Erinnerungslücken durch Antidepressiva?

3. September 2014
Teilen



Depressionen können mit Medikamenten, die den REM-Schlaf unterdrücken, wirksam behandelt werden. Wie Wissenschaftler jetzt festgestellt haben, beeinträchtigt die Unterdrückung des REM-Schlafes gleichzeitig das Lernen und kann Gedächtnisstörungen hervorrufen.

Menschen mit Depressionen sind antriebslos, wirken nach außen müde und schlapp. Doch innerlich sind sie angespannt und das Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Eine der wirksamsten Therapien ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen die Unterdrückung des REM-Schlafs mit bestimmten Antidepressiva. Dieser Wirkmechanismus beeinflusst jedoch auch die kognitiven Leistungen: In den REM-Schlafphasen werden Erinnerungen im Langzeitgedächtnis verfestigt und fördern damit das prozedurale Lernen. Das sind automatisierte Lernvorgänge, wie beispielsweise Klavierspielen oder Fahrradfahren.

Bisherige Studien zeigten, dass depressive Menschen in ihrem prozeduralen Lernen beeinträchtigt sind und ein erhöhtes Risiko haben, an kognitiven Störungen oder Demenz zu erkranken. Sind diese Symptome Ausdruck der Erkrankung oder werden sie erst durch die Antidepressiva hervorgerufen? Dieser Frage ging die Arbeitsgruppe um Privatdozent Dr. Dieter Kunz vom Institut für Physiologie der Charité in einer experimentellen Studie nach. Vor dem Zubettgehen sollten sich 25 gesunde Teilnehmer visuelle Muster merken. Anschließend bekamen sie entweder ein Placebo oder das Antidepressivum Amitriptylin verabreicht. Am nächsten Abend wurde der Lernerfolg getestet: Die Probanden mit dem Placebo-Präparat konnten die Muster deutlich schneller erkennen als diejenigen, die Amitriptylin erhalten haben.

Psychoaktive Substanzen als Mitverursacher

„Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass kognitive Störungen bei depressiven Patienten durch das Antidepressivum Amitriptylin zumindest mit verursacht werden. Das Eindringen von psychoaktiven Substanzen in die komplizierten Schlafabläufe kann eine Vielzahl der bekannten Nebenwirkungen wie kognitive Defizite, Gewichtszunahme und morgendliche Apathie erklären“, sagt der Schlafforscher Dr. Kunz. Weiterhin betont er: „Die Entwicklung von neuen Substanzen, die nicht nur tagsüber das Befinden von depressiven Menschen verbessern, sondern auch deren Schlafqualität fördern, ist voranzutreiben.“

Originalpublikation:

Differential effect of an anticholinergic antidepressant on sleep – dependent memory consolidation
M. Goerke et al.; Sleep, doi: 10.5665/sleep.3674; 2014

33 Wertungen (4.39 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

4 Kommentare:

Gast
Gast

Am beunruhigendsten finde ich die erhöhte Selbstmordrate unter Antidepressiva.
http://news.doccheck.com/de/41160/antidepressiva-suizid-test-kommt/

#4 |
  1
Medizinjournalistin

War das eine einmalige Messung am nächsten Tag? Und der Langzeiteffekt?

#3 |
  0

Eine ähnliche Untersuchung gab es schon mal 2006 (http://www.eurekalert.org/pub_releases/2006-06/mc-rsb061506.php),
nur ging es hier um das Auftreten sogenannter RBD (REM sleep behavior disorder), bei welchem die REM-Trauminhalte zu wilde Gesten oder sogar Angriffen des Bettpartners umgesetzt werden. Man hatte damals Krankenakten von RBD-Patienten mit denen von Nicht-RBD-Patienten verglichen und festgestellt, dass RBD-Patienten signifikant häufiger Antidepressiva einnehmen.

Das Problem war, genau wie bei der aktuellen Studie, die Validität. Denn die Versuchsgruppe dort rekrutierte sich, im Gegensatz zur Kontrollgruppe, überwiegend aus Patienten mit psychiatrischen Diagnosen (was auch nicht unlogisch ist, weil es ja einen Verordnungsgrund für die Antidepressiva gegeben haben muss). Somit hat man zwar eine Korrelation, aber keine Kausalität. Hat die Depression die RBD ausgelöst, waren es die nach der Depression verordneten Antidepressiva, beides zusammen, oder gar eine unbekannte Drittvariable?

Beim jetzigen Lerntest könnten z.B. auch die Nebenwirkungen von Antidepressiva, die bei ein-/erstmaliger Einnahme dramatisch ausfallen können, für die gemessenen kognitiven Defizite verantwortlich gewesen sein. Und mit n=25 ist auch die Probandenzahl nun doch erstaunlich gering. Aber insgesamt wäre eine weitergehende Forschung schon sehr interessant, da doch immerhin etwa 15 Prozent der Menschheit Antidepressiva einnehmen (müssen).

#2 |
  0

Und unbehandelte Depressionen haben keinerlei Auswirkungen auf Antrieb, Denken usw?

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: