MEZIS: Bittere Pille für Big Pharma

1. Oktober 2014
Teilen

Jedes Jahr besuchen hierzulande 15.000 Pharmavertreter über 20 Millionen Mal Arztpraxen und Kliniken, um Produkte zu bewerben. Wie diese Marketingstrategie Ärzte aber auch Medizinstudenten beeinflusst und was dagegen unternommen werden muss, erklärt Manja Dannenberg, Vorstandsmitglied bei MEZIS.

DocCheck: Was verbirgt  sich hinter der Abkürzung MEZIS?
Dannenberg: MEZIS steht für „Mein Essen zahl‘ ich selbst“. Das ist ein Zusammenschluss von Ärzten, der sich in Deutschland 2007 nach dem amerikanischen Vorbild „No free lunch“ gegründet hat. Wir möchten für die Beeinflussung durch die Pharmaindustrie in der Medizin sensibilisieren.  Zurzeit zählen wir etwa 580 Mitgliederinnen und Mitglieder. Finanziert werden wir ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden.

1440_Dannenberg_schmuck

“Alles transparent – Vorstandsmitglied Manja Dannenberg fordert mehr Klarheit im Gesundheitsheitswesen.”

DocCheck: Wie kam es zur Gründung von MEZIS?
Dannenberg: Die Idee entstand 2006 in der Koordinierungsgruppe, eine Art Beirat der BUKO Pharma-Kampagne in Bielefeld. Diese setzte sich schon seit fast 30 Jahren kritisch mit dem Gebaren der Pharmaindustrie auseinander. Im Januar 2007 war es dann schließlich so weit: MEZIS gründete sich mit 11 Mitgliedern.

DocCheck: Wie hat sich MEZIS dann seit 2007 entwickelt?
Dannenberg: Ich selbst bin erst seit 2010 Mitglied bei MEZIS und seit 2012 im Vorstand. In dieser Zeit ist MEZIS kontinuierlich gewachsen, wir mussten neue Strukturen der Kommunikation untereinander entwickeln, es gründen sich immer mehr Regional- und Arbeitsgruppen. Mittlerweile sind wir auch in den Medien viel präsenter und werden häufiger als Experten zu bestimmten Themen wie dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) oder zu Korruption befragt. Auch politisch werden wir wahr- und ernstgenommen: So wurden wir im letzten Jahr zweimal zu gesundheitspolitischen Fragen vor Bundestagsausschüssen gehört. Bei den Ärzten sind wir leider noch nicht ganz so bekannt, aber wir gewinnen durch unsere Medienpräsenz ständig neue Mitglieder. Mit einem größeren Rückhalt in der Ärzteschaft können wir unseren Forderungen dann mehr Nachdruck gegenüber der Bundesärztekammer oder der Politik verleihen.

DocCheck: Was sind denn zentrale Forderungen von MEZIS?
Dannenberg: MEZIS steht vor allem für mehr Transparenz: Wer arbeitet wo mit und erhält von wem Zuwendungen. Ein erster wichtiger Schritt ist es, das offenzulegen. Viele Verfasser von Leitlinien oder Fachartikeln stehen auf den Gehaltslisten von Pharmafirmen und sind damit nicht unbeeinflusst. Das muss veröffentlicht werden – und hier hat sich in den letzten Jahren bereits einiges getan. Der nächste Schritt ist natürlich, konsequent zu sein und z. B. eine federführende Mitarbeit an Leitlinien für beeinflusste Ärzte auszuschließen. Weiterhin ist es uns, im Sinne der Transparenz, wichtig, dass alle Studiendaten offengelegt werden. Hier hat jüngst die europäische Arzneimittelkommission damit enttäuscht, dass sie den zunächst angekündigten uneingeschränkten Zugang für Wissenschaftler zu Daten aus Arzneimittelstudien nicht in diesem Maße umgesetzt hat. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Ausbildung: Schon Medizinstudierende müssen für den Einfluss der Pharmaindustrie auf das Gesundheitssystem sensibilisiert werden, einen kritischen Blick hierfür entwickeln und Strategien zum Umgang erlernen. Auch engagiert sich MEZIS für klarere Regeln in der ärztlichen Berufsordnung zu Geschenken und Zuwendungen an Medizinerinnen und Mediziner sowie für unabhängige Fortbildungen, das heißt Veranstaltungen, die ohne Sponsoring durch Pharmafirmen stattfinden.

DocCheck: Gibt es denn zurzeit Gesetze, die die Zuwendungen von Pharmaunternehmen regeln?
Dannenberg: Jein. Zuwendungen von Pharmaunternehmen an Ärzte können heute in Deutschland in gewissem Umfang völlig offen stattfinden, da es hier nur vage Regelungen im Berufsrecht gibt. Selbst für den Tatbestand der Korruption gibt es bislang im Strafgesetz keine einheitlichen Regelungen für Ärzte. Hier setzen wir uns für klare berufsrechtliche Bestimmungen ein, die Zuwendungen und Geschenke eindeutig verbieten, sowie für eine Neuformulierung des Strafrechts.

DocCheck: Was muss man sich denn unter Geschenken vorstellen?
Dannenberg: Es geht zum einen um kleine Aufmerksamkeiten: Kugelscheiber, Schreibblöcke, Gummibärchen und vieles mehr – natürlich versehen mit dem Namen eines Medikamentes: Ergänzt mit einer Einladung zum Essen oder der Finanzierung einer Fortbildung verfehlt das seine Wirkung nicht. Schon die Studierenden werden mit Werbegeschenken überschüttet: Angefangen vom EKG-Lineal über Klebezettel und Kulis bis hin zu Taschenbüchern. Leider fehlt vielen Studierenden noch das Bewusstsein für die Beeinflussung – das möchten wir ändern.

DocCheck: Was tut Ihr, um die Sensibilität der Studierenden hierfür zu steigern?
Dannenberg: Wir gehen an die Fakultäten, häufig auf Initiative der Studierenden, und informieren über Beeinflussungs- und Marketingstrategien der Industrie. In Leipzig und Hamburg sind wir beispielsweise mit einer Vorlesung fest in das Curriculum der Pharmakologie integriert, in Berlin findet regelmäßig eine Seminarreihe zu diesen Themen statt. Außerdem versuchen wir bei Aktionen von Studierenden mit dabei zu sein und sie als Mitglieder zu gewinnen. Derzeit zählen wir bei MEZIS mehr als 60 Studierende, es ist eine beständig wachsende Gruppe.

DocCheck: Wie versucht Ihr denn, die Ärzteschaft zu erreichen?
Danneberg: Wir gehen beispielsweise auf die Kongresse und sind dort mit Informationsständen präsent. Des Weiteren ist die Berichterstattung in der Presse über MEZIS natürlich ein wichtiger Baustein. Ein dritter Weg ist die persönliche Ansprache von Kollegen durch unsere Mitglieder, z. B. bei Qualitätszirkeln.

DocCheck: Auf welchen Wegen setzt Ihr Eure politischen Ziele um?
Dannenberg: Durch die Aufmerksamkeit, die uns die Presse schenkt, werden wir in immer größerem Maße als Interessengruppe ernstgenommen und gehört. So haben wir Anfang Oktober ein Treffen mit der Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. Dort können wir dann gut unsere Positionen darstellen. Weiter läuft natürlich viel über Presseerklärungen, offene Briefe oder einfach Präsenz bei bestimmten Veranstaltungen. Natürlich ist das immer langwierige und schrittweise Arbeit, aber ich denke wir sind auf einem guten Weg.

DocCheck: Wir sind hier auf dem Kongress der deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin. Wie hoch ist denn die Akzeptanz bei den medizinischen Fachgesellschaften?
Dannenberg: Das ist sehr divers: Mit der DEGAM beispielsweise haben wir viele gemeinsame Ziele und werden jedes Jahr auf die Jahrestagung zu einem Informationsstand eingeladen. Bei anderen Fachgesellschaften, wie z. B. den Internisten, gestaltet sich das schwieriger. So haben wir auch schon die Erfahrung machen müssen, dass wir auf manchen Kongressen nicht erwünscht sind, um die sponsernden Pharmaunternehmen nicht zu verärgern. Auf manchen Veranstaltungen werden wir sehr kritisch beäugt, auch Beschimpfungen am Stand gab es schon.

DocCheck: Wie verläuft denn die Arbeit mit anderen ärztlichen Institutionen wie der Bundesärztekammer?
Dannenberg: Wir haben uns letztes Jahr mit einem offenen Brief an die Bundesärztekammer gewandt, in dem wir eine klare Formulierung in der Musterberufsordnung forderten, die die Annahme von Geschenken und Zuwendungen eindeutig verbietet. Im letzten Jahr hat sich eine Arbeitsgruppe bei MEZIS formiert, die eine Kampagne gegen die weitgehend uneingeschränkte Zertifizierung von Fortbildungsveranstaltungen durch die Landesärztekammern entwickelt hat. Hier gibt es eigentlich klare – auch im Sozialgesetzbuch verankerte – Regeln, die als Voraussetzung für die Vergabe von Zertifizierungspunkten (CME) ein Sponsoring der Veranstaltung eigentlich ausschließen. Die Veranstaltung soll nämlich „frei von wirtschaftlichen Interessen“ sein. Dennoch werden regelmäßig auch Fortbildungen zertifiziert, die ganz offensichtlich pharmafinanziert sind. Einen ersten kleinen Erfolg konnten MEZIS-Mitglieder in Berlin erzielen: Hier wurde einmalig eine bereits vergebene Zertifizierung nachträglich zurückgenommen.

DocCheck: Welche weiteren Erfolge kann MEZIS denn in seiner siebenjährigen Geschichte vorweisen?
Dannenberg: Also den ganz großen Paukenschlag gibt es wohl nicht. Wir sehen es als Erfolg an, dass viele wichtige Debatten angestoßen wurden und sich auch innerhalb der Ärzteschaft langsam eine Sensibilität für das Thema entwickelt.

DocCheck: Wie kann man sich bei Euch engagieren, um Eure Arbeit zu unterstützen?
Dannenberg: Am besten ist es natürlich, wenn man Mitglied wird. Informationen dazu findet man auf unserer Website oder an unseren Infoständen. Es gibt einige Regionalgruppen, in denen man sich einbringen kann, wir haben auch eine aktive Mailingliste, über die sich bundesweit Mitglieder zu Aktionen formieren. Wir freuen uns über jeden, der aktiv mitarbeitet, aber auch über jeden, der mit seinem Namen hinter unseren Zielen steht und uns damit Stärke verleiht.

DocCheck: Pharmaunternehmen investieren viel Geld in die Forschung, vor allem aber auch ins Marketing. Diese Kosten trägt am Ende auch das Gesundheitssystem. Ist Euer Rat an die Pharmaunternehmen, weniger Geld in das Marketing zu stecken?
Dannenberg: Ich glaube nicht, dass wir in der Position sind, Pharmaunternehmen Ratschläge zu erteilen. Sie agieren in erster Linie wirtschaftlich und profitorientiert nach den Gesetzen des Marktes – das kann man ihnen kaum vorwerfen. Viel eher müssen wir die Ärzte erreichen: Wenn Sie für Beeinflussungen durch das Marketing der Pharmaindustrie sensibilisiert sind, wird selbiges auch nicht mehr die gewünschte Wirkung zeigen. Daraufhin wird sich auch die Strategie der Unternehmen ändern. Aber das ist natürlich ein sehr langfristiger Prozess.

DocCheck: Wo sehen Sie MEZIS in fünf Jahren?
Dannenberg: Ich würde mir eine mindestens vierstellige Mitgliederzahl wünschen. Weiter sollte MEZIS bis dahin eine breite Bekanntheit in der Ärzteschaft haben. Außerdem hoffe ich, dass wir einige unserer Forderungen durchsetzen konnten.

28 Wertungen (3 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

5 Kommentare:

Arzt
Arzt

#4 richtig, warum soll die Pharmaindustrie und die übrige Medizinindustrie sich nicht ein bischen Mühe geben dürfen, ihre Produkte zu bewerben?
Das muss mir hier einer erst erklären.
Der Veranstalter einer medizinischen Fortbildung darf sich auch gerne dafür bedanken.
Das heist noch lange nicht, dass seine Fortbildung schlecht ist.
Ich halte das sogar für eine sehr dezente Art von “Werbung”.

#5 |
  0
Erich Baumann
Erich Baumann

Es geht entschieden zu weit auch Fortbildungssponsoring zu verbieten!
Der Arbeitgeber macht das in der Regel nicht,
die AOK erst recht nicht.

#4 |
  0
Stefanie Lohr
Stefanie Lohr

Rettet die Welt.

#3 |
  0
Gast 2
Gast 2

ja, weil ein paar Brötchen und ein Wasser eine Arzt beeinflussen…

#2 |
  0
Gast
Gast

Dass Zuwendungen an Ärzte/innnen in Deutschland völlig offen stattfinden können und es nur vage Regelungen gibt, stimmt so nicht mehr ganz. Der ab 2015 geltende Transparenzkodex verlangt, Zuwendungen an Ärzte/innen zu veröffentlichen. Dazu müssen die Empfänger aber zustimmen. Außerdem regelt dieser Kodex, dass die Abgabe von Geschenken an Ärzte und andere Angehörige medizinischer Fachkreise künftig verboten ist.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: