Medizinstudium: Mit dem Zweiten lebt man besser

24. September 2014
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Human- oder Tiermedizin? Für viele angehende Studenten eine schwere Entscheidung. Doch auch nach einem abgeschlossenen Studium ist es für eine Neuorientierung nicht zu spät. Einige Hürden gilt es allerdings zu überwinden, wie dieser anonyme Kommentar beweist.

Humanmedizin und Tiermedizin – beide Fachgebiete haben ihre eigenen Reize. So kann man in der Veterinärmedizin, je nach Interesse, theoretisch alles behandeln, von der Maus bis zum Elefanten. In der Humanmedizin dagegen geht es zwar nur um ein Lebewesen, das jedoch deutlich intensiver erforscht ist. Dementsprechend gibt es vielfältigere Diagnose– und Behandlungsmöglichkeiten.

Nach langem Hin und Her entschied ich mich schließlich für die Veterinärmedizin. Es erwartete mich ein vielfältiges Studium, in dem die Kolik des Pferdes ebenso behandelt wurde wie die Herstellung von Salami, die Bekämpfung von Tollwut oder die korrekte Lochverteilung im Emmentaler. Fünfeinhalb anstrengende Jahre später hielt ich, wie 985 andere Studenten in Deutschland, meine Approbationsurkunde in den Händen. Doch schon die Praktika und Gespräche mit fertigen Tierärzten brachten Ernüchterung. Viele lieben ihren Beruf und können sich nicht vorstellen, etwas anderes zu tun. Doch Tierarzt zu sein, stellte sich langsam aber sicher heraus, ist nicht nur Beruf sondern vor allem Berufung – und das sehr häufig zu Lasten der persönlichen Lebenssituation. Mit Verdiensten unter dem gesetzlichen Mindestlohn, unmöglichen Arbeitszeiten und unbezahlten Überstunden wird der Traum vom berufenen Schützer der Tiere teuer bezahlt.

Selbst wenn man von den eigenen Arbeitsbedingungen absieht, entspricht die Arbeitsweise nicht immer dem, was man sich von einer „Medizin der Tiere“ erwartet. Dass Tiere auch Lebensmittel sind und dementsprechend behandelt werden, sollte einem schon vor dem Studium klar sein. Doch auch für Hund, Katze und Pferd, gesund und munter häufig der Familienliebling, wird teilweise gnadenlos kalkuliert – lohnt sich die Behandlung überhaupt? Die Humanmedizin ist, zumindest hierzulande, von einigen verbesserungswürdigen Ausnahmen abgesehen, zum Glück relativ frei von solchen Zwängen – egal ob Normalo oder Prominenter, es sind Menschen, die nach ihren Diagnosen behandelt werden. All diese Überlegungen führten mich schließlich zu der Frage: Warum nicht noch einmal Humanmedizin studieren?

Der Weg der Bewerbung – warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht

Ist der Entschluss einmal gefasst, gibt es jedoch noch zahlreiche Hürden zu meistern, bevor der Traum vom Zweitstudium Realität wird. Es gibt dabei zwei verschiedene Wege der Bewerbung. Am erfolgversprechendsten ist die Bewerbung über hochschulstart.de. Hier werden neben Abiturbestenquote, Auswahlverfahren der Hochschulen und Wartezeitquote nämlich auch Studienplätze für Zweitstudienbewerber vergeben. Maximal drei Prozent der Studienplätze stehen dafür zur Verfügung. Doch „wer schon einmal die Möglichkeit hatte, ein Studium an einer deutschen Hochschule zu absolvieren, muss in den Fällen, in denen sich viele um einen Studienplatz bewerben, besondere Gründe glaubhaft machen, warum ein zweites Studium erforderlich ist“, schreibt hochschulstart.de. Es wird dabei eine „Messzahl“ gebildet, bestehend aus der Note des Erststudiums und der Wertigkeit der Begründung. Es gibt zum einen berufliche, zum anderen wissenschaftliche Gründe. Letztere werden durch die Hochschule, die man an erster Stelle genannt hat, in einem Gutachten bewertet. Dazu hält man am besten Rücksprache mit den Verantwortlichen an der jeweiligen Universität. Wissenschaftliche Gründe, wie eine eventuell schon begonnene Doktorarbeit oder Forschungsvorhaben, sind dabei wichtig. Es kann jedoch ebenso erfolgreich sein, die besseren Berufsaussichten nach dem Zweitstudium darzulegen.

Für Medizin war die Messzahl für dieses Wintersemester (2014/2015) bei 10. Das heißt übersetzt, dass man zum Beispiel mit einem ausgezeichneten Zeugnis (4 Punkte) und besonderen beruflichen Gründen (7 Punkte) einen Studienplatz ergattern konnte. Weitere Infos dazu gibt es auf hochschulstart.de, wo auch das sehr ausführliche Merkblatt „Die Zulassung zum Zweitstudium“ zum Download zur Verfügung steht. Dort wird unter anderem noch einmal genau erklärt, was es mit der Messzahl auf sich hat und es werden Tips gegeben, wie man einen Platz an seiner Lieblingsuni bekommt. Ein Nachteil der Hochschulstart-Bewerbung ist, dass nur Studienplätze für das erste Semester vergeben werden. Wer in einem höheren Semester einsteigen möchte, weil er sich Kurse hat anrechnen lassen, muss darauf hoffen, dass in diesem Semester auch Plätze frei geworden sind, weil Studenten ihr Studium abgebrochen oder Prüfungen nicht bestanden haben. Beides ist „leider“ selten der Fall. Dafür hat man auf diese Plätze dann aber das Vorrecht!

Die restlichen dieser freigewordenen Plätze werden durch die Universitäten verteilt und man kann sich bei jeder Uni einzeln dafür bewerben. Was großen Spaß macht, denn die Bewerbungsmodalitäten, -formulare und selbst -fristen sind an jeder Uni unterschiedlich. Am besten informiert man sich auf den einzelnen Websites. Hier sind die Chancen allerdings extrem gering, denn es bewerben sich direkt auch Medizinstudenten, die gern ihre Uni wechseln möchten, aus dem Ausland kommen oder einen Teilstudienplatz haben… und alle werden laut Hochschulzulassungsgesetz vor den Quereinsteigern berücksichtigt.

Die Anrechnungsbescheinigung – auf der Jagd nach der Äquivalenz

Bei einem fachlich verwandten Studiengang liegt es nahe, sich Lehrveranstaltungen anrechnen zu lassen. Dazu benötigt man interessanterweise eine Äquivalenzbescheinigung der Lehrverantwortlichen für Medizin an jener Uni, an der man sein Erststudium absolviert hat. Ob Kurse und Praktika wie Biochemie, Physiologie oder mikroskopische Anatomie angerechnet werden, ist eine Einzelfallentscheidung – und nach meiner Erfahrung nicht unbedingt von der tatsächlichen Äquivalenz, sondern vom Wohlwollen des Lehrverantwortlichen abhängig. Hier ist Überzeugungsvermögen gefragt!

Ein Beispiel: Der Lehrverantwortliche der Physik war sich sicher, dass das veterinärmedizinische Physikpraktikum auf keinen Fall dem der Mediziner äquivalent sein könne. Bis mir auffiel, dass auf dem Schein im Kleingedruckten sogar vermerkt war, dass dieses nach ÄApprO durchgeführt wurde. Der Hinweis darauf führte zur problemlosen Bescheinigung der Äquivalenz. Dahingegen überraschte mich jedoch die Anrechnung einiger Lehrveranstaltungen eher positiv. So unwahrscheinlich es einem persönlich auch erscheint, man sollte es also auf jeden Fall in allen Fächern versuchen. Insgesamt konnte ich mir mit den gesammelten Bescheinigungen zwei Semester anrechnen lassen. Das Landesprüfungsamt des Bundeslandes, in dem man geboren wurde, stellt schließlich einen Anrechnungsbescheid aus. Am besten, man fragt telefonisch im jeweiligen Landesprüfungsamt genau nach – eine Liste gibt es hier.

Zweitstudienplatz ergattert – und dann?

Ich persönlich hoffe sehr, in der Humanmedizin all das lernen zu können, was im Veterinärmedizinstudium in meinen Augen zu kurz gekommen ist – nämlich das Wissen über Krankheiten und wie man sie heilt. Da die beiden Studien doch sehr ähnlich sind, hoffe ich nicht nur, mir das einmal gelernte schneller wieder aneignen zu können, sondern auch Wissen aus der Tiermedizin mit neuem humanmedizinischem Wissen vernetzen zu können. Vielleicht werde ich dies ja sogar später einmal in der Forschung umsetzen können – und damit Tieren und Menschen gleichermaßen helfen.

23 Wertungen (4.13 ø)

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9 Kommentare:

Christiane Pfeffer
Christiane Pfeffer

Normalerweise schreibe ich keine Kommentare, aber hier muss auch ich einfach mal was los werden.
Ich selber versuche nun seit inzwischen mehr als 5 Jahren einen Studienplatz in Medizin zu bekommen; ich habe mich in Luxemburg beworben (hier werden generell keine Medizinstudienplätze an Zweitstudenten vergeben), an Tests in Österreich teilgenommen (allerdings erschwert auch hier die Quotenregelung den Einstieg enorm!), extra Holländisch gelernt, mich in den Niederlanden beworben (natürlich auch abgelehnt) und an Aufnahmetests in Belgien (Flandern) teilgenommen. Außerdem habe ich natürlich wie jeder, der sich von dem “Medizin-Virus” infizieren lassen hat, fleißig jedes Semester an Hochschulstart geschrieben und habe unzählige Postkarten für das Losverfahren nach ganz Deutschland versandt.
Selbstverständlich alles ohne Erfolg.
Ich weiß auch von der Möglichkeit in Osteuropa ein Medizinstudium aufzunehmen, um dann eventuell nach dem Physikum nach Deutschland zu wechseln – Allerdings weiß ich auch, dass meine Eltern mir nicht mal eben das hierfür nötige Geld geben würden, und vor allem weiß ich auch, dass ich als Zweitstudentin keinen Studienkredit mehr bekomme.
Aus Angst vor der Reaktion meiner Eltern auf ein “Ich schmeiße mein bisheriges Studium und warte nun, dass ich einen Platz in Medizin bekomme – keine Ahnung, wann das denn klappt…” und angesichts eines Abis, mit dem ich es niemals in die Abiturbestenliste (von inzwischen 1,2!!!!) geschafft hätte, sondern “mal eben” 7 Jahre hätte warten dürfen, entschloss ich mich mein Bachelorstudium durchzuziehen. Das war der GRÖßTE FEHLER!!!
Meine Aussicht auf einen Studienplatz ist nun in so weite Ferne gerückt, dass ich sie wahrscheinlich nicht mal mehr mit einem Teleskop erkennen könnte.
Es ist traurig, aber anscheinend ist es in Deutschland besser – hat man auch nur die leiseste Idee eventuell Medizin studieren zu wollen – sein Studium zu schmeißen, oder aber es so weit es geht in die Länge zu ziehen!!
Denn hat man einmal einen Abschluss (in einem anderen Fach als Vetmedizin oder Zahnmedizin) oder schließt an seinen naturwissenschaftlichen Bachelor nicht direkt einen Master und vor allem die Promotion an, kann man es mit dem Zweitstudienplatz wirklich vergessen!

#9 |
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Kristina
Kristina

Leider ist die Zulassung für ein Zweitstudium in Deutschland so komplex und nicht nachvollziehbar, dass vielen Interessenten der Weg vewehrt bleibt.
Ich habe eine Ausbildung zur GuK, ein mit 1,7
abgeschlossenes Studium der Gesundheitaökonomie, Berufserfahrung sowie zwei Empfehlungsschreiben von Chefärzten eingereicht und von 10 Punkten, mit welcher Begründung auch immer, lediglich 4 erreicht. Auf meine Rückfrage bei hochschulstart.de wurde mir mitgeteilt, die Möglichkeit eines Zweitstudiums sei auch in Zukunft äußerst unwahrscheinlich.
Gleichzeitig erhält eine Bekannte, Angestellte der Telekom und BWL-Absolventin ohne Vorbildung einen Zweitstudienplatz für Medizin.
Ich frage mich, nach welchen Kriterien ausgewählt wird!

#8 |
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Gast
Gast

Ein Krankenversicherungskonzept für Tiere wäre wohl so etwas wie ein Schritt in die richtige Richtung. Das würde unnützer Ausbeute ebenso vorbeugen, wie der Überlegung, ob sich die Behandlung überhaupt noch “lohnt”.

#7 |
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Gast
Gast

“vollwertiger Arzt”… gibt es auch nicht vollwertige Ärzte? Solange Geld eine Rolle spielt wird es immer einen Einfluss auf die Qualität der Behandlung geben. Egal ob Maus oder Mensch.

#6 |
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Lina D`Hooge
Lina D`Hooge

Ich denke, es liegt eher daran, dass man ebenso 11 Semester studiert, ein vollwertiger Arzt IST und nur von Brotkrumen lebt. Denn reine Tierliebe ernährt keine Familie. Außerdem kann man seine Praxis viel besser ausstatten. Ein Tierarzt der vollkommen übermüdet ist, weil er jeden Kunden brauch um über die Runden zu kommen ist keineswegs ein besserer Tierarzt. Ganz im Gegenteil. Aber man wird immer Gegenargumente finden um den Wunsch nach mehr Gehalt zu verdammen.

#5 |
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Studentin der Humanmedizin

Den Sinn, dass man Humanmedizin und Zahnmedizin verbindet, verstehe ich ja noch. Gerade für diejenigen ist das ja optimal, die gerne in Richtung MKG wollen. Aber Tiermedizin und Humanmedizin? Aus Interesse ja, aber das ist ja alles immer eine Geldfrage. Und wie verbindet man die beiden Studiengänge im späteren Berufsleben?

#4 |
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Manuel Thomas von Meinert
Manuel Thomas von Meinert

Interessant, dass es “wieder einmal” nur ums liebe Geld geht.
Sollte es nicht so sein, dass man einen Beruf aus Spaß an der Freude ausübt?
Oder gar Liebe am Beruf das A und O ist? Es ist doch egal, ob man 2000,00 € oder 100.000 € hat. Menschen, die nur auf das Geld schauen, üben den Beruf nicht ordentlich aus.

#3 |
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Student der Humanmedizin

,..

#2 |
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Gast
Gast

Sehr aktuellesThema!
Ja, die Aussicht auf einen Verdienst von 1950 € brutto als Frau in den neuen Bundesländern erscheint irgendwie nicht so aufbauend… 25% aller Kleintierpraxen haben nach Abzug aller Kosten und Gehälter für sich nur noch 1600€ netto.
Wie frustrierend erscheint einem dann der Vergleich mit der Humanmedizin. Selbst meine frisch ausgelernte Freundin verdient mehr als Gesundheits- und Krankenpflegein.
Wer sich mit der Humanmedizin anfreunden kann, soll wechseln.
Vielleicht wird dann selbst die Konkurrenz am Markt geringer und man verdient auch mehr…..

#1 |
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