Deutschland. „Dafür wenden die Krankenkassen jedoch nicht einmal mehr zehn Prozent ihrer realen Arzneimittelausgaben auf – bemessen nach Werkspreisen und nach Abzug aller Rabatte“, ergänzt Bretthauer. Jürgen Klauber sieht aber nicht nur ökonomische Aspekte: „Die Herstellerkonzentration im generikafähigen Marktsegment ist 2013 im Vergleich zur Situation 2006 vor Einführung der Rabattverträge gesunken: Rabattverträge wirken somit der Oligopolisierung entgegen.“

(K)eine Lizenz zum Geld drucken

Bleibt noch ein weiterer Posten: Nahezu die Hälfte des Arzneimittelumsatzes entfiel auf patentgeschützte Präparate, obwohl deren Verordnungsanteil bei lediglich neun Prozent lag. Im Schnitt schlug eine Packung mit 243 Euro zu Buche, bei Generika waren es 24 Euro. Jürgen Klauber lobt das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG): „Für die Arzneimittel mit Zusatznutzen zeigen die nun seit 2011 laufenden Verhandlungen von Erstattungspreisen zwischen Herstellern und GKV-Spitzenverband Wirkung.“ Er schätzt, allein in 2013 seien 150 Millionen Euro eingespart worden. Patentgeschützte Präparate des Bestandsmarkts, für die eine Nutzenbewertung Anfang 2014 gesetzlich ausgesetzt wurde, seien immer noch zu hochpreisig.

Innovationsbremse AMNOG

Entsprechende Überlegungen haben einen Haken: Das AMNOG wurde nicht nur als Daumenschraube für Arzneimittelhersteller konzipiert. Der Gesetzgeber wollte erreichen, dass alle Patienten von der jeweils besten Behandlung profitieren. So viel zur Theorie – in der Praxis sieht es düster Aus. Laut Zusammenstellung des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa) erhalten beispielsweise nur zwei Prozent aller infrage kommenden Patienten Belimumab, bei Vemurafenib sind es 21 Prozent, und von Crizotinib profitieren 31 Prozent. Alle Medikationen haben laut Gemeinsamem Bundesausschuss (G-BA) einen „beträchtlichen“ Zusatznutzen. „Das gesundheitspolitische Pendel hat mit dem AMNOG also einseitig zu Gunsten von Einsparungen ausgeschlagen und hinterlässt Versorgungsdefizite“, schreibt der vfa in einer Stellungnahme. „Ein Gleichgewicht zwischen Einsparungen und notwendigen Investitionen muss wieder hergestellt werden.“ Das ist nicht die einzige Forderung. AMNOG-Regularien sollten Arzneimittelpreise in Deutschland dem europäischen Durchschnitt angleichen. „Die Verbreitung der neuen Wirkstoffe bei Patienten, die einen Zusatznutzen davon hätten, bleibt gering – trotz Preisen, die im europäischen Vergleich sogar eher niedrig sind“, heißt es vom Verband. Ganz klar, Interessenkonflikte zwischen Industrievertretern und Kostenträgern schwelen weiter.

Kosten sinnvoll dämpfen

Standesvertreter äußerten sich bislang nicht zum Arzneiverordnungs-Report. Im letzten Jahr wies Fritz Becker, Präsident des Deutschen Apothekerverbands (DAV), auf einen weiteren Aspekt zur Kostendämpfung hin, der auch heute noch aktuell ist: „Die Lösung vieler Probleme liegt in einer konsequenten Einbindung des Patienten in die vom Arzt verordnete und vom Apotheker begleitete Arzneimitteltherapie.“ Mit Programmen wie ARMIN, der Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen, ließen sich Patienten besser versorgen und gleichzeitig Kosten sparen – ohne Einschnitte bei der Qualität.

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1 Kommentar:

Gast
Gast

Wenn man sich die Aussteller-Beteiligung der Expopharm ansieht ist das AOK-Wort-Klauberei.

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