Alopecia areata: Ein neues Glatzinib

5. September 2014
Teilen

Ein Medikament gegen eine seltene, maligne Bluterkrankung rückt für die Therapie von Alopecia areata in den Fokus. Der Wirkstoff Ruxolitinib hat seine Wirksamkeit in Tierversuchen bereits unter Beweis gestellt. Erste Tests mit Probanden verliefen erfolgversprechend.

Etwa 1 bis 1,5 Millionen Menschen sind in Deutschland von Kreisrundem Haarausfall betroffen, schätzt der Verein Alopecia Areata Deutschland. Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen. Die Autoimmunerkrankung kann bereits im Kindesalter auftreten. Eine familiäre Häufung wird oft beobachtet. Zum Kreisrunden Haarausfall kommt es, weil körpereigene Immunzellen die Haarfolikel angreifen und so das Haarwachstum unterbinden. Meist bilden sich zunächst kleine, runde und kahle Stellen am Kopf oder am Bart der Betroffenen. Deren Anzahl und Größe nehmen zunächst im Verlauf der Erkrankung zu. Bei etwa der Hälfte der Patienten mit kreisrundem Haarausfall wachsen die Stellen wieder zu, dafür bilden sich an anderer Stelle kahle Bereiche.

Bei etwa jedem zehnten Patienten wächst das Haar jedoch nicht mehr nach, so dass die entsprechenden Stellen dauerhaft kahl bleiben. Auch wenn sich „nur“ das Aussehen der Patienten verändert, ist der psychische Leidensdruck für die Patienten oft groß. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass es bisher kein wirksames Mittel gegen Alopecia Areata gibt.

Hilft der Tyrosinkinase-Inhibitor Ruxolitinib?

Wissenschaftler der Columbia University in New York haben nun ein Medikament gefunden, das den Kreisrunden Haarausfall stoppen könnte, wie sie in einer Studie im Fachmagazin Nature Medicine berichten. Bei drei Testpersonen konnten die Wissenschaftler mit dem Wirkstoff Ruxolitinib, der zur Behandlung der seltenen Myelofibrose zugelassen wurde, das Haarwachstum wieder vollständig herstellen und auch über Monate nach der Behandlung erhalten. Der seit 2011 in den USA und seit 2012 in der EU und der Schweiz verfügbare Wirkstoff mit den Handelsnamen Jakafi® oder Jakavi® ist ein Tyrosinkinaseinhibitor, der die Januskinasen 1 und 2 hemmt.

Körpereigene T-Zellen attackieren Haarfolikel

Zellkultur-Experimente hatten den Forschern Hinweise gegeben, dass Interferon-hemmende Antikörper die entzündlichen Autoimmunreaktionen stoppen könnten. Denn die fehlgeleiteten, körpereigenen Abwehrzellen werden durch zwei „Alarm-Moleküle“ zu den Haarfollikeln gelockt, die die Follikel im Übermaß herstellen. Diese sorgen dafür, dass Interferone und Interleukine freigesetzt werden. Diese veranlassen bestimmte T-Zellen, die Haarfollikel zu attackieren.

Im Tierversuch erfolgreich

Zunächst testeten die Wissenschaftler die Interferon-blockierende Antikörper Ruxolitinib und Tofacitinib an Mäusen, die an einer schweren Form von Alopecia Areata erkrankt waren – mit Erfolg. Denn bereits 12 Wochen nach Behandlungsstart waren alle kahlen Stellen der Tiere wieder mit Haaren bewachsen. Auch Monate nach der Therapie erlitten die Tiere keinen erneuten Haarausfall, wie die Wissenschaftler berichten.

Mini-Studie an Probanden erfolgversprechend

Aufgrund der vielversprechenden Ergebnisse im Tierversuch und weil Ruxolitinib bereits auf seine Verträglichkeit am Menschen geprüft wurde, starteten die Wissenschaftler eine kleine Studie an drei Patienten mit mittlerem bis schwerem Kreisrundem Haarausfall (mit mehr als 30 Prozent Haarverlust). Die Studie läuft noch, doch erste Ergebnisse sind vielversprechend: Bei allen drei Patienten konnte Ruxolitinib – oral verabreicht, 20 mg zweimal täglich – die attackierenden T-Zellen bekämpfen und das Haarwachstum innerhalb von vier bis fünf Monaten nahezu gänzlich wiederherstellen.

Nebenwirkungen und Kosten

Nebenwirkungen beschreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie zwar nicht, zu den häufigsten, möglichen unerwünschten Wirkungen der Zulassungsstudien gehörten Thrombozytopenie und Anämie. Innerhalb der klinischen Studien konnten diese Nebenwirkungen gut mit Dosisreduktionen, kurzen Therapieunterbrechungen oder Transfusionen behandelt werden. Darüber hinaus traten Blutergüsse, Schwindel und Kopfschmerzen auf. Für Kinder und Jugendliche ist der Wirkstoff nicht zugelassen. Eine mögliche Therapie ist zudem kostenintensiv: Aus der empfohlenen Dosierung des Präparates von zweimal täglich 20 mg resultieren 170 Euro in der öffentlichen Apotheke. Die Therapie kostet damit ungefähr 5.000 Euro pro Monat.

Weiterer JAK-Inhibitor im Test

Seit Juli 2014 erprobt die Yale University im Rahmen einer Studie die Behandlung der Alopcia areata mit Tofacitinib. Der Wirkstoff ist in den USA bislang für die Behandlung von rheumatoider Arthritis zugelassen. In Europa ist Tofacitinib bisher nicht zugelassen.

81 Wertungen (4.04 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

7 Kommentare:

Nicola Strenzke
Nicola Strenzke

Hat jemand von den bisherigen Kommentatoren den Original-Artikel gelesen, der zusammengefasst wird? Anders als in der deutschen Zusammenfassung geht es eigentlich viel weniger um die Promotion eines sehr teuren und sicher nicht ungefährlichen Medikaments der Pharmaindustrie, sondern darum, dass anhand von durchdachten Vorhersagen aus Genetik-Studien die Mechanismen der Entstehung von Alopecia Areata untersucht werden. Ganz offensichtlich sind wir da gerade einen großen Schritt weitergekommen, nachdem es jahrzehntelang nichts gab außer vagen Hinweisen auf “Stress, Infekte und Autoimmunerkrankungen”, die Betroffenen selten weiterhelfen. Hier gibt es endlich eine exakte Hypothese zu Details der zugrundeliegenden Immunmodulation, die durch genetische und pharmakologische Intervention belegt werden kann.
Als jahrzehntelange Betroffene und Ärztin habe ich mich nach diversen erfolglosen Versuchen mit diversen Therapieansätzen, auch den meisten unten genanngen, gut mit meinem Perückenträger-Dasein abgefunden. Trotzdem freue ich mich, dass sich in der Forschung etwas bewegt und vielleicht einmal basierend auf diesen Ergebnissen in der Zukunft weitere, weniger gefährliche und kostengünstigere Medikamente gefunden werden.

#7 |
  0

Ich kann mich allen hier nur anschließen. Es gibt verschiedene Ansätze zur Behandlung der Alopecia areata, neben den hier bereits angeschnittenen kann ich nur immer wieder auf die immunregulative Wirkung von 25(OH)D3, Selen und w3-Fettsäuren hinweisen, außerdem auf B12 in Form von Methylcobalamin.
Klar, da fehlen jetzt die millionschweren Doppelblind-Studien, die in den 4-farb-Hochglanzwerbemedien der Pharmabranche von rhetorisch gut ausgebildeten Referenten präsentiert werden.
Und ja, mir ist auch vollkommen klar, dass Empirie, auch wenn sie in der täglichen Praxis gewonnen wurde und eine gewissen Reproduzierbarkeit aufweist, keinen echten Naturwissenschaftler interessiert.
Und so entstehen eben Artikel wie dieser hier.
Traurig….
Aude sapere

#6 |
  2
Manfred Kloep
Manfred Kloep

Hallo! Solch einen Artikel überhaupt öffentlich zu machen, auch nur hier bei Dock Check, ist schlimm und nur der Pharmaindustrie von Vorteil. Es ist zynisch, Patienten mit derartigem Haarausfall dieses kriminelle Krebsmittel mit seinen oft tödlichen Nebenwirkungen zu verabreichen. Wo ist da die Risiko/Nutzenabwägung?

#5 |
  2
Ärztin

Es leben hoch die Tierversuche. Künstlich krankgemachte Mäuse sind dann doch(irgendwie) anders als Menschen-und leben zu kurz. Unzählige – an wehrlosen -Tieren getestete Medikamente müssen nach Jahren des Menschenversuchs( da wurde dann schon Umsatz gemacht-wenigstens das) wegen schwerer Langzeitfolgen dann endlich vom Markt genommen werden. Manchmal gelingt es aus den Tiefen der Pharmaschubladen Testergebnisse harauszufischen, die das bereits ergeben hatten,- vor der Zulassung unterdrückt- die Schädlichkeit für Tier und Mensch- und wahrscheinlich auch nach Verstoffwechselung und Ausscheidung für die Umwelt.

#4 |
  1
Arzt
Arzt

Vielen Dank an #1 und bes. #2,
das wirft kein gutes Licht auf die Pharmaindustrie!

#3 |
  0

Bei Ruxolitinib sind in Einzelfällen schwerwiegende Krankheitsbilder (auch Tod) nach komplettem Absetzen der Substanz beobachtet worden. Diese
Absetzphänomene (withdrawal symptoms) gleichen eine Entzugssyndrom und können wie gesagt lebensgefährlich sein. In beiden Zulassungstudien tauchen diese Nebenwirkungen wohl nicht auf:

http://books.google.de/books?id=pssJAwAAQBAJ&pg=PA78&lpg=PA78&dq=Ruxolitinib+pl%C3%B6tzliches+absetzen+nebenwirkungen&source=bl&ots=_TFBejcR3K&sig=x6RpZpfmE2MRy0WMdUtSDY9IlG8&hl=de&sa=X&ei=RRcKVPfDDOmy7Aae6ICwCQ&ved=0CDUQ6AEwAw#v=onepage&q=Ruxolitinib%20pl%C3%B6tzliches%20absetzen%20nebenwirkungen&f=false

Dann sollte man lieber weiter an den möglichen Ursachen der Alopecia areata forschen und diese dann versuchen zu beseitigen, anstatt Tumortherapeutika zu schlucken…die wichtigsten Ursachen sind immer noch Infekte, Stress, sowie Schilddrüsen-Autoimmunerkrankungen.

#2 |
  1
Stefan Bigge
Stefan Bigge

Auch wenn der Leidensdruck hoch ist wird sich kaum jemand finden der bereit ist 3700 € für 56 Tabletten zu investieren. Wurde das Medikament über den gesamten Beobachtungszeitraum gegeben? Dann wären wir schon bei ca 12000 € Behandlungskosten. Bei Therapieresistenten Versuchen mit Excimer Laser oder DCP Pinselung sicher ein guter Ansatz. Aber zumeist haben viele noch nicht einmal die Möglichkeit die Pinselung für ca 40€ Pro Sitzung oder die Excimerbehandlung für ca 450€ pro Sitzung zu bezahlen.

#1 |
  1


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: