Kryokonservierung: Reif für die Ei(s)zeit

8. September 2014
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Der passende Zeitpunkt für die Familienplanung ist nicht einfach zu finden. Nach Ausbildung oder Studium kommt die Karriere. Erst dann kann es losgehen. „Social Freezing“ soll Abhilfe schaffen: Eizellen entnehmen, einfrieren und bei Bedarf auftauen und einpflanzen.

Die Möglichkeit, Eizellen einzufrieren, existiert schon seit längerer Zeit. Das Verfahren war aber noch nicht ausgereift. Die Kristallbildung in den Eizellen führte bis dato zu Schäden in der Zellmembran. Das Verfahren der Kryokonservierung ist jetzt weiterentwickelt und führt eine Schockfrostung durch. Ursprünglich war die Methode dafür bestimmt, vor einer Chemotherapie oder Operationen Eizellen zu sichern, um diese später zu verwenden.

Kryokonservierung: Das Verfahren

Die Frauen werden über einen Zeitraum von etwa zehn Tagen mit Hormonen stimuliert. Die Bildung von Eibläschen wird stimuliert, die über die Scheide abgesaugt werden. Die Eizellen werden dann unter Narkose entnommen und diese „Fertilitätsreserve“ bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff tiefgefroren und eingelagert. Bei Bedarf können die Eizellen aufgetaut und mit den Spermien des Partners befruchtet werden. Anschließend werden sie als Embryonen mit Hilfe der ICSI-Methode (intrazytoplasmatische Spermieninjektion) in die Gebärmutter eingesetzt.

Mit spätestens 35 in die Truhe

Wenn Frauen beim Einfrieren der Eizellen 35 Jahre oder jünger sind, beträgt die geschätzte Geburtenrate pro Stimulation etwa 40 Prozent. Bei 35 bis 39-Jährigen sind es 30 Prozent und wenn sie es mit 40 bis 44 Jahren durchführen lassen, ungefähr zehn Prozent. Etwa 80 bis 90 Prozent der eingefrorenen Eizellen überleben. Die Kosten für eine Behandlung mit Hormontherapie, Entnahme der Eizellen und künstliche Befruchtung liegen bei 3.000 bis 5.000 Euro. Dazu kommen Lagerungskosten von etwa 300 Euro pro Jahr.

Risiken unerforscht

Epigenetische Störungen sind nicht ausgeschlossen. Diese minimalen Veränderungen in der Erbinformation können zu Schädigungen im Gefäßsystem der Kinder führen. Ob ein Risiko besteht, ist bis jetzt unklar. Andererseits ist die Häufigkeit für Chromosomenfehlverteilungen wie Trisomie 21 geringer, da die Eizellen jünger sind. Beide Aspekte müssen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.

Gesetzeslage noch zeitgemäß?

Die deutschen Reproduktionsmediziner kämpfen seit vielen Jahren darum, dass ein sinnvolles Reproduktions- oder Fortpflanzungsgesetz in Kraft tritt. Denn es gibt immer noch das deutlich veraltete Embryonen-Schutzgesetz aus dem Jahr 1991. In Israel beispielsweise wird „Social Freezing“ als präventive Medizin eingestuft und ist rechtlich eindeutig geregelt. So gibt es für das Wiedereinsetzen eine Obergrenze von 55 Jahren.

Der deutsche Ethikrat hat sich als Gremium zu „Social Freezing“  noch nicht geäußert.
 Prof. Dr. Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, äußerte sich gegenüber dem WDR kritisch: „Für manche Frauen in speziellen Situationen mag Social Freezing eine gute Möglichkeit eröffnen, zu einem späteren Zeitpunkt noch Kinder bekommen zu können. Ich sehe aber auch das große Problem, dass das ohnehin problematische Phasendenken – erst Karriere, dann Kinder, dann wieder Beruf – sich verfestigt und sich Frauen mit Erwartungshaltungen konfrontiert sehen, ihren Kinderwunsch um der Karriere oder anderer Dinge Willen zu verschieben. Wir sollten das Miteinander von Familie und Beruf auf vielfältige Weise fördern, aber nicht soziale Aufgaben durch medizinische Eingriffe umgehen.”

„Omamütter“ nicht erwünscht

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) betrachtet besonders die Altersgrenze für das Einsetzen der Eizellen mit Skepsis: „Wenn die Eizellen jenseits des 45. bis 50. Lebensjahres befruchtet und wieder in die Gebärmutter eingesetzt werden, sinkt die Chance, dass die Schwangerschaft ohne Komplikationen mit der Geburt eines gesunden Kindes endet. Das Risiko für Frühgeburten, niedriges Geburtsgewicht, Schwangerschaftsdiabetes und Bluthochdruck der Mutter steigt – auch ohne künstliche Befruchtung – mit zunehmendem Alter.“ Experten schätzen, dass Frauen durch die Fortschritte in Kryokonservierung und Reproduktionsmedizin etwa zehn bis 15 Jahre geschenkt bekommen.

Verbände und Kommissionen unterschiedlich kritisch

Bisher ist das „Social Freezing“ unter Medizinern nicht unumstritten. Die Europäische Gesellschaft für menschliche Reproduktion und Embryologie (ESHRE) empfahl bereits 2012, diese Technik anzubieten. Allerdings rät die ESHRE bei Frauen über 38 Jahren wegen geringer Erfolgsaussichten davon ab. Das Beratungsnetzwerk Kinderwunsch in Deutschland (BKID) hat bis jetzt keine einheitliche Bewertung der Technik vorgenommen, betont wird jedoch die Bedeutung umfassender und insbesondere unabhängiger Beratung von interessierten Frauen.

Netzwerk soll Sicherheit und Standards schaffen

Diese Zentren haben sich in Deutschland im „FertiPROTEKT“-Netzwerk zusammengeschlossen, das allerdings von den Unternehmen Ferring Arzneimittel sowie MSD Sharpe & Dohme unterstützt wird. Hier werden die Behandlungen wissenschaftlich dokumentiert und ausgewertet. Man hofft, durch die Erkenntnisse aus den Auswertungen die Chancen für diese Verfahren in Zukunft verbessern zu können. Das 2006 gegründete Netzwerk umfasst inzwischen mehr als 90 universitäre und private Kinderwunschzentren, auch in Österreich und der Schweiz.

„Freeze your eggs, free your career“

Die Entwicklungen in der Kryokonservierung und der Reporduktionsmedizin spiegeln einen Trend wider, den die amerikanische Zeitschrift „Bloomberg Business“ im April 2014 in einem Artikel zum Thema mit der Überschrift „Freeze your eggs, free your career“ treffend wiedergab: Statt die Kariere auf Eis zu legen, tue man dies nun mit den Eizellen. Mehr fertile Emanzipation gehe nicht. Die „American Society For Reproductive Medicine“ (ASRM), deren Mitglieder mit dieser Methode ja Geld verdienen könnten, warnt vor zu hohen Erwartungen. 1978 wurde heftig diskutiert, als das erste „Retortenbaby“ Louise Joy Brown in England geboren wurde. Der „Vater“ der In-vitro-Fertilisation (IVF), Robert Edwards, bekam 2010 dafür den Nobelpreis für Medizin. Jenseits dieser wissenschaftlichen Fortschritte sind viele medizinische, psychologische, soziologische und ethische Fragen bis heute nicht beantwortet. Aber das gilt für viele Paradigmenwechsel in der Medizin.

66 Wertungen (3.56 ø)

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14 Kommentare:

@Gaest (13): Ich meine nicht die Mütter, deren Liebe zu ihren (späten) Kindern ich keinesfalls anzweifle. Ich meine den Verlust hoher (Zwischen)menschlicher Werte wie Liebe, Sexualität, Familie. Wenn die Familiengründung, das Kinder in die Welt setzen, zu einem geplanten technischen Akt wird, bei dem tiefgekühlte Eizellen in vitro inseminiert werden, hat das in meinem Empfinden viel mit Ethikverlust zu tun. Wenn das “Kinder machen” (im wahrsten Sinne des WOrtes) zu einem plan- und genau terminierbaren Punkt auf der “To-do-Liste” hinter Studium und Karriere wird, unabhängig von jeder emotionalen und körperlichen Vereinigung der werdenden Eltern, dann graut es mir. Kinder – unser wertvollstes Gut – aus gefrosteten Eizellen, gerade dann , wenn es mir in den Kram past – nee!!

#14 |
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Gast
Gast

@Dr. rer.nat. Stefan Graf warum denken Sie sollte “Ethos” verloren gehen?
Nach meiner pers. Erfahrung lieben diese Mütter (mit Hindernissen) ihre Kinder eher mehr als weniger.

#13 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ein letztes noch: im zweiten Absatz heißt es sinngemäß „die Eizellen werden inflüssigem Stickstoff tiefgefroren und bei Bedarf aufgetaut“. So einfach ist das leider nicht. Die Eizellen werden bitte in gasförmigen Stickstoff (zwischen -160 Grad und -190 Grad C) eingelagert. Es kann hierbei schon mal nicht zu einer Kreuz-Kontamination kommen. Und Nein, auch mit dem Auftauen ist es nicht so einfach. Denken Sie an tiefgefrorene Blaubeeren nach dem Auftauen. Eben. Matsch. Daher werden Eizellen –und andere Dinge – konrolliert eingefroren.

#12 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich bin seit 2002 in der „Kryobehälter-Branche“, seit 2009 selbtändig (Verkauf, Wartun, Installation, Service, Schulung, etc.). Dies vorrausgeschickt, habe ich ein klein wenig Ahnung vom Ablauf. Und Ja, es ist schön, in meinem Alter (>50) drei kleine wuselnde Kinder (

#11 |
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Geht es hier nicht um Kinder, Liebe, Sexualität, Famile und Gefühle? Wir sollten uns ernsthaft überlegen, wohin das führen soll, wenn unsere höchsten sozialen Werte im Schatten der wissenschaftlichen Machbarkeit untergehen. Wenn wir den natürlichen Abläufen zu sehr ins Handwerk zu fuschen versuchen und selbst Kinder planbar machen wollen, wird mir angst und bange.
“Epigenetsche Störungen” sind auch dann nicht ausgeschlossen, wenn wir unseren Ethos verlieren. Nicht alles Machbare sollte auch praktiziert werden. Das sage ich als ein bestimmt nicht hyperkonservativer Molekularbiologe.

#10 |
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Hallo,
Folgender Satz im 1. Absatz ist Falsch.
“Anschließend werden sie als Embryonen mit Hilfe der ICSI-Methode (intrazytoplasmatische Spermieninjektion) in die Gebärmutter eingesetzt.”

Das ein schließt das andere aus. Embryonen werden in die Gebärmutter. Aber garantiert nicht mittels ICSI. Folgendes ist zwar richtig, hat aber nichts mit dem Einsetzen zu tun.:”ICSI-Methode (intrazytoplasmatische Spermieninjektion)” Einfacher heißt ICSI, daß in die Eizelle ein Spermium eingebracht wird.

Das ist ein gravierender Unterschied.
MfG

#9 |
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Dr. Petra Thorn
Dr. Petra Thorn

Das Netzwerk heißt “profertilitaet.de”, nicht FertiPROTEKT (Fertilitätserhaltung nach Chemo-/Strahlentherapie wegen Krebserkrankung).

#8 |
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Nichtmedizinische Berufe

“Die weiblichen Geschlechtszellen sind größer als männliche und mit Wasser gefüllt – beim Kühlen (Einfrieren insbesondere) bilden sich die Kristalle, die den Gameten deformieren beziehungsweise die Zellschädigung verursachen. Als Folge der Homoöstase- Zerstörung der Zellen ist der größte Teil des Materials nach dem Auftauen für künstliche Befruchtung nicht anwendbar. Beim Transfer lassen die Defekte der Zellen nicht erkennen.” So berichtet Klinik Biotexcom.

#7 |
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Prof. Dr. Dieter Böning
Prof. Dr. Dieter Böning

Der Autor sollte vielleicht doch für das Kapitel Kryokonservierung mal ein bisschen Embryologie nachlesen. Da werden Eibläschen über die Scheide abgesaugt und dann narkotisiert, um daraus die Eizellen zu entnehmen. Anschließend werden die Embryonen mittels intrazytoplasmatischer Spermieninjektion in die Gebärmutter befördert.

#6 |
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Gast
Gast

@Susanne Hainich, wissen Sie nicht, dass Kinder von “Opa-Vätern” eher Entwicklungs-Vorteile haben?
Babies und Kleinkinder kosten allerdings auch bei noch so viel Liebe gute Nerven. Und wenn es schon um die Kleinkinder geht und nicht um die Mutti,
dürfen sie nach allen entwicklungspsychologischen Kenntnissen nicht zu früh in die KITA!!! (ganz wertfrei)

#5 |
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Die Frage ist sicherlich nicht so sehr medizinisch als praktisch zu hinterfragen. Wer möchte denn mit Mitte 50 noch Windel wechseln, sich mit Blähung die Nächte um die Ohren schlagen und Trotzanfälle im Supermarkt ausfechten wollen (ganz zu schweigen davon mit Anfang 60 im Elternabend der Grundschule zu sitzen)? Ich bin mir sicher das Karrierefrauen auch im Beruf viel Streß ertragen, aber der Streß im Rahmen von Kindererziehung ist nicht minder und die emotionale Streßkomponente um einiges höher. Ganz davon abgesehen das Elternschaft ein Rund-um-die-Uhr-Job für mindestens 18 Jahre ist. Mit 2 Kindern unter 4 weiß ich wovon ich rede. Da möchte ich mir doch lieber ausmalen, dass ich mit Mitte 50 entspannt die Enkel fürn paar Stunden besuche, anstatt nach der 10. ICSI bibbernd vor nem Schwangerschaftstest zu sitzen.

#4 |
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Dr. Claudia Popp
Dr. Claudia Popp

Bhgv

#3 |
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Susanne Hainich
Susanne Hainich

Auweia, wer denkt an die armen Kinder mit den Oma- Müttern? Opa- Väter mit all ihren Risiken- v.a. genetisch- gibt es eh schon zu viele. Die Machbarkeit ist hier schon lange nicht mehr die Frage. Ich sorge mich da eher um die neu entstehenden Biografien. Ich finde, wir sollten sehr vorsichtig sein mit der Umsetzung solcher “Ideen” und uns reproduzieren in jungen Jahren, wo es einfach “funzt” ohne die Hilfe des Reproduktionsmediziners. Wer das nicht will-aus verschiedenen Gründen, und das sage ich ohne Wertung- der sollte es lassen. Man kann nicht alles haben, immer und zu jeder beliebigen Zeit.

#2 |
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Medizinisch-Technische Assistentin

Hmmmm an und für sich ein gutes Thema…..aber man friert doch schon seit Jahren ein.
Ich komme auch aus einem sehr kleinen Gebiet der Kryokonservierung (habe mit meinem damaligen Chef ein Stammzell-Labor aufgebaut).
Lese mir alles einmal genauer durch.

#1 |
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