ePatients: Dampf aus dem Netz

18. September 2014
Teilen

Der moderne, vernetzte Patient geht heute i.d.R. erst ins Internet und dann zum Arzt. Dies kann eine Entlastung sein, kann den Mediziner aber auch gehörig unter Druck setzen. DocCheck hat bei Ärzten und Patienten nachgehorcht, wo es am meisten brodelt.



Viele Patienten nutzen längst nicht mehr nur den Arzt, wenn sie Fragen zu ihrer Erkrankung haben, sondern recherchieren auch im Netz. Grund genug für die Meinungsforscher von DocCheck, unter diesen sogenannten ePatients einmal nachzufragen, was sie sich von der Recherche im Netz versprechen. Insgesamt nahmen 800 Patienten zwischen 20 und 80 Jahren aus unterschiedlichen Indikationsgebieten an der Studie teil.

Das Ergebnis?

Ganz oben auf der Webrechercheliste steht bei zwei Dritteln der Befragten die Krankheit an sich (Ursachen, Verlauf und Folgen), gefolgt von der Suche nach Therapieoptionen. Mehr als die Hälfte interessiert zudem, wie es anderen Betroffenen ergeht, weshalb sie deren Erfahrungsberichte lesen. Etwas wissenschaftlicher mag es ein Drittel der Patienten, das sich gezielt nach medizinischen Studien umschaut. Auch die Arztsuche läuft in vielen Fällen online: So gibt ein Viertel der Befragten an, gezielt nach Ärzten und Kliniken mit entsprechendem Fachbereich zu suchen. Besonders interessant scheint dabei für die Patienten zu sein, wie die Kritik bei Jameda und ähnlichen Arztempfehlungsportalen ausfällt.

Angebot und Nachfragen

Erster Anlaufpunkt für die Recherche ist i.d.R. Dr. Google – insgesamt geben 78 % der Patienten an, dass Suchmaschinen zu ihren Quellen gehören. Weitere 50 % nutzen spezielle Gesundheitsseiten, knapp über 40 % Online-Lexika wie Wikipedia oder das Flexikon. Foren sind als Informationsquelle immerhin für jeden Dritten von Bedeutung.

Anlass für die Eigenrecherche ist in zwei Dritteln der Fälle, dass der Patient sich dafür interessiert, wie er mit der Erkrankung besser leben kann oder generell ein besseres Verständnis für die Erkrankung zu entwickeln. 60 % der Patienten scheinen das Gefühl zu haben, dass sie nicht ausreichend vom Arzt informiert wurden. Und sie möchten darüber hinaus mehr über ihr Leiden erfahren. Überraschend vielen mangelt es offenkundig an Vertrauen in den Heilkünstler: So nutzen 32 % der Patienten das Internet, um die Ratschläge ihres Arztes zu überprüfen.

Allerdings – dies mag ein kleiner Trost für den Medizinier sein – wird dem Internet in aller Regel kein größeres Vertrauen entgegengebracht als dem behandelnden Arzt. Vielmehr ist es so, dass die Patienten hier mehrheitlich auf wechselseitige Kontrolle setzen. So wenden sich immerhin 61 % mit Fragen bezüglich online recherchierter Fakten an ihren Arzt.

Der Arzt ist not amused

Die Mediziner sind von dieser Entwicklung verständlicherweise eher wenig begeistert, schaut man sich die Ergebnisse einer Studie an, die DocCheck schon 2012 zu dem Thema durchgeführt hat. So findet fast die Hälfte der Ärzte, dass Dr. Google ihnen ihre Arbeit erschwert. Ein nicht ganz unwichtiger Grund hierfür dürfte sein, dass die Patientengespräche, aufgrund der nötigen Aufklärung der durch Web-„Wissen“ entstandenden Verwirrung, für die Ärzte gefühlt im Schnitt 8 Minuten länger dauern – pro Fall wohlgemerkt.  Eine beachtliche Zahl, hält man sich vor Augen, wie lange Patientengespräche sonst im Durchschnitt dauern. Hauptproblem ist dabei, laut Meinung der Ärzte, dass das vielfältige medizinische Informationsangebot im Internet bei den Patienten zu hohe Erwartungen erzeugt oder auch schlichtweg zu Verunsicherung führt.

aerzteunterdruck

(Mit einem Klick gelangen Sie auf die Infografik mit den vollständigen Ergebnissen)

Entsprechend wichtig wäre eine höhere Transparenz, was die Qualität der Informationen im Internet anbelangt. Das Bewusstsein, dass es zum Teil Mängel bei der Güte der Informationen gibt, ist bei den Patienten durchaus vorhanden.
So geben 79 % der ePatients an, dass sie sich einen Qualitätscheck der Informationen im Internet wünschen würden. Vor allem eine unabhängige Gesundheitsorganisation bzw. ein Institut wäre an dieser Stelle aus ihrer Sicht gefordert. Bleibt zu hoffen, dass dieser Wunsch bald Wirklichkeit wird – für die Patienten, aber auch für die Ärzte, die die Fehlinformationen im Zweifel korrigieren müssen.

Mehr erfahren?

Die vollständigen Ergebnisse der ePatient-Studie sind über DocCheck Load zu beziehen. Neben dem Informationsverhalten behandelt die Studie auch die Fragen, wie aktiv die Patienten selbst im Netz sind und wie die Gesundheitsinformationen aus ihrer Sicht aufbereitet sein sollten.

 Mehr zu dem Thema Arztbewertungsportale finden Sie hier.

22 Wertungen (4.18 ø)
Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

8 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Glückwunsch, gut gemacht, @Marion Schneider,
ich wundere mich, dass das nicht mehr Menschen so machen,
deshalb ist allerdings die Überschrift Ärzte unter Druck reichlich übertrieben,
letztlich landet man ja auch mit Recherche immer bei einem Arzt.
Und ein einzelner Doktor ist nicht google, der alles weis,
bzw. alle Spezialisten kennt, die in seltenen Fällen weiterhelfen können.
Im übrigen ist eine solche “Empfehlung” immer eine zweischneidige Sache, ich beschränke sie in der Regel auf Spezialisten außerhalb meines Faches die ich persönlich kenne. Papier ist geduldig.
Informierte Patienten sind mir persönlich lieber als uninformierte.

#8 |
  0
Gesundheits- und Krankenpflegerin

Habe mit Hilfe von Dr. Google 2009 die Diagnose einer Raumforderung in meinem Abdomen (CT) Durch Rechere der klinischen Symptome, Vergleich der Laborwerte und die Ermittlung weiterer, bis dahin noch nicht untersuchter Werte, meine Erkrankung selbst diagnostiziert. Mein Hausarzt war ratlos, mein Gastroenterologe auch. Ich hatte mir auch schon die Klinik ausgewählt in die ich dann zur Behandlung gegangen bin. Mein Arzt hatte keine Idee wo er mich hinschicken soll. 2009 gab es nur 3 Behandlungszentren für diese seltene Erkrankung in Deutschland. Da ich auch beruflich viel im Internet recherchieren musste, hat mir diese Erfahrung sicher auch geholfen. Als Op-Schwester und Lehrerin für Pflegeberufe kenne ich natürlich auch Vorgehensweisen bei Diagnostik und Therapie in der Medizin.
Die Therapie konnte die Raumforderungen nicht beseitigen, aber sie vergrößern und vermehren sich nicht und mir geht es prima. Dank internet.

#7 |
  0
Freya Matthiessen
Freya Matthiessen

Skepsis ist nicht unangebracht, wenn der Arzt empfiehlt: „Glauben Sie mir….“?

Die Vor-Arzt- Information kann besonders bei sehr seltenen Erkrankungen sowie nach z.T. jahrzehntelangen Nicht-, Fehl- + „Joker“-Diagnosen („arbeitsscheu“, „psychischer Formenkreis“…) besonders wichtig, wenn nicht unabdinglich, zu sein.

Vgl. INFO-PAGE (von „Anbieterin“ privat finanziert/not commercial, „unfortunately“ no profit)):

http://www.lems-mg.de/kristis-verzweifelter-appell-klingt-klebrig-und-verwaschen/

http://www.lems-mg.de/lebenswege/

Freya Matthiessen, Gast

#6 |
  0
Diätassistent

Hallo Herr Chirurg, ja Sie sind fein raus.
Ich hatte vor kurzem eine Kombi Leistenhernie im offenen verfahren. Habe mich vorher bewusst nicht vom Internet Doc beraten lassen, erst als alles vorbei war habe ich mich „informiert“,-)

#5 |
  0

Dass die Patienten sich im Internet informieren, ist sowas von normal! Sie sollte nur – wie bei jedem Medium – vorsichtig mit den dort verkündeten “Wahrheiten” umgehen. Diese Infos ersetzen niemals ein hoffentlich gewachsenes Vertrauens- verhältnis zum Haus- oder Facharzt.
Und für diesen gilt doch immer noch, dass er sich seines Fachwissens sicher sein sollte. Und wenn nicht, dann wird er sich mit den aufgeworfenen Fragen auseinandersetzen – wie menschlich! So bleibt der Kontakt zum Patienten sinnvoll und geschützt.
Dieses sagen im Prinzip schon die vorherigen Kommentare auch!

#4 |
  0
Chirurg
Chirurg

ich hab damit keine Probleme,
das internet kann ihn ja nicht operieren.

#3 |
  0

Es gibt Unterschiede in der Haltung der Patienten:
“ja, Herr Doktor, Sie wissen das am besten” Toll, bequem, und mein Heiligenschein wird heller.
“Also ich will ja nichts sagen, aber Ihr Vorgänger…”Grundsätzlich kritische Hinterfrager egal, welche Therapie man empfiehlt und warum.
“im Internet hab ich gelesen… und eine Tante meiner Freundin sagt auch” Solche Leute mit Halbwissen aus Chat-Foren kann man auch nur halb zufriedenstellen, auch wenn schon beide Ohren abgekaut sind.
“ich recherchiere da auch mal, und wenn es Ihnen recht ist reden wir über die Frage noch mal bei meinem nächsten Besuch” Hier fühle ich mich wirklich gefordert, meinen Wissensstand zu überprüfen und eine wissenschaftlich korrekte Antwort von Medizinisch ins Hochdeutsch zu übersetzen.
Das ist nur ein Abriß von Haltungen der Patienten – jedem von uns fallen noch zig mehr Typen ein.
Aber auch wir Heiler sind ja sehr individuell strukturiert. Mich iunteressiert: wie sehen Kollegen diese und andere Musterpatienten?

#2 |
  0
Mitarbeiter Industrie

Ein Arzt weiß auch nicht immer alles.
Und manchmal ist es auch besser wenn der Patient vorab gut informiert ist.
Es kommt eben auf die Qualität der Informationen an.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: