Essstörungen: Germany’s next Kotzmodel

30. April 2012
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Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) warnt besonders Teenager vor dem TV-Konsum von Castingshows a la „Germany´s Next Topmodel“. Wie eine neue Studie zeigt, beeinflussen diese vor allem das subjektive Körperbild weiblicher Teenager, die derartige Shows regelmäßig verfolgen.

Häufig betrachten sich viele Mädchen und junge Frauen als Reaktion auf derartige Shows als zu dick. Damit können Castingshows die Tendenz zu Esstörungen wie Magersucht oder Bulimie verstärken, warnt die DGPM. Die Fachgesellschaft weist darauf hin, dass beispielsweise Magersucht ohne fachgerechte Therapie rasch chronifiziert und sowohl die seelische als auch die körperliche Gesundheit schwer in Mitleidenschaft ziehen kann.

„Hilfe ich bin zu dick“

Castingshows sind gerade bei Kindern und Jugendlichen extrem populär, wie ein Marktanteil von bis zu mehr als 62 Prozent bei den zwischen 12- und 17-Jährigen beweist. In der neuen Untersuchung des Internationalen Zentralinstituts für für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) des Bayerischen Rundfunks wurden 120 Jugendliche (98 Mädchen und 22 Jungen) die regelmäßig Germany’s next Topmodell (GNTM) verfolgten, offen schriftlich befragt. Bereits im Sommer 2009 wurden bei einer Repräsentativbefragung, durchgeführt von iconkids & youth 1.166 repräsentativ ausgewählte Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 19 Jahren im Face-to-face-Interviews befragt. Dabei war das Hauptmotiv GNTM zu verfolgen „Schöne Menschen zu sehen“ mit 79 Prozent Zustimmung. Die Gefühle der jugendlichen Zuschauer schwankten zwischen Neid und Bewunderung. Allgemein veranlasst GNTM die Betrachter weniger zu essen bzw. mehr Sport zu treiben. „Alle wollen Modelmaße, weil es sich bei Mädchen in unserem Alter oft um Dinge wie Aussehen und Figur dreht“, so eine 13-Jährige. „Alle Kandidatinnen haben so eine tolle Figur, das gibt mir Anreize abzunehmen“, gab eine 14-Jährige an. Ein 15-jähriges Mädchen meinte: „Dann denke ich mir oft, warum ich nicht so dünn bin.“ Und schließlich bezeichnete eine Elfjährige ihren Bauch und ihre Beine als zu dick, weil Topmodels ja schlank sein müssten.

Obwohl rund 80 Prozent der Mädchen normalgewichtig sind, sind mehr als die Hälfte mit ihrem Körper nicht zufrieden. Häufig findet sich der Wunsch „schlanker zu sein“ und der Traum von „einem flachen Bauch“ sowie von Veränderungen an Beinen und Gesicht (vgl. iconkids & youth 2009). „Wenn Mädchen sich trotz Normalgewichts als zu dick empfinden, sind sie anfälliger für eine Essstörung wie Magersucht (`Anorexia nervosa` AN) oder Esssucht (`Bulimia nervosa` BN))“, warnt Professor Dr. Stephan Herpertz von der DGPM. Studien zufolge leiden alleine in Deutschland 0,8 Prozent der weiblichen Teenager zwischen 14 und 20 Jahren an Magersucht und drei Prozent an Bulimie. Dabei versteht man unter AN eine selbstinduzierte Mangelernährung mit einem Gewichtsverlust bis hin zur Kachexie. Dabei schränken die von Magersucht Betroffenen ihre Nahrungsaufnahme erheblich ein und reduzieren ihr Gewicht aktiv, beispielsweise durch Erbrechen, exzessive Ausübung von Sport oder die Einnahme von Abführmitteln. Junge Frauen, die an BN leiden, streben durch die Einnahme häufig hochkalorischer Nahrung ebenfalls ein Körpergewicht an, das ihnen ständiges Fasten auferlegt. Gleichzeitig haben sie jedoch die persönliche Kontrolle über ihr Essverhalten verloren, was einen Teufelskreis zwischen übermäßigen Essen, Erbrechen und Fasten hervorruft.

Seit 1994 wird von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung die Binge-Eating-Störung (BES) in die vierte Revision des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM-IV) aufgenommen, in der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) kann sie unter der Kategorie „nicht näher bezeichnete Essstörungen“ verschlüsselt werden. Der genaue Verlauf der BES ist noch wenig erforscht, im Rahmen von ambulanten Psychotherapien schwanken die Remissionsraten zwischen 50-80 Prozent.

Bis zu 12 Prozent sterben an Essstörungen

Sowohl AN als auch BN können schwerwiegende seelische wie auch körperliche Schäden nach sich ziehen. So wirkt sich die Magersucht negativ auf die Knochendichte bei Jugendlichen aus, das Längenwachstum und die Hirnreifung werden ebenfalls negativ beeinflusst. Im schlimmsten Fall führen Essstörungen bei bis zu 12 Prozent der Betroffenen zum Tod. „Essstörungen wie Magersucht haben gravierende Folgen für die Gesellschaft“, warnt daher Prof. Herpertz von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bochum. „Sie betreffen fast ausschließlich junge Menschen und beeinträchtigen sowohl deren gesundheitliche als auch berufliche Entwicklung.“ Für die Behandlung der Patienten rät die DGPM in einer aktuellen wissenschaftlichen S3-Leitlinie schwerpunktmäßig zu einer Psychotherapie, wobei die kognitive Verhaltenstherapie, die speziell auf die jeweilige Essstörung ausgerichtet ist, über die größte Evidenz verfügt. Als flankierende Maßnahme kann zudem bei der Bulimia nervosa die Medikation von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) empfohlen werden. Eine evidenzbasierte Indikation zur Pharmakotherapie der Anorexia nervosa existiert nicht. Während die Bulimia nervosa mit leichter und mittelgradiger Ausprägung und geringer psychischer Komorbidität gut ambulant behandelt werden kann, ist bei dem Vollbild der Anorexia nervosa in der Regel eine stationäre Behandlung angezeigt. „Eine Psychotherapie soll das Essverhalten wieder normalisieren und die mit der Krankheit verbundenen seelischen Probleme lösen.

Der Heilungserfolg bei Magersucht liegt lediglich bei etwa der Hälfte der Patientinnen“, erläutert ein Sprecher der Leitlinie. In jedem Fall sollte eine Chronifizierung der Magersucht oder Bulimie unbedingt vermieden werden. Wichtigster Hinweis bei der Magersucht ist das stetig sinkende Körpergewicht: Während bei Erwachsenen das Unterschreiten eines Body-Mass-Index (BMI) von 17,5kg/m² als kritisch angesehen wird, ist bei Kindern und Jugendlichen bei Unterschreiten der zehnten BMI- Altersperzentile Gefahr in Verzug. Wenn man die drei Parameter Gewicht, Größe und Geschlecht berücksichtigt, würde das bedeuten, dass mehr als 90 Prozent der Gleichaltrigen mehr wiegen als der Betroffene. Die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers als zu dick trotz objektivem Untergewicht ist ein weiteres wichtiges Warnzeichen sowohl für Magersucht wie auch Bulimie. „Castingshows wie beispielsweise GNTM haben sicherlich ein nicht zu unterschätzendes Gefährdungspotenzial für junge Frauen und ein öffentlicher Diskurs wäre wichtig“, so Professor Herpertz abschließend. Wohin verzerrte Schönheitsideale in extremer Form führen können, zeigt jüngst das Beispiel der “Lebenden Barbie”, Valeria Lukjanowa. Die Ukrainierin investierte laut “Huffington Post” fast 600.000 Euro in ihr Äußeres. Sie wollte ihrem Vorbild, der Puppe “Barbie”, möglichst ähnlich sehen.

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Medizin

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8 Kommentare:

Rettungsassistent

Zunächst zu den Kommentatoren: Übergewicht richtet mehr Schaden an als Untergewicht? Das mag sein, das glaube ich selber auch, ist aber nicht Bestandteil des Artikels.
Zum Thema Übergewicht gibt es regelmäßig Artikel, die dann aber auch das Problem Untergewicht ausblenden.
Wer sich über so etwas aufregt, hatzu viel Zeit und Langeweile.

Zum Artikel: Es hätte mMn noch stärker herausgestellt werden soll, dass solche Shows nur als Katalysator funktionieren, aber mit Sicherheit nicht die Ursache sind. Ansonsten eine gute Übersicht.

#8 |
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regetzki soeren
regetzki soeren

die ueberschrift erachte ich als recht plakativ und nicht passend, gerade fuer dieses forum.

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Sehr geehrter Herr Schlappacher,

vielen Dank für den Link zur S3-Leitlinie, wir haben diesen gegen den fehlerhaften Link im Text ausgetauscht.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr DocCheck News Team

#6 |
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Dr. med. Rüdiger Spiecker
Dr. med. Rüdiger Spiecker

Meines Erachtens läßt sich die Pathogenese der Esstörungen nicht derart reduziert betrachten. Hier werden manifestationsfördernde Kontextfaktoren überstrapaziert, die vielfältigen Ursachen, die bis in die frühe Kindheit reichen, aber nicht genügend diskutiert. So gilt z.B. ein autokratischer Erziehungsstiel der Mutter, der nur noch Raum zur Selbstbehauptung über das eigene Essverhalten ließ, als ein möglicher ursächlicher Faktor unter den zahlreichen, bislang nicht vollständig verstandenen Faktoren.

#5 |
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Dipl.-Psych. Claudia Fischer
Dipl.-Psych. Claudia Fischer

Danke für den interessanten Überblicks-Beitrag. Frau Donth, ich bin ganz Ihrer Meinung. Der Autor schreibt, solche Castingshows können die TENDENZ zu Esstörungen VERSTÄRKEN. JA, dieser Ansicht bin ich auch. Aber der Aussage, dass sich Mädchen und junge Frauen ALS REAKTION auf derartige Shows als zu dick betrachten, würde ich nicht oder nur teilweise zustimmen. Es gab auch schon Essgestörte, bevor es solche Shows gab! Damals haben sich Betroffene ihre “Vorbilder” eben woanders gesucht. Die eigentlichen Ursachen für Essstörungen liegen viel tiefer (wie auch Frau Donth erwähnt). Solche Shows können für Gefährdete ein Risikofaktor sein. Ich schaue mir auch die Models in den Shows an und bewundere ihre Figur und Ausstrahlung, und gleichzeitig weiß ich, dass diese jungen Frauen aus tausenden Bewerberinnen die “Schönsten” sind, und dass der Durchschnittsmensch nun mal anders aussieht. Es wäre m.E. wichtig, (nicht nur) die KonsumentInnen solcher Shows dafür zu sensibilisieren. Ich finde es gut, dass in dieser Studie die Jugendlichen befragt wurden; wünschenswert wäre, wenn über die bloße “Warnung” der DGPM hinaus die Ergebnisse zur Entwicklung von Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen genutzt würden.

#4 |
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Essstörung ist nicht nur Anorexie. Und Anorexie alles andere als ein weibliches Schönheitsideal, eher das Gegenteil, also die Unterdrückung weiblicher Charakteristik. Deshalb man sollte bei der Kritik an “weiblichen” Schönheitsidealen (Kotzmodels) nicht so weit gehen, das naheliegende Gesundheitsrisiko des Übergewichtes zu ignorieren.
Es ist mindestens 20 mal so häufig. Ich hab immer den Verdacht, dass man gerade deshalb auf die “Models” so schimpft. :-)

#3 |
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Christine Donth
Christine Donth

Interessante Studie, wenn auch nicht weiter überraschend. Mir fehlt aber ein Hinweis darauf, dass gerade bei der Anorexia nervosa sehr häufig Unsicherheit und mangelndes Selbstvertrauen der eigentliche Auslöser sind und das herrschende absurde Schönheitsideal nur der berühmte Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt. Diese Probleme findet man in erster Linie bei jungen Frauen / Mädchen, woran sicherlich alte (unbewusste!) Erziehungsideale eine gewisse Mitschuld tragen.

#2 |
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– Ulrich Schuppert
– Ulrich Schuppert

Gut zusammengefasst, jedoch sollte man noch erwähnen, dass es nicht selten (regionale?) Schwierigkeiten gibt, Termine bei Psychotherapeuten zu bekommen. Der link zur Leitlinie ergab bei mir leider eine Fehlermeldung.

#1 |
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