Benzodiazepine: Alzheimliche Helfer

7. Oktober 2014
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Seit längerem wird vermutet, dass die Einnahme von Benzodiazepinen das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, erhöhen könnte. Forscher zeigten nun, dass auch Dosis und Einnahmedauer das Risiko beeinflussen. Zeit, die Verschreibungspraxis dieser Wirkstoffklasse zu überdenken?

Demenz ist eine Erkrankung, die weltweit etwa 36 Millionen Senioren in die Abhängigkeit treibt. Bevölkerungswachstum und demographischer Wandel lassen erwarten, dass sich diese Zahl voraussichtlich alle 20 Jahre verdoppeln wird. Im Jahr 2050 werden nach Prognosen der Weltgesundheitsorganisation demnach etwa 115 Millionen Betroffene auf der Erde leben.

Benzodiazepine bei Senioren beliebt

Bereits seit mehr als zehn Jahren stehen Benzodiazepine im Verdacht, negative Auswirkungen auf eine Alzheimer-Erkrankung zu haben oder sogar an deren Entstehung mitbeteiligt zu sein. Dennoch wird diese Wirkstoffklasse in den Industrieländern gerade älteren Menschen häufig verschrieben. „In westlichen Ländern nehmen sieben bis 43 Prozent der Senioren regelmäßig Benzodiazepine gegen Angstzustände und Schlafstörungen ein“, schreiben Wissenschaftler von der Universität Bordeaux im „British Medical Journal“. Auch gegen Depressionen wird die Wirkstoffklasse eingesetzt.

Wegen des großen Abhängigkeitspotentials von Benzodiazepinen empfehlen internationale Richtlinien allerdings, eine Therapiezeit von etwa vier Wochen nicht zu überschreiten. „Obwohl der Langzeiteffekt dieser Wirkstoffklasse für Schlafstörungen nicht belegt und für Angstzustände fraglich ist, greifen viele ältere Menschen dauerhaft zu diesen Mitteln“, schreiben die Forscher. Erkranken diese Menschen aber auch häufiger an Alzheimer? Falls ja, wie beeinträchtigen Dosis und Einnahmedauer das Risiko? Diesen Fragen gingen die Wissenschaftler aus Frankreich in einer retrospektiven Studie nach.

Gedächtnisleistung beeinträchtigt

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass die menschliche Gedächtnisleistung durch die Einnahme von Benzodiazepinen beeinträchtigt wird. Denn während ihrer Wirkdauer war das Erinnerungsvermögen der Patienten stark reduziert. Ob diese Wirkstoffklasse auch das Risiko erhöht, an Alzheimer zu erkranken, ist nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, werteten die Wissenschaftler aus Bordeaux Daten von 125.000 Menschen über 66 Jahren aus. Die Daten wurden im kanadischen Quebec im Zuge eines staatlichen Gesundheitsprogramms gesammelt.

Bei der Auswertung der medizinischen Parameter unterschieden die Forscher Einnahmedauer, Dosierung und den Einsatz von kurzzeitig oder länger wirkenden Präparaten. Da Benzodiazepine auch gegen die Anzeichen einer beginnenden Demenz verschrieben werden könnten, schlossen die Forscher nur diejenigen Patienten in ihre Betrachtung ein, bei denen die Medikamenteneinnahme mehr als fünf Jahre vor der Alzheimer-Diagnose stattgefunden hatte.

Einnahmedauer korreliert mit Alzheimer-Risiko

Während des Beobachtungszeitraums erkrankten 1.796 Senioren an Alzheimer. „Überdurchschnittlich viele von ihnen hatten mehr als drei Monate lang Benzodiazepine eingenommen. Ihr Risiko, an Alzheimer zu erkranken, war gegenüber der Vergleichsgruppe mit 7.184 Teilnehmern um 43 bis 51 Prozent erhöht“, so die Ergebnisse der Forscher.

Besonders eine lange Nutzungsdauer und die Einnahme von langwirkenden Benzodiazepinen erhöhten das Risiko der Senioren, an Alzheimer zu erkranken. Dies war auch dann der Fall, wenn die Wissenschaftler bei ihrer Datenauswertung andere, möglicherweise Demenz fördernde Faktoren berücksichtigten. Ob die Wirkstoffklasse dabei gegen Schlaf-, Angststörungen oder depressive Verstimmungen verschrieben wurde, spielte ebenfalls keine Rolle.

Studienlage (fast) eindeutig

Auch andere Studien, teilweise jedoch mit Schwächen im Studiendesign, waren bereits zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Zudem hatte die Arbeitsgruppe aus Bordeaux bereits vor zwei Jahren an 1.063 Teilnehmern mit einem durchschnittlichen Alter von 78 Jahren einen ähnlichen Effekt beobachtet. Auch bei dieser prospektiven Kohorten-Untersuchung war das Risiko, innerhalb der nächsten 15 Jahre an Alzheimer zu erkranken um 50 Prozent erhöht, wenn die Teilnehmer begannen, Benzodiazepine einzunehmen.

Eine Studie falle jedoch aus dem Raster, wie die Wissenschaftler schreiben. Im Jahr 1998 kamen Forscher zu dem Ergebnis, dass Benzodiazepine sogar vor Alzheimer schützen könnten. „Dieses paradoxe Ergebnis lässt sich teilweise dadurch erklären, dass die Referenzgruppe auch Teilnehmer enthielt, die in ihrer Vergangenheit Benzodiazepine eingenommen hatten“, erklären die Wissenschaftler aus Bordeaux.

Kausaler Zusammenhang nicht eindeutig belegt

Da das Risiko an Alzheimer zu erkranken ein dosisabhängiger Effekt zu sein scheint, gehen die Forscher auch von einem kausalen Zusammenhang von Benzodiazepinen und dem Ausbruch der Krankheit aus. „Beweisen können wir diese Vermutung allerding mit unserer Studie nicht“, schränken sie dennoch ein. Auf welchen molekularbiologischen Vorgängen ein solcher Zusammenhang beruhen könnte, ist derzeit noch offen. Die Forscher vermuten jedoch, dass Benzodiazepine die Fähigkeit des Gehirns verringern, Schäden auszugleichen, indem es alternative Schaltkreise benutzt.

Obwohl die Zusammenhänge zwischen der Einnahme von Benzodiazepinen und dem Auftreten von Alzheimer noch nicht vollständig geklärt sind, raten die Wissenschaftler dringend dazu, den Umgang mit dieser Wirkstoffklasse neu zu überdenken und bewerten zu lassen. Wie empfohlen, sollten diese Medikamente nur kurzfristig und keinesfalls länger als drei Monate eingenommen werden.

127 Wertungen (4.31 ø)

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19 Kommentare:

Dr Claudia Brogmus
Dr Claudia Brogmus

Haben Beta-Blocker vielleicht eine gleiche Gefährdungs-wirkung?

#19 |
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Nichtmedizinische Berufe

@Ernst-Ulrich Grote

Ein Gehirn “im Topzustand” braucht kein Valium!

#18 |
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Ernst-Ulrich Grote
Ernst-Ulrich Grote

Völliger Schwachsinn!
Mein Vater nimmt Valium seit mindestens 40 jahren und ist mittlerweile 94. Dazu zeigt er nicht einmal ansatzweise cerebrale Einschränkungen. Im Gegenteil, sein Gedächtnis ist hervorragend. Außerdem hat er weder Hörprobleme noch Probleme mit den Augen. Das gehirn ist im Topzustand

#17 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Dr. med. Alfred Richter, ich erlaube mir eine wie immer völlig unverbindliche Empfehlung.
Ursächliche “Therapie” ist immer besser als symptomatische Therapie.
0.5 mg ist gar nicht so wenig, eine “Entwöhnung” erzeugt genau die Symptome (Angst), die das Mittel vorher unterdrückt hat. Lösen Sie wenn möglich das “Grübelproblem” mental. Im Krankenhaus als Patient liegt man ja viel rum und ist abends allein dadurch nicht müde genug. Ich habe dann, nach einer Schlaftablette gefragt, mehr “geistige Beschäftigung” angeregt, bei einem Mann z.B. durchaus auch mal den “playboy”.
zu#11 Hoch verehrter Herr Kollege @ Schätzler, abgesehen von der Frage ob hier Ursache mit Wirkung verwechselt wird, könnte der Zusammenhang, immer nur als Teilkomponente bitte, in der Störung der Schlafqualität liegen. Man wusste früher eigentlich nicht genau warum der “gesunde Schlaf” für das Gehirn so wichtig ist.
Nun schein aber klar zu sein, dass es dabei zu einem “über Tag” angesammelten Amyloid-Abbau kommt, voila!
Schlafentzug kann zu ganz üblen Fehlfunktionen führen, die bis zur Schizophrenie reichen.
Aber nicht vergessen, auch die Aktivität (“Benutzung” des Gehirns) am Tag ist wichtig und statistisch Alzheimer-reduzierend.

mfG

#16 |
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Hin und wieder – 1 bis 2 mal /Woche – 0.5 mg Lorazepam und schon ein wunderbarer Schlaf ohne Grübelei. Kann das Schaden ?

#15 |
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Das ist wieder eine typische statistische Verdrehung: Kann es denn nicht auch sein, dass die Menschen schon 5-10 JAhre vor der Diagnose des Alzheimer bestimmte geistige Veränderungen hatten, die mit Angst usw. einhergingen? Vielleicht war das der bisher verkannte Beginn des M. Alzheimer. Ich glaube nicht, dass Benzodiazepine einen Alzheimer auslösen können. Ulrich Boden

#14 |
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Gast
Gast

Ja, kann ich aus eigener Praxis nur bestätigen ! Mp Jordan / Bubach

#13 |
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Mag. pharm. michaela slepitschka
Mag. pharm. michaela slepitschka

Ich war,als ich 30-42 Jahre alt war,Benzodiazepin abhängig.Durch die hohe Dosis(Ärzte schreiben Rezepte!!!)erlebte ich eine paradoxe Wechselwirkung,ich weinte nur,wenn man mich ansprach;-u.dann diese wahsinnige Todessehnsucht;-dieses endlich seine Ruhe haben;Tja u.dann kamen die Backouts,ich habe Primäre Lateral Sklerose,Stürze sind an der Tagesordnug;schwere.Ich kann mich mit der Krankheit nicht abfinden.Könnten die “Benzos”der Auslöser gewesen sein???Bitte um Antworten.Mit freundl.Gruß.Michaela Slepitschka.

#12 |
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Pseudowissenschaftlicher Populismus?
In JAMA Neurology (Adam P. Spira et al.) von 2013 unter
http://archneur.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1788611
kam eine Querschnittstudie zu dem Ergebnis, dass Senioren mit Schlafstörungen vermehrt Ablagerungen von Beta-Amyloiden im Gehirn aufweisen [“Self-reported Sleep and ß-Amyloid Deposition in Community-Dwelling Older Adults”].

US-Forscher berichteten in Science (2013; 342: 373-377), dass der Schlaf bei Mäusen den interstitiellen Raum erweitert und u. a. den Abtransport von Beta-Amyloiden aus dem Gehirn beschleunigte. Andere Tier-experimentelle Studien zeigten, dass Schlafentzug die Ablagerung von Beta-Amyloiden fördern könne.

Adam P. Spira von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore zitierte in seiner Publikation zudem mehrere epidemiologische Studien, in denen Schlafstörungen mit Demenz-Erkrankungen verbunden waren und schlussfolgerte mit der gebotenen wissenschaftlichen Zurückhaltung: [“Conclusions and Relevance – Among community-dwelling older adults, reports of shorter sleep duration and poorer sleep quality are associated with greater Aß burden. Additional studies with objective sleep measures are needed to determine whether sleep disturbance causes or accelerates Alzheimer disease”] Zusätzliche objektive Schlaflabor-Studien seien erforderlich, um herauszufinden ob Schlafstörungen Alzheimer-Erkrankung verursachen oder beschleunigen würden.

Eine aktuelle experimentelle Studie im JAMA: http://archneur.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1875833
kommuniziert, dass Schlafunterdrückung oder verlängertes Wach-Sein den physiologischen morgendlichen Abfall von Aß42 (Cerebrospinal Fluid Beta-Amyloid 42) störe. Die Hypothese lautet, dass chronischer Schlafentzug die zerebralen Aß42 Spiegel ansteigen lässt, was wiederum das Risiko einer Alzheimer Erkrankung erhöht [“Conclusions and Relevance – Sleep deprivation, or prolonged wakefulness, interferes with a physiological morning decrease in Aß42. We hypothesize that chronic sleep deprivation increases cerebral Aß42 levels, which elevates the risk of Alzheimer disease.”].

Und dann kommen Sophie Billioti de Gage, “PhD student am INSERM, U657-Pharmacoepidemiology, Université de Bordeaux, France”, et al. mit der hier von DocCheck-Autorin Sonja Schmitzer hervorragend referierten Publikation, um mittels einer retrospektiven Fall-Kontroll-Studie etwas zu beweisen, was noch nicht einmal für Koinzidenz hinreicht: “Benzodiazepine use and risk of Alzheimer’s disease: case-control study”?
Vgl. http://www.bmj.com/content/349/bmj.g5205
M. E. ist das vorsätzlich pseudowissenschaftlicher Populismus!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

#11 |
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Uwe Niese
Uwe Niese

Dieser Artikel erinnert mich an den Film “Angst essen Seele auf”.

#10 |
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Olaf Ehrke
Olaf Ehrke

Ich möchte wissen, für was die Stoffgruppe “Benzodiazepine” noch verantwortlich gemacht wird…

#9 |
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Arzt
Arzt

Eigentlich wieder ein Beispiel, dass man Nebenwirkungen von psychoaktiven Stoffen in der Vergangenheit zu wenig beachtet hat.
Und eine weitere Warnung vor der “Freigabe” von “Drogen”.
Wir müssen hier nicht jeden Unsinn der Amerikaner nachmachen.

#8 |
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Nichtmedizinische Berufe

Noch ein Nachtrag: Selbstredend sollten derartige Medikamente bei bereits dementen Patienten nur dann angewandt werden, wenn sie auch für den Patienten Nutzen bringen, d.h. Ängste lindern. Und dies kann bei älteren Menschen bereits mit sehr niedrigen Dosen erreicht werden, es muss niemand dahindämmern.

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Mit solchen Kausalitäten sollte man sehr vorsichtig sein. Gerade Menschen mit Angststörungen, die immer wieder Medikamente dieser Wirkstoffgruppe einnehmen werden hier möglicherweise völlig unnötig verunsichert. Dass die Einnahme mittlerer Dosen auch kurzfristig das Gedächtnis beeinflusst ist bekannt. Da die Genese der Alzheimer´schen Krankheit noch weitgehend im Dunkeln liegt und die zugrunde liegende Disposition/Hirnerkrankung Angst auslösen könnte, sagt diese Studie für mich nichts aus.

#6 |
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Ärztin

Ein bisschen “wischi-waschi” diese Studie. Die Ursache-Wirkungs-Frage ist nicht geklärt. Wenn man Klarheit möchte könnt man die Alzheimer-Inzidenz bei Langzeitbeatmeten Patienten mit Fenta-Dormicum-Sedierung untersuchen. Auch retrospektiv aber ohne den Zweifel Alzheimer-Prodromi hätten zum Benzodiazepinkonsum ge(ver)führt.

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

Schreiben die Wissenschaftler aus Bordeaux auch etwas zur täglichen Dosis? Diese hat nämlich auf Gedächtnisstörungen mehr Einfluss als die Einnahmedauer. Bei einer Niedrigdosis von beispielsweise 2 x 10 mg Oxazepam täglich sind Gedächtnisstörungen ehr unwahrscheinlich, während es bei Einzelgaben von 50 mg in Abhängigkeit von der Verfassung sogar zu einer anterograden Amnesie kommen kann.
Darüber hinaus wäre interessant, ob die Alzheimer-Erkrankung nur begünstigt wird, wenn der Wirkstoff erst im “Alzheimer-Alter” eingenommen wird, oder ob es auch Zusammenhänge gibt, wenn ein Mensch im jüngeren Alter längere Zeit Benzodiazepine genommen hat, aber vor dem Krankheitsausbruch eine jahrelange Einnahmepause bestand.

#4 |
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C. Arnemann
C. Arnemann

Könnte ein ernster Hinweis sein. Vielleicht und wie so oft, könnte aber auch Ursache und Wirkung verwechselt sein: Könnte es nicht auch sein, dass Menschen, die später einmal an Alzheimer erkranken und die im Vorfeld schon häufiger an Schlaflosigkeit, Unruhe- und Angstzuständen leiden als andere, häufiger und länger zu diesen Mitteln greifen?
Davon abgesehen ist es keine Frage, dass diese Mittel zu häufig und zu lange und besonders in Alten-Einrichtungen verschrieben werden.

#3 |
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Dr. med. Oliver Wermann
Dr. med. Oliver Wermann

Es stellt sich die Frage, inwiefern die Symptome, die zur Verordnung der Benzodiazepine führten, nicht bereits Vorboten des sich über Jahrzehnte entwickelnden hirnorganischen Veränderungen bei Alzheimer waren. Insofern wäre nur ein prospektiver Studienansatz sinnvoll, bei dem Patienten mit Angst- und Schlafstörungen entweder Benzodiazepine oder alternative Therapieformen erhalten.

#2 |
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Nichtmedizinische Berufe

Unheimlich…..Sieht man sich mal die Berichte über Altenheime an und dann die Tatsache, dass solche Psychopharmaka viel zu leichtherzig und schnell verschrieben werden, dann müsste die Rate der Alzheimer-Neuerkrankungen in den nächsten Jahren regelrecht explodieren.
Deutschland – Land der Dichter und Denker? Nee. Deutschland – Land der Dösenden und dusselig Werdenden! Na, prost Mahlzeit!

#1 |
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