Kariesbildung: Zusammenspiel ändert Virulenz

26. September 2014
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Streptococcus mutans gilt als wichtigster Verursacher von Karies. Jedoch scheint das Bakterium keinesfalls alleine verantwortlich zu sein. Wissenschaftler zeigten nun, dass ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Pathogene zur Karies-Entstehung führt.

Das Bakterium Streptococcus mutans kommt bei fast allen Menschen im Speichel vor und spielt eine Hauptrolle bei der Bildung von Karies. Lange ging man gar davon aus, dass der Keim allein für die Kariesbildung verantwortlich ist. Neuere Studien zeigen jedoch, dass eine ganze Reihe von Pathogenen daran beteiligt ist. Viele von ihnen leben in der klebrigen Substanz, die Streptococcus mutans bildet, um auf den Zähnen Halt zu finden. Einer dieser Keime ist der Hefepilz Candida albicans.

„Wir haben uns das Zusammenspiel von Streptococcus mutans und Candida albicans genauer angeschaut und festgestellt, dass das Bakterium im Beisein des Pilzes seine Virulenz verändert“, sagt Prof. Irene Wagner-Döbler, Leiterin der Arbeitsgruppe „Mikrobielle Kommunikation“ am HZI. Das Bakterium wird also in Anwesenheit des Pilzes schädlicher.

Da Mikroorganismen keinen Mund und keine Ohren haben, können sie nicht über Töne miteinander sprechen, sondern verwenden chemische Signale. Sie geben Moleküle ab und erkennen die Moleküle anderer Mikroorganismen in ihrer Umgebung. Ist die Konzentration bestimmter Signalstoffe hoch genug, wird das sogenannte Quorum-Sensing-System aktiviert.

Von Jekyll zu Hyde

Die Pilze produzieren also nach außen Signalmoleküle, die beim Überschreiten einer bestimmten Konzentration von Bakterien aufgenommen werden und verschiedene metabolische Reaktionen auslösen können. „Eine dieser Reaktionen ist die Aktivierung von Genen bei Streptoccoccus mutans, die zur Produktion zelleigener Antibiotika führen“, sagt Dr. Helena Sztajer, Erstautorin der Studie. So kann S.mutans andere Bakterien erfolgreich bekämpfen und sich selbst einen Vorteil verschaffen.

Darüber hinaus ist das Bakterium in Anwesenheit des Pilzes eher in der Lage, fremdes Erbgut aufzunehmen. „So kann es sich neue Eigenschaften aneignen, wie beispielsweise Antibiotikaresistenzen“, sagt Sztajer. Auch die Produktion klebriger Substanzen, eine wichtige Voraussetzung für die Haftung von S.mutans und der anderen Bakterien auf dem Zahn, wird durch den Pilz unterdrückt. Ob dadurch die Kariesbildung verstärkt wird, müssen Untersuchungen an Menschen zeigen. Fest steht, daß ein Pathogen durch das Zusammenspiel mit einem anderen Mikroorganismus seine Gefährlichkeit (Virulenz) völlig ändern kann – es wird von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde.

1439_Karies_schmuck

Links: Nahaufnahme eines Biofilms bestehend aus zwei humanen Krankheitserregern, dem Pilz Candida albicans und dem Karies fördernden Bakterium Streptococcus mutans. Die Produktion von extrazellulären polymeren Substanzen (EPS) des Bakteriums, die Karies auslösen können, wird durch den Pilz gestoppt. Rechts: S. mutans Zellen fluoreszieren grün. Sie tragen ein Gen für das grün fluoreszierende Protein und sind mit dem Promotor des Quorum-Sensing gesteuerten alternativen sigma-factor SigX verbunden. Das Quorum-Sensing System wurde durch den Pilz induziert. © HZI / Rohde & Sztajer

Doch die Erkenntnisse der Forscher sind nicht nur im Hinblick auf Karies wichtig, denn sie bestätigen eine neue Sichtweise für die Untersuchung von Krankheiten. Suchte man früher meist nach einem einzigen Erreger als Verursacher einer Erkrankung, unterstützen die Ergebnisse der HZI-Forscher die These, dass das Zusammenspiel vieler verschiedener Mikroorganismen dabei eine Rolle spielt. „Die Organismen spielen also als Verbund zusammen, wie bei einem Orchester“, sagt Wagner-Döbler.

Originalpublikation:

Cross-feeding and interkingdom communication in dual-species biofilms of Streptococcus mutans and Candida albicans
Helena Sztajer et al.; The ISME Journal, doi: 10.1038/ismej.2014.73; 2014

28 Wertungen (4.04 ø)
Forschung, Medizin, Zahnmedizin

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13 Kommentare:

Arzt
Arzt

ich würde da mit ganzheitlichem Ansatz bei den Schuhen anfangen,
äh, den Füßen natürlich …

#13 |
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Gast
Gast

Lieber Herr Tiroke, wie bekämpft man denn “heilpraktisch” Karies?

#12 |
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Heilpraktiker

Lieber Gast,

“Natürlich ist es sinnvoll, den Patienten nicht nur als die Summe von einer bestimmten Anzahl von Organen und Stoffwechselleistungen oder Geweben zu sehen, aber ich denke, daß die meisten Ärzte dies sehr wohl tun- allerdings fehlt häufig die Zeit das auch so zu kommunizieren. Insofern verstehe ich den häufig gegen die ” Schulmedizin” vorgebrachten Vorwurf nicht( Versuch der Schaffung eines Alleinstellungsmerkmals für HP?!)”,

ich wünschte mir, Sie hätten Recht… Es gibt viele hervorragende Ärzte, die so denken und auch handeln! Und einige kenne ich auch persönlich.
Aber leider ist die rein symptombezogene Therapie in der Mehrzahl der Fälle Usus. Bsp: Schon bei relativ leichten Infekten Antibiotika zu geben. Bei Gastritis Omeprazol zu geben. Bei einem Ekzem Kortison zu verordnen. Bei Rückenschmerzen Diclofenac…

Natürlich gibt es Hautveränderungen die nicht Ausdruck psychischer Probleme sind. Natürlich können sie Folge einer Exposition mit aggressiven Putzmitteln sein. Ein guter Arzt (und hoffentlich auch HP!) wird dies vermutlich herausfinden. Dann habe ich auch nichts gegen die kurzfristige Kortisongabe.

Nein, es ist nicht der Versuch eines Alleinstellungsmerkmals für HPs. Ich wünschte mir, alle Therapeuten würden so denken. Und alle Patienten auch!!!

Insofern freue ich mich über die oben genannten Erkenntisse!

#11 |
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Gast
Gast

” ganzheitlich” ist immer solch ein Schlagwort, Herr Tiroke….
Natürlich ist es sinnvoll, den Patienten nicht nur als die Summe von einer bestimmten Anzahl von Organen und Stoffwechselleistungen oder Geweben zu sehen, aber ich denke, daß die meisten Ärzte dies sehr wohl tun- allerdings fehlt häufig die Zeit das auch so zu kommunizieren. Insofern verstehe ich den häufig gegen die ” Schulmedizin” vorgebrachten Vorwurf nicht( Versuch der Schaffung eines Alleinstellungsmerkmals für HP?!)
Was ist denn ” ganzheitlich”? Die Erkenntnis, daß es dem Patienten schlecht geht, wenn es ihm schlecht geht?!Daß eine ungesunde Lebensweise körperliche Schäden nach sich zieht und daß ein nicht gesunder Mensch sich häufig unwohl fühlt und sich aufgrund dessen möglicherweise noch weniger bewegt, weiterhin raucht oder Unmengen Fast Food ißt? Ist” ganzheitlich” die Erkenntnis, daß Körper und Psyche untrennbar miteinander verbunden sind? Daß es eine Komorbidität bestimmter Krankheiten gibt? Alles seit langem bekannt.
Dennoch ist nicht alles ein” Systemproblem”- manche Exantheme sind eben NICHT Ausdruck psychischer Probleme, sondern Folge einer Exposition mit aggressiven Putzmittelnund Erbrechen kann im Rahmen einer Schiffsreise physiologisch sein- da muß der Darm nicht saniert werden.
Man sollte vor lauter Bäumen den Wald nicht übersehen…..

#10 |
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Heilpraktiker

Der letzte Absatz gefällt mir besonders gut, vielleicht der Ansatz zu einer ganzheitlicheren Denkweise in der Schulmedizin(???):

“Doch die Erkenntnisse der Forscher sind nicht nur im Hinblick auf Karies wichtig, denn sie bestätigen eine neue Sichtweise für die Untersuchung von Krankheiten. Suchte man früher meist nach einem einzigen Erreger als Verursacher einer Erkrankung, unterstützen die Ergebnisse der HZI-Forscher die These, dass das Zusammenspiel vieler verschiedener Mikroorganismen dabei eine Rolle spielt. „Die Organismen spielen also als Verbund zusammen, wie bei einem Orchester“, sagt Wagner-Döbler.”

Genau das ist es, worum es den meisten Naturheilkundlern geht: Den ganzen Menschen zu sehen. Das Milieu ist alles!

#9 |
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Markus Tiroke
Markus Tiroke

Sorry, war nicht eingeloggt.

#8 |
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M
M

Eigentlich meinte ich die Ironie ihres Kommentars.
Man kann Karies mit vielem Korrelieren, die Ursachen sind wichtig.
Ich glaube nicht, dass Herr Jurisch direkt vom Zustand der Zähne auf die Leber schließen möchte…

#7 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

eine Antwort darauf:
“Kariers ist das Symptome des Körpers nach aussen, dass im inneren etwas nicht stimmt und zu 90 % hängt das mit ungesunder Nahrung zusammen! Die Zähne sind ein sehr, sehr feines Messinstrument, eines das schon sehr zeitig Missstände anzeigt, bevor z.B. die Leber was sagt oder die Blutwerte.”

Bei deutlicher Paradontose könnte man das noch akzeptieren.
Man kann Karies auch mit dem Einkommen der Eltern korrelieren, wenn man möchte.

#6 |
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Heilpraktiker

Herr Dr. Bayerl,
was soll denn so ein Kommentar???

#5 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Heilpraktiker Steffen Jurisch, Sie können den Zustand der Leber wahrscheinlich auch am kleinen Zeh fühlen

#4 |
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Gast
Gast
#3 |
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Dr. med. H. Wolfang
Dr. med. H. Wolfang

Dumm nur dass Milchkonsum vor Karies schützt, sonst wäre Ihre Rechnung sicher aufgegangen Herr Heilpraktiker.

#2 |
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Heilpraktiker Steffen Jurisch
Heilpraktiker Steffen Jurisch

Was ist die Message dieses Beitrages?
Nun, man könnte nun oberflächlich schlussfolgern, dass man auf jeden Fall die Zähne gründlichst putzen sollte, damit die klebrige Oberfläche verschwindet. Weiter könnte man nun hoffen, dass die schlauen Wissenschaftler ein Antibiotikum finden, dass man einnehmen kann…
O D E R, man wirft den eigenen Denkapparat an und probiert mal die Weisheiten aus, die die Spatzen von den Dächern pfeifen – verzichte auf Milch und Milchprodukte ,denn die machen ein saueres Milieu und, noch viel wichtiger, lass allen Zucker und alle raffinierten Mehle weg – dann entsteht keine Karies. So einfach ist das – und schon tausendfach bewiesen. Wer es nicht glaubt, der Suche einfach mal nach Dr. Schnitzer, einem ehemaligem Zahnarzt, der mit dieser Methode in einer ganzen Gemeinde den Karies signifikant schon in den 60’zigern eindämmen konnte und dann gestoppt wurde – weil das nicht im Sinne der Zahnärztevereinigung war…
Kariers ist das Symptome des Körpers nach aussen, dass im inneren etwas nicht stimmt und zu 90 % hängt das mit ungesunder Nahrung zusammen! Die Zähne sind ein sehr, sehr feines Messinstrument, eines das schon sehr zeitig Missstände anzeigt, bevor z.B. die Leber was sagt oder die Blutwerte.

#1 |
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