Medizinjournalist: OP am offenen Buchstaben

25. April 2012
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Unbezahlte Überstunden und viele Nachtdienste sorgen dafür, dass sich Medizinstudenten zunehmend Gedanken über Alternativen zum Arztberuf machen. Wir haben für Euch ein Gespräch mit einem Medizinjournalisten geführt.

Dr. med. Hartmut Wewetzer ist Ressortleiter des Wissenschaftsteils des Berliner Tagesspiegels. Er begann Mitte der 1980er Jahre sein Medizinstudium und ist seit Anfang der 1990er Jahre für den Berliner Tagesspiegel als Redakteur tätig. Er wechselte damals direkt nach dem AiP zum Journalismus. Wir wollten mehr über seine Beweggründe für den Wechsel und den Beruf des Medizinjournalisten erfahren.

DocCheck: Sie haben sich nach dem Abitur für ein Medizinstudium entschieden. Warum?
Dr. med. Hartmut Wewetzer: Das war ein Kompromiss zwischen dem, was man machen will und einem Beruf, der eine solide Grundlage hat. Medizin hat mich interessiert, da ich mehr über den Menschen und seine Krankheiten wissen wollte. Menschen helfen zu können war für mich ebenfalls wichtig. Weiterhin versprach ich mir durch das Medizinstudium eine solide ökonomische Basis.

DocCheck: Haben Sie damals auch an eine Arbeit als Journalist gedacht?
Wewetzer: Ja, direkt nach dem Abitur. Jedoch habe ich es dann aus den Augen verloren und bin erst im Medizinstudium wieder darauf gekommen. Denn damals in den 80er Jahren haben viele meiner Kommilitonen mit Nachtdiensten gutes Geld verdient. Diese Jobs waren jedoch alle vergeben und so habe ich mich bei mehreren medizinischen Fachzeitungen (z.B. der Ärztezeitung) als freier Mitarbeiter beworben. Die Resonanz war sehr positiv und nachdem mein erster Artikel gedruckt wurde, war ich für den Medizinberuf verloren. Ich hatte damals auf Anhieb das Gefühl, dass der Beruf des Medizinjournalisten das Richtige für mich sei.

DocCheck: Haben Sie zusätzlich eine journalistische Ausbildung absolviert?
Wewetzer: Nachdem ich den AiP (Arzt im Praktikum) in der Psychiatrie beendet hatte, begann ich 1991 ein Volontariat beim Tagesspiegel. Nach der Ausbildung bin ich beim Tagesspiegel geblieben und seit einigen Jahren als Ressortleiter für den Bereich Wissenschaft und Medizin tätig.

DocCheck: Gab es noch andere Gründe, kein Arzt zu werden?
Wewetzer: Der Arztberuf ist so vielfältig, dass eigentlich für jeden Geschmack etwas dabei ist, wenn man es denn grundsätzlich machen möchte. Mir persönlich ist der Kontakt zu schwerkranken Menschen immer sehr schwer gefallen. Ich kann mich gut an eine junge Frau mit Kindern und Krebs im Endstadium erinnern. Solche Dinge haben mich sehr beschäftigt und ich konnte mir nicht vorstellen, mit solchen Patienten im späteren Berufsleben ständig zu tun zu haben. Dafür war ich seelisch nicht gemacht. Andere Gebiete wie die Psychiatrie sind für mich nichtsdestotrotz in Frage gekommen. Die Entscheidung, Journalist zu werden, war auch keine Entscheidung gegen die Medizin, da ich auch in meiner jetzigen Tätigkeit in gewisser Weise der Medizin treu geblieben bin.

DocCheck: Wie sieht Ihr Alltag aus?
Wewetzer: Der Tag beginnt morgens mit der Redaktionskonferenz um 11 Uhr. Das sind sehr humane Zeiten. Wenn man nicht früh aufstehen möchte, hat man also einen guten Grund Journalist zu werden (lacht). Dann macht man sich Gedanken, welche Themen am nächsten Tag in der Zeitung erscheinen sollen. Anschließend wird die Seite produziert, dass heißt, man schreibt, redigiert, baut, telefoniert und recherchiert. Die Seite ist dann gegen 16 Uhr fertig. Danach hat man dann noch Zeit, um neue Geschichten zu recherchieren oder mit Kollegen neue Themen zu besprechen. Feste Arbeitszeiten gibt es in der Regel nicht. Wichtig ist, dass die Seite am Ende des Tages fertig ist.

DocCheck: Hilft Ihnen Ihr Medizinstudium dabei weiter?
Wewetzer: Es ist nicht nur das medizinische Wissen, auch die Kenntnis des medizinischen Betriebs und die sozialen und politischen Strukturen helfen einem weiter. Aufgrund des enorm schnellen Wissenszuwachses in der Medizin, muss man natürlich immer am Ball bleiben, aber das Studium hat schon ein gewisses Fundament gelegt.

DocCheck: Welche Karrieremöglichkeiten gibt es für künftige Medizinjournalisten?
Wewetzer: Die Chancen für Medizinjournalisten sind generell nicht schlecht. Das Medienangebot ist nicht kleiner geworden, auch wenn Printmedien aktuell ganz schön zu kämpfen haben. Wenn man eine gewisse Qualität liefert, hat man eigentlich ganz gute Aussichten. Die Fachkenntnisse, die im wissenschaftlich-medizinischen Bereich gefragt sind, können von anderen Journalisten in der Regel nicht erbracht werden. Die meisten Journalisten haben Publizistik, Deutsch oder Geschichte studiert und sind, wenn es dann in wissenschaftliche und medizinische Details geht, naturgemäß nicht qualifiziert, darüber zu schreiben, auch wenn sie es manchmal tun.

DocCheck: Wo kann man als Medizinjournalist arbeiten?
Wewetzer: Es gibt sicherlich Online-Plattformen, für die man schreiben kann. Es gibt auch die Möglichkeit beim Hörfunk oder beim Fernsehen zu arbeiten. Zudem gibt es die Fachpresse, wo ich auch angefangen habe, was auf jeden Fall ein guter Einstieg ist.

DocCheck: Freie Mitarbeit, Volontariat oder Journalistenschule?
Wewetzer: Da gibt’s keinen goldenen Weg. Man kann es in allen Bereichen versuchen. Ich bin mit dem Volontariat ganz gut gefahren, weil ich dadurch auch andere Ressorts kennengelernt habe. Es ist sicherlich auch interessant, eine Journalistenschule zu absolvieren, zumal dies eine ganz andere Art der Ausbildung ist. Und die freie Tätigkeit braucht man sowieso, um überhaupt irgendwo eine feste Stelle zu bekommen.

DocCheck: Wie sehen die Verdienstmöglichkeiten aus?
Wewetzer: Wenn man aus der Medizin kommt, ist man, glaube ich, relativ verwöhnt, auch wenn das viele Mediziner nicht wahrhaben wollen. Wenn man den Beruf des Journalisten mit dem Arztberuf vergleicht, verdient man in den Medien in der Regel doch deutlich weniger. Das liegt in der Natur der Sache. Tageszeitungen sind keine sehr wohlhabenden Unternehmen, sondern sitzen immer knapp am Defizit und mussten in den letzten Jahren viele Einschnitte verkraften. Es wurden in vielen großen Zeitungen Redakteure entlassen. Im Onlinebereich dürfte die Situation nur unwesentlich anders sein. Sicherlich günstiger ist es im Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Da gibt es gute Verdienstmöglichkeiten. Aber generell ist es so, dass man als Arzt deutlich besser verdienen kann.

DocCheck: Welche Ratschläge können Sie Medizinstudenten geben, die sich vorstellen können, als Medizinjournalist zu arbeiten?
Wewetzer: Man sollte vor allem Leidenschaft und Engagement für die Sache mitbringen und das Schreiben ein bisschen im Blut haben. Das ist meiner Meinung nach das Entscheidende. Weiterhin sollte man neugierig sein und den journalistischen Drang mitbringen, Sachen wissen und geistig durchdringen zu wollen. Und dann fängt man am besten mit “Learning by doing” an, sprich, man beginnt zu schreiben und als freier Mitarbeiter Artikel anzubieten. Zudem sollte man mit Kritik umgehen und eine Menge einstecken können. Ein bekannter Journalist hat mal gesagt: “Journalismus ist ein Haifischbecken”. Es ist nicht so wie in der Medizin, wo man doch relativ geregelte Terrains hat. Im Journalismus wird mehr gekämpft, sei es um die Auflage, Machtpositionen oder Meinungen. Daher ist ein halbherziges Rangehen an die Sache auch nicht möglich. Der Journalismus ist ein relativ harter Beruf geworden, wo man voll dabei sein muss, um der Konkurrenz eine Nase voraus zu sein.

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