Arztserie: Knete aus der Crowd

17. September 2014
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Wirtschaftliche Schräglage, Heimlichkeiten, illegaler Organ- und Tablettenhandel – scheinbar perfekte Zutaten für eine Arztserie. Nein, es geht nicht um Emergency Room oder Dr. House. Eine deutsche Regisseurin versucht nun, finanzielle Mittel für ihre Idee einer Arztserie per Crowdfunding zusammenzutragen.

Wer liebt sie nicht? Arztserien, die einen spannenden und turbulenten Klinikalltag suggerieren, den Zuschauer mitreißen und mitfühlen lassen, die Phantasien und Tränendrüsen anregen, die entertainen und gleichzeitig nachdenklich machen. Während die spannenden amerikanischen Serien wie Dr. House, Grey’s Anatomy, Emergency Room, Scrubs und Co. weltweit Millionen von Zuschauern begeistern, hinken deutsche Produktionen weit hinterher. Bei einer letztjährigen Online-Umfrage unter 256 Medizinern zu TV-Arztserien bildeten deutsche Serien wie „Doctor’s Diary“, „In aller Freundschaft“ oder „der Landarzt“ die Schlusslichter. Die Zuschauer bemängelten fachliche Qualität, Spannung, Humor und Unterhaltungswert und gaben ihnen die Schulnote 6. Doch nicht alle deutschen Krankenhaus-Soaps müssen zum Gähnen sein.

Cristin König, eine Regisseurin aus Berlin, hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine ganz andere Art von Arztserie zu drehen, die statt träumerischer Rentneridylle die Schicksale der Menschen im Krankenhaus in den Vordergrund rückt. DocCheck hat mit ihr über das neue Filmprojekt gesprochen.

Money, money, money

Die Regisseurin und Schauspielerin Cristin König hat an der Schaubühne, am Berliner Ensemble und zuletzt am Maxim Gorki Theater gespielt – und außerdem Theaterstücke geschrieben und inszeniert sowie zwei Kurzfilme gedreht. Ihr neuestes Projekt ist ambitioniert. Sie hat die erste Folge einer eigenen Krankenhausserie geschrieben und selber produziert, ohne Sender, ohne Produktionsfirma und ohne Geld. Stattdessen versucht sie, die Nachbearbeitungskosten für die Fertigstellung der Serie über eine Crowdfunding-Plattform zusammenzutragen. Hier können sich interessierte Sponsoren und Privatleute über Projekte von Künstlern, Kreativen und Erfindern informieren und diese finanziell unterstützen – meist gegen kleine Gegenleistungen wie etwa DVDs, CDs oder eine namentliche Nennung im Projekt. Cristin Königs Projekt nennt sich „Klinik im Zentrum“ und hat derzeit etwa 35 Supporter, die zusammen über 3.000 Euro zusammengetragen haben. Hier lassen sich bereits erste Clips zur Serie anschauen.

DocCheck: Frau König, beschreiben Sie unseren Lesern bitte Ihr Projekt „Klinik im Zentrum“.

Cristin König: Klinik im Zentrum ist eine Art Pilotfilm zu einer Arztserie. Der Pilotfilm und auch die geplante Serie sind allerdings ganz anders konzipiert als die üblichen Arztserien, wie wir sie kennen. Es ist eher der Versuch einer neuen Serie. Ich nutze Elemente des Genres, um das Erzählen für mich neu zu entdecken. Das episodische Erzählen von Momenten zwischen Menschen, in Situationen, die uns bekannt sind oder bekannt vorkommen, weil wir sie schon tausend Mal im Fernsehen gesehen haben.

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Cristin König © Ruth Kappus (2014)

DocCheck: Wo spielt denn die Serie?

Cristin König: Die Serie spielt in Berlin, wobei Berlin eigentlich jede Stadt sein könnte, die ein Zentrum hat.

DocCheck: Um was geht es in dem Pilotfilm zu der Serie?

Cristin König: Klinik im Zentrum erzählt von einer Klinik in Berlin, die von der Schließung bedroht ist. Trägheit und schlechtes Management haben dazu geführt. Wir erleben, wie sich der Druck nun auf die Mitarbeiter auswirkt. Die große Krise lässt bei Ärzten, Angestellten und Patienten die kleinen Krisen ausbrechen. Wir beobachten Heimlichkeiten, illegalen Organhandel, Tablettenhandel, Mord und die Suche nach einer verlorengegangenen Nase. Ein Ungeborenes stellt sich die Frage, ob es in diese Welt geboren werden will… Wir kämpfen im Augenblick im Schnitt darum, welche der Geschichten im Zentrum der ersten Folge stehen könnte. Der Schönheitschirurg, der Pförtner, der Vater-Sohn Konflikt? Wir wissen es noch nicht.

DocCheck: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine „Krankenhaus-Serie“ zu drehen? Was hat Sie am Ärzte-Milieu begeistert?

Cristin König: Ich hatte selbst als Patient einen intensiveren Aufenthalt im Krankenhaus. Ich hatte einen Wirbelbruch, der heikel genug war, um mich das Fürchten zu lehren und vieles mehr. Ich habe aber ein eher philosophisches bzw. anthropologisches Interesse an dem Ort Krankenhaus. Es ist ein Ort, an dem so geballt so extreme Schicksale zusammentreffen, andererseits sind diese Geschichten nichts anderes als das normale Leben. Jeder kennt das Krankenhaus, jeder hat Angst davor. Es ist oft mitten in einer Stadt und gleichzeitig ein geschlossenes System, manche Abteilungen wie Inseln unberührt von der Außenwelt. Weil der Tod in ihnen wohnt. Das hat viel Potential. Egal wie ich es betrachte, ob man es als Hintergrund für eine Schnulze sehen will, oder so wie ich als einen Pool unendlicher Grenzgänge.

DocCheck: Haben Sie selbst einen medizinischen Background?

Cristin König: Ich habe außer meiner ausgeprägten Hypochondrie, heutzutage genährt durch Google, keinerlei medizinischen Hintergrund. Leider hatte ich kaum medizinische Beratung beim Dreh der Serie. Aber ich habe so beschlossen, alles wirklich Medizinische nur am Rande erscheinen zu lassen und mich mehr auf die Schicksale der Menschen in dem Film zu konzentrieren.

DocCheck: Welche Beweggründe hatten Sie, die Serie komplett ohne Geld zu drehen und zu versuchen, sie per Crowdfunding finanzieren zu lassen?

Cristin König: Das Projekt ist aus purer Lust am Entdecken entstanden und ob das Crowdfunding klappt, war von vorneherein nicht klar. Zur Zeit sieht es leider eher schlecht aus, da ich das alles im Wesentlichen alleine mache, neben meiner normalen Arbeit, anderen Projekten und Familienverpflichtungen. Das Projekt wollte ich bewusst außerhalb des klassischen Produktionssystems drehen, ohne Geld und ohne Vorgaben. Mit der Freiheit, die uns diese Produktionsweise eröffnete, konnten wir gezielt mit dem Genre, mit Erzähl- und Spielweisen experimentieren. An der Schnittstelle zwischen Theater und Film stellen wir so Sehgewohnheiten lustvoll in Frage. Wir brauchen nun aber 8.000 € für den Schnitt und die Ton-Bearbeitung, die wir bis zum 21.09.2014 auftreiben müssen. Szenen müssen nachsynchronisiert werden. Vorhandener Ton muss professionell nachbearbeitet werden. Musik muss komponiert und der Sound gemischt werden. Werbungs- und Materialkosten entstehen, um den Film z. B. bei Festivals einreichen zu können. Dies wollen wir über Crowdfunding erreichen.

DocCheck: Wie haben Sie Ihre Schauspieler, Kameraleute, Musiker und Filmemacher gefunden und sie vor allem dazu bewegt, ohne Gage zu arbeiten?

Cristin König: Ich habe keine Ahnung ;-). Nein, ich weiß es nicht. Ich habe schon mehrere Projekte mit ihnen gemacht. Viele haben Lust, neben ihrer normalen Arbeit etwas anderes auszuprobieren. Es war für alle Beteiligten ein großer Spaß und wir haben viel Neues dazugelernt, über Schauspielerei, die Herausforderungen beim Film-Dreh und über uns selbst.

DocCheck: Ähnelt Ihre Serie den typischen deutschen Krankenhaus-Soaps oder wollten Sie sich bewusst davon abgrenzen, um eine andere Art von Arztserie zu drehen?

Cristin König: Nein, unsere Serie hat herzlich wenig mit dem zu tun, was man sonst so sieht. Es ist wie gesagt eher philosophisch oder eine Farce oder eine Atmosphäre, ein Assoziieren über den Ort Krankenhaus. Es ist ein Prozess, es gibt kein bewusstes Abgrenzen, es gibt nur ein Entdecken. Etwas das entsteht mit den Menschen, mit denen man es macht. Ohne Geld kann man sowieso wenig bestimmen im Film, also folge ich eher dem, was passiert. Es ist eine ganz andere Art, den Film zu erleben und hat wenig mit den bekannten Schnulzen-Soaps im deutschen Fernsehen zu tun.

DocCheck: Wie viel Geld benötigen Sie aktuell noch, um ihr Funding-Ziel zu erreichen und die Serie fertig bearbeiten zu können?

Cristin König: Wir brauchen noch viel zu viel. Wir haben nur noch etwa 5 Tage und brauchen noch gut 5.000 Euro, eigentlich nicht zu schaffen, selbst wenn ich selber was drauflege…

DocCheck: Falls Sie erfolgreich sein sollten, welche weiteren Schritte sind dann geplant?

Cristin König: Schön wäre es, wenn man die Art und Weise, wie wir produziert haben, weiterentwickeln könnte. Denn die war wunderbar und darin steckt auch so viel Potential. Es wäre toll, wenn wir mit den Schauspielern, die jetzt mitgespielt haben, die Serie so weiterdrehen könnten, dass sie auch gezeigt werden kann. Wir möchten technisch das Niveau erreichen, um das umzusetzen.

DocCheck: Wird das Publikum in Zukunft auch mit einbezogen?

Cristin König: Ich fände es wunderbar, man könnte das Publikum viel mehr mit einbeziehen. Vielleicht ist der Weg auch sowieso eher der, die Serie über das Internet laufen zu lassen, das könnte ermöglichen, dass das Publikum viel direkter auf die Serie mit einwirken kann, durch Meinungen oder eigene Geschichten, die man einbauen könnte oder Wissen und Erfahrungen aus der realen Praxis. Es gäbe da viele, viele Möglichkeiten. Aber irgendwann braucht man eben einfach Geld… und da sind wir wieder beim dem Problem der Klinik im Zentrum. Das Geld geht aus ;-).

DocCheck: Warum sollte man Ihr Projekt unterstützen?

Cristin König: Jeder, der Lust hat auf Experimente, jeder, der direkter an der Produktion von sowas wie Kunst beteiligt sein will, sollte es wagen, einzusteigen. Das muss gar nicht viel sein. […] Es ist ein Weg, selbst zu bestimmen, welches Projekt einen interessiert und damit werbe ich für alle Projekte, die sich bei startnext oder anderen Crowdfunding-Plattformen vorstellen. Ich finde das eine großartige Möglichkeit, aktiv No-Budget-Projekte von Künstlern zu unterstützen. Zu sagen, dass man neue Wege sucht, in allen möglichen Bereichen des Lebens. Vorbei an Institutionen und eben auch im Bereich des Films oder Fernsehens. Oder um es genauer und persönlicher zu sagen: Man hat die Chance, mitzuwirken am Geschichten erzählen über verzweifelte und hoffnungsvolle Menschen im Krankenhaus, die von großartigen Schauspielern gespielt wurden.

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