Anti-Borrelien-Gel: Zecke schmiert ab

27. April 2012
Teilen

Schon der Gedanke an Borrelien treibt manchem den Angstschweiß auf die Stirn. Ein neues Gel zur Instant-Therapie des Zeckenstichs könnte „Borrelia“ einiges von ihrem Schrecken nehmen. Vielleicht.

Beim diesjährigen Internistenkongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) Mitte April war die Sache wieder einmal Thema. Unspezifische chronische Krankheitssymptome in Verbindung mit einer tatsächlich oder vermeintlich positiven Borrelien-Serologie veranlassen noch immer viele Kollegen dazu, ihre Patienten oder Patientinnen mit einem antibiotischen Marathonverlauf zu beglücken. Und so wurde denn in Wiesbaden wieder einmal vorgerechnet, dass bei einer positiven Borrelien-Antikörperquote von je nach Studie bis zu zehn und mehr Prozent in der gesunden Bevölkerung die Wahrscheinlichkeit gegen Null geht, dass bei einer positiven Serologie ohne typische Symptomatik und vielleicht sogar ohne Zeckenanamnese eine Borreliose vorliegt.

Auf die Durchseuchung kommt es an

In Sachen Borreliose wird also massiv übertherapiert, daran zweifelt eigentlich niemand. Nun sind die Borrelien aber auch blöde Keime. Die akute Infektion verläuft oft blande. Das typische Erythem kann auftreten, muss es aber nicht. Trotz des sachten Beginns können echte Borreliosen schweren Folgen an Gelenken und Nervensystem nach sich ziehen. In den USA werden deswegen in einigen Regionen Menschen, die sich von Zecken stechen lassen, routinemäßig für einige wenige Tage prophylaktisch mit Antibiotika behandelt. Dass das nicht so sehr aus medizinischen sondern vor allem aus haftungsrechtlichen Gründen geschieht, daraus machen US-Ärzte kein Geheimnis.
Neben der etwas anderen Versicherungssituation in den USA gibt es aber noch einen anderen Unterschied: Die Durchseuchungsquote von Zecken mit Borrelien ist dort wesentlich höher und die Gefahr, dass tatsächlich eine Borreliose übertragen wird, ist entsprechend größer. Wie groß die Durchseuchung der Zecken in Deutschland ist, hängt stark von der Gegend ab, in der man sich seine Zecke fängt. Bis zu 30 Prozent werden punktuell angegeben. Flächenbasierte Daten zu einzelnen Bundesländern liegen allerdings deutlich darunter, meist im einstelligen Prozentbereich. Die prophylaktische orale Antibiose scheint angesichts dessen etwas übertrieben, und auch in Anbetracht der Tatsache, dass eine Borrelien-positive Zecke schon zwölf oder mehr Stunden ungestört am Werke sein muss, um die Bakterien überhaupt zu übertragen.

Borrelien sind die Trödler unter den Keimen

Aber vielleicht kommt demnächst ohnehin Abhilfe, sodass sich diese Frage gar nicht mehr stellt. Am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) wurde in Kooperation mit der LMU München und dem Schweizer Unternehmen Ixodes AG – Ixodes heißt Zecke – ein Gel entwickelt, das das auch in oraler Form erhältliche Antibiotikum Azithromycin in einer Konzentration von zehn Prozent enthält. Es ist gedacht für die Lokaltherapie unmittelbar nach Zeckenstich. „Das Gel tötet im präklinischen Modell Borrelien bis drei Tage nach dem Zeckenstich effektiv vor Ort ab“, betont Dr. Jens Knauer, der am Fraunhofer IZI für diese Untersuchungen verantwortlich war. Das Gel verhindert also, dass die Borrelien in die Zirkulation gelangen.

Das klingt erst einmal eigenwillig, macht aber Sinn, wenn man sich die Vorgänge beim Zeckenstich etwas genauer ansieht. „Die Zecke sticht nicht wie ein Moskito direkt ins Blutgefäß, sondern setzt mit ihrem Stechrüssel eine Wunde“, so Knauer. Den dort sich sammelnden Wundsaft trinkt die Zecke über Stunden und Tage. Sie verdaut den Saft und scheidet jene Bestandteile, mit denen sie nichts anfangen kann, wieder aus. Und erst an dieser Stelle kommen die Borrelien ins Spiel, die sich nicht im Stechrüssel, sondern im Darm der Zecke befinden, und die deswegen – anders als FSME-Viren – nicht beim initialen Stich übertragen werden. Und auch wenn die Borrelien dann in der Wunde sind, breiten sie sich nicht sofort aus. „Sie ändern zunächst einmal ihre Proteinstruktur, um sich an den neuen Wirt, also den Menschen, anzupassen“, betont Knauer. Während dieses Zeitfensters bleiben sie vor Ort und sind entsprechend lokal verwundbar.

