EPO: Spritzen für den frühen Vogel

12. September 2014
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Neues aus der Neonatalmedizin: EPO bessert Studien zufolge nicht nur das Blutbild von Frühchen. Kleine Patienten zeigen auch neuropsychologisch bessere Parameter. Doch weitere Untersuchungen müssen folgen, bis eine generelle Empfehlung ausgesprochen werden kann.

In Deutschland kommen etwa sechs Prozent aller Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) auf die Welt. Sie leiden an vielfältigen Folgen einer Frühgeburt – vor allem durch nicht ausgereifte Organe. Häufig sind die Lunge und das Gehirn betroffen, gefolgt vom blutbildenden System und vom Darm. Je weiter die Entwicklung ist, desto größere Überlebenschancen haben Frühchen. Hier leistet die Pharmakotherapie einen wichtigen Beitrag.

Große Entwicklungsunterschiede

Ärzte setzen Erythropoetin schon lange zur Behandlung von Frühgeborenenanämien ein. Damit gelang es ihnen, die Zahl an Transfusionen drastisch zu senken. Weitere Indikationen folgten. Im Jahr 2010 untersuchte der Kinderarzt Achim-Peter Neubauer, Hannover, welche zusätzlichen Effekte das Glykoprotein-Hormon auf das Heranwachsen hat. Im Alter von zwei Jahren waren 55 (EPO) versus 30 Prozent (Standardtherapie) normal entwickelt, was auch psychologische Kriterien beinhaltete. Bei kleinen Patienten, die eine Blutung im Gehirn erlitten hatten, war der Unterschied noch deutlicher, nämlich 52 versus sechs Prozent. Auch war der Intelligenzquotient behandelter Kinder deutlich höher (90,8 versus 81,3 Punkte). Grund genug, weitere Untersuchungen anzustellen, um zu klären, welche Effekte EPO auf die Gehirnentwicklung hat.

Gut fürs Gehirn

Neue Ansätze kommen aus der Schweiz. Momentan läuft eine Studie mit 495 kleinen Patienten, die zwischen der 26. und 32. SSW zur Welt gekommen waren. Erste Ergebnisse bescheinigen EPO einen großen Mehrwert. Erhielten Frühchen hohe Dosen des Hormons, war ihre weiße Substanz im Gehirn seltener geschädigt als bei Kindern einer Kontrollgruppe (22 versus 36 Prozent). Ungewöhnliche Signalintensitäten traten bei 3 versus 11 Personen auf, und periventrikuläre Defekte der weißen Substanz gab es bei 18 versus 33 Prozent. Schäden an der grauen Substanz lagen bei 7 versus 19 Prozent vor. Welcher Zusammenhang zwischen kernspintomographischen Befunden und der neuropsychologischen Entwicklung besteht, ist noch offen. Leider gab es keinen Effekt auf die Mortalität – in beiden Gruppen starben rund fünf Prozent der Frühchen. Ob alle kleinen Patienten, die vor der 32. SSW zur Welt kommen, routinemäßig EPO erhalten sollen, wird sich erst nach Abschluss der Studie zeigen. Aktuelle Daten sprechen aber schon heute für diese Therapie.

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