Droht das Diclo-Aus?

8. März 2013
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Diclofenac weist ein ähnliches Nebenwirkungsprofil auf wie Rofecoxib, das im Jahr 2004 vom Markt genommen wurde. Dennoch führt Diclofenac die Verkaufsstatistiken der NSAR an. In einer Publikation fordern Wissenschaftler nun das Verbot von Diclofenac.

Vor knapp 40 Jahren kam das Antirheumatikum und Schmerzmittel Diclofenac auf den Markt. Aufgrund der langjährigen, guten therapeutischen Erfahrungen wurde die Verschreibungspflicht für das Medikament im Jahr 2004 für die 12,5-Milligramm-Dosierung aufgehoben. Seit 2007 ist Diclofenac auch in der Dosierung 25 Milligramm pro Einzeldosis rezeptfrei erhältlich. Rezeptfreie Diclofenac-Präparate (Tageshöchstdosis: 75 mg) sind für die kurzzeitige Selbstmedikation (maximal vier Tage) von leichten bis mittelschweren Schmerzen zugelassen. Nun fordern Wissenschaftler die Marktrücknahme von Diclofenac. Wie kann das sein?

Nebenwirkungen wie Rofecoxib

Seit seiner Zulassung ist Diclofenac Gegenstand zahlreicher Studien, deren Anzahl pro Jahr stetig zunimmt. So findet man bei Pubmed für das Jahr 1990 noch 145 Studien, die sich mit Diclofenac beschäftigen, im Jahr 2012 waren es fast viermal so viele, nämlich 538. In den letzten Jahren wurde Diclofenac immer wieder mit einem erhöhten Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen in Verbindung gebracht. Dass hochwirksame Schmerz- und Entzündungshemmer auch Nebenwirkungen haben, ist kein Geheimnis. Studien zeigten jedoch, dass es unter einigen nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) wie beispielsweise Rofecoxib, Diclofenac oder Etoricoxib häufiger zu kardiovaskulären Nebenwirkungen kommt als unter anderen, wie beispielsweise unter Naproxen. Die Einnahme von Diclofenac kann zu einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall führen. Damit ähnelt das Nebenwirkungsprofil dem des Stoffes Rofecoxib, besser bekannt als Vioxx, der im Jahr 2004 aufgrund seiner kardiovaskulären Nebenwirkungen vom Markt genommen wurde.

Bekannte Risiken nicht praxisrelevant

Eine im Februar 2013 in PLOS Medicine veröffentlichte Studie untersuchte, ob sich die seit langer Zeit bekannten Erkenntnisse zum Risikoprofil von Diclofenac in der medizinischen Praxis widerspiegeln. Dies scheint nicht der Fall zu sein: Die Autoren untersuchten Verkaufsdaten aus 15 Industrie-, Schwellen und Entwicklungsländern aus dem Jahr 2011. Diese spiegelten wieder, dass Diclofenac weltweit das mit Abstand meistverkaufte NSAR ist. In den 15 Ländern kommt Diclofenac auf rund 28 Prozent der Verkäufe in dieser Arzneiklasse – fast so viel wie die drei nächstplatzierten Wirkstoffe (Ibuprofen 11 %, Naproxen 9 % und Mefenaminsäure 9%) zusammen.

Deutschland taucht in der Studie zwar nicht auf, doch auch hierzulande wird Diclofenac häufig verordnet oder rezeptfrei gekauft. Woran liegt das? “Dahinter stecken aggressive Marketingstrategien der Pharmakonzerne“, vermutet Prof. Dr. Christoph Stein, Klinikleiter und Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie der Charité am Campus Benjamin Franklin in Berlin.

Nationale Listen zur Orientierung

Beim Verschreiben von NSAR sollten Ärzte die Vorerkrankungen und das Risikoprofil ihres Patienten im Auge behalten. Speziell bei Patienten mit einer kardiovaskulären Vorbelastung sollten sich Ärzte entweder gegen NSARs entscheiden oder ein NSAR verschreiben, das mit einem relativ geringen kardiovaskulären Risiko einhergeht, so die Empfehlung der WHO. Dabei können sich Mediziner – so der ursprüngliche Plan – an Listen essenzieller Arzneimittel, die von der WHO aber auch von vielen nationalen Behörden veröffentlicht werden, orientieren. Für Pharmazeuten gilt es, auch bei der rezeptfreien Abgabe von niedrig dosiertem Diclofenac über die möglichen Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären.

Auf der WHO-Liste essenzieller Medikamente finden sich unter der Rubrik NSAR Ibuprofen und ASS, nicht aber Diclofenac. Dennoch zeigte die aktuelle Studie, dass Diclofenac in den nationalen Listen von 74 von 86 Staaten auftaucht – Naproxen, die offenbar sicherere Alternative jedoch nur auf 27 der nationalen Listen. Eine Farce für die Studienautoren: “Die Empfehlungen auf den nationalen Listen essenzieller Medikamente sollten auf einem gut überprüften Nutzen-Risiko-Vergleich basieren und die sicheren Medikamente bevorzugen”, so die Wissenschaftler.

Diclofenac: Miserables Risikoprofil

In ihrer Metaanalyse untersuchten die Forscher das Risikoprofil verschiedener NSAR. Dabei schnitten insbesondere Diclofenac und Etoricoxib im Vergleich zu Ibuprofen und vor allem zu Naproxen schlecht ab. Diclofenac scheint demnach nicht weniger gastrointestinale Beschwerden zu verursachen als andere NSAR, dafür aber häufiger zu Herzinfarkten und Schlaganfällen zu führen. Die Wissenschaftler sehen darin überzeugende Gründe, einen weltweiten Rückzug der Zulassungen von Diclofenac zu fordern.

Gibt es Alternativen zu Diclofenac?

Doch Diclofenac besticht auch durch zahlreiche Vorteile, welche der Wirkstoff gegenüber seinen NSAR-Kollegen aufweist: Laut einer in vitro-Studie aus dem Jahr 1988 hat Diclofenac unter den gebräuchlichen NSAR die höchste Wirkpotenz. Klinische Studien bestätigten später, dass 25 mg Diclofenac genauso wirksam sind wie 400 mg Ibuprofen oder wie 1000 mg ASS. Da Diclofenac schnell im entzündeten Gewebe anflutet, erreicht der Wirkstoff bereits nach 30 Minuten seinen maximalen Wirkstoffspiegel. Auch da können ASS und Ibuprofen, die jeweils 1 bis 2 Stunden für diesen Prozess benötigen, nicht mithalten. Das offenbar besser verträgliche Naproxen landet beim Vergleich dieser vier NSAR mit einer Anflutzeit von 2 bis 4 Stunden auf dem letzten Platz. Auch beim Akkumulationsrisiko scheint Diclofenac die Nase vorn zu haben, da die Substanz rasch aus dem Organismus entfernt wird. So beträgt die Eliminationshalbwertszeit von Diclofenac lediglich ein bis zwei Stunden. Naproxen hat dagegen eine Halbwertszeit von zwölf bis 25 Stunden.

Diclofenac in der Praxis dennoch durch andere NSAR zu ersetzen, kann sich Prof. Stein durchaus vorstellen: “Die sogenannten ‘Nachteile’ in der Pharmakokinetik könnten durch Veränderung der Einnahmeintervalle ausgeglichen werden. Die sog. ‘Wirkpotenz’ beruht ohnehin meist auf in vitro-Studien, die keine Rückschlüsse auf Wirksamkeit in der klinischen Realität zulassen”, erklärt er. NSAR seien grundsätzlich gefährlich. “Bei sämtlichen NSAR besteht ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Nebenwirkungen”, so Prof. Stein weiter. Für den Chefarzt ist es wichtig, bei der Verordnung eines NSAR die individuellen Risikofaktoren seiner Patienten zu berücksichtigen.

BfArM: Marktrücknahme?

Was meinen die zuständigen Behörden zum Thema Marktrücknahme? Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) äußerte sich auf Nachfrage von DocCheck zur Risikoüberprüfung von Diclofenac folgendermaßen: “Die bekannten Risiken von Diclofenac haben bereits in der Vergangenheit zu Gegenanzeigen, besonderen Warnhinweisen und Vorsichtsmaßnahmen für die Anwendung von Diclofenac bei Patientinnen und Patienten mit kardialen Vorerkrankungen geführt. Aktuell wird Diclofenac unter Beteiligung des BfArM von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA neu bewertet. Inwieweit dies zu möglichen weiteren Maßnahmen für die Sicherheit der Patientinnen und Patienten führt, können wir derzeit noch nicht abschließend sagen.” Ob das verkaufsstärkste NSAR möglicherweise vom Markt genommen wird, bleibt also abzuwarten.

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23 Kommentare:

Naturwissenschaftler

Ronald Fritzsche schrieb:
“Ich habe mal spaßeshalber nach Ritalin und Ibobrofen gesucht und wie “erstaunlich” gibt es hier das selbe Ergebnis, sintflutartige Zunahmen von Publikationen, wozu auch immer.”

Warum die Publikationen so rasant steigen? Ganz simpel: Die traditionellen NSAR (Ibuprofen, Diclofenac, ASS, Naproxen etc.) waren nicht ausreichend untersucht (Retalin aus ganz anderen Gründen ebenfalls nicht, aber das würde uns in eine andere Richtung führen). Das aufkommen der Coxibe und die Diskussion um vermehrte thrombotische Ereignisse im Rahmen der Studien dieser Substanzen (und der Marktrücknahme von Vioxx und Bextra um 2004) führten dazu, dass nun auch die traditionellen NSAR genauer beleuchtet werden mussten. Und inzwischen wir das es Unterschiede gibt.
Aber wie sind diese Unterschiede zu bewerten? Am Ende schneidet der Artikel diese wichtige Thema nur wenig an, denn die Medikamente aus der großen Gruppe der NSAR kann man nur dann sinnvoll vergleichen, wenn man ALLE Risiken abwägt (gastrointestinal, renovaskulär, kardiovasulär/thromboembolisch).
Da der Artikel dies nicht tut, brauch man sich nur wenig aufregen.

#23 |
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Apotheker

Interessant wäre, zu ermitteln,wieviel mehr Schäden
es durch die Rabattverträge gibt.Wie gross ist der
Effekt durch unkontrollierte Anwendung der billigsten Variante ohne Berücksichtigung der Ver-
träglichkeit.
Gerade bei dieser Substanz ist Galenik wichtig und
Resorptionsunterschiede von entscheidender Bedeutung.
Krankenkasseninduzierter Kollateralschaden-das ist
das übersehene Untersuchungsobjekt.

#22 |
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Ronald Fritzsche
Ronald Fritzsche

Frau Schmitzer schrieb:
“Seit seiner Zulassung ist Diclofenac Gegenstand zahlreicher Studien, deren Anzahl pro Jahr stetig zunimmt. So findet man bei Pubmed für das Jahr 1990 noch 145 Studien, die sich mit Diclofenac beschäftigen, im Jahr 2012”

Ich habe mal spaßeshalber nach Ritalin und Ibobrofen gesucht und wie “erstaunlich” gibt es hier das selbe Ergebnis, sintflutartige Zunahmen von Publikationen, wozu auch immer.

#21 |
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Reza Azizi Nejad
Reza Azizi Nejad

Wir sind daran, unseren Arzneischatz um ein bewährtes Arzneimittel ärmer machen.Schon sehr früh lernen Pharmazie Studenten: Dosis facit venenum! Das ist ein sehr guter Ratgeber.Die Antinflammatorische Wirkung von Diclofenac ist unübertroffen. Bei 25 mg Diclofenac erreichen sie soviel wie 400 mg Ibuprofen. Das ist für mich als Pharmazeut immer ein Gewinn. Zumal sie ihren Herzpatienten immer erklären müssen, dass sie nie Ibuprofen vor ihrem ASS nehmen dürfen, sonst werden ASS Moleküle verdrängt und die aggregationshemmende Wirkung wird geschwächt. Ich fürchte aber, die Nachricht ist einfach zu geil um sie zu ignorieren. Die Boulevardpresse wird sich darauf stürzen. Mit Angst macht man am besten Geld. Wir Pharamzeuten sind in der Pflicht, neutral und kompetent zu beraten!

#20 |
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Dr. med. Ludwig Kirmeier
Dr. med. Ludwig Kirmeier

Das Hauptproblem ist doch die unkontrolliert lange Einnahme der Schmerzmittel. Auch wenn der Apotheker bei der Abgabe aufklärt, dass Diclo nicht länger als 1 Woche genommen werden soll, nehmen es die meisten Patienten weit länger ein.
Vor einigen Jahren wurde eine Vergleichsstudie Voltaren/Traumeel veröffentlicht. Traumeel zeigte die gleiche Schmerzlinderung und entzündungshemmende Wirkung wie Voltaren. Aber mit der bösen Homöopathie setzten sich ja viele nicht auseinander. Schade für den Patienten.

#19 |
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Eberhard Krämer
Eberhard Krämer

Bei so viel geballter Wissenschaft wüste ich gerne die wahren Gründe, warum eine seit Jahrzehnten bewährte Arzneimittelformulierung vom Markt genommen werden sollte.Pecuni regnat mundi

#18 |
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Angestellter Apotheker

@ nicolas schmidwenzl
Das eine hat ja wohl kaum was mit dem anderen zu tun.

Umsatz ¿ Gewinn!

#17 |
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Nichtmedizinische Berufe

Wie schön ist es doch für den Patienten wenn Wirksame Substanzen durch den Glauben an die Wirksamkeit von solchen Plunder wie ASS und ähnlichen Mist ersetzt werden soll.

#16 |
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Apotheker

Dr. Herbert Hala ¿Apotheker

Im Rahmen meiner Selbstständigkeit als Leiter meines pm-Verlages habe ich seinerzeit ¿ es dürfte ca. 15 Jahre zurück liegen – die galenische Zubereitung von Diclofenac ¿ Volteren® emulgel ¿ zur Zulassung in Österreich vorbereitet und eingereicht.

Im Rahmen dieser Tätigkeit als freiberuflich tätiger Apotheker hatte ich Gelegenheit, mich intensiv mit Diclofenac zu beschäftigen. Auf gefährliche Nebenwirkungen bin ich dabei nicht gestoßen. Inzwischen habe ich in meiner Eigenschaft als Apotheker immer wieder Diclofenac ¿ als Voltaren® – nicht nur in meiner eigenen Familie sondern auch breit gestreut empfohlen, mit Erfolg.

Die Ergebnisse klinischer Studien, insbesondere, wenn sie dem heute gegebenen Standart gerecht werden, muss man ernst nehmen. Mit dem Ergebnis muss man dennoch kritisch umgehen. Stellt sich doch die Frage: Haben die d e r z e i t vorliegenden Studienergebnisse das Recht, eine Substanz, die ihre pharmakospezifische Wirkung in zahlenmäßig nicht auszudrückendem Umfang positiv gezeigt hat, als Basis für ein Verbot dieser Substanz im medizinischen Alltag zu beanspruchen?!

Wie erklärt man einem Patienten, der sich über Jahre mit verschiedenen Formen von Voltaren® behandelt hat oder damit von seinem Arzt behandelt wurde, dass diese Substanz aus dem Handel gezogen werden soll?!

Es gab schon mehre Substanzen, die aus dem Handel gezogen wurden und bei denen es sich später herausstellte, dass dies wohl eine übertriebene Maßnahme war. Wirksubstanzen ohne unerwünschte Nebenwirkungen gibt es nicht. Es muss verantwortungsbewusst abgewogen werden.

Auch die psychologische Wirkung, die eine solche Maßnahme beim Patienten auslöst muss berücksichtigt werden: Angst, weil man ja selbst einmal mit diesem ¿bösen¿ Medikament behandelt wurde, aufschäumende Aversionen gegen die ¿ach so böse¿ Pharmaindustrie, die ja nur auf ihren Profit bedacht ist und nicht zuletzt der Arzt, der nicht Bescheid wusste: ¿So etwas hat mir der Herr Doktor verordnet….!¿ – usw. usw..

Mit Zurückhaltung und Vorsicht sollte mit diesem Thema umgegangen werden. Effekt und Gefahr müssen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden!!
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#15 |
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Die Dosis und die Länge der Behandlung bestimmen den Grad der Nebenwirkungen. Ein Pfund Butter, 5 Liter Wasser oder 100g Kochsalz auf einmal eingenommen sind ziemlich unverträglich. Diclofenac in sinnvoller Dosierung gegebenenfalls unter hämatologischer Kontrolle hat sehr vielen Patienten eine bessere Lebensqualität geschenkt. Alternativpräparate haben unter adäquater schmerz- und entzündungshemmender Dosis z.T. schwerere Nebenwirkungen, wenn diese denn überhaupt dem therapeutischen Spektrum des Diclofenac entsprechen.

#14 |
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nicolas schmidwenzl
nicolas schmidwenzl

@Kai Lücke
Zitat Text: “…. spiegelten wieder, dass Diclofenac weltweit das mit Abstand meistverkaufte NSAR ist.”

#13 |
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Angestellter Apotheker

@ nicolas schmidwenzl
Wie kommen Sie darauf, Diclfoenac sei sonderlich profitabel? Wenn dies hier wirklich das Kriterium wäre, müßten alle hier eigentlich pro Naproxen reden, denn da gibt es ganz klar mehr zu verdienen.

#12 |
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nicolas schmidwenzl
nicolas schmidwenzl

Diese Diclofenac Debatte zeigt mir das nach wie vor Interesse am Wohlergehen des Patienten besteht. Aus welchem anderem Grund sollte man sonst ein so profitabeles Medikament anzweifeln?

#11 |
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Apotheker

Ich bin der Meinung, dass vor allem bei Langzeitanwendung die Therapie mit NSAID generell sowie periodisch immer wieder kritisch hinterfragt werden sollte, da Schmerzen oft inadäquat behandelt und die Folgen der unerwünschten Nebenwirkungen zu wenig berücksichtigt werden. Das Beispiel Polyarthritis zeigt zwar, dass der Schmerz therapiert, die Gewebedegeneration durch NSAID aber nicht aufgehalten wird.

Allzu oft kommt man nicht über die erste Stufe des WHO-Stufenschemas zur Schmerzbehandlung aus, Co-Analgetika inklusive.
Allerdings finde ich es fragwürdig, einen bestimmten Vertreter der NSAID wie Diclofenac herauszupicken und zu verteufeln. Die Diskussion über Auswirkungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall ist nicht neu, und doch bewährt sich Diclofenac als äusserst effektive und sichere Behandlungsoption in der Alltagspraxis vor allem im ambulanten Bereich.

Grundsätzlich könnte man an jedem Schmerzmittel etwas aussetzen. Die Paracetamol-Dosis pro Tablette und die Anzahl Tabletten pro Packung im OTC-Bereich wurden beispielsweise in den USA von der FDA aus Angst vor Lebertoxizität reduziert, da Paracetamol auch häufig auch in kombinierten Erkältungsmitteln enthalten ist und bei Unachtsamkeit oder mangelnder Beratung eine Kumulation befürchtet werden muss. ASS hat als gefährlichstes NSAID zu gelten, was die Azidität und Gastrotoxizität anbelangt. Naproxen hat schon beinahe kardioprotektive Eigenschaften, ist aber nicht zur schnellen Schmerzbekämpfung geeignet. Metamizol macht zwar selten eine Agranulozytose, dafür ist sie tendenziell schwerwiegender etc, etc. Quo vadis liebe Kritiker?
Egal welches Schmerzmittel eingesetzt wird, man solte immer Nutzen und Risiko gegeneinander abwägen und Indikationen und Kontraindikationen im Auge behalten.

#10 |
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Bei jedem “Wundermittel” das vom Markt genommen wurde, nachdem es oft tausende Patienten getötet hatte, kannte jeder Arzt ein paar Patienten, die das Verschwinden bedauerten, “weil es doch so gut geholfen hat”.

Liebe Kollegen, seit 40 Jahren zählt eine Grundausbildung in Biomathematik zur Pflicht im Medizinstudium. Jedem Arzt sollte deshalb klar sein, dass Einzelerfahrungen weder im positivem noch negativem Sinne beweiskräftig sind. Offensichtlich leider nur “sollte”.

Sauber und unbestechlich evaluierte Studien müssen das EINZIGE Kriterium für die Zulassung oder Marktrücknahme eines Medikaments sein.

#9 |
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Arzt

Einst wurden die Coxibe als Allheilmittel gegen die gastrointestinalen NW der althergebrachten NSAR, insbesondere das bewährte und preiswerte Diclofenac, zugelassen und gepusht, da nur halb so tödlich (selbstverständlich alles durch Studien abgesichert…). Jahre später wurden sie dann, ebensogut wissenschaftlich abgesichert natürlich, nahezu vollständig wieder in die Tonne getreten (leider auch das nach meiner Erfahrung höchst wirksame und hilfreiche Bextra), jetzt wegen potentiell tödlicher kardiovaskulärer NW. Alle Jahre wieder wird dabei eine andere Sau durchs Dorf getrieben, wissenschaftlich arbeitende Kollegen sonnen sich auf Kongressen in ihren Studienergebnissen und fügen ihrer vita eine weiteres paper hinzu…
Leider bleibt die praktische Relevanz dabei sogut wie immer auf der Strecke. NW durch Diclofenac sind nach meiner Erfahrung bei umsichtiger Verordnung (die sollten wir alle mal gelernt haben) und richtiger Indikationsstellung praktisch (!) so unglaublich selten, dass man sich eigentlich über die aktuelle Diskussion und die präsentierten Alternativen nur aufregen kann. möchte
Wenn man bedenkt, dass ein so häufiges Ereignis wie die Geburt bereits ein 100%iges Todesfallrisiko in sich birgt… möchte man den Kollegen fast zurufen: Seht vielleicht mal hin, welchen verkopften Mist ihr gelegentlich produziert. Think!

#8 |
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Ein Medikament ohne Nebenwirkung hat meist auch keine Hauptwirkung stand bereits beim Studium im Pharmakologiebuch. Nun einen umsatzstarken Vertreter aus der Gruppe NSAR herauszupicken und ihm die bereits bekannten Risiken erneut als Neu herauszuposaunen ist Effektheischerei. Über Sinn oder Unsinn der Rezeptpflichtigkeit von Medikamenten (z.B. Ibuprofen 400 versus 600) mache ich mir keine Gedanken mehr. Die verschwendete Zeit kann man besser für andere Dingen verwenden.

#7 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Es ist freilich nicht wünschenswert, wenn ich meine plötzlich auftretende Ischalgie, mit einer Dosis 100mg Diclofenac, wenn’s hochkommt auch einer zweiten Dose, selbst behandle und nicht zum Arzt gehen muss. Ich weiß, dass ich kein Herzrisikopatient bin und für den Magen nehme ich begleitend Pantoprazol.
Also lieber gute Medikamente vom Markt nehmen und die Menschen mehr leiden lassen, damit die wider brav zum Arzt gehen und dem sein Täschlein füllen.
Mein Cafergot z. B. ein wirksames Mittel zur Behandlung von Migräne, besorge ich mir in der Türkei, das Päckchen für 2,00¿. Zehn Jahre habe ich gelitten, bis ich im Internet fündig wurde. Deutsche Ärzte konnten (wollten?) mir nicht helfen. Bei der Einführung der Triptane-Medikamente sind laut Panoramaberichten mehrere junge Menschen an Schlaganfällen und Herzinfarkten gestorben. Das kostet über 30,00¿. Und mir hat’s nicht geholfen.

