Influenza: Die Nebel von Viralon

19. September 2014
Teilen

Für Risikopatienten wird es bald Zeit, an ihre saisonale Influenza-Impfung zu denken. Doch während Gesundheitspolitiker weiterhin auf umstrittene Neuraminidase-Hemmer setzen, haben Forscher nun Strategien zur langfristigen Immunisierung gefunden.

Ein Blick zurück: Laut Schätzungen des Robert-Koch Instituts (RKI) in Berlin führte die Grippesaison 2012/2013 zu 7,7 Millionen Arztbesuchen und 3,4 Millionen Arbeitsunfähigkeiten – ein Rekordwert seit 2004/2005. Das muss nicht sein, falls sich Risikopatienten impfen lassen. Von September bis November sollte ihr Weg in Richtung Praxis führen, da erste Grippefälle bereits im Dezember auftreten.

Flächendeckender Schutz

Der aktuelle Influenzaimpfstoff setzt sich laut WHO- und EMA-Empfehlung aus den Antigenen folgender Virusvarianten zusammen: A/California/07/2009 (H1N1) pdm 09-ähnlich, A/Texas/50/2012 (H3N2)-ähnlich sowie B/Massachusetts/2/2012-ähnlich. Für quadrivalente Vakzine kommt eine Variante von B/Brisbane/60/2008 noch hinzu. Wie das Paul-Ehrlich-Institut berichtet, stehen mittlerweile rund 13,4 Millionen Dosen zur Verfügung (Stand: 5. September). Alle bereits genehmigten Impfstoffe werden ebenfalls aufgelistet. Neben bekannteren Präparaten gibt es Vakzine speziell für Allergiker. Entsprechende Präparate werden nicht in Hühnereiern, sondern in Zellkulturen hergestellt und sind frei von Antibiotika, Aldehyden oder Stabilisatoren.

Sicherheit für Senioren

Senioren gelten neben Menschen mit Vorerkrankungen als weitere Zielgruppe für Influenza-Impfungen. Aufgrund der zunehmenden Immunoseneszenz ist bei ihnen die Antikörper-Produktion deutlich vermindert. Darauf reagieren Hersteller mit einem Serum, das Wirkverstärker enthält. Amerikanische Forscher veröffentlichten jetzt neue Forschungsergebnisse. Carlos A. Diazgranados aus Swiftwater, Pennsylvania, hat im Auftrag des Herstellers untersucht, ob Grippe-Spaltimpfstoffe mit der vierfachen Dosis bei Senioren besser wirken als konventionelle Vakzine. Er nahm 31.989 gesunde Bürger ab 65 in seine Studie auf. Die Probanden erhielten zwei Grippesaisons lang entweder konventionelle oder hoch dosierte Vakzine. Bei Laboruntersuchungen zeigte sich, dass der neue Impfstoff zu deutlich höheren Antikörper-Titern führte. Insgesamt mussten 529 Senioren wegen Influenza das Bett hüten: 228 (1,4 Prozent) in der „Hochdosis-Gruppe“ und weitere 301 (1,9 Prozent) nach Standard-Impfungen. Rein rechnerisch ließe sich durch die neuen Vakzine eine von vier Erkrankungen vermeiden, schreibt Diazgranados. Der Impfstoff ist für Amerika zugelassen, aber nicht für Europa.

Jahrelang geschützt

Trotz aller Effizienz bleibt bei Vakzinen ein Problem: Patienten müssen Jahr für Jahr in die Praxis. Hersteller setzen bei der Produktion auf Hämagglutinin mit variablen Elementen. Ein amerikanisches Forscherteam unter Leitung von Rafi Ahmed ging jetzt neue Wege. Virologen gelang es, aus der stabilen Stammregion des Hämagglutinins von Vogelgrippeviren (H5N1) Impfstoffe zu produzieren. Erste Tests am Menschen verliefen erfolgreich. Da saisonale Influenzaviren gleiche Stammregionen wie H5N1 aufweisen, sollten Patienten durch heterologe Immunisierungen gegen die alljährliche Virusgrippe geschützt werden, und zwar für lange Zeit. Um dies zu belegen, sind etliche Studien erforderlich.

Rätsel um Narkolepsien

Ein weiteres Thema aus der Impfstoffforschung: Pandemrix® sollte Bürger vor dem Virusstamm A/California/7/2009 (H1N1) schützen, bekannt als Schweinegrippe. Doch warum traten bei Kindern vereinzelt Fälle von Narkolepsie auf, davon 70 Prozent in Finnland beziehungsweise Schweden? Wissenschaftler vermuteten, dass Personen mit einer genetischen Prädisposition betroffen sind. Bei ihnen verwechselt das Immunsystem virale Bausteine mit dem Neurotransmitter Hypocretin (Orexin) – eine „molekulare Mimikry“, wie Emmanuel Mignot aus Palo Alto schreibt. Die Kehrseite der Medaille: Schwedischen Forschern gelang es nicht, Mignots Experimente zu reproduzieren – weder im heimischen Labor, noch vor Ort in Kalifornien. Daraufhin zog „Science“ eine Veröffentlichung zurück, und das Rätselraten geht weiter.

Umstrittene Pillen

Neben Impfungen setzten Gesundheitsbehörden stark auf Neuraminidase-Hemmer. Wie das hessische Gesundheitsministerium berichtet, wurden im Bundesland von 2005 bis 2007 für rund 13,7 Millionen Euro Grippemittel erworben: mehr als 900.000 Dosen Oseltamivir-Pulver und 300.000 Dosen Tamiflu®. Jahr für Jahr kommen zirka 18.000 Euro an Lagerkosten hinzu. Oppositionsvertreter kritisieren diese Strategie mit Hinweis auf Publikationen der Cochrane Collaboration. So wurde die Zeit bis zur deutlichen Besserung grippaler Symptome bei Erwachsenen um 16,7 Stunden verkürzt, Kinder litten 29 Stunden weniger. Prophylaktisch eingesetzt, verringerte sich die Zahl an Erkrankungen zwar um 55 Prozent. Patienten zahlten mit psychiatrischen Nebenwirkungen jedoch einen hohen Preis. Befürworter argumentieren, Oseltamivir senke bei rechtzeitiger Anwendung die Mortalität und die Schwere möglicher Folgeerkrankungen. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

22 Wertungen (4.32 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

4 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Christopher Lüning es geht weniger um die Todesfälle alter Menschen, die sowieso bevorzugt im kalten Winter sterben, sondern um die epidemieartigen Erkrankungen selbst. Allein die Zahl der Fälle macht eine noch genauere Untersuchung nicht möglich und wäre imho auch völlig unsinnig.
https://influenza.rki.de/Wochenberichte.aspx
oder wers noch regionale wünscht:
https://influenza.rki.de/Diagrams.aspx?agiRegion=7
Das ist im Detail mehr als genug zur “Überwachung”,
Viel wichtiger ist immer die Therapie oder Prophylaxe.
Eindrucksvoll ist für mich immer die viel höhere Erkrankungsrate von Kleinkindern
und hier scheint mir überfällig, sie auch ins jährliche Impfprogramm zu nehmen.
In Sachsen wird das schon gemacht,
wobei von 2-8 Jahren die Nasensprayversion sogar wirksamer ist als die Injektion.
(Fluenz®)
#3 hat völlig recht.

#4 |
  0
Gast
Gast

Wer heute noch Tamiflu gegen Grippe einsetzt ist sehr unseriös.

#3 |
  0
Gast
Gast

Ad Statistik:
Das Statistische Bundesamt in Deutschland ermittelte für die Zeit zwischen 1998 und 2007 jährlich zwischen 3 und 34 nachgewiesene Fälle (J10). Die Zahl nicht nachgewiesener Fälle (J11) lag zwischen 63 bis 330 jährlich.

#2 |
  0
Mitarbeiter Industrie

Ist es nicht so, dass die Zahl der Grippefälle allgemein als zu hoch angenommen wird?
Die Zahl der Toten mit Ursache “Grippe” liegt bei 350, nicht bei 20.000, wenn man die Meldungen sieht.
Die Rückrechnung von Atemwegserkrankungen auf Grippe über die Übersterblichkeit halte ich für fragwürdig.
In meinem persönlichen Umfeld und in meiner Lebenserfahrung ist mir noch kein “echter” Grippefall mit entsprechendem Nachweis bekannt – bei den hohen Zahlen, die immer wieder im Raum stehen, ist dies unplausibel und höchst unwahrscheinlich.
Erkältungen können schließlich auch von anderen Viren ausgelöst werden, von bakteriellen Infektionen mal ganz zu schweigen…

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: