Elektro-Hirnstimulation: Diät aus der Steckdose?

29. August 2014
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Eine wiederholte elektrische Stimulation des Gehirns scheint sowohl die Kalorienaufnahme um 14 Prozent als auch das Appetitempfinden zu verringern. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine wissenschaftliche Studie, die eine Forschergruppe nun durchgeführt hat.

Die Studie wurde jetzt im renommierten „The American Journal of Clinical Nutrition“ veröffentlicht. 

Die elektrische Stimulation des Gehirns durch den Schädel (transkraniell) ist eine nicht-invasive Methode, die bereits zur Behandlung von psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen begleitend klinisch eingesetzt wird. Es gab aber auch bereits Hinweise, dass diese Art der Hirnstimulation ebenfalls das subjektive Verlangen nach Essen reduzieren kann.

 Stimulation des rechten dorsolateralen präfrontalen Kortex

Insbesondere das Areal 46 der Großhirnrinde, der dorsolaterale präfrontale Kortex (DLPFC), spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle in der Regulation von Appetit und Nahrungsaufnahme. Die Forscher der Sektion Psychoneurobiologie an der Universität zu Lübeck unter der Leitung von Prof. Dr. Kerstin Oltmanns vermuteten daher, dass die wiederholte elektrische Stimulation des rechten DLPFC zu einer Abnahme der Nahrungsaufnahme beim Menschen führt.

Deutlich verringerte Kalorienaufnahme in der Verum-Gruppe

In einer einfachblinden, Placebo-kontrollierten, randomisierten und balancierten Crossover-Studie wurden 14 junge Männer mit einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 20 und 25 über einen Zeitraum von acht Tagen mit einer täglichen Gleichstromanwendung (transcranial direct current stimulation, tDCS) oder einer Placebo-Bedingung stimuliert. Am ersten und letzten Tag der Untersuchung durften die Probanden von einem standardisierten Test-Buffet ohne Limitierung essen.

 Die Studie ergab, dass die tägliche elektrische Stimulation des Hirns über den Zeitraum von einer Woche zu einer deutlich verringerten Kalorienaufnahme um 14 Prozent im Vergleich zur Kontrollbedingung führte. In einem Selbsteinschätzungs-Appetit-Test führte sie außerdem zu einem verringerten Punktwert.

Folgestudie nötig

Prof. Dr. Kerstin Oltmanns schätzt die Bedeutung dieser Untersuchung wie folgt ein: „Unsere Studie zeigt eine vielversprechende Möglichkeit, mittels Gleichstromstimulation des rechten DLPFC sowohl die Kalorienaufnahme als auch den Appetit zu reduzieren. Dies wäre im Kontext von Übergewicht und Adipositas ein völlig neuer Therapieansatz, der gänzlich ohne Diät und Sportprogramm auskommt. Eine sehr verlockende Perspektive. Allerdings müssen wir zunächst einmal in einer Folgestudie nachweisen, dass es bei übergewichtigen Menschen auch tatsächlich zu einer Gewichtsabnahme kommt.“

Originalpublikation:

Repetitive electric brain stimulation reduces food intake in humans
Kamila Jauch-Chara et al.; The American Journal of Clinical Nutrition, doi: 10.3945/ ajcn.113.075481; 2014

18 Wertungen (4 ø)

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3 Kommentare:

Es gibt inzwischen weit über 100 Publikationen in der wissenschaftlichen Presse zur transkranialen Elektrostimulation (tDCS) (Nicht zu Verwechseln mit TMS – der transkr. Magnetstimulation!). Es gibt Firmen, welche die Geräte produzieren, Ärzte, die darauf schwören, aber auch Metastudien, die aussagen dass die Wirkung alles andere als nachgewiesen ist. Biophysikalisch kann man diese Methode lediglich als Placebo bezeichnen, denn das, was tatsächlich dabei im Gehirn ankommt (dazu gibt es mehrere Modellberechnungen) ist lächerlich gering (weniger als 1/100 im Vergleich zum TMS). Diese Meinung scheint den Vertretern dieser Richtung garnicht zu gefallen, sonst hätte ich nicht das erste Mal in meiner langjährigen Publikationstätigkeit erlebt, dass ein von mir im März 2013 an die Zeitschrift “Klinische Neurophysiologie” gesandtes Manuskript sang und klanglos im Papierkorb gelandet wäre.

#3 |
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Apothekerin

Naja. Ich hab die Originalpuplikation nun nicht gelesen, aber dass man beim zweiten Mal weniger “frisst” als bein ersten kennt man doch aus jedem All-inclusive Hotel.

#2 |
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Silke Schuster
Silke Schuster

Allerdings müssen wir zunächst einmal in einer Folgestudie nachweisen, dass es bei übergewichtigen Menschen auch tatsächlich zu einer Gewichtsabnahme kommt.“
– und nach Absetzen der Therapie nicht wieder zu einer Gewichtszunahme…..

#1 |
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