#6 |
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Erstaunlich, dass die gastrointestinalen Nebenwirkungen nur am Rande erwähnt werden. Als die CoxIIHemmer in den Markt sollten, hat die Industrie freiwillig die Zahlen veröffentlicht. Damit waren die neuen Präparate nur noch halb so tödlich. Eine der Statistiken ließ eine Zahl von 4000 Toten im Jahr durch Diclofenac in der BRD erkennen. Diese Zahl war mir unglaublich, deshalb habe ich beim Verfasser der Statistik telefonisch nachgefragt: “Doch die Zahl stimmt”. In meiner orthopädischen Praxis habe ich sehr viele Beschwerden mit Pflanzenmitteln behandelt. Unter andrem auch mit Symphytum. Aber daran war eine Patientin in der Schweiz wegen der vermeintlich schwerwiegenden Lebertoxizität verstorben. Deshalb sollte Symphytum europaweit verboten werden. Ein Schelm der böses dabei denkt.

#5 |
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Immer wieder schön, wie Apotheker und ärztliche Kollegen sich entweder aus Angst um den Umsatz oder aus Ignoranz der neuen Fakten an dem vermeintlich “ach so bewährten” Diclofenac festklammern!
2011 wurde eine große Studie in Circulation publiziert, die zeigte, dass Diclofenac bei Pat. mit kardio- oder cerebrovaskulären Risikofaktoren auch bei Kurzzeitanwendung von 1 Woche ein viel höheres Risiko für eine kardiale oder cerebrovaskuläre Komplikation hatten als unter Ibuprofen oder Naproxen oder Celecoxib.
Diclofenac ist um ein Vielfaches lebertoxischer als andere NSAR, aber welcher Allgemeinmediziner/Orthopäde oder Apotheker kontrolliert schon Leberwerte wegen Schmerzmitteleinnahme, getreu dem Motto: If you don’t take a temperature, you can’t find a fever (House of God)?
Paracetamol und Diclofenac sind die häufigsten Auslöser medikamenteninduzierter Hepatitiden, aber keiner will es wahrhaben?
Mehr Offenheit für die neuen Erkenntnisse sollte man von studierten und oft auch promovierten Menschen erwarten, statt von blindem Aktionismus zu reden. Nicht umsonst dauert es in der Medizin bis zu 15 Jahre, bis neue Erkenntnisse in die Routine Einzug halten, bei der Grundhaltung!

#4 |
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Rudolf Bauer
Rudolf Bauer

… und was macht der Patient, der bereits seit Jahren Marcumar nimmt, mit ASS ?

#3 |
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Blinder und nutzloser Aktionismus. Erinnerung an Novalgin!!!
Laut Erich Kästner : ” Leben ist immer lebensgefährlich “

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Dr. Christian Peter Altschuh
Dr. Christian Peter Altschuh

ASS als “verträgliche” Alternative zu Dicolofenac zu forcieren, ist wohl ein Hohn, aber die Gastroenterolgen wird’s freuen. Es gibt eine bereits etwas ältere ASS Studie zur Wirksamkeit bei Kolonkarzinom (n engl j med
348;10, http://www.nejm.org, march 6, 2003). Sie zeigt, teilweise mit statistischer Signifikanz, teilweise fehlte zur Signifikanz nur 1 Fall, das höhere Risiko für kardiovaskuläre Nebenwirkungen, Schlaganfälle und Blutungen. Bei allen NSARs handelt es sich um hochwirksame Arzneimittel, die nicht frei von Nebenwirkungen sind.

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