LWS: Überlastungsrisiko bisher unterschätzt?

2. Oktober 2014
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Gefährdungen für die Lendenwirbelsäule beginnen bereits bei bislang als unbedeutend geltenden Arbeitstätigkeiten. Dies geht nun aus den Daten der DWS-Richtwertestudie hervor, die die individuelle kumulative Belastung bestimmt hat.

Die DWS-Richtwertestudie basiert auf den Daten der sogenannten Deutschen Wirbelsäulenstudie (DWS), der bislang größten wissenschaftlichen Untersuchung zum Zusammenhang von berufsbedingten körperlichen Belastungen als mögliche Ursache von eindeutig definierten Wirbelsäulenerkrankungen. Für insgesamt 1.200 Personen mit und ohne Erkrankungen wurden die individuellen Belastungsangaben zu Körperhaltungen und Lastgewicht sowie die jeweilige Dauer und Häufigkeit für das gesamte Berufsleben ermittelt. Daraus wurde die individuelle kumulative Belastung der Lendenwirbelsäule bestimmt und für die epidemiologischen Analysen des Dosis-Wirkung-Zusammenhangs mit den festgestellten Erkrankungen verwendet.

Bislang war man beispielsweise davon ausgegangen, dass relevante Risiken erst bei Tätigkeiten mit einer extrem vorgebeugten Haltung – einer Rumpfvorneigung von 90° – auftreten. Jetzt wurde festgestellt, dass auch weniger stark gebeugte Haltungen mit einem Vorneigen ab etwa 45° ein Gefährdungspotential aufweisen. Auch die „Relevanzschwellen“ für die Tagesdosis (die aufsummierte Belastung der Lendenwirbelsäule über einen Arbeitstag) sollten aufgrund der neuen Ergebnisse für Männer auf etwa ein Drittel reduziert werden, für Frauen sogar auf ein Siebtel – bezogen auf früher verwendete Werte. Allerdings wurde damit auch bestätigt, dass im Sinne einer „Erholung über Nacht“ aus wissenschaftlicher Sicht eine Mindestschichtbelastung vorliegen muss, um schädigungsrelevant zu sein – im Gegensatz zu derzeit geltenden juristischen Vorgaben. Das Überlastungsrisiko beginnt also in Bezug auf die Schwere des Lastgewichts, den Grad der Rumpfbeugung sowie die Auftretenshäufigkeit von Belastungen früher als gedacht. Und schließlich stellte sich heraus, dass bislang unberücksichtigte Tätigkeiten wie Ziehen und Schieben, Werfen und Fangen sowie andere große Kraftanstrengungen ebenfalls in die Risikoermittlung einfließen sollten.

Den Rücken schonen

Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, den Rücken bewusst und schonend einzusetzen, auch wenn es sich subjektiv um einen leichten Belastungsfall zu handeln scheint. Gleichwohl sind körperliche Belastungen zum Erhalt der Gesundheit und zur Steigerung der Leistungsfähigkeit natürlich auch geradezu angeraten und sinnvoll, um das Risiko für Fehlbeanspruchungen und Überlastungen zu verringern. Die Ergebnisse der nun vorliegenden Richtwertestudie deuten darauf hin, dass in Feststellungsverfahren zu bandscheibenbedingten Erkrankungen nach der Berufskrankheitenverordnung solche bislang als unkritisch angesehenen Belastungen zukünftig in die Bestimmung der lebenslangen berufsbedingen Belastungsdosis miteinbezogen werden sollten.

Originalpublikation:

Erweiterte Auswertung der Deutschen Wirbelsäulenstudie
Matthias Jäger et al.; Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie, doi: 10.1007/s40664-014-0032-6; 2014

2 Wertungen (3.5 ø)

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2 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

“Den Rücken schonen. Gleichwohl…”
Zeigt den gravierenden Widerspruch und auch unter Fachleuten gut bekannte Wirkungslosigkeit von “Rückenschulen”, die ausschließlich auf diesem “Schonungsprinzip” basieren, so populär sie auch sein mögen.
Ein kerngesunder Astronaut bekommt in der Schwerelosigkeit SOFORT eine massive Osteoporose.
“Wir schonen uns zu Tode” ist ein richtiger slogan einer bekannten Fitnes-Kette.
Die Antwort kann also nur lauten Belastung ja, aber das richtige Maß und die richtige “Kombination” von Belastung.

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Dr. med. Peter Tändler
Dr. med. Peter Tändler

Wer diese Arbeit im Original kennt, weiß, dass sie das Papier nicht wert ist, auf dem sie geschrieben wurde. Das Studiendesign ist schlicht mangelhaft und die angeblichen Erkenntnisse basieren auf Vermutungen. Schon die “Ermittlung” der Belastungen retrospektiv durch Befragung der Probanden ist gänzlich untauglich, zuverlässige Belastungsdaten zu erhalten. Kein Mensch kann sich auch nur näherungsweise an die während seines Lebens aufgetretenen Belastungen erinnern. Dazu muss man sich nur Experimente der Psychologie zum Erinnerungsvermögen des Menschen ansehen! Auch haben Untersuchungen ergeben, dass die selben Probanden gegenüber verschiedenen Interviewern massiv unterschiedliche Angaben machten. Wie soll so eine verwertbare Datenlage zusammen kommen? Auf einer solchen Basis aber beruht diese Arbeit. Traurig ist aber insbesondere, dass dann auf der Basis von solchem Unfug auch noch Empfehlungen abgegeben werden.
Dr. Peter Tändler AfO

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