Nocebo-Effekt: Wer glaubt, wird krank

30. September 2014
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Placebos sind Teil der pharmazeutischen Forschung – qualitativ hochwertige Studien enthalten immer einen Arm mit Scheinmedikamenten. Bei Nocebo-Effekten betreten Wissenschaftler Neuland, wie Publikationen zeigen. So manche Arbeit gerät durch diese Phänomene in eine Schieflage.

Kaum ein pharmakologisches Forschungsprojekt, das ohne Placebos auskommt. Scheinmedikamente lösen über psychosoziale Faktoren körperliche Effekte aus. Hinsichtlich der biochemischen Mechanismen gibt es aus wissenschaftlicher Sicht nach wie vor etliche Fragen. Im Unterschied dazu beschreibt der Nocebo-Effekt unerwünschte Wirkungen von Behandlungen, ohne dass ein kausaler Zusammenhang mit Pharmaka besteht. Als mögliche Auslöser kommen Gespräche zwischen Heilberuflern und Patienten infrage. Eine neue Studie liefert überraschende Einblicke.

Positiv punktet

Maddy Greville-Harris von der University of Southampton und Paul Dieppe von der University of Exeter Medical School wagten ein Experiment. Sie teilten 90 freiwillige Probanden in drei Gruppen ein und ließen sie Rechenaufgaben durchführen. Beratungsgespräche zu Arzneimitteln wären ebenfalls geeignet gewesen. Teilnehmer der ersten Gruppe erhielten ein valides Feedback, bei Gruppe zwei gab es invalide Rückmeldungen, und Gruppe drei blieb komplett ohne Rückkopplung. Personen der Invalidierungsgruppe legten eine schlechtere Compliance an den Tag, weiter an Studien teilzunehmen. Auch war ihre Grundstimmung negativer, und es herrschten größere Unsicherheiten – jeweils im Vergleich zu anderen Probanden. Zwischen der Validations- und der Placebogruppe gab es keine signifikanten Unterschiede.

Aus der Forschung in die Praxis

Die Experimente von Greville-Harris und Dieppe sind mehr als graue Theorie, wie Daten von Schmerzpatienten zeigen. Nahmen Heilberufler im Beratungsgespräch eine invalidierende Haltung an, war der Schaden groß. Erkrankte verzichteten auf bestimmte Therapien und fühlten sich nicht ernst genommen. Eine pessimistische Grundstimmung inklusive Hoffnungslosigkeit kam noch mit hinzu.

Studien mit Bias

Nocebo-Effekte haben noch weitere Konsequenzen. Bereits in der Vergangenheit fanden Forscher immer wieder deutliche Hinweise. Laut der Framingham Heart Study haben Frauen, die sich selbst als Risikopatientinnen einschätzen, fast die vierfache Wahrscheinlichkeit, Myokardinfarkte oder einen Herzinfarkte zu erleiden. Andere Risikofaktoren wurden bereits eliminiert. Ein weiteres Beispiel: Erhielten Probanden vermeintliche Allergene, es war Kochsalzlösung, zeigen sie teilweise allergische Hautreaktionen. Wissenschaftler fordern jetzt, Nocebo-Effekte bei Studien generell stärker zu berücksichtigen.

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Forschung, Pharmazie

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