WHO: Das Makel-Orakel

18. September 2014
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Egal ob Maßnahmen zur Bekämpfung von Ebola oder Eckpunkte zum Kochsalzkonsum, die Weltgesundheitsorganisation WHO mischt sich ein. Forscher haben jetzt einige Empfehlungen der Gesundheitswächter kritisch beleuchtet – und finden Schwachstellen im System.

Wieder einmal schlägt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Alarm. Experten schätzen, in den nächsten Monaten könnten mehr als 20.000 Menschen an Ebola erkranken. Das geht aus einem kürzlich veröffentlichten Notfallplan hervor. Ebola-Entdecker Peter Piot stellt der Behörde trotzdem keine guten Noten aus. Bereits im März sei gewarnt worden, dass sich seit Dezember 2013 eine Epidemie entwickele, sagte der belgische Forscher. „Ungeachtet aller Anforderungen durch MSF (Ärzte ohne Grenzen) ist die WHO nicht vor Juli aufgewacht.“ Inzwischen habe sie zwar die Führung übernommen, aber das käme spät. Piots Haltung ist kein Einzelfall. Weltweit zweifeln Experten immer häufiger an Maßnahmen oder Veröffentlichungen der Behörde.

H1N1-Grippe 2009/10: Fragwürdige Impfstrategie

Bei der Pandemie H1N1 2009/10, besser bekannt als „Schweinegrippe“, war aus wissenschaftlicher Sicht äußerst fragwürdig, ob Patienten von Impfungen tatsächlich profitieren. Deutschland folgte dem Rat trotz aller Zweifel und bunkerte 34 Millionen Impfdosen. Experten stritten sich auch über den Sinn von Oseltamivir (Tamiflu®) – hier empfahlen WHO-Vertreter allen Ländern, Notvorräte anzulegen. Anfang 2014 hat die Cochrane Collaboration endlich alle Daten zum Neuraminidase-Hemmer ausgewertet. Ihr Fazit: Erwachsene leiden 6,3 Tage, sollten sie entsprechende Präparate schlucken – ohne Pharmakotherapie sind es sieben. Demgegenüber stehen mögliche Nebenwirkungen, allen voran psychiatrische Ereignisse. Grund genug für europäische Politiker, harsche Kritik am Vorgehen der WHO zu äußern. Sie spekulierten, pharmazeutische Hersteller hätten Entscheidungen der obersten Gesundheitswächter zu ihren eigenen Gunsten beeinflusst. Keiji Fukuda, der als WHO-Berater entsprechende Strategien begleitet hat, wies die Kritik zurück.

Mögliche Interessenkonflikte verschleiert?

Dennoch musste er zugeben, „einzelne Personen“ hätten Interessenkonflikte nicht angegeben. Luc Hessel von der Vereinigung Europäischer Impfstoffhersteller (EVM; heute Vaccines Europe), dementiert: „Die EVM weist diese Vorwürfe zurück, besonders jene der unverhältnismäßigen Reaktion von Impfstoffherstellern auf die H1N1-Grippe. Die Impfstoffindustrie hat lediglich auf die Nachfrage reagiert. Ihre Aufgabe ist es, rechtzeitig sichere Impfstoffe herzustellen und die Nachfrage von Seiten der Regierung zu befriedigen.“ Ein gewisser Nachgeschmack bleibt: Bereits vor Ausrufung der Pandemie gab es Verträge zwischen einzelnen Regierungen und Pharmaunternehmen für den Aufkauf von Impfstoffen. Deborah Cohen und Philip Carter, zwei Journalisten, werden in „The BMJ“ (British Medical Journal) noch deutlicher: „Führende Wissenschaftler, welche die WHO bei Planungen zur Influenza-Pandemie beraten, hatten bezahlte Jobs bei pharmazeutischen Herstellern.“ Entsprechende Konzerne profitierten von der Beratung. Diese Interessenkonflikte seien nie öffentlich gemacht worden, vielmehr war von „Verschwörungstheorien“ die Rede.

Kochsalzempfehlung mit Beigeschmack

Nicht jede Empfehlung der WHO schürt derartige Verdachtsmomente – oft zweifeln Wissenschaftler schlichtweg an der Interpretation von Studien. Ein Beispiel: Um die Zahl an Herzinfarkten beziehungsweise Schlaganfällen zu verringern, raten WHO-Forscher zu maximal fünf Gramm Natriumchlorid. Allerdings lieferte die PURE-Studie (Prospective Urban Rural Epidemiology) Hinweise, dass sehr hohe, aber auch sehr geringe Mengen an Kochsalz zu einem größeren Risiko führen, an kardiovaskulären Ereignissen zu versterben. Besonders niedrig ist die Gefahr für Menschen mit einem Konsum von 7,5 bis 15 Gramm Kochsalz. Andere Richtlinien sind ebenfalls nicht über Zweifel erhaben. So heißt es im „World Cancer Report 2014“, Alkohol sei bereits in geringer Menge schädlich. Forscher der Boston University School of Medicine entgegnen, Studien zum protektiven Effekt geringer Ethanolmengen seien ignoriert worden. Sie erwarten bei weniger als 20 (Männer) beziehungsweise zehn Gramm (Frauen) Alkohol keine nachteiligen Effekte.

Bewertungen transparenter machen

Viele Anhaltspunkte, die eine systematische Aufarbeitung notwendig machen. Paul E. Alexander von der McMaster University im kanadischen Hamilton untersuchte 36 Leitlinien und 436 WHO-Empfehlungen, die mit dem Grade-System arbeiten. In zwei von drei Fällen handelte es sich um starke Empfehlungen – aber nur jeder zweite Rat stützte sich auf solide Daten. Schlechte Bewertungen bekamen Pläne der WHO gegen die Influenza-A-(H1N1)-Pandemie sowie Vorgaben zur gesunden Ernährung. Darüber hinaus fordern die Autoren mehr Transparenz – gerade bei Fragen zur Einflussnahme von Konzernen. WHO-Vertreter reagierten, indem sie ein „Guidelines Review Committee“ aus der Taufe hoben. Ob ihre Aktion sonderlich erfolgreich war, lässt sich bezweifeln. So spricht David Sinclair (WHO, Liverpool) zwar von systematischeren und transparenteren Prozessen. Entsprechende Vorgaben seien aber noch nicht in allen Abteilungen der Organisation angekommen.

95 Wertungen (4.46 ø)
Gesundheitspolitik, Medizin

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10 Kommentare:

Gast
Gast

@Dr. Gero Beckmann, volle Zustimmung, beides zeigte den Trend zur (Laien-)Medien-medizin. Dabei wird ganz vergessen, dass diese Schweinegrippeimpfung ein medizinischer Meilenstein war, da hier erstmals der Impfstoff bei uns vor dem Erreger verfügbar war. Ich hab mich mit meiner Frau auch impfen lassen (kostenlos). Die Ärzte in den Gesundheitsämtern waren ja auch zu feige und haben das alleine den “Hausärzten” überlassen, die geflucht haben, weil sie vorauszahlen mussten, auch wenn ihre Patienten dafür wegen dem Medienrummel weggeblieben sind. Die Hausärzte blieben oft darauf sitzen.
Ich hab so einen ganz in der Nachbarschaft angerufen und er sagte mir zunächst, dass ich leider nicht auf seine Liste stünde und ich antwortete, das weis ich, hier ist meine Tel.Nr. rufen Sie mich an wenn einer von Ihrer Liste nicht kommt.
Der Anruf kam sehr bald.
Bei “EHEC” hat sich wohl herausgestellt, (Uni Münster) dass es sich um einen “menschlichen” Keim gehandelt hat. Trotzdem hat man offensichtlich (absichtlich) versäumt, kommunalen Abwässer-Spuren überhaupt nachzugehen.
Viele Bauern nutzen auch diese für ihre Felder,
und die Kommunen sparen dabei viel Geld, etwas illegal allerdings (Wasserrecht).

#10 |
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Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

An der Reaktionsschnelligkeit der WHO kann man ähnlich verzweifeln wie an der des Vatikans. Dennoch war es m.E. richtig, jenseits aller berechtigten Kritikpunkte im Falle der Influenza-Epedimie 2009/10, die schlechtere Prognose und Annahme zu präfererieren. Auch wenn die Impfungen möglicherweise zwecklos waren und der eine oder andere daran verdient hat: eines hat diese Welle erreicht: dass man in Deutschland endlich aufgewacht ist und wenigstens einen nationalen Pandemieplan erstellt und fortgeschrieben hat. Zuvor dümpelte man noch munter im provinziellen Föderalismus herum. Dass auch die “Großübung” Schweinegrippe noch nicht zu zwingend mehr Professionalität geführt hat, zeigte dann das EHEC-Geschehen. Auch danach dauerte es geschlagene 2 Jahre, bis Meldewege verkürzt wurden etc.

#9 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@R. Böllecke “Verschwörungstheorie” ist ebenso ein untaugliches Totschlagargument, wie immer noch NAZI-Vergleiche, schämen Sie sich.

#8 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

Es gibt genügend Möglichkeiten ,Ebola als Krankheit schnell in den Griff zu kriegen : man muß nur mal die MainstreamWege re u. li verlassen ,das anwenden , was erforscht wurde in der neuesten Immunolgie u. über physikalische Therapien nachdenken .
Natürlich muß etwas mehr ” Kleingeld ” in die Hand genommen.

Ich möchte auch nicht unbedingt ein Politiker sein , der in der Regel nicht nur von Medizin keine Ahnung hat , aber für den Schutz der Bevölkerung sorgen muß , gleichzeitig sich aber dabei auf ” Gutachter ” verlassen soll .

#7 |
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Apothekerin

Danke Dr. Jens Reinhardt. Ich kann Verschwörungstheorien und unreflektierter Polemik auch nicht viel abgewinnen und denke man hätte mit dirsem Artikel besser ein einzelnes Thema beleuchtet und der WHO ein paar durchdachte Kritikpunkte vorzuwerfen. Hier ist die Argumentation zu schwach.

#6 |
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Chirurg
Chirurg

Wenn etwas so umstritten ist wie z.B. diese übertriebene “Salzrestriktion”, eine recht laienhafte Grundeinstellung aus Sicht eines Arztes, da nur auf Na beschränkt, ohne auf H2O, Kalium oder Nierenfunktion zu achten, dann muss eine solche Organisation selbstverständlich wissenschaftlich neutral bleiben.
Auch in der Frage der “männlichen Beschneidung” liegt die WHO “medizinisch” völlig daneben.
Der “Pharmaindustrie” kann man nicht wirklich vorwerfen, dass sie Geld verdienen will, der WHO allerdings um so mehr, womit ich allerdings nur an “Tamiflu” denke, schon ein echter Skandal, da es hier um Milliarden ging. Das darf nicht passieren.
Ich bin kein Impfgegner, eher im Gegenteil, gerade weil das Problem von Infektionskrankheit und “Zivilisation” so aktuell ist wie sonst kaum etwas, auch strategisch für Beamte im Gesundheitswesen.
Globale “Impferfolge” sind ja eher bescheiden, Masern könnte z.B. schon ausgestorben sein.

Der Beitrag ist trotzdem sehr wichtig, weil er ein Symptom ist für die zunehmende Entfernung von “Regierung” und “Verwaltung” vom Bürger in Richtung einer Orwell-schen Manipulation, das betrifft nicht nur die UNO.
Die schlimmste Rolle sehe ich bei den Medien, die Menschen manipulieren. Objektiver Journalismus ist das nicht mehr,
da muss man schon ins Internet ausweichen.
Siehe #1

#5 |
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Heilpraktiker

Wenn man bedenkt, dass die WHO ein reiner Verwaltungsapparat ist, der Forschungsergebnisse verwurstet und wenn man dann weiter bedenkt, dass die Forschung von der Pharmaindustrie durchgeführt, bzw. lanciert, bzw. bezahlt wird, betr. auch Hochschulforschung, dann weiß man doch was die Ergebnisse und die Empfehlungen wert sind.
Danke für den Artikel.
In dem Loch können sie nicht tief genug bohren

#4 |
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Dr Mathias Bieberbach
Dr Mathias Bieberbach

Sehr guter Artikel, sehr richtige Folgerungen. Man haette auch die unsaegluche Streckung von Grippeimpfstoff mit dem letzlich voellig unzureichend geprueften Wirkungsvertaerker erwaehnen koennen. Unglaublich!

#3 |
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Beamter im Gesundheitswesen

Man sollte doch versuchen, verschiedene Aspekte nicht zu sehr durcheinander zu bringen. Gerade im Zusammenhang mit der Influenza-Pandemie geht im Artikel einiges durcheinander: Die Verträge einzelner Staaten mit Impfstoffherstellern (wollen Sie erst anfangen, mit den Herstellern zu verhandeln, wenn eine Pandemie tatsächlich bestätigt ist?) ist ja nun keine WHO Entscheidung gewesen.
Der Cochrane Report zu Tamiflu kam nach der Pandemie, und dem ging ein juristischer Streit um Datenherausgabe voraus. Daher konnte die WHO vorher keine negative Haltung zu Tamiflu haben, sondern hätte höchstens auf nicht vollständig gesicherte Wirksamkeit verweisen können – das Problem besteht bei den meisten Arzneimitteln, bevor sie rigouros im Markt getestet wurden.
Und die Frage, ob einzelne Richtlinien von einzelnen Studien vollständig entkräftet werden (siehe die schwelende Diskussion um den positiven Effekt von Rotwein aufs Herzkranzgefäßsystem) bleibt im Detail abzuwarten und dann kann die Richtlinie auch antsprechend angepasst werden.
Hat die WHO Ebola verschlafen, oder werden im Nachhinein nur vorher bestehende Zeichen umgedeutet? – Es ist immer leichter eine Frontalkritik zu formulieren. Ob man einen alternativen konstruktiven Weg findet (etwa Experten finden, die Sachkenntnis in der Arzneimittelentwicklung außerhalb
der entwickelnden Industrie gewonnen haben), ist nicht so einfach.

Freundliche Grüße

#2 |
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Gast
Gast

Vielen Dank, Michael van den Heuvel, das war überfällig,
auch wenn man bei einzelnen Punkten noch diskutieren kann.
In anderen Bereichen ist die Realitätsferne der UNO noch wesentlich drastischer,
das gilt besonders für den allen Fachleuten bekannten groben Schwindel der “menschengemachten Erderwärmung”. Auch für den Frieden könnte man sich ruhig etwas aktiver einsetzten. Es sitzen einfach zu viele US-Amerikaner in diesen Gremien.

#1 |
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