Hippocampus: Genvarianten steuern Stresswirkung

26. August 2014
Teilen

Forscher zeigten, dass es an der individuellen genetischen Voraussetzung liegt, welche Wirkung Stress auf unsere Emotionszentren hat. Sie wiesen nach, dass es Wechselwirkungen zwischen belastenden „Life-Events“ und Risikogenvarianten gibt, die das Hippocampus-Volumen verändern.

Der Hippocampus ist eine Schaltstation in der Emotionsverarbeitung und gilt als zentrale Schnittstelle in der Stressverarbeitung. Es ist bekannt, dass er sehr sensibel auf Stress reagiert. Bei Stress, der als Gefahr für den Organismus interpretiert wird (‘Distress’), verliert er an Volumen, was bei depressiven Patienten häufig beobachtet wird und für einen Teil der klinischen Symptome verantwortlich ist. Im Gegenzug kann positiver Stress (‘Eustress’), wie er in emotional anregenden sozialen Situationen auftritt, sogar zu einer Volumenszunahme des Hippocampus führen.

Wie sich belastende Lebensereignisse auf die Größe des Hippocampus auswirken, hängt laut Studienergebnis nicht ausschließlich von den Umweltfaktoren ab. Es sind die Gene, die bestimmen, ob ein und dasselbe Lebensereignis zu einer Zunahme oder Abnahme des Hippocampusvolumens führt und damit festlegen, ob der Stress gut oder schlecht für unser Gehirn ist. Je mehr Riskogene ein Mensch besitzt, desto negativer wirken sich „Life-Events“ auf die Größe des Hippocampus aus. Bei keinen oder nur wenigen Risikogenen kann sich dieses Lebensereignis sogar positiv auswirken.

Lebenskrisen abgefragt

Für die Studie wurden an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie durch das Studienteam bei gesunden Probanden belastende Lebensereignisse wie z.B. Todesfälle in der Familie, Scheidungen, Jobverlust, finanzielle Verluste, Ortswechsel, schwere Erkrankungen oder Unfälle, quantitativ erfasst. Darüber hinaus wurde eine hochauflösende anatomische Magnetresonanztomographie und Genanalysen (COMT Val158Met, BDNF Val66Met, 5-HTTLPR) durchgeführt sowie das Hippocampusvolumen mittels computergestützter Verfahren bestimmt und mit den Gen- und Umweltdaten analytisch in Beziehung gebracht.

„Personen mit den drei als depressionsfördernd geltenden Genvarianten besaßen bei einer ähnlichen Anzahl an belastenden Lebensereignissen einen kleineren Hippocampus als jene mit weniger oder keiner dieser Genvarianten“, beschreibt Studienleiter Lukas Pezawas das Resultat. Menschen mit nur einem oder gar keinem dieser Risikogene verfügten hingegen bei ähnlichen Lebensereignissen über einen vergrößerten Hippocampus.

Gene stellen die Weiche

Die Studie unterstreicht die Bedeutung von Gen-Umwelt-Wechselwirkungen als bestimmenden Faktor des Hippocampusvolumens. „Diese Ergebnisse sind wichtig für das Verständnis neurobiologischer Vorgänge bei stressassoziierten Erkrankungen wie der Depression oder der posttraumatischen Belastungsstörung. Es sind unsere Gene, die letztlich die Weiche stellen, ob Stress uns psychisch krank macht oder unsere psychische Gesundheit fördert“, erklärt Pezawas.

Originalpublikation:

Additive Gene–Environment Effects on Hippocampal Structure in Healthy Humans
Ulrich Rabl et al.; The Journal of Neuroscience, doi: 10.1523/JNEUROSCI.3113-13.2014; 2014

31 Wertungen (4.52 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

3 Kommentare:

Wieder mal ein Artikel der uns weismachen will, dass wir den Genen ausgeliefert sind.
Wo bleibt die Epigenetik? Zeigen Personen mit diesen Genen mehr oder weniger Resilienz in schwierigen Lebenssituationen – gibt es dazu Untersuchungen?

#3 |
  0
Dr. Hans Ulrich Gresch
Dr. Hans Ulrich Gresch

Wenn man sich die Studie im Original anschaut, erlebt man eine Überraschung: Die Errgebnisse, so heißt es dort im Absatz “Limitations”, seien auf Patienten nicht zu übertragen. Warum Petzawa hier nun meint, aus dieser Untersuchung ableiten zu können, dass letztlich die Gene bestimmen, ob Stress uns psychisch krank macht, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Nun will ich ja gern glauben, dass unsere Anfälligkeit gegenüber Stressoren genetisch mitbedingt ist. Aber ich bestreite, dass allein die Gene bestimmen, wie wir mit solchen Lebensereignissen umgehen. Im Übrigen erklären die Interaktionen zwischen Genen und Stress nur zwischen 4 und 12 Prozent der Varianz des Hippocampus-Volumens. Das ist zwar bemerkenswert, sofern sich diese Studie replizieren lässt, aber das ist dennoch nicht übermäßig viel.

#2 |
  0
Ellen Sattler
Ellen Sattler

Ich glaube, vermeintliche Korrelationsbeziehungen sind von vermeintlichen Kausalbeziehungen zu unterscheiden.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: