Stuhlspende: Kot couture, sozusagen

24. April 2012
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Der letzte Ausweg ist manchmal nicht Marmor gepflastert, sondern mit Exkrementen beschmiert. Wenn die Darmflora zerstört ist und Keime den Körper angreifen, wenn nichts anderes hilft, soll eine Stuhlspende erstaunliche Erfolge erzielen.

Der Gedanke mag eklig sein, ist jedoch alles andere als abwegig. Denn was sich im Inneren tummelt sind nicht nur Körperzellen. Wir teilen uns den Körper mit Mikroorganismen. Rund ein bis zwei Kilogramm unseres Körpergewichts gehen allein auf Darmbakterien zurück. 100 Billionen Keime, die den vor allem den Dickdarm wie eine zweite Haut auskleiden.

Ausgeklügelten Symbiose mit dem Körper

Fürchten muss man sie normalerweise nicht. Sie leben in einer ausgeklügelten Symbiose mit dem Körper. Während sie sich vom Nahrungsbrei bedienen, der durch den Darm geschleust wird, helfen sie bei der Verdauung, liefern Vitamine, schützen uns vor krankmachenden Erregern und trainieren das Immunsystem. Ohne die Winzlinge wären wir kaum überlebensfähig und vielen Angreifern schutzlos ausgeliefert. Doch hin und wieder wird das friedliche Zusammenleben gestört. Antibiotika etwa, beseitigen nicht nur Krankheitserreger, sie töten auch die nützlichen Bakterien.

Normalerweise erholt sich die Verdauung von der Säuberungsaktion innerhalb der nächsten Wochen. Manchmal nutzen jedoch weniger harmlose Darm-Bakterien wie Clostridium difficile die Chance, breiten sich massenhaft aus und verdrängen die gesunden Mitbewohner des Darms.

Während eine Clostridium-Infektion früher nur selten Probleme gemacht hat, gehört sie heute zu den am häufigsten auftretenden Krankenhausinfektionen in Europa. Die Folge sind schwere Durchfälle und entzündliche Infektionen. Im Extremfall müssen Teile des Darms entfernt werden, in einigen Fällen überleben Patienten eine solche Infektion nicht. In den USA haben Statistiker ausgerechnet, dass jedes Jahr etwa 14.000 Todesfälle auf das Konto des Darmbewohners gehen. Der größte Teil der Patienten ist über 65 Jahre alt und hat sich die Infektion im Krankenhaus oder Pflegeheim eingefangen. Während Clostridium difficile den Darm von höchstens vier Prozent der gesunden Menschen besiedelt, ist es in 20 bis 40 Prozent der Patienten in Krankenhäusern zu finden.

Per Einlauf in den Darm manövriert

Antibiotika könnten zwar auch diesen Keim zum Erliegen bringen, doch im Laufe der Zeit haben einige Vertreter wirksame Resistenzmechanismen entwickelt. Mit den üblichen Behandlungsmethoden tritt in 25 Prozent aller Fälle die Infektion innerhalb von einem Monat erneut auf. Daher versuchen Wissenschaftler überall auf der Welt alternative Behandlungen zu finden. Entwickelt sich der Keim zum Dauer-Querulanten, soll die Bakterien-Therapie Abhilfe schaffen. Die Methode, die einige Ärzte in den USA, Kanada oder Australien bereits erfolgreich anwenden, hat mittlerweile nicht nur in der Wissenschafts-Community für Aufsehen gesorgt.

Dabei handelt es sich nicht um eine gentechnische Methodik, noch um Stammzellen oder es wird aufwändiges Gerät verwendet. Nein, es wird lediglich der Stuhl eines gesunden Spenders mit Kochsalzlösung verrührt und per Einlauf in den Darm manövriert. Auch der Weg in einem Schlauch über die Nase ist möglich. Einmal im Darm angekommen sollen die gespendeten Darmbakterien helfen, wieder eine natürliche und gesunde Darmflora mit einem guten Mix aus verschiedenen Darmbakterien herzustellen.

So einfach die Methode, so groß auch die Erfolge. Ärzte aus den US, Kanada oder Australien berichten, dass sie bis zu 90 Prozent ihrer Patienten helfen konnten. Obwohl sie seit vielen Monaten unter ihrer Erkrankung litten, schlug die Therapie meist innerhalb von Tagen an. Worauf die Wirkung basiert, ob sie sich tatsächlich ansiedeln oder nur über Botenstoffe den Heilungsprozess in Gang setzen ist noch nicht geklärt.

In Deutschland wird das Verfahren nicht angewandt. Zu unsicher erscheint hier vielen die Methode. Noch gibt es keine großen Studien, die unabhängig den Erfolg bewerten und mit anderen Methoden vergleichen. Zudem wird der Stuhl der Spender zwar auf einige Krankheiten getestet, welche Wirkungen die Bakterien jedoch langfristig auf den Empfänger haben, lässt sich nicht voraussagen. Die natürliche Darmflora beeinflusst mit ihren Mikroben nicht nur die Verdauung, sie nimmt Einfluss auf eine Vielzahl von Stoffwechselvorgängen, wird in Zusammenhang mit Krankheiten wie Diabetes oder Multiple Sklerose gebracht. Selbst auf die Psyche hat der Darm Einfluss. Dieses Mikrosystem auf gut Glück zu verändern, wirft zumindest einige medizin-ethische Fragen auf. Viele Mediziner hoffen daher, die Bakterien ausfindig zu machen, die für die heilsame Wirkung verantwortlich sind und sie oder ihre Wirkstoffe gezielt als Medikament einzusetzen.

Derweil gehen die Anhänger der Stuhltransplantation schon einen Schritt weiter. Sie können sich eine solche Therapie auch für Menschen mit Colitis Ulcerosa, schweren Symptomen des Reizdarmsyndroms oder Parkinson vorstellen.

200 Wertungen (4.36 ø)
Medizin

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20 Kommentare:

Oliver Loy
Oliver Loy

Wenn man bedenkt was manche Menschen mit Magen- Darmerkrankungen durchleiden und welchen Untersuchungen/Behandlungen/Operationen sie sich unterziehen in der Hoffnung diese Leiden wieder los zu werden, dann denke ich ist der Ekel vor der hier beschriebenen Behandlung ein verhältnismäßig sehr geringer Grund diese Behandlung abzulehnen. Weiters finde ich persönlich die substitution per Einlauf nicht sonderlich ekelerregend (per Sonde durch die Nase schon eher).
Das diese Form der Therapie in der Humanmedizin bei uns viele Pessimisten auf den Plan wirft behaupte ich jetzt mal ganz frech liegt daran das mit Medikamenten, Operationen und langwierigen Behandlungen einfach sehr viel mehr Geld verdient werden kann (ein Schelm der Böses dabei denkt…).

#20 |
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Wer sprciht denn schon davon, daß man den Kot essen muß?
Es gibt sehr gute, pharmazeutisch hergestellte Probiotika mit verschiedenen Keimspektren für verschiedene Indikationen. Diese schmecken völlig neutral

#19 |
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Dr. Christina Krisch-Zehl
Dr. Christina Krisch-Zehl

Das würde ev. sogar das von den Besitzern verhasste Kotfressen vieler Hunde erklären, vielleicht eine Instinktahndlung bei Verdauungsbeschwerden. Bei meinem Hund beobachte ich immer wieder, dass er dann Kot frißt (allerdings Menschenkot beim Spazierengehen im Gebüsch suchend)wenn er vorher Durchfall hatte, was ich es bisher nicht so sehr geschätzt habe.
An Kot von Artgenossen traut er sich wahrscheinlich wegen der Rangordnung (die unter anderem über Duftstoffe, welche dem Kot beigemengt sind geregelt wird) nicht ran:
Zur Aussage von Frau Kollegin Scheichl, bezügl.Angst der Deutschen…
die orale Einnahme, auch per Nasensonde, würde bei mir, psychisch bedingt, sicher sofort Brechreiz auslösen!
Obwohl auch ich, wie die meisten Tierärzte, unter wenigen Ekel-Berührungsängste leide.
Liebe Frau Scheichl, gehen Sie doch mit gutem Beispiel voran und berichten Sie drüber!

#18 |
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Rettungsassistent
#17 |
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Das soll etwas Neues sein? Ich habe diese Methode schon als Student vor 45 Jahren kennengelernt und in meiner Kleintierpraxis in geeigneten Fällen selbst angewendet. Meistens war der Erfolg sehr gut. Bei der Behandlung von dyspeptischen Kühen ist die Übertragung von Pansensaft Routine.

#16 |
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Dr. med. vet. andreas trötschel
Dr. med. vet. andreas trötschel

In der Tiermedizin ist die Pansensaft- Übertragung bereits seit Urzeiten eine sehr erfolgreiche Methode, bakterielle Fehlbesiedelungen zu beseitigen. Und Erfolge bei Einnahme von Bierhefe- Präparaten deuten in eine ähnliche therspeutische Richtung.

#15 |
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Weitere medizinische Berufe

Interessante Ausführungen, auch von den Mitlesern. Wie so immer: Vor und Nachteile! Aber: wie siehts denn mit den vielen Nachteilen der Arzneimittel aus!? Interessiert das denn überhaupt? An Stuhlproben kann nun einfach nicht wirklich verdient werden…
ich halte es mit Paracelsus: Die Dosis macht das Gift…Also auch das Bier…;-))

#14 |
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Eberhard Krämer
Eberhard Krämer

Sehr interessante Grundlagenforschung mit momentan wenig Aussicht auf Anwendung. Wirklich wollen werden dies nur die betroffenen Patienten, denen in aller Regel mit Antibiotika die Darmflora zerstört wurde. Die Methode wäre sehr einfach und der seit Jahrtausenden bewährte Weg via naturalis könnte genutzt werden. Doch alle, die momentan durch die Erkrankungen und die dazu eingesetzten Medikamente endlos viel Geld verdienen, werden immer ausreichend Gründe finden, dies abzulehnen. VOX POPOLI weiß dies schon länger: “Sieben Pfund Dreck pro Jahr braucht ein Kind, um ein gesunder Erwachsener zu werden.” Die KIGGS-Studie des RKI hat dies faktisch bestätigt.

#13 |
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Tierärztin

Diese Methode funktioniert zumindest bei Kaninchen mit
Durchfall und wird erfolgreich in der Veterinärmedizin eingesetzt

#12 |
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geprüfte Pharmareferentin Uta  John
geprüfte Pharmareferentin Uta John

….warum denn verdünnten Stuhl einführen oder gar per oral???
es gibt doch E-Coli Nissle 1917 ( Mutaflor) verdrängt pathogene Keime antagonistisch, wirkt antientzündlich, antimutagen, antiallergisch ……

#11 |
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Ein richtig guter, schöner Artikel zu einem wichtigen Thema, Frau Simon. Die Darmflora ist für unseren Organismus von ungeheuer wichtiger Bedeutung. Wie richtig angeführt regen die Darnbakterien die Immunzellen der Darm-Schleimhaut zur Antikörperbildung an (70% der Immunzellen des Körpers sitzen in der Darmwand!), helfen bei der Vitaminversorgung usw.. Zerstört werden sie nicht nur durch Antibiotika sondern auch durch alle möglichen anderen Schadstoffe wie Konservierungsmittel u.a. Oder falsche Ernährung. Die falschen Bakterien (nicht nur Clostridien) führen durch Fäulnis- und Gärungsvorgänge (Fusel-Alkohole) zu Leberschäden. Wenn man dann noch daran denkt, daß z.B. Serotonin im Dünndarm gebildet wird … Die Wissenschaftler sprechen inzwischen von einer “gut-brain-axis” und es gibt – entgegen allgemeiner Meinung – auch eine riesige Zahl von wissenschaftlichen Studien zu dem Thema. Schade, daß auf dieser Ebene zuwenig Therapie angeboten wird. Ich selber habe hervorragende Erfolge mit der Methode, auch bei vielen Krankheiten, die scheinbar nichts mit dem Darm zu tun haben.

#10 |
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Wer die Zusammenfassung des Originalartikels gelesen hat, weiss, dass 18 von 19 Pat. mit einer Antibiotica verursachten chron. C. difficile Infektion schon nach der ersten “Stuhltransplantation”, der 19.Pat. nach der Zweiten bis zu 4 Jahren gebessert, bezw. geheilt waren, mit Ausnahme der Reinfizierten.
Ich denke, man muss hier sehr pragmatisch vorgehen, den Leidensdruck des Patienten in den Mittelpunkt der Überlegungen stellen und mit ihm Vor-und mögliche Nachteile dieser neuen Therapie hinsichtlich seines Istzustandes und Leidensdrucks diskutieren. Dann muss er selbst entscheiden. Wir als Therapeuten sollten dann aber auch diese Entscheidung respektieren und den Pat. bei der Umsetzung unterstützen, auch wenn es aus rein evidenzbasierten wissenschaftlichen Gründen noch keine Leitlinien geben kann.

#9 |
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Chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Crohn werden bereits seit Jahren mit Darmbakterien (E.coli Niessle) zur Remissionstherapie erfolgreich behandelt, also eigentlich nichts wirkliche Neues!

#8 |
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elisabeth scheichl
elisabeth scheichl

sichtlich ist die veterinaermedizin weiter fortgeschritten! pferden mit chronischem durchfall wird verduennter kot eines gesunden artgenossen seit langem mit bestem erfolg verabreicht!
die angst der deutschen vor dieser behandlung ist mir etwas unklar, als veterniaermediziner denkt man eher praktisch an die gesundheit des patienten und weniger an die psyche….

#7 |
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Medizinisch-Technischer Assistent

@1

Ahja. Da hier aber weder von “gepooltem Stuhl”, noch von einer unkontrollierten fäkal-oralen Aufnahme die Rede ist, worauf bezieht sich ihr Kommentar? Zumal sich in Kanalisationen die Zusammensetzung und Menge an Keimen völlig anders verhält als in frischem Stuhl…

@4

Perfekt. Dann sterben wir in Zukunft einfach an bakteriellen Infektionen… Willkommen im Zeitalter vor dem Penicillin!

@Topic

Sehr guter Artikel und sehr interessanter Ansatz. In der bakteriellen Zusammensetzung sicher Mitteln wie Symbioflor deutlich überlegen, und zudem noch viel billiger. Nur den Ekel-Faktor muss man überwinden.

#6 |
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Monika Höppner
Monika Höppner

erfreulicher Artikel. Der Datm kann sich wieder erinnern, wie die “richtigen” Keime aussehen und die “richtige” Symbiose wueder aufbauen

#5 |
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Dr. Dirk Friedrich Rodekirchen
Dr. Dirk Friedrich Rodekirchen

Hoch interessant ! Es wäre wünschenswert,breit angelegte
Studien aufzulegen, die in der Folge eine evidenzbasierte
Anwendung dieser Methode ermöglichen würden.

#4 |
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Einfacher ist es, die normale Symbioseflora nicht durch
Antibiotika zu zerstören

#3 |
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Student der Humanmedizin

@1 Dr. med. Andreas Hoyer

Sie vergleichen hier 2 paar Schuhe, nämlich einmal, wo punktuell einen kleine Menge von Mikroorganismen gezielt an den Ort der Bestimmung gebracht werden, welche aber wiederum vorher in gewisser Weise getestet wurden auf verschiedene pathogene Keime und einmal bei der der ganze Mensch aufgrund der katastrophalen Umweltbedingungen, geradezu mit pathogenen Keimen überflutet wurde, was nebenbei eine Vielzahl anderer Nebenwirkungen, wie z.B. Erkrankungen der Atmungs- oder Harnwegsorgane mit sich ziehen kann und desweiteren wohl kaum die Zusammensetzung des Substrates hinsichtlich der Keime, beispielsweise bei Flutkatastrophen vergleichbar ist, mit denen die in der menschlichen Darmflora herrschen …

#2 |
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Feldversuche – z.B. vor Einführung der Kanalisation, bei fast jeder größeren Naturkatastrophe – haben stets gezeigt:

“gepoolter Stuhl”, insb. fäkal-oral “transplantiert” hat mehr getötet als gerettet!

Die NTT (number needed to treat) für Nutzen ist wie hoch, also sehr hoch genau?

Für “NTT-KILL” ist wie klein genau?

…aber pecunia non olet…

jedoch hieß es nicht sogar schon im Mittelalter:

“…am Mittwoch brauen wir Bier – ab dienstag darf NICHT mehr in den Bach geschissen werden!”

#1 |
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