Versandapotheken: Es rappelt in der Kiste

26. September 2014
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Inhaber sehen Versandapotheken mit Argwohn. Juristisch lässt sich wenig gegen den verhassten Distributionsweg unternehmen. Grund genug, eigene Stärken auszuspielen: Es gibt nicht nur Schnäppchenjäger, zeigen aktuelle Studien. Viele Kunden schätzen fundierte Beratung.

Beim Deutschen Apothekertag (DAT) in München standen Versandapotheken einmal mehr im Rampenlicht der Politik. Kathrin Vogler von der Linken sagte beim Auftakt, ihre Partei lehne den Versandhandel mit Rx-Arzneimitteln grundsätzlich ab. Versender bewertete sie als „Einfallstor für Fälschungen“, und Maßnahmen zur Kennzeichnung wie securPharm würden „dem Problem nicht gerecht“. Entsprechende Versuche ihrer Partei, politisch gegenzusteuern, waren bislang aber nicht von Erfolg gekrönt.

Gleiches Recht für alle

Experten erwarten hier keinen entscheidenden Durchbruch. Deshalb versuchen sie, geltendes Recht für Versandapotheken aus anderen EU-Staaten konsequent anzuwenden. Zwar ist die Sache juristisch klar. Bereits Mitte 2012 urteilte ein gemeinsamer Senat der obersten Gerichtshöfe des Bundes: „Die deutschen Vorschriften für den Apothekenabgabepreis gelten auch für verschreibungspflichtige Arzneimittel, die Apotheken mit Sitz in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union im Wege des Versandhandels nach Deutschland an Endverbraucher abgeben.“ DocMorris störte sich daran nicht wirklich – und versuchte beispielsweise, Rx-Boni trotz bekannter Verbote als Köder auszulegen. Auf Antrag der Apothekerkammer Nordrhein haben Delegierte beim DAT jetzt eine Resolution verabschiedet. Sie fordern den Gesetzgeber auf, Regelungen gegen schwarze Schafe der Versandbranche zu treffen, etwa über Zuwendungsverbote gemäß Paragraph 128, SGB V: „Die Krankenkassen stellen vertraglich sicher, dass Verstöße gegen die Verbote (…) angemessen geahndet werden. Für den Fall schwerwiegender und wiederholter Verstöße ist vorzusehen, dass Leistungserbringer für die Dauer von bis zu zwei Jahren von der Versorgung der Versicherten ausgeschlossen werden können.“

Vor Ort beraten, im Netz gekauft

Kollegen ärgern sich nicht nur über illegale Boni. Kunden, die sich vor Ort beraten lassen, um anschließend im Web Arzneimittel zu bestellen, sind ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Jetzt hat das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) knapp 300 Apotheker befragt. Ihren Angaben zufolge tritt das Phänomen bei jedem zehnten (35,3 Prozent), jedem fünften (24,8 Prozent), jedem dritten Besucher (10,2 Prozent) oder noch häufiger (6,0 Prozent) auf. Knapp 60 Prozent sprechen von Verschlimmerungen und beobachten im Handverkauf einen leichten (39,2 Prozent) beziehungsweise starken Anstieg (20,1 Prozent). Besonders häufig stehen Vitamine, Mineralstoffe und Nahrungsergänzungsmittel im Fokus (57 Prozent), gefolgt von Präparaten bei Erkrankungen der Haut, der Schleimhäute und der Nägel (30 Prozent), Arzneimitteln gegen kardiovaskuläre Erkrankungen (28,2 Prozent), Medikamenten gegen Schmerzen des Bewegungsapparats (25,6 Prozent) und gegen Unruhe beziehungsweise Schlafstörungen (22,4 Prozent). Ganz klar: Nahezu jeder befragte Apotheker bewertet die persönliche Beratung als unersetzlich. Telefon oder eMail stellten keine Alternative dar.

Weißer Kittel wertgeschätzt

Forscher der Hochschule Fresenius haben das heikle Thema unter anderen Aspekten beleuchtet. Sie befragten 188 Laien zu ihren Vorstellungen. Insgesamt gaben 88 Prozent der Befragten an, lieber ein OTC-Präparat für sieben Euro nach eingehender Beratung vor Ort zu erwerben, als das gleiche Medikament für sechs Euro online zu bestellen. Doch welchen Wert haben apothekerliche Informationen? Unter der Annahme, ein OTC koste beim Versender sechs Euro, wurde die Zahlungsbereitschaft potenzieller Apothekenkunden abgefragt. Immerhin wären 69 Prozent bereit, sieben bis zehn Euro auf den HV-Tisch zu blättern, falls sie eingehende Informationen bekämen. Und 14 Prozent gingen sogar noch einen Schritt weiter. Diese Gruppe erwirbt Medikamente nur vor Ort, unabhängig von den Kosten. Viele Teilnehmer wünschen sich, dass öffentliche Apotheken künftig ihr Servicespektrum ausbauen – durch Programme zur Therapiebegleitung oder zur Prävention. In diese Kerbe schlug auch Sabine Dittmar (SPD) beim Apothekertag. Sie unterstützte Forderungen des Berufsstands, Leistungen rund um Prävention und Medikationsmanagement anzubieten. Pharmazeuten sehen darin eine probate Möglichkeit, sich von Versendern abzugrenzen.

OTCs bleiben tragende Säule

Noch ein Blick auf den Markt. Online-Apotheken setzen weiter auf OTCs und auf hochwertige Kosmetik, um Kunden über Preisvorteile zu ködern. Wie IMS Health berichtet, gingen von insgesamt 1,9 Milliarden Packungen im letzten Jahr 120 Millionen über den Versandhandel. Davon waren 74 Prozent rezeptfreie Medikamente, gefolgt von Kosmetika und Körperpflege-Produkten (13 Prozent), Diagnostika und Verbandsstoffen (fünf Prozent) sowie Ernährungsmitteln (zwei Prozent). Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum sank der Anteil an Rx-Arzneimitteln um einen Prozentpunkt. Dieser Bereich ist fest in der Hand öffentlicher Apotheken.

18 Wertungen (4.11 ø)

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8 Kommentare:

@Alexandra Massen:
Als (noch) junger Apotheker kann ich sehr gut nachvollziehen, dass das Studium nicht umsonst ist; die eine oder andere PTA kommt bei Bedarf zu mir, um vom Wissen eines Approbierten zu profitieren, weil sie durch die Ausbildung nicht so ein fundiertes Wissen haben! Dafür haben PTAs andere Stärken, denn im Studium machen wir bei Weitem nicht so viele Rezepturen wie die PTAs in der Schule.
Rezepturen sind übrigens auch so ne Sache, wo Versandapotheken an ihre Grenzen stoßen…und dass die noch dazu miserabel bezahlt werden, können alle pharmazeutischen Fachkräfte bestätigen! Wer braucht denn z.B. weniger als 30 Minuten für Plausibliltätsprüfung und Herstellungsanweisung einer Rezeptur? (Ich hab das bisher noch nie geschafft!)

#8 |
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@Rolf Lachenmaier: Herzlichen Dank, ganz meine Meinung! Im Übrigen glaube ich kaum, daß ein Postbote oder wechselnde Versandapotheken die Wechselwirkungen erkennen, geschweige denn erklären könnten. 5 Jahre Studium können auch nicht ganz umsonst sein.
@JSimon: Sehr geehrter Herr Simon, entgegen der landläufigen Meinung von “Apothekenpreisen” verdienen die Apotheken an verschreibungspflichtigen Medikamenten, wie man übrigens auch im Internet nachlesen kann, weniger als ein Kreditkartenanbieter von der Apotheke für die Transaktion verlangt. Genau aus diesem Grund ist die Kreditkartenzahlung in Apotheken fast nirgends mehr möglich. Auch ein Apotheker muß seine Miete bezahlen und ist nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit unterwegs.

#7 |
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Rolf Lachenmaier
Rolf Lachenmaier

@j simon:
ja, das ist schon toll. und der postbote kennt sich ja mit den arzneimitteln auch so gut aus. schafft es ihr postbote auch in den dritten stock an ihre wohnungstür und erklärt ihnen vor ort, was sie bei ihrem medikament oder hilfsmittel beachten müssen?!
es tut mir leid, hr. simon, ich kann ihren argumenten so gar nicht folgen. hilft ihnen ihr versender, wenn sie SOFORT und dringend ein arzneimittel benötigen? macht ihr versender bei ihnen notdienst? kennen sie die/den versender persönlich? kennt der versender sie persönlich?
der versandhandel mit arzneimittel ist rosinenpickerei – sonst wäre er auch gar nicht möglich. die vor-ort-apotheken sind die “dummen”, die die infrastruktur für die nicht-mobilen, nicht-technisch-affinen, nicht internet-gläubigen, etc. vor ort hochhalten dürfen – und die meisten tun das trotz aller gängelung noch gern für ihre patienten. der versand spart sich dieses und genau dann, wenn sie ihn brauchen, ja genau dann: ist er NICHT da… und dann beschweren sie sich bitte an der richtigen stelle, hr. simon, wenn ihre apotheke vor ort, vor einer woche schließen musste. nämlich bei sich und anderen schnäppchenjägern. dann warten sie auf das dringend benötigte schmerzpflaster eben einfach mal ein paar tage – ups, die dürfen versender/postboten ja gar nicht liefern. egal, vielleicht helfen ja 20 packen paracetamol zum schnäppchenpreis vom versender “ihres vertrauens”, die ein paar tage später eintreffen, auch…?!

p.s. ich kenne keinen apotheker, der nicht in begründeten fällen eine rechnungszahlung o.ä. anbietet

#6 |
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Claudia Scherrer
Claudia Scherrer

@J Simon
Rufen Sie doch in Ihrer nächstgelegen Apotheke vor Ort an. Die bringen Ihnen sicher auch die Sachen an die Haustür!!!

Zum Thema vorfinanzieren: Fragen Sie, ob Sie eine Rechnung bekommen. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass das möglich ist!

Und Sie bekommen eine persönliche Beratung vor Ort!!!

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich bin derzeit heilfroh, dass es Versandapotheken gibt. Denn zur Apotheke kann ich nicht laufen, die Post bringt die Mittel an die Haustür. Das das ein für viele wichtiger Faktor sein kann, Versandapotheken zu nutzen, wird leider viel zu oft vergessen.

Auch für Leute, die u. U. Medikamente vorfinanzieren müssen, haben diese Vorteile. Viel zu wenige Apotheken akzeptieren Kreditkarten. Rechnung und Zahlungsziel sind durchaus nicht zu verachten.

Diese Regulierung ist m.E. nicht mehr zeitgemäß. Es sollte jeder Marktteilnehmer seine Chance bekommen.

#4 |
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Gast
Gast

Seltsam, dass fast ausschließlich die Linken die richtigen Fragen zum Thema Versand stellen. Politiker aus CDU, SPD, Grüne und die eine, kleine gelbe?! Partei (die keiner mehr kennt) scheinen da erstaunlich immun und denkfaul zu sein. Na, Herr Buse, Sie wissen da sicher mehr…

#3 |
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Sabine von Schlichting
Sabine von Schlichting

“Sie unterstützte Forderungen des Berufsstands, Leistungen rund um Prävention und Medikationsmanagement anzubieten.”
Ja klar aber natürlich sollte das nach Möglichkeit nichts kosten…

#2 |
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Christian Buse
Christian Buse

Erstklassiger Journalismus mit absolut neutralem Blick auf die Geschehnisse, insbesondere werden alle Standpunkte der unterschiedlichen Beteiligten ausführlich dargelegt.
Premium, weiter so.

#1 |
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