Studie will der Zecke eins auswischen

Die Ixodes AG testet das Azithromycin-Gel seit vergangenem Sommer in einer großen klinischen Studie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Welche Zentren teilnehmen, kann auf der Internetseite Zeckenstudie.com nachgeschlagen werden. Angepeilt werden etwa 1000 Patienten, die ihre jeweilige Zecke mitbringen müssen. Die genaue Zahl hängt unter anderem vom durchschnittlichen Durchseuchungsgrad der Zecken ab. Derzeit sind etwa 15 Prozent aller analysierten Zecken infiziert.

„Das Gel wird drei Tage lang zweimal täglich aufgetragen“, so Knauer. Es trocknet an und kann dann nach dem Auftragen nach etwa einer halben Stunde abgewischt werden. Die Studie ist placebokontrolliert. Die Probanden können also auch ein Gel ohne Wirkstoff bekommen. Treten im Verlauf der Nachbeobachtungszeit Symptome einer Borreliose auf, wird das registriert und die Patienten entsprechend behandelt. Die Idee ist, dass in der Verumgruppe keine oder signifikant weniger behandlungsbedürftige Borreliosen auftreten als in der Placebogruppe.

Wenn das so funktioniert, dann wäre das Gel eine interessante Option für Personen mit hohem Risiko für Zeckenstiche und natürlich auch für Menschen, die in Regionen mit hoher Durchsuchung der Zecken mit Borrelien leben. Größere Verträglichkeitsprobleme sind angesichts des lokalen Wirkprinzips nicht zu erwarten, zumal Azithromycin ja auch keine neue Substanz ist.

224 Wertungen (4.33 ø)
Medizin, Pharmazie
, ,

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

14 Kommentare:

Eberhard Krämer
Eberhard Krämer

Zecken und Zeckenstiche nehmen zu. Nicht jeder stellt es rechtzeitig fest und untersucht sich nach dem Geländespaziergang und nur ganz wenige gehen zum Arzt bei einem Erythema migrans, da es ja wieder weg geht. Patient, der zum Arzt kommt, trifft häufig auf Pharma-Schulwissen – Risiko – Antibiotika – rechtliche und medizinische Sicherheit zum Risiko des Patienten. Wieviele sicher therapierte Betroffene im Verhältnis zur Zahl der Zeckenstiche können da eigentlich übrig bleiben ? Die SAlbe wird in erster Linie die Psyche und die Umsätze streicheln.

#14 |
  0
Herr Werner Sellmer
Herr Werner Sellmer

Auf Grund der Lücken im Spektrum von Antibiotika und vieler Probleme mit ihrer lokalen Verträglichkeit wäre mir wichtig zu betonen, dass ein sofortiger lokaler Einsatz eines zeitgemäßen Antiseptikums (z.B. Octenisept) bei Zeckenentfernung mit Sicherheit den gleichen Effekt bringt. Bei jährlich mindestens 5 Zecken pro Familienmitglied bewährt sich dieses einfache, schmerzfreie und sehr kostengünstige Verfahren seit vielen Jahren!

#13 |
  0

Im Artikel steht doch die Konzentration “ein Gel entwickelt, das das auch in oraler Form erhältliche Antibiotikum Azithromycin in einer Konzentration von zehn Prozent enthält.”

#12 |
  0

noch was zum Verständnis:
Eine Zecke sollte so schnell wie möglich und korrekt entfernt werden. Nicht weil nach 4 oder 12 oder 24 Stunden Borrelien ins Blut gelangen sondern weil die Wahrscheinlichkeit, DASS es dazu kommt, mit der Zeit zunimmt. Niemand kann ausschließen, dass es bereits nach 3 Minuten passiert.
Und ein Erythema migrans soll durch das Gel keineswegs “unterdrückt” werden. Es wird in der genannten Studie als sicheres Zeichen einer akuten Infektion benutzt. Was gewiss auch nicht ganz korrekt ist, wenn man bedenkt, dass dieses Stadium 1 der Borreliose, je nach Literatur, nur in 30-60% aller Infektionen überhaupt auftritt. Tritt es allerdings in der Verum-Gruppe genauso häufig auf wie in der Placebo-Gruppe, dann kann man schlussfolgern, dass das Azithromycin-Gel nicht wirksam ist.

#11 |
  0

Es wäre interessant, ob nicht die gute alte Aureomycin- Salbe bei diesem Therapieansatz Mittel der Wahl wäre. Ist bestimmt auch billiger !!!

#10 |
  0

An den Borreliosekranken:
Als vermutlich Betroffener haben Sie sich sicher schon eingehend mit dem Thema beschäftigt. Und der Text und die Überschrift sind DocCheck-typisch etwas pointiert. Bitte seien Sie nicht gekränkt über das, was hier geschrieben wird.
Ein Therapeut muss noch andere Dinge bei seinem Handeln im Auge behalten. Antibiotika können z.T nicht unerhebliche Nebenwirkungen haben und dann mehr Schaden anrichten als nutzen, zumal wenn gar nicht sicher ist, dass eine Borrelieninfektion für eine Symptomatik überhaupt verantwortlich ist. In diesem Fall “beglückt” (Ironie!) man den Patienten mit der gut gemeinten aber wirkungslosen Antibiose. Und wenn man die Fakten ernst nimmt, dann ist es nun eben einmal so, dass eine Borreliose eher selten ist. Ein anderes Problem ist eine zunehmende Resistenzentwicklung, die in den letzten Jahrzehnten die Sorge größer werden lässt, dass die gängigen Antibiotika bald nur noch wenig wirken. Diese Überlegungen helfen natürlich dem kranken Individuum wenig und gewiss ist die Sache eine andere, wenn eine Borreliose nicht als solche erkannt und entsprechend nicht behandelt wird. Und das ist es, was Sie (sicher nicht ganz zu unrecht) anprangern. Es tut aber nicht Not, deswegen zu einen Rundumschlag gegen das Gesundheitssystem, ethisch verkommene Ärzte, unfähige Forscher, die Welt und das Universum im Allgemeinen auszuholen.
Ich selber behandle übrigens NACH einer ausführlichen Anamnese im Zweifelsfalle eine Borreliose antiobiotisch.

#9 |
  0
Sieglinde Loesti
Sieglinde Loesti

Ich kann leider nur bestätigen, dass ich in einer sogenannten Spezialtagesklinik in Augsburg einen völlig nutzlosen Antibiotikamarathon von 28 Infusionen Ceftriaxon hinter mir habe, obwohl ich gar keine Borrelieninfektion hatte.Es endete mit schlechten Leberwerten, einer pseudomembranösen Colitis und einem Krankenhausaufenthalt ( Quarantäne)von 7 Tagen.Es ist unnötig zu sagen, dass das Ganze auch noch unmäßig teuer war.

#8 |
  0
Diplom-Psychologe Michael Luger
Diplom-Psychologe Michael Luger

Was macht es eigentlich manchen Ärzten so schwer ihren Patienten an ihrem Nicht-Wissen teilhaben zu lassen? Vielen Patienten wäre mehr geholfen, wenn ihr Arzt klarmachen würde, welche Beschwerden er bei seinem derzeitigen Kenntnisstand nicht zuordnen kann, ohne dem Patienten direkt oder indirekt zu unterstellen, dass er seine Beschwerden gar nicht haben könne oder diese nichts Relevantes zu bedeuten haben. Im Grunde verlangt eine wissenschaftliche Geisteshaltung den derzeitigen Kenntnisstand nicht mit der Wahrheit zu verwechseln. Es könnte zum Wohle des Patienten sein, wenn sich dies mehr Ärzte in der praktischen Arbeit zu Herzen nehmen würden.

#7 |
  0

Man glaubt es kaum, aber meine Patienten, wandernde Rentner, haben mir berichtet, daß sie diese Salbe verordnet bekommen haben und ständig bei sich tragen. Offensichtlich mit gutem Erfolg, sie lobten die Wirksamkeit sehr. Es hat sich rasend schnell herumgesprochen, vor allem bei älteren Leuten kommt es ja auch darauf an, die Folgen einer wiederholten prophylaktischen Antibiotikagabe zu vermeiden.

#6 |
  0
Dr. Andreas Triebel
Dr. Andreas Triebel

Ich kenne nur Fälle von übertheraspiertenn Patienten. Leider gibt es Spezialärzte für Zeckenbehandlung. Auch viele Heilpraktiker leben davon.

#5 |
  0

Also, im Artikel steht ja 10%.

#4 |
  0
Apothekerin

Man müsste prüfen, ob auch andere antibiotische Wirkstoffe lokal wirksam sind… Tyrothricin, Fusidinsäure etc.

Es dauert bestimmt noch ewig, bis das Azithromycin-Gel auf den Markt kommt.

Gruß, A. B.

#3 |
  0
Barbara Schäfer
Barbara Schäfer

Wuerde ich auch gern selbst in dieser Saison ausprobieren!
Welche Konzentration wird denn empfohlen?

#2 |
  0
Sandra Hoff
Sandra Hoff

Hallo,

in welcher Konzentration war das Azithromycin im Gel? Kann das ein Dermatologe oder Arzt auch als Rezetpur aufschreiben?
Danke für Ihr Feedback.

Sandra Hoff, Apothekerin, Löwen Apotheke Baden-Baden

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: