Eine metformidable Studie

17. September 2014
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Es klingt kurios: Typ-2-Diabetiker, die allein mit Metformin behandelt werden, scheinen länger zu leben als Nicht-Diabetiker. Wissenschaftler sehen darin die Vermutung bestätigt, dass der Wirkstoff mehr leistet, als nur den Blutzuckerspiegel zu senken.

Diabetiker, die mit Metformin behandelt werden, leben statistisch gesehen länger als Gesunde. Zu diesem Ergebnis kam eine retrospektive Studie mit 180.000 Teilnehmern mit Daten des UK Clinical Practice Research Datalink aus dem Jahr 2000. Ausgangspunkt der Untersuchung waren Beobachtungsstudien, die gezeigt hatten, dass Diabetiker, die mit Metformin behandelt wurden, ein geringeres Risiko haben, kardiovaskuläre Erkrankungen zu erleiden und früher zu sterben, als Patienten, die mit Sulfonylharnstoffen therapiert werden. Klar war aber nicht, ob dieses Phänomen möglichen positiven Eigenschaften von Metformin oder möglichen negativen Eigenschaften der Sulfonylharnstoffe zuzuschreiben ist.

Sulfonylharnstoffe verlieren an Bedeutung

Metformin wird in den US-amerikanischen und europäischen Leitlinien als First-Line-Therapie zur Behandlung eines Typ-2-Diabetes empfohlen. Sulfonylharnstoffe werden nur dann als Einzelmedikament eingesetzt, wenn Metformin kontraindiziert ist. Sie können jedoch mit Metformin und anderen Antidiabetika kombiniert werden. Der Einsatz von Sulfonylharnstoffen in der Diabetestherapie hat zwar in den letzten Jahren nachgelassen, spielt aber nach wie vor eine Rolle. Diese Substanzklasse erhöht allerdings das Risiko einer Gewichtszunahme und von Unterzuckerung.

Große retrospektive Observationsstudie

In der Datenbank fanden die Wissenschaftler 78.241 Patienten, die Metformin als First-Line-Therapie eingenommen hatten. 12.222 Patienten wurden auf diese Weise mit Sulfonylharnstoffen behandelt. Die Lebensdauer dieser Patienten verglichen die Forscher mit der von Menschen, die nicht an einem Diabetes erkrankt waren. Faktoren wie Alter, Geschlecht, Raucher und Vorerkrankungen wurden dabei berücksichtigt.

„Was wir gesehen haben, war aufschlussreich“, so Studienleiter Craig Currie von der School of Medicine der Cardiff University in Großbritannien, und weiter: „Patienten, die mit Metformin behandelt wurden, hatten einen kleinen, aber statistisch signifikanten Überlebensvorteil gegenüber der Gruppe der Nicht-Diabetiker.“ Die Überlebenszeit von Nicht-Diabetikern war 15 Prozent geringer als die der Patienten, die mit Metformin behandelt worden sind. Patienten, die mit Sulfonylharnstoff behandelt wurden, hatten eine um 38 Prozent verkürzte Lebensdauer gegenüber den mit Metformin behandelten Diabetikern. „Das entspricht den Tatsachen, ohne dass wir die Statistik dafür clever manipuliert haben!“, so Currie. Ein mögliches Manko der Studie ist die Tatsache, dass diese durch das Pharmaunternehmen AstraZeneca finanziert wurde und Konzerninteressen hier – wenn nicht direkt, so doch zumindestens indirekt – mit einiger Sicherheit intendiert sind. Der Konzern hatte Anfang des Jahres die Diabetes-Sparte von Bristol-Myers Squibb übernommen und ist bemüht, sein Diabetes-Engagement auszubauen.

Metformin auch in der Krebsprävention?

Vor diesem Hintergrund sind die Hinweise der Studienautoren auch mit Vorsicht zu genießen: Demnach könne Metformin auch für Menschen sinnvoll sein, die nicht an einem Diabetes leiden. Dass der Wirkstoff vor Krebs schützen könnte, wird bereits seit einigen Jahren vermutet. Auch ein Schutz vor kardiovaskulären Erkrankungen wird Metformin nachgesagt.

Bewegung als Mittel der Wahl

„Das bedeutet allerdings nicht, dass Menschen mit einem Typ-2-Diabetes sich zurücklehnen können. Ihre Krankheit wird voranschreiten und die Behandlung typischerweise auf aggressivere Mittel umgestellt werden. Ein vernünftiges Gewicht und moderate Bewegung sind immer noch die besten Mittel, das Fortschreiten eines Typ-2-Diabetes hinauszuzögern“, so Currie. In weiteren Versuchen wollen die Wissenschaftler nun herausfinden, welche mögliche Anschlusstherapie für Patienten mit Metformin als First-Line-Therapie sinnvoll sein könnte, um deren günstige Lebenserwartung beizubehalten. Denn eine effektive Blutzuckerkontrolle ist für Diabetiker unumgänglich, um das Risiko für Folgeerkrankungen wie Schlaganfälle oder Erkrankungen der Herzkranzgefäße zu minimieren.

Widersprüchliche Studienergebnisse: Zweifelhafte Datenlage

Insgesamt ist die Datenlage zu positiven Nebeneffekten von Metformin nicht ganz so eindeutig wie in der aktuellen Studie. Es gibt zwar zahlreiche weitere Observationsstudien, in denen die Beobachtungen der Forscher bestätigt wurden, andererseits kam eine Metastudie zu einem gegenteiligen Ergebnis: Metformin habe weder krebspräventive noch lebensverlängernde Eigenschaften. Weitere Untersuchungen werden diesbezüglich Klarheit bringen müssen, bevor eine wissenschaftlich valide Aussage möglich ist.

115 Wertungen (4.21 ø)

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15 Kommentare:

Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

@Gast 9+10:
selbst wenn Ph. Leidenberger es nicht selbst ausprobiert haben sollte, so gibt es inzwischen genug und stichhaltige Literatur.
Ich habe selbst vor 1,5 Jahren auf Kohlenhydrat-arm umgestellt, alle konzentrierten KH wie Brot, Reis, Nudeln usw. aus der Nahrung gestrichen, in der Summe ca. 1.600 kcal pro Tag. Als 61-jähriger Altersklassensportler mit intern. Erfolgen in der Kraft-Ausdauersportart Rudern nehme ich jetzt noch ca. 400 kcal aus KH, die in Obst, Gemüse und Nüssen stecken zu mir, nach Nährwerttabellen etwa geschätzt 12 – 14 % der gesamten Energiezufuhr. Und es geht mir super damit.
Hohe Maximalkraft in Rennen über 350 bis 1.000m, die ca. 1,5 bis knapp 4 Minuten dauern, also die anaerobe Leistungsfähigkeit voll ausreizen, als auch über Langstrecken von 4 bis 23 km, bei denen die hohe aerobe Leistungsfähigkeit entscheidend ist.
Dazu kommt eine verbesserte geistige Leistungsfähigkeit, besonders im Bereich Konzentration über längere Zeiträume.
Ich kann jedem nur empfehlen, das Experiment zu machen, sich einmal mind. 2, besser 4 Wochen kohlenhydratarm ( und damit meist auch glutenfrei ) zu ernähren und aufmerksam zu registrieren, wie der Körper darauf reagiert.
Ich hatte es auch nur als vorübergehendes Experiment angelegt, und bin dabei geblieben.
Und zum Diabetes Typ II: einfach mal Nicolai Worm lesen. Auf den schwört sogar mein Hausarzt bzgl. Diabetes II, obwohl er sonst nicht gerade zu den Ärzten gehört, die jeder Neuigkeit nachlaufen.
Und dann sind Medikamente häufig gar nicht mehr erforderlich.

#15 |
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S. London-Schleyer, Diabetesberaterin DDG
S. London-Schleyer, Diabetesberaterin DDG

@Manfred Kloep
Lieber Herr Kloep,
was veranlasst Sie zu der Annahme, dass Metformin nierenschädigend wirkt?
Können Sie dazu Studien vorlegen oder andere wissenschaftlich stichfeste Beweise?
Wenn ja, wäre ich daran sehr interessiert!

#14 |
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Matthias Schmidt
Matthias Schmidt

Valide werden solche Daten unter anderem erst dann, wenn geprüft und gewichteterweise ausgeschlossen werden kann, daß aus der “First-Line-“Aufstellung des Materials, wie hier, nicht a-priorische Vorteile, z. B. eine eher gesundheitsbewußtere Einstellung, u. /o. bessere/frühere medizinische Versorgung, – auch durch bessere Kenntnis von, und Vigilanz gegenüber, Laborwerten -, mit der jeweiligen Sammlung einhergehen.
Wer Metformin bekommt, dessen Diabetes m. II ist eher schwächer als stärker (insulinpflichtiger) und enthält deswegen u. U. mehr Fälle aus relativ frühen Diagnosen. Wo eher frühere als spätere Diagnostik ggfls. überrepräsentiert ist, nähme es nicht Wunder, dort auch längere Lebenszeiten zu sehen.

#13 |
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Manfred Kloep
Manfred Kloep

Also dieser Artikel zeigt wieder einmal eindeutig, dass die Nieren als Stiefkind der Medizin gesehen werden. Oft wird Metformin in sehr hohen Dosierungen bei Diabetikern verordnet. Bei längerer Anwendung kann es auch bei Nierengesunden Patienten zu Nierenschäden kommen. Das man jetzt auch noch Metformin als vorbeugendes Medikament gegen Krebs ins Spiel bringt, ist unverantwortlich. Dieses Medikament gehört nicht in die Apotheke, sondern auf den Sondermüll.
Oft habe ich den Eindruck, dass viele Ärzte sich ihre Dialysepatienten selber schaffen!

#12 |
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Vielleicht ist es auch einfach nur eine Koinzidenz zwischen Metformineinnahme und der an anderer Stelle beschriebenen genetisch bedingten Langlebigkeit bei Typ 2 Diabetikern –>
Mooijaart SP, van Heemst D, Noordam R, Rozing MP, Wijsman CA, de Craen AJ, Westendorp RG, Beekman M, Slagboom PE. Polymorphisms associated with type 2 diabetes in familial longevity: The Leiden Longevity Study. Aging. 2011 Jan;3(1):55-62.

#11 |
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Gast
Gast

unter 30% Kohlenhydrate war meine Frage.
Mal selbst ausprobiert?

#10 |
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Gast
Gast

@Philipp Leidenberger, vorsichtige Frage:
haben Sie das selbst ausprobiert?
(

#9 |
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@Mario Müller
Sehr geehrter Herr Müller,
freut mich, dass sich nicht nur auf Medikamente verlassen, sondern das Problem bei der Ursache packen – ein Vorgehen, dass in einigen Bereichen der Medizin leider stark vernachlässigt wird….
Ein KH-Anteil von 30% an der Gesamtkalorienzufuhr ist immer noch einiges, auch, bei ihrem Aktivitätenlevel. Ein weitere Reduktion der KHs zugunsten von Fetten dürfte da vielleicht noch einen Effekt haben.
Von besonderem Interesse für sie dürfte auch die ketogene Diät sein.
(an alle, die jetzt Panik bekommen:
1. hiermit ist eine nutritionelle, nicht hungerbedingte ketogene Diät gemeint
2.eine diabetische Ketoazidose ist etwas völlig anderes
3. von einer nutritionellen ketogenen Ernährung werden sie nicht azidotisch
4. sie werden in keine Lebensbedrohliche Hypoglykämie fallen
5. sie werden nicht hungern. Ganz im Gegenteil: Heißhunger wird Vergangenheit! (unnötiges Kalorienzählen auch)
6. sie werden sich nicht spontan selbst entzünden ;) )
Ein milder ketogener Stoffwechsel ist in jeder Hinsicht mit all seinen positiven, zellbiologischen und endokrinologischen Auswirkungen der gesündere und der natürlichere Stoffwechsel (die Anwesenheit von Ketonkörpern an sich scheint schon Benefits zu haben, die Elimination eines Großteils der Glukose aus der Energiegewinnung scheint aber den Haupteffekt auszumachen). Abgesehen von den guten Auswirkungen auf den Metabolismus (und damit auf viele Erkrankungen (sämtliche Aspekte des metabolischen Syndroms bis hin zu neurologischen Erkrankungen und viele mehr), die Datenlage wächst inzwischen glücklicherweise, auch hinsichtlich Krebserkrankungen, sodass man hoffentlich bald auch den letzten Verfechter der einer High-Carb-Ernährung und der Lipidhypothese, die uns gesundheitlich in vielerlei Hinsicht in den Ruin getriebenen haben, überzeugen kann), hat er noch viele andere, auch spürbar positive Effekte (und mit spürbar meine ich spürbar: z.B. langes Fasten ohne Hunger möglich, hohe Konzentration und mentale Schärfe über den ganzen Tag, auch ohne Nahrungsaufnahme, Stimmungsaufhellung, u.v.m…). Könnte ihnen Helfen, ihre Stoffwechsellage weiter zu verbessern, sodass sie ihr Medikamente früher oder später vielleicht doch noch reduzieren könnten.
Eine gut verständliche Anleitung zur Umsetzung ist das Buch “Keto Clarity” von Jimmy Moore.
Einen Versuch ist es mehr als Wert!
Alles gute noch!

#8 |
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Heilpraktiker Steffen Jurisch
Heilpraktiker Steffen Jurisch

Hallo Frau Schmitzer,
noch so ein kritischer Artikel über Pharma gestützte Studien und sie dürfen wahrscheinlich in Zukunft nur noch Liebesbriefe an Ihren Liebsten schreiben. ;-)
Das Ergebnis, wenn es denn stimmen würde, wäre natürlich super…. für die AstraZeneca, denn damit verlängert sich der Absatz von Medikamenten signifikant :-(

#7 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Ich bin selbst Diabetiker der Metformin, Januvia und Lantus nimmt. Wesentlich für die Senkung meines Hbac1 wertes von 11% auf 5,5 % war eine radikale Lebensumstellung. Gewichtsreduktion, Ernährungsumstellung und Sport. So hat sich meine maximale Gehstrecke von 200m im Dez, 2012 auf 20KM erweitert. Meine maximale Last bei der Beinpresse von 98KG auf 400KG erhöht. Trotz allem bin ich noch auf diese Medikamente angewiesen. Ich meide Zucker und nehme meine Kohlehydrate hauptsächlich durch Gemüse und Hülsenfrüchte zu mir. Die maximale Einnahme von Kohlenhydrate meiner Nahrung liegt bei 30% von 2200Kcal täglich. Ohne Einnahme der Medikamente liegt mein zwischen 280 und 250mg/dl trotz täglich einer bis 1 1/2 stunden fordernden Sports.

#6 |
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Kerstin Betz
Kerstin Betz

@Herrn Noschinski:
ich (derzeit kurz vor der Prüfung zur HP + sehr stark orthomolekular orientiert) nahm für ca. 6 Jahre Metformin, im off-Label use bei PCO + sehr starker Insulinresistenz. Wurde von einer Uniklinik für Endokrinologie alle 3 Monate betreut. Meine Lebensqualität: mindestens 2 x pro Woche sehr starker Durchfall mit Blutdruckabfall, kalter Schweiss (nahe einem hypovolämischen Schock. Habe nach Alternativen gesucht.
Dank Herrn Gröber (Orthomolekulare Anwendung) speziell Magnesium (1. Schritt der Hexokinase + Benfotiamin (Überleitung in den Transketolase-Kreislauf+ Frau Dr. Scheuernstuhl (bioidentische Hormontherapie) – Insulinresistenz langsam auf Normallevel und damit auch die Chance abzunehmen. Leider alternativ umsehen. Die Lebensqualität ist es wert.
Stimme Herrn Noschinksi sehr zu. Grüße

#5 |
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Petra Müller-Sturm
Petra Müller-Sturm

@ Herrn Noschinski:
Ich kenne aus dem familiären Umfeld 2 “MetforminikerIn”.
Sie – Jahrgang 1936 -sitzt seit 3 Jahren dement und harn/stuhlinkontinent auf dem Sofa (nach einer Sprunggelenksfraktur und ca. 10 Operationen, weil die Op-Narbe ulzerierte und mehrfach Hauttransplantate abgestoßen wurden) – zum Glück hat sie keinerlei Schmerzen (wohl Polyneuropathien).
Er – Jahrgang 1934 – spritzt zusätzlich Insulin und leidet sehr unter seinen Gonarthrosen, wobei eine Seite schon mit einer TEP versorgt wurde. Mithilfe diverser Schmerzmittel (NSAR und Tilidin) schleppt er sich durch den Tag und versorgt seine auf dem Sofa sitzende Frau!
Aus diesem Grund kann ich HP Noschinski nur beipflichten, daß die Lebensqualität auch nicht unwesentlich ist!
Herzliche Grüße
HP Petra Müller-Sturm

#4 |
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Überleben ist das Eine, aber das “wie” ist doch auch ganz interessant, wie ich finde. Metformin schädigt Mitochondrien (siehe hierzu z.B. Uwe Gröbers Buch über die Wechselwirkungen von Pharmaka und Mikronährstoffen) und erhöht den B12-Bedarf.
In meiner Praxis sehe ich bei den Metformin-Patienten häufiger Polyneuropathien.
Wie ist denn die Erfahrungen der anderen hier?
Fragende und herzliche Grüße

Dirk-Rüdiger Noschinski

#3 |
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Dr. med. Inge Eisenmann-Stock
Dr. med. Inge Eisenmann-Stock

… ich nehm Metformin seit mehr als 25 Jahren
werde in einem Monat 90 – habe aber auch ein Sarkom

das beweisst nichts, aber es ist interessant zu lesen

#2 |
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Gast
Gast

gute Überschrift :-)
und vernünftiger Schlussabsatz

#1 |
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